Elfer raus!
Katharin fuhr in der Morgendämmerung über eine Hochstraße zu einem Gewerbegebiet am Stadtrand. Hinter den blaßgrauen Umrissen der Bürohäuser leuchtete der Himmel in Rosa und Orange. Auf dem Asphalt glitzerte Rauhreif.
"Es ist eine sirenenhafte Schönheit", sagte Katharin zu Staale. "Ich muß immer da hinsehen und muß doch eigentlich auf den Verkehr achten. Dieses neblige rosa Licht ... und dann die vielen Straßenlaternen und die Strahler an den Häusern ..."
"Jetzt gehen die Laternen aus."
"Wenn ich das so sehe, ist es, als will es mir etwas sagen, als wenn es etwas gibt in diesem Leben, das noch auf mich wartet. Es ist, als wenn ich den Weg, den ich suche, doch noch finden soll."
"Mein Weg heißt 'Bescheidenheit'. Ich war früher so eingebildet ..."
"Das habe ich gar nicht so in Erinnerung."
"Doch, ich war sehr überheblich", meinte Staale. "Heute gebe ich mir Mühe, nicht mehr so eingebildet zu sein. Aber angeben muß ich immer noch."
"Ich muß auch angeben", freute sich Katharin über die Gemeinsamkeit. "Das Gerät hier ... grauer Daimler mit Automatik ... das mußte es sein. Und ich fahre so gerne schnell, bis zum Anschlag. Dann denke ich immer daran, daß der Tod mitfährt. Und ich stelle mir vor, wie er neben mir sitzt in seiner schwarzen Kutte und Bemerkungen macht über die Fahrweise der Verkehrsteilnehmer."
"Der Tod begleitet uns immer, nicht nur auf der Autobahn."
"'Mitten in dem Leben sind wir von Tod umfangen. Wer ist's, der uns Hilfe bringt, daß wir Gnad' erlangen?' - 'Media vita' aus dem 9. oder 10. Jahrhundert."
"Wann hast du eigentlich Runi zum letzten Mal gesehen?"
"Vor etwa zwei Jahren im 'Mute'", erzählte Katharin. "In einem blauen Latexkleid. Gangolf war auch da, in Militaria-Kluft. Er sah ziemlich rechts aus, und das ohne irgendwelche Embleme oder andere eindeutige Hinweise."
"Es würde zu ihm passen."
"Von Manthey höre ich öfter mal was. Daß ich Runi nicht mehr sehe, erleichtert mich. Sie ist mir mal im Lastenaufzug begegnet, in Rhohausen; ich weiß nicht, was die da wollte. Auf einmal kam sie in diesen Lastenaufzug."
"Und was war dann?"
"Sie war so freundlich ... zum Würgen ... ekelhaft ... mich schaudert immer noch, wenn ich daran denke ... wie sie sich vor mir geneigt hat, in Begeisterung und Begierde ... devot, das ist das richtige Wort. Es gibt keine Grenzen für Runi. In dem Lastenaufzug hatte ich nicht viel Platz zum Ausweichen. Und bis zum Erdgeschoß war es weit."
"Hat sie sich an dich herangemacht?"
"Sie hat gemeint, die kleine Auseinandersetzung damals, das komme doch häufig so vor unter Teenagern, die sich erstmal beweisen müßten. So, wie ich sei, das sei doch einmalig, das würde sie doch bewundern, und daß man sich hier wiedertrifft. Und dabei hing sie mit ihrem Kopf über meiner Schulter ... ich habe nur gedacht, wenn die mich anfaßt, dann passiert was, das wird die nicht so schnell vergessen. Das hat die wohl irgendwie gemerkt. Aufdringlichkeit ist ... das muß man erstmal zu beschreiben versuchen, wie das ist, Aufdringlichkeit."
"Ist die mit Gangolf Manthey immer noch zusammen?"
"Anscheinend ja. Was die übrigens im 'Mute' zu suchen haben, kann man sich auch fragen. Das kann damit zu tun haben, daß dort sehr ausgefallene, tabubrechende und verführerische Kostüme getragen werden. Und die angepaßten, bürgerlichen rechten Sadomasos - so viele gibt es davon nun auch wieder nicht - finden in Läden wie dem 'Mute' oder dem 'Fractal' einen Boden, wo sich niemand an ihren eigentümlichen Vorlieben stört. Und in der musikalischen Avantgarde schleichen sich gelegentlich auch Heldengesänge ein, eben weil in der Avantgarde nichts verboten ist."
"Ach, meinst du diese Sachen mit den Hitlersamples?"
"Genau die", bestätigte Katharin. "Es ist nur so, daß eine Szene, die ohne Ideologie auskommt, auch nicht ideologisch unterwanderbar ist. Die Leute sind wasserabweisend. Die nehmen das nicht an. Rechte bleiben in der düsteren Avantgarde-Szene eine Minderheit. Im Technobereich sind sie das sowieso."
"Wo können die denn sonst noch hingehen?"
"Elitäre braune Clubs gibt es nur wenige. Die müssen weiter weg fahren zu irgendwelchen Sonnenfesten. Manchmal gibt es auch Treffen in Kulturzentren, die getarnt werden als Esoterik-Kurse oder Geschichtsseminare für Schüler. Da soll dann für Nachwuchs gesorgt werden. Die rechten Inhalte werden hintenherum vermittelt."
"Warst du mal auf der Website von denen?"
"Da werde ich mich hüten, auf deren Seite zu gehen."
"Wenn du da draufgehst, laden die gleich ihre Programme auf deinen Rechner und ziehen deine Basisdaten ab."
"Man könnte denken, ein sicherer Weg wäre, in einem Internetcafé die Seite anzuwählen. Aber im Internetcafé läßt sich die Seite nicht aufrufen .... wer hätte das gedacht ..."
"Seit sie im Inland nichts mehr vertreiben dürfen, handeln sie nur noch im Ausland", berichtete Staale. "Die haben sich gegen Zugriffe aus dem Inland geschützt, weil sie wissen, es geht ihnen an den Kragen, wenn noch etwas auffliegt."
"Durch diese Angelegenheit habe ich gelernt, daß es sich lohnt, rechtlich gegen solche Leute vorzugehen. Daran habe ich früher gar nicht geglaubt. Ich habe gedacht, die dürfen das, und wenn sie mich als Opfer auswählen, bin ich halt selber schuld."
"Es gibt Grenzen in unserer Gesellschaft. Es ist möglich, sich zu verteidigen und sich Recht zu verschaffen."
"Gangolf Manthey ist jetzt viel als Kursleiter tätig, in irgendwelchen Gemeinschaftshäusern", erzählte Katharin. "Er gibt diese rechten Seminare. Nimm' mal den Ausdruck aus dem Handschuhfach, da kannst du lesen, was ich über Manthey geschrieben habe."
Staale nahm sich den Zettel und las den Text:
Gangolf Manthey entspricht dem Typ des jungen Leitwolfs, intelligent und charismatisch, mit herausragenden rhetorischen Fähigkeiten und ausgezeichneten Kenntnissen über totalitäre Systeme und ihre geschichtlichen Hintergründe. Er läßt sein Gegenüber möglichst selten zu Wort kommen, um zu verhindern, daß eine Gegenargumentation aufgebaut wird. Mantheys eigene Argumente sind in sich nicht schlüssig, werden aber so aggressiv und mit so viel innerer Überzeugung vorgetragen, daß es schwierig ist, diesen roboterhaft eingeübten Wortsturm mit gezielten Argumenten zu durchbrechen. Gegenargumente werden von Gangolf entweder nicht wahrgenommen oder ignoriert oder umgebaut, indem sie verdreht werden. Er arbeitet sogar gezielt mit scheinbaren Gegnern, die er vor versammelter Mannschaft belehrt und von seinen Ansichten überzeugt. Durch diese Vorgehensweisen ist Gangolf in der Lage, Ideologien zu verbreiten und größere Gruppen auf eine von ihm vertretene Linie einzustimmen.
Um welche Ideologie es im einzelnen geht, ist weniger bedeutsam; entscheidend ist, daß totalitäre, ideologisch gesteuerte Systeme vertreten werden. Das können politische Systeme sein, ebenso aber auch Sekten oder gewalttätige Gruppierungen. Gangolfs Argumentation richtet sich letztendlich immer gegen die Menschenrechte, im engeren oder weiter gesteckten Rahmen. Es geht darum, dem Einzelnen die Möglichkeit zu verwehren, sich gegen die Außenwelt abzugrenzen. Das Individuum darf nicht als Individuum bestehen bleiben; es soll gebrochen werden, verfügbar und willenlos gemacht werden. Im engeren Rahmen betrifft das den Mißbrauch von Kindern, im weiteren Rahmen staatlich angeordnete Folter. Die Art der Störung ist bei den Tätern jeweils dieselbe: Neigung zur Grenzüberschreitung zum eigenen Lustgewinn.
Grenzüberschreitungen zum eigenen Lustgewinn sind das, was wir in unserer Forschung als "das absolute Böse" bezeichnen. Das "Böse" wird vom Täter an das Opfer weitergegeben, das daraufhin willenloses Werkzeug des Täters werden kann, ebenso auch Folgetäter oder Täter an sich selbst. Die Grenze zwischen Täter und Opfer verschwimmt. Die Ungeheuerlichkeit der Tat und ihre meistens fehlende Bestrafbarkeit, durch fehlende Greifbarkeit des Täters und das Fehlen von Hilfe, führt häufig zu einer Umkehr der Täter-Opfer-Beziehung. Das Opfer sucht ausgleichende Gerechtigkeit, und weil diese in der Wirklichkeit nicht erreicht werden kann, entlastet es den Täter und sucht die Schuld bei sich selbst oder bei Schwächeren, die es stellvertretend "bestrafen" kann. Wertmaßstäbe werden entweder nicht aufgebaut oder wieder vernichtet. Es kann so weit kommen, daß das Opfer sich mit dem Täter verbündet oder die Tat als Wohltat verdreht.
Wenn ein Mensch von Anfang an daran gehindert wird, sich gegen die Außenwelt abzugrenzen, lernt er nicht, sich als eigenständige Person zu erleben. Er wird zum formbaren Gegenstand ohne Eigenschaften. Die Persönlichkeit wirkt unreif und haltlos, ohne feste Grenzen und Struktur. Nach einem Sinn des Daseins wird vergebens gesucht, weil es kein eigenes, abgegrenztes Dasein gibt. Wenn aber das Individuum die Gelegenheit hat, ein inneres Gerüst und ein unabhängiges Wertsystem aufzubauen, kann es sich selbst gegen erneute Vereinnahmung und Grenzüberschreitungen schützen und verteidigen.
"Das läßt sich natürlich endlos erweitern", meinte Staale. "Die Beschreibung kriegt immer mehr Konturen. Es wird aber auch deutlich, daß das Kapitel 'Grenzüberschreitungen' uferlos ist. Wir können gar nicht erwarten, daß wir dieses Kapitel jemals vollständig erfassen und begreifen werden."
Staale bat Katharin, von der Schnellstraße abzufahren.
"Wo soll es hingehen?" fragte sie.
"Zur Halle", antwortete er. "Wir haben sie gekauft und renoviert. Jetzt ist sie fertig."
Das rosafarbene Leuchten der Dämmerung war stumpf geworden. Im Gewerbegebiet fuhr Katharin eine Straße entlang, in der sich halbhohe Betongebäude aneinanderreihten, mit schieferfarbenen Stahlplatten verblendet. Hinter den Fenstern schimmerten silbrige Jalousien. Die Büros wirkten verwaist. Zu ebener Erde schauten künstliche Narzissen durch die verstaubten Scheiben.
Gegenüber stand eine ehemalige Fabrikhalle, aus dunkelroten Backsteinen gemauert, die der Nebel in einen grauen Schleier hüllte. Am Zaun ragten speerförmige Pappeln in den Himmel, aufrecht und mit kahlen Zweigen, wie stumme Wächter. Die Halle war hoch und weit, ihr Ende in dem Dunst kaum zu sehen. Die Fenster waren schmal und hatten Metallstreben. Auf Katharin wirkte die Halle verwunschen, vielleicht auch, weil das Mauerwerk an einigen Stellen berankt war, bis hinauf ans Dach.
Die Einfahrt an der Stirnseite war frisch gepflastert. Das Tor war zu einem verglasten Portal umgestaltet worden. Staale betätigte mit einer Codekarte eine Schließvorrichtung, so daß die Schiebetür aufsprang. Durch die hohen Fenster fiel mattes Licht in die grauschwarze Dunkelheit der Halle. Der Boden war mit frischem Estrich bedeckt, glatt und etwas sandig. Die Halle war eine Stahlkonstruktion. Es gab zwei Reihen von Säulen. In halber Höhe schwebten Plattformen aus dünnem Stahl auf den Trägern, die zierliche Geländer hatten. Unterm Dach gab es eine mäanderförmig umlaufende Fensterreihe, vor der man auf einem Gitter entlanggehen konnte. Zu diesem Gitterweg kam man hinauf über schmale stählerne Treppen.
Staale ging mit Katharin bis zum anderen Ende der Halle. Ihre Schritte waren in der Weite kaum zu hören. Der Weg dauerte länger, als Katharin sich vorgestellt hatte.
Acht gleiche Betonsockel standen vor der hinteren Stirnseite in einer Reihe. Staale ging mit Katharin zu dem linken, auf den ein schwarzer Kasten gestellt worden war, schlicht, aus schwerem Holz. Als Katharin näher kam, sah sie, daß fremdartige Zeichen mit Kreide auf den Kasten geschrieben waren.
Staale war die ganze Zeit über schweigsam gewesen. Hier vor dem Kasten jedoch schien er das, was ihn beschäftigte, nicht mehr für sich behalten zu können und zu wollen.
"Vorübergehend hat Leen für mich gearbeitet", begann er, "das waren nur wenige Jahre. Du hast ihn gar nicht mehr kennengelernt. Wir wußten schon damals, als er zu uns kam, daß er uns bald wieder verlassen wird. Tain hat gesagt, es wäre eigentlich Verschwendung gewesen, Leen eine solche Ausbildung zukommen zu lassen; er hätte die Kosten und den Aufwand doch in der kurzen Zeit, die er zu leben hatte, durch seine Leistung niemals wieder ausgleichen können."
"Und was sagst du?"
"Ich sage, daß wir nicht bestimmt sind, zu richten über die Dauer und den Wert eines Lebens."
"Tain hat Leen wohl nicht für besonders wertvoll gehalten?"
"Ich denke, Tain hält sich selbst nicht für besonders wertvoll."
"Wie alt ist Leen geworden?" erkundigte sich Katharin.
"Neunundzwanzig", antwortete Staale. "Ich habe mir nicht vorstellen können, daß Leen so bald schon gehen muß. Eigentlich habe ich es nie geglaubt und es auch nicht glauben wollen. Es war ihm auch nicht anzusehen. Leen war immer belastbar und erreichbar, hat wenig geschlafen und dazu geneigt, Verantwortung an sich zu reißen. Er hat gedacht, er verschwendet Zeit, wenn er sich ausruht. Er hatte so viel zu geben und wollte noch viel mehr geben und wußte, er schafft es nicht."
"Weshalb mußte er denn schon so früh gehen?"
"Leen stammt aus einem Labor, und da ist irgendetwas schiefgelaufen."
"War er gar kein Mensch?"
"Ich denke, er war einer. Das kann man so oder so sehen."
"Hat es zwischen Tain und Leen Spannungen gegeben?"
Staale nickte.
"Das hat vor eineinhalb Jahren angefangen", erzählte er. "Durch Zufall war Tain auf Leens Hilfe angewiesen. Es ging Tain sehr schlecht, und er hat jede Hilfe verweigert. Da habe ich Leen den Auftrag gegeben, im Zweifelsfall auch gegen den Willen von Tain zu handeln. Und das ist dann auch so geschehen."
"Weshalb hat Tain es abgelehnt, sich helfen zu lassen?"
"Tain kann nicht vertrauen."
"Wie erklärt ihr euch das?"
"Es wird etwas sein, das wahrscheinlich fast dreißig Jahre zurückliegt", vermutete Staale. "Es geht um das bedrohte Ich, das angegriffene Ich. Durch irgendetwas hat Tain gelernt, daß er nur enttäuscht und verletzt wird, wenn er sich anderen Menschen zuwendet und ihnen Vertrauen schenkt. Wir wissen aber nicht, was damals gewesen ist. Und wahrscheinlich ist es so unterschwellig abgelaufen, daß Tain sich heute an nichts mehr erinnern kann. Vielleicht will er sich auch nicht erinnern."
"Wie ist das eigentlich weitergegangen vor eineinhalb Jahren?" erkundigte sich Katharin. "Du erzählst, Leen hat etwas getan gegen Tains Willen. Und dann, was war danach?"
"Tain hat in Lanwer gearbeitet, und Leen ist vor einem halben Jahr auch dorthin gekommen. Sie sind sich aber fast nie begegnet. Ich denke, daß Tain sehr darauf geachtet hat, Leen nicht zu treffen."
"Und Leen, wie hat der sich verhalten?"
"Er hat nichts unternommen, um den Abstand zu verringern oder zu vergrößern. Er hat von Tain nichts gefordert."
"Glaubst du, es gibt noch etwas nach dem Tod?"
"Die Unendlichkeit hat viele Stockwerke."
"Wie war das, als Leen gegangen ist?"
"Ich kann nicht darüber sprechen. Nachher schreibe ich dir eine Mail."
Abends rief Katharin Staales E-Mail ab. Dort stand:
Es war ein warmer Nachmittag, für den Februar eigentlich zu warm. Leen und ich waren bei Bekannten zu Besuch, Zinnia und Talis. In dem hellen Sonnenlicht haben wir auf dem Balkon an einem Tisch gesessen. Der Balkon ist eher eine Terrasse, sehr weitläufig und mit Betonplatten ausgelegt. Hinter dem Geländer beginnt das Dach der Tiefgarage. Man hörte einen Vogel singen, eine endlose, monotone Folge, eher wie ein elektronisches Läuten. Ich glaube, so singen Kohlmeisen. Sie kündigen den Frühling schon an, wenn der Winter noch lange nicht vorbei ist.
Am Tisch hatten wir ein seltsames Thema. Es ging um die Frage, ob es Sinn hat, wenn jemand für einen anderen in den Tod geht.
"Dann ist doch immer einer tot", meinte Talis, "und wie soll man entscheiden, wer es eher verdient hat, zu leben?"
"Und der, der tot ist, woher soll der noch wissen, ob er dem anderen damit wirklich geholfen hat?" fragte Zinnia. "Außerdem kann er ihm von nun an in keiner Weise mehr helfen, weil er eben nicht mehr da ist."
"Und ich frage mich, ob jemand, der bei klarem Verstand ist, das über sich bringt, sein Leben wegzugeben", fügte ich hinzu.
"Ich glaube, daß man sich nicht vornimmt, für einen anderen zu sterben", sagte Leen. "Es kommt die Zeit, da fällt die Entscheidung ganz selbstverständlich."
"Es ist doch sinnvoller, für jemanden am Leben zu bleiben, als für jemanden zu sterben", meinte Zinnia.
"Das stimmt", nickte Leen.
Zinnia brachte frischen Kaffee. Dann holte sie die Hefeschnecken aus der Küche und erklärte, wie sie gemacht werden.
"In den Teig darf nur wenig Zucker", sagte sie, "denn der Guß ist aus Puderzucker und Zitronensaft. Und innen sind Mandelsplitter, Butter, Zimt und Zucker."
"Woher hast du das eigentlich?" erkundigte sich Talis.
"Das gab es früher schon sonntags zum Kaffee", erzählte Zinnia.
"Hefeschnecken sind allemal ein besseres Thema als irgendwelche Toten", meinte ich. "Laßt uns von diesen schauerlichen Geschichten wegkommen."
"'Elfer raus!'", sagte Zinnia. "Wir könnten nachher noch 'Elfer raus!' spielen. Ich habe mich vorhin wieder an dieses Spiel erinnert und es im Schrank sogar noch gefunden."
Es handelt sich um ein Kartenspiel mit aufgedruckten Zahlen von 1 bis 20, die in der richtigen Reihenfolge aneinander- oder übereinandergelegt werden müssen. Mit der 11 fängt man bei jeder Farbe an. Wer keine Karte zum Anlegen hat, muß eine vom Stapel ziehen.
Wir waren bei der fünften Runde "Elfer raus!", als die kahlen Baumstämme sich rot färbten. Die frühe Dämmerung erinnerte daran, daß der Winter noch lange nicht vorbei war.
Vier Wochen später rief Zinnia in Lanwer an und bat mich, sogleich zu ihrer Wohnung zu fahren. Sie öffnete die Tür in einem hochgeschlossenen schwarzen Kleid, die blonden Haare mit schwarzen Bändern gerafft. Ohne ein Wort führte sie mich in ihr Hinterzimmer und ließ mich hineingehen. Ich sah einen fast leeren Raum, nur eine Chaiselongue stand darin, vor einem gekippten Fenster. Draußen bewegte sich ein Zweig im Wind, weiß blühend, ein Gebilde aus Licht. Ich hörte wieder dieses monotone Lied, wie ein elektronisches Läuten.
Ich schaute mich nach Zinnia um, und sie nickte.
"Heute früh", sagte sie.
Mir fiel ein, daß Leen sich morgens bei mir abgemeldet hatte; er konnte nicht nach Lanwer kommen, wollte aber nachher wieder anrufen. Das war erst wenige Stunden her.
Zinnia berichtete, daß Leen bei Talis und ihr zum Frühstück gewesen war. Talis fuhr danach weg. Leen sagte, er sei müde. Er rief in Lanwer an und ging in das Zimmer mit der Chaiselongue.
Zinnia hat ihn dort gefunden. Sie hat alles getan, was zu tun war, ohne Aufblicken, wie unter dem Zwang, beschäftigt sein zu müssen.
Tain hat es einen Tag später erfahren. Er hat nichts gesagt und auch in der folgenden Zeit nicht darüber gesprochen.