Netvel: "Im Netz" - 14. Kapitel































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Als Talis, Ellen und ich freitags ins "Nachtlicht" kamen, saßen am Eingang höfliche, eher schüchtern wirkende Jungen.
"Die Tasche bitte abgeben", sagt einer zu mir.
"Kappa hat gesagt, wenn man sich nachschminken muß, kann man seine Tasche ruhig mit 'reinnehmen", erwiderte ich. "Man muß sie nur durchforsten lassen. Ihr könnt von mir aus gerne durchforsten."
"Ach nein, das ist blöd", sagte der Türsteher. "Kannst durchgehen."
Und er ließ mich nach drinnen.
Ich bin erleichtert. Doch ich frage mich, ob das wohl so schön bleibt wie im Augenblick. Die Skinheads können wieder Dienst bekommen und Ärger machen.
Rafa steht hinterm DJ-Pult, im weißen Rüschenhemd. Die Ärmel sind bis über die Ellenbogen hochgeschoben. Rafa trägt eine seiner "Schutzbrillen".
Als ich Ted auf der Tanzfläche entdecke, laufe ich hin. Ich berühre Ted an der Schulter. Kaum sieht er mich, hebt er mich in die Höhe und schwenkt mich herum. Wir tanzen miteinander. Ich freue mich und muß lächeln. Ich hoffe, daß Rafa nicht eifersüchtig wird. Ted führt mich ins Rondell zur Theke. Dort begrüßen mich Marvin und Cyan. Ich finde, daß die drei lederverpackten Herren sehr schwul aussehen - was sie wohl auch sind -, und das könnte Rafa vielleicht beruhigen.
Daria hat ein rotes Kleid an. Sie trägt wieder schwarzes Haar. Ich finde, daß das bei ihr besser ausieht als die Blondierung. Ted erzählt mir, daß er sich mit Daria schon unterhalten hat. Er fragte sie, ob ich wohl käme, und sie meinte, ich würde wohl kommen.
"Da ist Hetty", sagte sie schließlich.
Ich erzähle Ted die Geschichte von Fechtners Intrige und von Darias merkwürdigem Verhalten, das ich damit ahnde, daß ich sie nicht beachte.
"Jetzt verstehe ich!" ruft Ted. "Ich wundere mich schon, warum ihr nicht miteinander redet."
Was Ted aber nicht versteht, ist, weshalb Fechtners Reden für Daria Grund genug sein sollten, mich links liegen zu lassen.
"Das verstehe ich auch nicht, bis heute nicht", sage ich.
Ted hat seinen Wagen reparieren lassen. Jetzt fährt das Auto wieder seine zweihundertzwanzig Stundenkilometer und sieht wie neu aus. Den Unfallschock hat Ted einigermaßen überwunden. Er möchte lernen, rechtzeitig zu erkennen, wann er zu müde zum Fahren ist.
Talis und Ellen gehen nach einer knappen Viertelstunde schon wieder heim. Ted, Cyan, Marvin und ich wählen das Bühnenpodest als Stammplatz. Ted erzählt mir, daß er verfolgt wird von einem sehr jungen Mädchen, das ihn wohl verehrt. Dieses Mädchen geht ihm auf die Nerven. Es soll ganz böse geguckt haben, als ich mit Ted sprach.
Ich sehe Dolf, der sich wieder nicht um Daria kümmert, und ich sehe die Sängerin. Sie hält sich an der runden Bar auf, wenn sie nicht tanzt. Mit Rafa redet sie nicht. Sie trägt eine Lackhose, an der die Innenseiten der Beine elastisch und durchsichtig sind. Sie hat wieder ganz tief in die Kostümkiste gegriffen.
Velvet sitzt auf der Box. Ich frage mich, ob sie es immer noch auf Rafa abgesehen hat.
Rafa gibt durchs Mikrophon bekannt, daß es am Donnerstag künftig Neue Deutsche Welle gibt. Industrial fällt dafür weg. Gerrit ist nicht weniger entrüstet als ich.
"Die verstehen nichts von Kultur!" klagt er, und ich klage mit.
"Die haben für Industrial wohl nicht genug CD's", vermute ich.
Rafa sagt durch, daß es eine Runde Sauren gibt. Das löst bei Ted, Marvin und Cyan große Freude aus. Sie finden das ganze "Nachtlicht" toll und dieses hier erst recht. Wir holen uns die kleinen Drinks von der Bar und prosten uns auf dem Bühnenpodest zu.
"Sag' mal, du hast doch so viele Videokassetten", höre ich eine bekannte Stimme an meinem Ohr.
Ich drehe mich um und stoße gegen Rafa. Er hat mich von der Seite überfallen. Das Gläschen mit meinem "Sauren" schwappt ein wenig über. Ich umarme Rafa stürmisch und lecke und küsse seine Wange.
"He!" ruft er und wehrt mich ab. "Langsam! Langsam! Langsam!"
Da er mir seine linke Wange entzieht, lecke und küsse ich seine rechte. Das hat er davon, wenn er sich wehrt.
"Langsam! Langsam!" ruft er wieder. "Jetzt mal ganz langsam."
Rafa trägt keine Brille mehr. Sein weißes Spitzenhemd sieht neu aus. Es hat einen fein gefalteten Jabot, an dem ich ziehe. Gnädig löse ich mich von Rafa und lasse nur zart meine Hände auf seinen Schultern liegen. Er kann endlich sprechen.
"Du hast doch so viele Videokassetten", beginnt Rafa ein zweites Mal.
"Ja", sage ich.
"Hast du vielleicht auch 'Nosferatu' mit Klaus Kinski, den ersten?" möchte er wissen.
"Ja, den habe ich, aber da fehlt das Ende, leider."
"Wieviel fehlt vom Ende?"
"Zehn Minuten", antworte ich schulterzuckend.
"Em - kannst du mir den morgen - oder wenn du das nächste Mal hier bist - mitbringen, damit ich ihn aufnehmen kann? Du kriegst ihn auch wieder! Ehrlich!"
"Ja, den kann ich dir mitbringen."
"O.k., das ist schön!"
Rafa entfernt sich.
Da hat er doch tatsächlich wieder eine Verabredung mit mir getroffen. Er übt das Videokassetten-Ausleihen und -Zurückgeben.
Es gibt ein neues Kunstwerk im "Nachtlicht". Das steht in der hinterstem Ecke und ist zu seinem Schutz mit einem Gitterzaun umbaut. Man könnte es nennen "Jesus am Kreuz, den sie nicht abgenommen haben". Das Werk ist eine Skulptur aus geschweißtem Stahl und in der Färbung ganz dunkel, fast schwarz. Es ist ein mannshohes Skelett, das an einem Kreuz hängt. Auf dem Kopf trägt das Skelett eine Dornenkrone. Jemand hat die Skulptur mit den "Nachtlicht"-Spinnweben geschmückt und sie von unten mit rotem Licht angestrahlt. Ich muß das Kunstwerk ausgiebig bestaunen. Es soll Kappas ganzer Stolz sein.
Im "Nachtlicht" wird noch mehr Zierat angebracht. Jemand hängt vorm DJ-Pult ein halbmeterlanges weißes Gummiskelett an die Decke. Die Beine des Skeletts werden verknotet.
Als Rafa "Transmission" von Joy Division spielt, gehen Sanna und die Sängerin miteinander auf die Tanzfläche.
"Ich mag das Lied echt ganz gerne", sage ich zu Marvin und Cyan. "Aber da tanzt diese Eklige mit den roten Haaren zu, und da will ich nicht mittanzen."
Sehnsuchtsvoll beobachte ich Rafa. Ted balgt ein wenig mit seinen Freunden herum.
Als ein älteres Wave-Stück beginnt, zieht Rafa sich eine schwarze Jacke mit viel Metall an, setzt sich eine Sonnenbrille auf und geht zu Dolf und der Sängerin auf die Tanzfläche. Er tanzt wirklich seltsam. Er möchte etwas darstellen, wirkt aber ungeübt und unsicher.
Als ich mich im Vorraum der Damentoilette nachschminke, höre ich Rafa draußen vor der Toilettentür rufen:
"... letzten Sonntag war wieder absolute Spitze!"
Ich beeile mich, in den Flur zu kommen. Tatsächlich steht Rafa genau vor der Tür. Er redet mit einem Herrn. Ich bin gezwungen, Rafa zu berühren, weil er mir mitten im Weg steht. Das könnte Rafa sich ausgerechnet haben. Ich hake mich wenig bei ihm ein und streichle seine bloßen Unterarme. Dann gehe ich langsam weiter. Ich möchte ihn nicht aufhalten, mich nicht an ihn hängen, ob er nun eine Freundin hat oder nicht.
Ich stelle mich wieder zwischen die Jungen aufs Bühnenpodest, verteile Kartoffelsnacks - Ringli - und fächle mir Luft zu. Ted möchte wissen, ob ich traurig sei wegen der Sache mit Daria. Ich bejahe.
"Mir sind die Hände gebunden", sage ich. "Sie muß kommen, denn sie hat Mist gebaut."
"Kann ich denn mal mit ihr reden?" fragt Ted.
"Natürlich kannst du das."
"Ich meine, ob ich deine Erlaubnis habe."
"Aber selbstverständlich. Erstens kann ich es dir nicht verbieten, und zweitens will ich es dir nicht verbieten."
Ich entdecke Darryl bei den Flipperkästen. Ich gehe zu ihm und grüße ihn. Er fragt mich, ob ich wüßte, ob Sasa noch kommt. Am Samstag will sie angeblich kommen.
"Na? Wie ist es noch weitergegangen am Sonntag?" erkundige ich mich.
"Ach, für mich eher traurig", erzählt Darryl.
"Weil sie den anderen noch hat", nehme ich an.
"Sie will sich noch nicht von ihm trennen", sagt Darryl.
Ich empfehle ihm Gelassenheit und Geduld. Darryl meint, Gelassenheit und Geduld hätte Kappa ihm schon beigebracht.
"Aber der ist doch selber so aufgeregt", erwidere ich.
"Ja, gerade deshalb muß ich so gelassen sein", erklärt Darryl. "Bis zehn Uhr haben Sasa und ich am Sonntag noch im 'Nachtlicht' gesessen. Dann haben wir uns eng umschlungen verabschiedet, ich mit einer Träne im Auge - aber das konnte Sasa nicht sehen."
Ich berichte, daß mich die Türsteher in dieser Nacht höflich behandelt haben.
"So soll's auch sein", sagt Darryl. "Die Jungs sind in Ordnung. Kappa hat die gut erzogen."
"Aber wenn die anderen wieder Dienst haben ... diese Skinheads ..."
"Das sind keine Skinheads. Die hören Ska."
"Genau, es sind Skinheads. Sie sind arrogant, unverschämt, dumm und brutal, eben Skinheads. Sie haben Stoppelfeldfrisur und tragen Tarnfarben-T-Shirts."
"Ach!" sagt Darryl. "Der ist gefeuert!"
"Was! Lennart ist gefeuert?"
"Ja, der ist nicht mehr da."
Ich packe Darryl an den Schultern und springe in die Höhe.
"Lennart ist gefeuert!" rufe ich. "Oh, das ist ja so geil! Seit wann?"
"Seit Mittwoch."
"Und, wie kam's?"
"Weiß ich nicht so genau."
Ich erzähle von dem Festival in KA. und von der durchsichtigen Kuppel mit dem Friedhof, die ich mir gekauft habe.
"Auf dem Festival hat einem niemand die Taschen weggenommen", setze ich hinzu.
Darryl hat von dem Festival auch gehört. Wir plaudern noch ein bißchen über Bands und Auftritte.
"He!" ruft es hinter mir, und eine Gestalt drängt sich an mich. "Du hättest mich aber am letzten Wochenende -"
Ich fahre herum und sehe ein weißes Hemd, kräftige Schultern und ein vertrautes Gesicht, dieses Mal mit Schutzbrille. Sogleich schlinge ich die Arme um Rafa.
"He!" ruft er atemlos und biegt meine Arme fort.
Dann sagt er seinen Satz zuende:
"Du hättest mich aber am letzten Wochenende nicht zu verteidigen brauchen."
"Ich muß dich verteidigen!" rufe ich und falle ihm lächelnd um den Hals.
Rafa wehrt mich heftig ab, doch er lächelt dabei selbst.
"Ich verteidige dich immer!" rufe ich. "Immer!"
Rafa läuft zurück zum DJ-Pult. Kappa ist hinter Rafa hergekommen und konnte wohl sehen, wie ich Rafa umarmt habe. Kappa und ich begrüßen uns. Kappa trägt einen Pelz um die Schultern, und das sieht recht seltsam aus. Ich spreche ihn darauf an, daß Lennart nun gehen mußte.
"Das war aber nicht wegen dem, was da oben passiert ist", erklärt Kappa. "Das war wegen der Sache mit Rafa, weil er Rafa körperlich angegriffen hat. Sowas geht nicht. Trotzdem, Rafa hat sich falsch verhalten, das ist keine Frage."
"Das sage ich ja - der Lennart muß gehen, weil er Rafa körperlich angegriffen hat. Das ist der Grund, warum er gehen muß."
Darryl zieht den Zaun etwas zur Seite, der das gekreuzigte Skelett schützt. Ich bewundere das Kunstwerk, und Darryl erzählt mir, woher es stammt. Es war jahrelang ein Ausstellungsstück in einem Geschäft für Stahlkunst. Kappa hat eisern dafür gespart. Der Schutzzaun ist passend zurechtgeschweißt worden.
"Wenn einer da drangehen und die Dornenkrone abreißen würde, ich würde den umbringen", sagt Darryl.
Überschwenglich lobt und preist er Kappa:
"Kappa hat mich vor dem Erfrieren gerettet. Echt, ich war mal obdachlos. Meine Mutter hat mich 'rausgeschmissen, und da habe ich mehrere Nächte in Lkw's gepennt. Kappa hat mir Essen gegeben, er hat mir ein Bett gegeben ... Durch Kappa bin ich vom Alkohol weggekommen. Ich war mal Trinker. Und ohne Kappa hätte ich meinen Hauptschulabschluß nicht geschafft. Echt, ich wollte nur den Hauptschulabschluß, und jetzt habe ich sogar den qualifizierten."
"Was möchtest du denn für eine Ausbildung machen?"
"Elektroinstallateur. Das hat Kappa auch gelernt. Der ruft mich immer, wenn hier was zu tun ist mit der Technik und sagt, los, jetzt pack' mal an."
Darryl beteuert, wie sehr er Kappa ergeben ist:
"Auf Kappa lasse ich nichts kommen. Für Kappa würde ich sogar Sasa erschießen."
Ich bringe die Frage nach der Eigenständigkeit ins Gespräch:
"Man sollte zu sich selber stehen können."
"Du, ich habe eine Woche lang mit Kappa geredet", erzählt Darryl eifrig. "In der letzten Woche - in einer Woche - habe ich gelernt, zu mir zu stehen. Kappa hat zu mir gesagt, daß ich jedem im 'Nachtlicht' das Wasser reichen kann. Er hat gesagt, daß ich Rafa das Wasser reichen kann und sogar Ace. Alle kennen Ace, alle verehren Ace. Und wenn dann Kappa zu mir sagt, ich kann Ace das Wasser reichen, dann ist das natürlich für das Selbstwertgefühl ..."
"Ja, sicher."
"Zu mir zu stehen, das hat Kappa mir beigebracht. Man muß ehrlich zu sich und anderen sein."
"Ja, unbedingt", bestätige ich.
"Kappa hat mich so gut erzogen", fährt Darryl fort. "Jetzt werde ich langsam auch mal reif."
Er schwärmt so leidenschaftlich und unterwürfig von Kappa, daß ich aus dem Lächeln nicht herauskomme. Ich versuche, Darryls Empfindungen auf neue Wege zu lenken:
"Liebe kann auch in einer Partnerschaft wachsen."
Darryl scheint nicht zu verstehen, daß ich mit "Partnerschaft" eine Liebesbeziehung meine. Er teilt aber die Ansicht, daß Liebe sich entwickeln muß und daß man sie durch Worte allein nicht beweisen kann:
"Taten sind wichtig."
"Ja. Was Rafa für mich getan hat ..."
"Das Verhalten von Rafa war absolut super", findet Darryl. "Echt, auf Rafa lasse ich auch nichts kommen. Der ist in Ordnung."
"Das ist er, auch wenn er viel Sch... baut", stimme ich Darryl zu.
"Das weiß er, daß er Sch... baut", sagt Darryl.
"Ja, das weiß er ganz genau."
"Aber der ist in Ordnung. Zu dem habe ich voll das gute Verhältnis - nicht ganz so wie zu Kappa, aber auch ..."
Ich erfahre von Darryl, weshalb Lennart überhaupt so oft an der "Nachtlicht"-Tür saß:
"Kappa wollte den gar nicht. Lennart sollte eigentlich nur im absoluten Notfall einspringen. Aber das hat der, der die Dienstpläne macht, nicht gewußt und hat den dauernd eingeteilt.
Kappa kann den Lennart nicht leiden, und ich kann den auch nicht leiden. Kappa hätte Lennart gerne 'rausgeworfen, aber er hatte bisher noch keinen Grund. Jetzt hat er durch diesen Vorfall endlich einen Grund, ihn 'rauszuschmeißen."
Darryl sagt, jeder könne Verbesserungsvorschläge an ihn richten, und er würde die an Kappa weitergeben. Ich empfehle, den Türstehern beizubringen, daß sie den Gästen die "Nachtlicht"-Garderobenregeln erklären müssen:
"Viele Gäste kommen von auswärts und wissen nicht, wie man seine Tasche mit 'reinnehmen kann. Viele sind schüchtern und trauen sich nicht, zu verhandeln. Die Türsteher müßten ihnen sagen, daß sie ihre Tasche mit 'reinnehmen können, wenn sie sie brauchen."
Ich schlage außerdem vor, die Türen in der Damentoilette mit Riegeln auszustatten. Das wäre eine schnelle, kostengünstige Lösung. Laut Darryl sollen die Schlösser vor der "Nachtlicht"-Eröffnungsparty noch heil gewesen sein, wenn sie auch schwer gingen.
Ted kommt zu uns an den Zaun und berichtet von seinem Gespräch mit Daria. Daria soll sehr unglücklich darüber sein, daß ich sie nicht mehr an mich herankommen lasse.
"Sie sagt, das war ein Mißverständnis", erzählt Ted. "Sie hat damals wohl nur einen schlechten Tag gehabt."
Im Stillen zweifle ich daran. Ich glaube nach wie vor, daß Daria mir mit Absicht ihre Zuwendung entzog. Sie wird schon sehr unter dem Einfluß von Fechtner gestanden haben.
"Sie kennt Ivo Fechtner sehr gut", sagt Ted.
Daria will mich morgen auf der Party von Carl ansprechen und die Sache "in Ordnung bringen".
Als ich wieder zwischen den lederumhüllten Jungen auf dem Bühnenpodest stehe, erzähle ich Ted, daß Rafa verlegen war und zu mir gesagt hat, ich hätte ihn nicht zu verteidigen brauchen. Ich erzähle auch, daß ich geantwortet habe, ich müßte ihn verteidigen und würde ihn immer verteidigen.
"Das spricht für dich!" meint Ted.
"Und für ihn!" setze ich hinzu.
Als "Dead and buried" von Alien Sex Fiend kommt, gehen nur Sanna und die Sängerin auf die Tanzfläche. Dieses Mal lasse ich mich von der Sängerin nicht abschrecken und gehe auch hin.
Es wird leer im "Nachtlicht". Ich gehe in die Ecke beim Rondell, wo meine Sachen liegen, und hole mir ein Taschentuch.
"Nicht schlafen!" ruft da jemand in meine Richtung.
Ich drehe mich um. Rafa ist vorbeigekommen und unterhält sich im Rondell mit einigen Leuten. Den Weg zu mir schafft er aber nicht noch einmal.
Am Samstagnachmittag hat Carl mir erzählt, Siddra hätte ihm erzählt:
"Rafa hat gar keine Freundin."
Jeder erzählt etwas anderes. Man weiß nie mit Sicherheit, wie es zwischen Rafa und der Sängerin aussieht.
Am Abend fand die Geburtstagsfeier von Carl und Wilco statt, die bereits mehrfach verschoben worden war. Wilco hatte sich nur wenig um die Vorbereitungen gekümmert, deshalb will Carl nicht wieder mit ihm feiern.
Merle war da. Ihr Kind heißt Elaine und kommt bald zur Welt. Wir haben Merle viele Wochen nicht gesehen und fast nicht wiedererkannt. Ihr Haar ist jetzt länger und kringelt sich, und es war im Nacken mit einer braunen Zierschleife zusammengerafft. Alles, was Merle trug, war aufeinander abgestimmt. Ihr Pullover und ihre Leggins waren wollweiß, um den Hals hatte sie eine Perlenkette, und die Schuhe waren braun wie die Schleife. Ihren Teint hatte Merle zart gepudert.
Es kamen etwa dreißig Gäste. Eine unangenehme Überraschung war Velvet. Sasch brachte sie mit, weil er mit ihr zusammen ist. Sie tat ganz freundlich; sie wollte sich wohl beliebt machen. Constri wußte bis dahin noch nicht, wie Velvet aussieht. Als sie Velvet im August von Derek wegzerrte, sah sie sie nicht genau an.
Daria kam nicht zu der Party. Nun hat sie eine Gelegenheit verpaßt.
Die Gäste hatten schon fast alle von Rafas und meinem Kampf gegen die "Nachtlicht"-Türsteher gehört.
"Es war wie im Märchen", sagte ich dazu. "Das Böse wurde bestraft und das Gute belohnt." Laura hörte vom Sasch ein kleine Geschichte über Rafa. Vor Jahren soll Rafa dem Sasch hundert Mark für eine leere Flasche Dracula's Blood geboten haben, weil er das Aussehen der Flasche so kultig fand. Damals gab es Dracula's Blood wohl noch nicht in SHG. Sollte es sein, daß Rafa dafür gesorgt hat, daß man dieses Getränk dort nun kaufen kann? Schließlich ist Dracula's Blood auch im "Nachtlicht" eingeführt worden, dem Laden, in dem Rafa mitmischt.
"'89 ist Rafa als halbes Kind ins 'Elizium' gekommen", erinnerte ich mich. "Der war achtzehn ..."
"Ich bin kein halbes Kind!" meldete sich Laura.
"Ich wußte damals gar nicht, wie der hieß", fuhr ich fort. "Da war nur so ein Gothic im schwarzen Talar, mit dem habe ich immer getanzt."
"Rafa war früher richtig nett, lieb und freundlich", erzählte Sasch. "Der war offen und locker damals. Zu dem konnte man einfach so kommen und mit dem sein Bier trinken - war kein Problem."
"Und wie ist er jetzt?" fragte ich.
Sasch hob das Kinn sehr weit in die Höhe.
"Er versteckt sich hinter seiner Fassade", meinte er.
"Hinterm DJ-Pult", ergänzte ich.
"Hinterm DJ-Pult."
"Wann hat diese Wandlung ungefähr stattgefunden?"
"Das war so ... fast genau vor zwei Jahren."
"So um die Jahreswende?"
"Ja!" rief Sasch. "Genau! Ziemlich genau um die Jahreswende!"
"Da hat er mich kennengelernt ..."
"Ich glaube, der Stern von Rafa ist ganz schön am Sinken."
"Ich habe das Gefühl, der geht erst auf."
Ivo Fechtner redete oftmals davon, daß "der Stern von Rafa am Sinken" sei. Vielleicht hat er auch Sasch solche Sachen erzählt, und der spricht sie ihm jetzt nach.
Im Zusammenhang mit Rafa redete Sasch auch von Dolf. Dolfs Tanz zu "Marian" von den Sisters of Mercy soll berühmt sein.
"Mußt du unbedingt mal sehen!" riet Sasch.
Dolf soll einst recht merkwürdige Grußrituale gepflegt haben. Der zwergenhafte Dolf grüßte Freunde und Bekannte unterwürfig mit "Meister! Meister!"
Sasa meint, ich sei ihr sympathisch.
"Als ich in dem Gespräch mit Darryl nicht weiterwußte, hast du mir ziemlich geholfen", sagt sie. "Ich kenne dich schon lange vom Sehen, aber ich habe nicht gedacht, das Mädchen mußt du unbedingt kennenlernen. Du wirkst immer so, als wärst du in anderen Sphären. Du tanzt fast immer ..."
"Das mit den anderen Sphären stimmt. Das Tanzen ist mir sehr wichtig. Ich gehe in der Musik auf. Die Leute sind mir auch wichtig, aber wenn ich tanzen muß, kann ich mich nicht mit ihnen unterhalten."
Sasa erzählt mir davon, wie unzufrieden sie mit sich selbst ist.
"Darryl findet dich ja perfekt", sage ich. "Der findet, du bist die Frau."
"Echt? Kann ich mir gar nicht vorstellen, daß mich jemand perfekt findet."
Sasch kommt wieder an und druckst herum. Ich frage ihn, was er möchte. Schließlich sagt er:
"Ich habe eine Frage zu deinem Tanzstil."
"Und welche?"
"Wo nimmst du die Energie her?"
"Ach, das sind zehn Jahre Training."
"Echt, du tanzt immer weiter ... Ich bewundere das immer. Das - das geht gar nicht."
"Warum? Du siehst doch an mir, daß es geht."
"Weißt du, du bist einfach nicht kaputtzukriegen. Das finde ich ziemlich genial."
"Sieht das denn wenigstens ästhetisch aus, wenn ich tanze?" frage ich. "Ich habe mich nämlich noch nie tanzen sehen."
"Doch, das sieht ästhetisch aus."
"Dann bin ich ja beruhigt."
Sasch gefällt es, daß ich "nicht nur mit dem Körper" tanze, sondern "auch mit der Seele".
U.W. und Sator fuhren die Lautsprecher etwas zu sorglos, und so kam es, daß um dreiundzwanzig Uhr der Verstärker zerrte und die Hochtöner ihr Leben aushauchten. Es wurde noch dieses und jenes probiert; dennoch gab es um Mitternacht gar keine Musik mehr, weil nur noch die tiefen Bässe übriggeblieben waren.
Fast alle wollten noch ins "Elizium". U.W. stöhnte wegen seiner Boxen und hielt eine seiner berühmten Predigten.
"Frauen kannst du vergessen!" rief er mit der Flasche in der Hand.
"Mensch, dann hast du mich ja endlich vergessen!" freute ich mich.
"Trink!" forderte U.W. mich auf und reichte mir die Flasche.
Darin war etwas Hochprozentiges. Ich trank einen Schluck, in dem Bewußtsein, daß es sich hier um ein Ritual handelte.
Seth hatte sich still und heimlich entfernt, ohne sich von Rikka zu verabschieden. Auf diese Art quält er sie öfters. Rikka weinte sehr. Selda, Constri und ich rieten ihr, Seth bloß nicht hinterherzufahren. Er sollte für seine Unart nicht auch noch belohnt werden.
Selda, Merle, Lenni und Derek vermuten, daß Talis aus Trotz die Beziehung mit Ellen angefangen hat. Sie glauben, daß Talis lieber heute als morgen zu Rikka zurückkehren würde, wenn er sie nur wieder haben könnte.
Talis und Ellen setzten Laura und mich vorm "Elizium" ab und fuhren nach Hause. Talis' Gefühlsleben könnte durcheinandergeraten sein, als er Rikka unter Seths Verhalten leiden sah. Es überforderte ihn wohl, Rikka nun auch noch im "Elizium" zu begegnen.
Als ich Xentrix von dem Sieg über die "Nachtlicht"-Türsteher erzählte, ärgerte er sich sehr. Kappa und Xentrix scheinen beide im Konkurrenzfieber zu sein.
An der "Elizium"-Außentreppe gab es eine Konferenz. U.W. lehnte zerknirscht an der Hauswand. Er hatte mit den "Elizium"-Türstehern Ärger gehabt, weil er fand, daß er zu der vorgerückten Stunde nicht mehr bezahlen müsse.
Sasch lästerte über das "Nachtlicht":
"Vor allem sollte Rafa vom DJ-Pult verschwinden."
"Ist er so schlecht?" fragte ich.
"Ja!" erwiderte Sasch. "Echt, der spielt immer das Gleiche. Der ist so lange dabei, der Mann hat solche Reserven, und trotzdem ... spielt er immer das Gleiche."
"Ich sage, der kann nur, wenn er können will."
Die Musik an den Samstagen findet Sasch besonders schlimm.
"Man sollte halt nicht den Fehler machen, am Samstag ins 'Nachtlicht' zu gehen", meinte ich. "Höchstens am frühen Morgen, da kann es ganz gut sein."
"Stimmt, ab vier wird es meistens besser."
Sasa erzählte mir, Sasch sei mit Velvet nicht besonders fest zusammen.
"Ich frage mich, nach welchen Kriterien sich Sasch seine Freundinnen aussucht", sagte ich.
Sasa glaubt, daß Sasch nach etwas Dominantem sucht.
Saverio wollte unbedingt mit Edna, Carl und mir gemeinsam in der Bahn fahren. Also fuhren wir zu viert. Ich übernahm Edna; so konnte Carl mit Saverio reden. Edna erzählte mir, daß Saverio vor zweieinhalb Jahren mit einer Videokamera im "Trauma" gefilmt hat, als dort Xentrix auflegte. Edna bot mir sogar an, daß ich ihr oder Saverio eine Kassette geben könnte; Saverio könnte mir die Filme aufnehmen.
Ednas Figur soll erst während der Beziehung mit Saverio entgleist sein. Sie scheint noch nicht das gefunden zu haben, was sie wirklich sucht. Sie wirkt oft mißmutig und unzufrieden.

In einem Traum wurden Constri und Rikka von einem Gangster in einer Zwei-Zimmer-Wohnung festgehalten. Ich war auch in der Wohnung, doch nur zu Besuch; mir konnte der Gangster nichts anhaben. Ich empfahl Constri und Rikka, über das Telefon Hilfe herbeizurufen.

Der Gangster könnte Seth gewesen sein. Rikka lebt mit ihm in einer Zwei-Zimmer-Wohnung, die zu einem "Beziehungsgefängnis" werden kann, wenn die beiden sich nicht mehr verstehen. Und es gibt erhebliche Krisen zwischen Rikka und Seth. Das konnte ich am Samstag aus nächster Nähe miterleben.
Seth trat schon einmal in einem Traum von mir als Schwerkrimineller auf. Er spielte den Amokläufer, der Rafa erschießen wollte. Rikka weiß all dies nicht. Constri und ich finden es höchst seltsam, daß ich Seth im Traum als Schwerverbrecher darstelle. Ich kenne Seth fast nicht. Doch es kommt vor, daß mein Unterbewußtsein auf Anhieb mehr sieht, als ich über einen langen Zeitraum bewußt wahrnehmen könnte. Die rätselhaften Botschaften werden verpackt als Träume.
Über ihre Beziehung hat Constri erzählt, daß Derek nach wie vor Zustände hat, in denen er unausstehlich abweisend ist. Ich empfahl Constri, auf diese Zustände mit einem stets gleichen Verhalten zu antworten. Derek soll sich daran gewöhnen und lernen, daß er sich auf Constri verlassen kann. Wenn das abweisende Benehmen von Derek und Constris Antwort darauf zu Ritualen eintrocknen, verlieren diese Auseinandersetzungen ihren Schrecken und nehmen keine Kraft mehr weg. Die Methode der Ritualisierung hat sich in der Beziehung von Constri und Derek schon mehrfach bewährt.

Ein Traum spielte in einem Hallenzoo. Dort liefen viele Leute aus der Szene herum. Es gab auch einen Vortragssaal. Die Flügeltüren standen offen. Jemand rief durchs Mikrophon:
"Fedor sucht Tessa! Fedor sucht Tessa!"
Ich blieb im Eingangsbereich vor einer holzvertäfelten Wand stehen. Constri stellte sich vor mich. Die Sängerin ging an uns vorbei; sie wollte hinaus.
"Also ist Fedor mit dieser widerlichen, dieser widerlichen, widerlichen ... üää ...", lästerte ich.
Die Sängerin drehte sich um und ging auf mich zu.
"Hey, wer ist denn hier?" rief sie und begann, sich über mich lustig zu machen.
Ich schwieg, doch als die Sängerin sich abwandte und durch die Tür gehen wollte, lachte ich laut und hämisch hinter ihr her. Da war die Sängerin erst recht gereizt. Sie schlug mit hoher Geschwindigkeit auf mich los, doch keiner ihrer Schläge traf mich. Ich stand ruhig da, und Constri stand vor mir und schützte mich. Sie erlitt dabei keinen Schaden, denn die Sängerin konnte sie nicht berühren.
"Karate im Schnelltakt!" staunte ich über die raschen, kurzen Schläge der Sängerin. "200 bpm, oder wie?"
"He, das find' ich gut!" rief die Sängerin. "Das ist ja noch eine mit Klangwerk-Humor!"
Schließlich trat Constri zur Seite. Nun hätte mich die Sängerin treffen können, doch es war etwas um mich herum wie eine schützende Hülle. Die Sängerin sah auf einmal ganz schlicht aus. Sie war nicht mehr geschminkt und sehr brav und unauffällig gekleidet. Es war, als hätte ich ihr eine Maske abgenommen.
"Und das? Das ist ja wohl ...", lästerte sie über Constri weiter.
Doch sie konnte uns nichts tun.

Am Montag bekam ich einen Brief von Dag. Er redete mich an mit "Sweet Tanzmaus aus H.". Mehrere Seiten hatte er beschrieben mit Zitaten und Sprüchlein. Er klagte darüber, daß er nicht wisse, wohin mit seiner Zeit. Mir geht es umgekehrt; ich weiß nicht, wie ich mit meiner Arbeit fertig werden soll.
Dag ist wahrscheinlich einsam. Ich bin nicht einsam; ich bin es niemals, nicht einmal dann, wenn ich die Tür hinter mir abschließe. Das war früher anders. Bevor ich siebzehn war, konnte ich mich durchaus einsam fühlen und nicht wissen, wie ich meine Zeit ausfüllen sollte. Ich wußte wohl, daß es auf Erden etwas Wichtiges für mich zu tun gab, doch was ... und wie ... das konnte ich nicht wissen, und darunter litt ich.

In einem Traum saß ich mit Constri nachts auf einer Bank. Ich wollte nicht so spät mit ihr allein da draußen sitzen und schlug Constri vor, in ein festes Haus zu gehen. Sie wollte das aber nicht. Da kam vom hinteren Ende der Straße her der Sockenschuß schnurstracks auf uns zugeradelt. Er hatte ein T-Shirt und Jeans an. Als er bei uns angekommen war, sprang er vom Rad.
"Ja!" rief er.
Dann kramte er in seinen Hosentaschen nach einer Waffe. Bevor er sie gefunden hatte, wachte ich auf.

Solche Träume hatte ich früher viel häufiger. Heute ist es eher so, daß ich mich erfolgreich verteidigen kann.
In GÖ. war Constri Trauzeugin bei der Hochzeit von Sadia und Arved. Die Hochzeit fand im Familienkreis statt, ohne größere Feierlichkeiten. Man war beim Standesamt, dann gab es noch ein schönes Essen. Constri fand die Ansprache des Standesbeamten rührend.



Als Laura und ich am Freitag zum "Nachtlicht" kamen, begegnet uns Sasch. Er schien keine Probleme mit den Türstehern zu haben; wahrscheinlich hat er keine Tasche. Im Eingang saß Karol und verlangte wieder einmal, daß ich meine Tasche abgab.
"Ich brauche meine Tasche, weil ich mich nachschminken muß", gebe ich die von Kappa empfohlene Antwort.
Der Türsteher geht nicht darauf ein.
"Bei mir machst du solche Faxen nicht", sagt er. "Her mit der Tasche."
"Kappa hat mir aber versprochen, daß ich die Tasche mit 'reinnehmen darf, wenn ich sie brauche."
"Gut, dann gucke ich sie aber von oben bis unten durch", sagt der Türsteher, der seine Genugtuung zu brauchen scheint. "Aber wirklich von oben bis unten."
"Ja, bitte. Kannst sie gerne durchgucken."
Der Türsteher schaut und greift nur ein wenig hinein, dann gibt er sie mir wieder. Auf der Treppe stöhnen Laura und ich.
"Frech und unverschämt", sagen wir entrüstet.
Ich mag erst gar nicht tanzen, so steckt mir der Ärger mit den Türstehern in den Knochen. Ich lege meine Mäntel in der Ecke auf die Bank und gehe dann mit meiner Tasche zum DJ-Pult. Rafa ist dort mit einem zweiten DJ. Dieser zweite DJ kommt ans Türchen, als ich winke.
"Rafa wollte von mir nur eine Kassette haben", sage ich.
Der Co-DJ möchte sich die Kassette reichen lassen, doch ich zögere.
"Willst ihm die lieber selber geben?" fragt er.
"Ja."
Er holt mir den Rafa. Der kommt und grüßt mich:
"Na? Hallo."
"Du wolltest von mir 'Nosferatu' haben."
"Ja."
"Ich gebe sie dir."
"Gut! Kriegst du zurück!"
"Moment - da ist nämlich noch -"
Ich hole die Kassette aus meiner Tasche und versuche, sie aus der Hülle zu ziehen. Es gelingt mir nicht, weil ich Handschuhe anhabe.
"Nimm sie mal 'raus", bitte ich Rafa.
Er zieht sie heraus.
"Die ist nämlich kaputt, da vorne, an einer Ecke", erkläre ich.
Rafa untersucht die Kassette sogleich. Ich zeige ihm, wo sie geklebt ist.
"Du mußt da unheimlich vorsichtig mit sein", warne ich. "Wenn dein Recorder hakt, müßtest du ihn aufmachen. Ich habe meinen heute auch schon aufgemacht."
"Alles klar! Alles klar!"
Ich möchte mich entfernen. Rafa greift kurz nach meiner Schulter.
"Danke!" sagt er laut und deutlich.
Ich nicke und nehme seine Hand in die meinen und drücke sie.
Rafa geht ganz in Schwarz. Er trägt die Jacke mit den vielen Schnallen auf den Ärmeln. Die Jacke ist kurz, sie reicht nur ein kleines Stück über die Taille. Das Hemd unter der Jacke ist schlicht geschnitten und nur unwesentlich länger. Rafa hat wieder das strenge Stirnband um. Er ist nicht geschminkt und trägt keine Brille.
Darryl grüßt mich. Er ist traurig.
"Der letzte Samstag hat mir den Rest gegeben", erzählt er. "Sasa war nicht da. Dabei hat sie gesagt, sie kommt auf jeden Fall ins 'Nachtlicht'."
"Sie war im 'Elizium'."
Darryl will auf keinen Fall ins "Elizium" gehen. Es ist, als würde ihn ein Bann davon abhalten.
"Im 'Nachtlicht' ist auch nicht alles in Ordnung", sage ich. "Da ist noch lange nicht alles in Ordnung."
Ich erzähle von Karols unhöflichen Verhalten. Darryl deutet an, daß Karol bald dasselbe Schicksal ereilen wird wie Lennart.
"Kommt noch", verspricht er. "Warte ab."
Als ich Darryl frage, weshalb er vor längerer Zeit schon behauptet hat, die Türsteher seien ausgetauscht, obwohl sie noch da waren, erklärt er:
"Das war ein Notfall. Da war einfach kein anderer zu erreichen, und da mußten wir wieder die nehmen. Könnte auch sein, daß es wieder einen Notfall gibt und wir wieder Lennart nehmen müssen."
"Das geht nicht", sage ich bestimmt. "Der Mann hat hier nichts zu suchen."
Ich dränge darauf, daß die gesamte Regelung mit den Taschen geändert wird, damit fremde und schüchterne Gäste mir gegenüber nicht im Nachteil sind.
Darryl hat schon etwas verbessert im "Nachtlicht". Er hat eine Tür in der Damentoilette mit einem Riegel versehen. Ich lobe ihn dafür. Umso mehr freue ich mich, als Darryl gerade die Kabine verschließbar gemacht hat, in die ich immer gehe.
"Du sollst nicht denken, daß ich meine Versprechen nicht halte", sagt er stolz.
Die Barmaid ruft Darryl. Sie nennt ihn Detlev. Wahrscheinlich heißt er in Wirklichkeit so.
Die Sängerin kommt spät ins "Nachtlicht". Ihre Haare hängen sehr lang und möhrenfarbig herunter. Sie redet am DJ-Pult kurz mit Rafa.
Wenn Rafa Pausen macht, sehe ich ihn fast immer mit Jungen reden, und fast immer mit mehreren auf einmal. Das ist ein großer Unterschied zu dem, was Rafa vor drei Jahren gemacht hat und was Fedor auch heute noch macht. Rafa pflegte sich früher mit Mädchen zu umgeben, die er dann reihenweise verführte. Inzwischen sehe Rafa fast gar nicht mehr tändeln.
Laura geht zum DJ-Pult, um sich das klassische EBM-Stück "Warte, bis es dunkel ist" von Klangwerk zu wünschen. Rafa verkriecht sich diesmal nicht in der äußersten Ecke, sondern er kommt ans Türchen. Über "Klangwerk" sagt Rafa, die habe er wahrscheinlich zu Hause. Er möchte sie suchen.
"Spiel' mal was Schönes", bittet Laura.
"Ich spiele nur Schönes", gibt Rafa eine beliebte DJ-Antwort.
Laura hat einen sehr ausgeschnittenen Body mit Ärmeln aus durchbrochenem Leder an, und sie vermutet, daß die Jungen deshalb so gern auf sie zugehen.
"Bei dem ist es bestimmt nicht so", sage ich über Rafa.
Velvet fragt mich in der Toilette, ob Ted ins "Nachtlicht" kommt.
"Der wohnt in Ht.", antworte ich. "Der wird nicht kommen. Gefällt er dir?"
"Er hat geile Augen."
Velvets Stimme ist mir widerlich. Sie hat etwas Anzügliches, Lüsternes, Hartes und Grobes. Als ich Velvet beim DJ-Pult mit der Sängerin sprechen sehe, denke ich mir, daß sich da zwei gefunden haben.
Gegen halb drei wird es leerer im "Nachtlicht". Rafa kommt wieder einmal herunter und stellt sich beim Rondell in den Gang; dort sind Leute, mit denen er sich unterhält. Rafa ist nur ein paar Schritt weit von mir entfernt. Schließlich geht Rafa auf Laura und mich zu und in einem Bogen an uns vorbei. Vorm Nebentisch blickt er sich kurz und zögernd um, geht dann aber weiter.
Hinterm Pult holt Rafa sich eine seiner Schutzbrillen. Er legt ein NDW-Stück auf und tanzt gegenüber der Sängerin.
"Weißt du noch, vor all den Jahren? Weißt du noch, wie schön es war?" heißt es in dem Lied.
Ich frage mich, ob Rafa das "früher" wirklich alles so schön fand, die vielen Verhältnisse und Betrügereien.
Später tanzt Rafa mit der Sängerin auch noch zu "Sex Machine" von Kirlian Camera. Ich würde gerne mittanzen, will mich aber nicht in dieses "Idyll" hineindrängen.
Während ich Rafa zusehe, findet Laura Zeit, ihre Neuigkeiten loszuwerden.
"Als du eben auf der Toilette warst, hat sich Rafa neben mich gestellt", erzählt sie. "Er hat so suchend geguckt. Ich habe ihn gefragt:
'Was ist? Suchst du Hetty?'
Und er:
'Nein. Wieso?'
Dann ist er noch etwa eine halbe Minute bei mir stehengeblieben. Dann hat er nochmal so suchend und fragend geguckt und ist wieder weggegangen. Ich verstehe nicht, warum er zu mir geht, wenn du nicht da bist."
Ich muß lächeln und lächeln, und ich kann damit auch nicht aufhören, wenn ich Rafa ins Gesicht sehe. Im Gegenteil ...
Als Rafa wieder am Pult steht, lächelt er mir zu, das Bierglas in der Hand.

In einem Traum ging es um eine Geschichte von Leidenschaft und Liebe, schön und berauschend. Nur an das Ende kann ich mich noch genau erinnern:
Rafa stand vor einer Mauer, und ich stand vor ihm. Er bat mich, die Augen zu schließen. Dann streichelte er mich, auch meine Wange. Das beruhigte mich, denn danach habe ich große Sehnsucht. Schließlich fing Rafa an, mich zu küssen, wie er es im Januar getan hat. Er küßte mich und küßte mich und küßte mich.

In einem Traum, der gleich darauf folgte, war ich in einem Freiluftcafé oben auf einem Wolkenkratzer. Die Plattform war nach außen abschüssig und hatte kein Geländer. Zuerst erkannte ich das nicht, und ich lief sorglos umher. Dann kam ich bedrohlich nahe an den Abgrund heran. Ich rutschte und mußte mir Halt suchen. Ich griff nach einem Stuhl, auf dem ein älterer Herr saß, und der Stuhl begann ebenfalls zu rutschen. Ich würde den Fremden mit in die Tiefe nehmen. Ich hatte Schuldgefühle. Der Abgrund war endlos. Es ging unvorstellbar weit in ein neblig-graues Nichts. Kein Halt war da, keine Hoffnung. Vor Schreck wachte ich auf.




Im "Elizium" redeten wir wieder auf Xentrix ein, bis er die Sachen spielte, die wir uns wünschten.
"War Combattery 2" ist für mich jedesmal ein Erlebnis. Anscheinend ging das jemand anderem ähnlich. Ein Junge mit Brille, Weste und Hemd sprach mich an:
"Entschuldigung - darf ich dich mal kurz entführen?"
"Wohin?"
"Draußen."
Ich ging mit ihm in den Vorraum. Dort sagte er mit großen Augen zu mir:
"Du tanzt phantastisch."
"Ich mache das eben so gerne", erwiderte ich.
"Das merkt man."
"Leg' dir doch Kontaktlinsen zu und tanz' mit", schlug ich dem Jungen vor. "Ich suche immer nach Leuten, die so tanzen wie ich, nur finde ich keine."
"Na, ich glaube nicht, daß ich mit dir mithalten kann."
Der Junge heißt Gunnar und kommt aus DA. Er war zum ersten Mal im "Elizium", konnte mich also noch nicht kennen. Er meinte, daß ich "mit dem ganzen Körper" tanze. Ich erzählte Gunnar, wie sehr ich es mir wünsche, endlich beim Tanzen gefilmt zu werden.
Saverio kam des Wegs.
"Ich habe ein schlechtes Gewissen", sagte er zu mir.
Er hatte die Kassette für mich noch nicht fertiggemacht. Ich stellte Gunnar und Saverio einander vor. Dann sprach ich Saverio darauf an, daß er 1992 im "Trauma" gefilmt hat. Er meinte, er könne mir die Filme aufnehmen, doch ich müßte Geduld mit ihm haben. Er hätte viel damit zu tun, Musik zu machen. In H. möchte Saverio nicht auftreten; er behauptet, das Publikum tauge nichts. Da war ich ganz anderer Meinung.
Ich fragte Saverio, ob er nicht auch im "Elizium" filmen wolle.
"Ich habe die Kamera dabei", entgegnete er.
"Dann film' doch."
"Ich habe aber keine Lust dazu."
"Tja - da kann man nichts machen."
Gerrit kam mit Gefolge, und Daria kam mit Ivo Fechtner. Daria sagte zu Carl, im "Nachtlicht" gefalle es ihr nicht. Sie entschuldigte sich dafür, daß sie am letzten Samstag nicht zu der Party kam; sie meinte, sie und Genoveva hätten es nicht mehr geschafft.
Am Tisch auf dem Podest saß der DJ, der am gestrigen Freitag mit Rafa gemeinsam im "Nachtlicht" aufgelegt hat. Die Freundin des DJ war auch da, ein sehr schlankes, hübsches Mädchen im langen schwarzen Spitzenkleid.
Gunnar erzählte mir, daß er Umwelttechnologie studiert - in SHG.
"Da gibt es eine Uni?" fragte ich erstaunt.
"Nein, aber eine Technikerschule."
"Das ist doch eine Miniaturstadt. Wieviele Einwohner hat die eigentlich?"
"Zwanzigtausend. Aber trotzdem."
Xentrix trug einen "Nachtlicht"-Aufkleber am Hemd. Ich fragte ihn, was das zu bedeuten hätte, und da erwiderte er:
"Kappa braucht jede Werbung, die er kriegen kann!"
Kurz vor halb sechs zogen Laura und ich los, um auf einen Sprung bei der Konkurrenz vorbeizuschauen. Mir war übel, und ich fühlte mich schwach, weil ich neue Angriffe von den Türstehern erwartete. Diese klebten aber schweigend an den Wänden und rührten sich nicht. Laura und ich konnten unbehelligt zwischen ihnen hindurchgehen. Unten im "Nachtlicht" war nicht mehr viel los, doch Ivo Fechtner und Daria waren noch da.
"So, und dieses Stück ist speziell für Ivo!" sagte Rafa gerade durchs Mikrophon.
Laura stellte sich zu Salome vor das Treppchen zum DJ-Pult, und ich mußte mich auch dorthin stellen, obwohl ich Rafa lieber nicht so nah auf den Leib gerückt wäre. Rafa trug durchgehend seine Schutzbrille, und er hatte unter seiner Schnallenjacke ein schwarzes T-Shirt an, das bedruckt war mit lauter Totenschädeln.
Auf dem Weg zu den Toiletten drehte sich die Sängerin um und warf mir einen giftigen Blick zu. Als sie zurückkam, ging sie sogleich hinauf zum DJ-Pult und wühlte in einer CD-Kiste, die nah am Türchen steht und mit einem "W.E"-Aufkleber verziert ist. Das könnte Rafas Kiste sein. Vielleicht wollte die Sängerin mir zeigen, daß ihr gehört, was Rafa gehört. Daraus sollte ich wohl schließen, daß ihr auch Rafa gehört.
Rafa stand am äußersten Ende des DJ-Pults und wirkte sehr beschäftigt. Die Sängerin ging zu ihm und redete mit ihm. Er kam dann auch mit zur Kiste, und sie unterhielten sich noch etwas. Zärtlichkeiten tauschten sie nicht aus. Rafa ging auch bald wieder an sein äußerstes Endchen zurück. Dolf stieg zur Sängerin hinauf und sprach mit ihr. Dann redeten die beiden mit Rafa, der weiterhin sehr beschäftigt wirkte. Schließlich ging Dolf wieder nach unten, und Rafa folgte ihm. Die Sängerin blieb oben stehen. Es begann "Sex Machine" von Kirlian Camera. Rafa tanzte mit Dolf, und neben den beiden tanzte noch ein Junge. Ich überlegte, ob ich mittanzen sollte, doch etwas in meinem Innern hielt mich davon ab.
"Lauter!" rief Rafa der Sängerin zu, und sie drehte lauter.
Laura sagte mir, Ivo Fechtner und Daria würden zu mir und ihr hergucken und grienen und tuscheln.
"Die sollen ruhig über mich reden", meinte ich. "Ich rede ja auch über sie."
Als "Sex Machine" zuende war, ging Rafa wieder zum DJ-Pult, gefolgt von Dolf. Rafa ging sehr dicht an mir vorbei; kaum zwei Handbreit trennten uns. Ich haschte nach seinem Arm, konnte aber nur eine seiner Ärmelschnallen streifen. Laura beobachtete, daß Rafa seinen Arm länger in meine Richtung gestreckt hielt, als er es im Gehen hätte tun müssen. Rafa wird gemerkt haben, daß ich ihn berührte.
Das nächste Stück war "Claustrophobia" von Kabelbrandt. Ich ging auf die Tanzfläche, und die Sängerin kam auch und tanzte mir gegenüber. Das gefiel mir nicht, und ich wechselte den Platz.
Darryl grüßte mich und wollte wissen, ob ich Sasa gesehen hätte. Ich berichtete ihm, daß sie nicht im "Elizium" war.
Rafa war nun allein hinterm DJ-Pult. Als ich wieder bei Laura stand, lächelte ich ihm zu und sah ihn ebenfalls lächeln. Ich weiß aber nicht, weshalb er lächelte.
Laura und ich blieben nicht lange. Als wir am DJ-Pult vorbei zur großen Treppe gingen, beugte sich Rafa herunter und war wieder einmal sehr beschäftigt. Es ist fast immer so, wenn ich gehe. Rafa schaut weg oder beugt sich herunter.
Carl und ich haben darüber nachgedacht, weshalb Rafa eine Freundin gewählt hat, die so aggressiv ist und in ihrem Verhalten so gewöhnlich wirkt und von der Rafa selbst sogar gesagt hat, daß sie ohnehin nur der "Sicherheit" dient und etwas fürs Bett ist. Es könnte sein, daß Rafa sich selbst für so wertlos hätl, daß er glaubt, nichts Besseres verdient zu haben. Es könnte sein, daß er sich ihre Grobheit und Rohheit abgucken möchte, weil das in seinen Augen erstrebenswerte Eigenschaften sind. Und es könnte sein, daß er sie verwendet, um mich abzuschrecken. Rafa meinte, seine Freundin sei auf jeden Fall auch ein Schutz vor mir.
Brinkus hat erzählt, daß Sator schon wieder mit Janine zusammen ist. Ich frage mich, ob das genauso ein Hin und Her wird wie bei Rafa und der Sängerin.
U.W. scheint es nicht zu verkraften, daß er keine Frau findet, und er scheint deshalb anderen die Lebensgefährten schlecht machen zu wollen. Er hat zu Sadia gesagt, er verstünde nicht, wie sie sich einen Mann wie Arved aussuchen könnte, und zu Derek hat er gesagt, er verstünde nicht, wie er sich eine Frau wie Constri ausssuchen könnte.
Mitte November erzählte mir Laura am Telefon von der NDW-Party im "Nachtlicht", bei der sie am Vortag gewesen war. Laura war mit ihrer Freundin Beatrice da. Beatrice kennt die Sängerin. Die Sängerin sagte zu Beatrice, sie sei wieder mit Rafa zusammen. Das ist nun wahrscheinlich schon das elfte, mindestens aber das neunte Verhältnis.
Rafa stand meistens hinterm DJ-Pult. Laura sah ihn nicht tanzen. Er ließ sich gelegentlich ablösen von einem der Türsteher, einer mit Stoppelfrisur und wenigen Ponyhaaren; ich glaube, das war Karol. Rafa lief in seinen Pausen quer durchs "Nachtlicht". Er ging hin und wieder zur Sängerin und redete kurz mit ihr.
Laura ging zu Rafa ans DJ-Pult und fragte ihn:
"Hast du Klangwerk heute mit?"
"Meinst du, da tanzt einer nach?" erwiderte er.
"Ja, klar - ich tanz' danach."
Rafa suchte und fand "Warte, bis es dunkel ist" von Klangwerk. Und er spielte es auch.
Eines Nachmittags kam ich heim und fand Carl und Saverio in Carls Zimmer auf dem Fußboden sitzen. Es war Carl gelungen, Saverio nach der Schule mit nach Hause zu nehmen. Saverio legte die Kassette ein, die er für mich bespielt hat. Darauf war unter anderem bereits das ersehnte "15 Minutes of Fame" von den Sheep on Drugs. Saverio wollte mir die Kassette aber noch nicht geben.
"Ich gebe die erst aus der Hand, wenn sie ganz bespielt ist", sagte er zu mir. "Ich bin Perfektionist."
Saverio hat sich seine Haare in demselben Pink gefärbt wie Carl. Ich bewunderte das und fotografierte die Beinahe-Zwillinge auch noch. Saverio hielt sich die Hand vor die Augen, doch Carl zog sie ihm weg.
Carl hat kürzlich gehört, daß Karenias Freund Gordon vor einiger Zeit ins "Nachtlicht" gehen wollte und von den Türstehern regelrecht zusammengeschlagen wurde. Das soll schon kurz nach der Eröffnung des "Nachtlicht" passiert sein.
Mir fällt dazu ein, daß die Jungen aus der Szene wegen ihres auffälligen Stylings besonders gefährdet sind, von Skinheads angegriffen zu werden. Jetzt passiert ihnen das also auch schon in einem Szeneladen, wo sie sich doch eigentlich vor rechter Gewalt sicher fühlen sollten.
Bei "Klangwerk" erzählte ich Mal von dem Wirbel im "Nachtlicht". Als ich ihm sagte, daß ein Türsteher versucht hat, einen DJ zusammenzuschlagen, dachte Mal zuerst, mit dem DJ sei Ivo Fechtner gemeint.
"Der ist kein DJ!" sagte Laura.
"Der ist ein Möchtegern-DJ!" sagte ich.
Mal war anderer Meinung. Er hat Ivo Fechtner wohl noch nicht von seiner besten Seite kennengelernt.
Ich erzählte, daß Rafa mich verteidigte und meine Tasche mit nach drinnen nahm. Und ich erzählte, daß Rafa deswegen angegriffen wurde und daß ich ihn daraufhin verteidigte.
Claus Kruse erfuhr von mir auch gleich, daß es sich lohnt, ins "Elizium" zu gehen und daß es im "Nachtlicht" drunter und drüber geht. Ich sagte ihm, wie man es schafft, mit Tasche ins "Nachtlicht" zu kommen. Ich sagte ihm auch, daß die "Nachtlicht"-Mannschaft gelegentlich Konzerte gibt.
"Die machen alle irgendwie Musik", erzählte ich. "Ob sie es können, ist dabei nicht so wichtig. Die schießen mit Spielzeugpistolen auf der Bühne herum."
"Macht Kappa auch Musik?" wollte Claus wissen.
Ich bestätigte das.
Ytong hat am nächsten Samstag einen Auftritt in HB., zusammen mit Asmus Tietchens. Ich möchte hingehen.
Leon berichtete, Fedor habe zur Zeit keine richtige Freundin. Er rede nicht über Laura, betone jedoch immer wieder, wie leicht er es bei den Frauen hat.
Im "ZMK" legt Fedor nur noch donnerstags auf, da soll nicht viel los sein.

Ein Traum spielte in einem großen verglasten Shopping-Center. Im Erdgeschoß eines Friseurladens fand eine Party statt. In der Küche saß Velvet auf einem Stuhl und ließ sich von einem Jungen befriedigen. Als Constri das sah, packe sie mich am Arm und sagte:
"Komm', wir gehen 'raus hier."
Ich war ebenso angewidert wie Constri und folgte ihr.
Einige Partygäste sagten mir, daß nebenan im Teppichgeschäft ebenfalls etwas los sei. Tatsächlich war es drinnen hell. Schon von draußen durch die Glastür sah ich Rafa in dem Geschäft herumlaufen. Er trug die Weste mit dem roten Rücken. Die Sängerin sah ich nicht, obwohl ich das erwartet hatte; immerhin sind Rafa und sie erst seit etwa einer Woche wieder zusammen.
Ich ging dicht an Rafa vorbei. Ich wollte ihn nur an der Schulter streicheln. Er aber blieb stehen, umarmte mich, kuschelte sich an mich und sagte leise und bewegt:
"Danke schön."
Er schwieg einen Augenblick und fragte dann:
"Kannst du dir in zehn Sekunden etwas anziehen? In zehn Sekunden?"
"Ja."
"Gut, dann kann ich heute die Nacht bei dir verbringen."
"Ja."
"Also - du ziehst dir was an, und ich komme in zehn Sekunden. Ehrlich - in zehn Sekunden."
"Ja."
Im Friseurladen ziehe ich mir recht wahllos irgendwelche Sachen über meine recht knappe Abendgarderobe. Die Leute, die noch da sind, gehen. Lediglich eine passende Strumpfhose finde ich so rasch nicht. Rafa kommt nicht nach zehn Sekunden, sondern nach einigen Minuten. Er legt von hinten die Arme um mich.
"Nur eine Frage - zu welchem Friseur gehst du?" will er wissen.
"Zu dem hier", antworte ich.
"Ach ... die sind doch ..."
"Es kommt darauf an, zu wem man geht, Schatzi. "
Rafa bewundert überschwenglich meine Frisur:
"Wie das nach hinten ausläuft ... diese Ecke ... das ist ge-nial ... das ist einfach ... echt ..."
"Ich muß mir jetzt nur noch eine Strumpfhose anziehen, dann können wir gehen, Schatzi."
Bei mir zuhause herrscht Chaos in der Küche. Rafa sieht das aber gar nicht. Er sucht sich sogleich in meinem Zimmer eine Beschäftigung.

Am Samstag im "Elizium" ging ich gleich hoch zu Xentrix und sagte ihm, daß es Zeit wäre, Industrial und Elektro zu spielen.
"Verschwinde, Weib!" rief Xentrix.
Ivco war auch oben an der Absperrung.
"Hör' nicht auf sie!" warnte er Xentrix und zeigte auf mich. "Die wünscht sich immer so komische Sachen!"
Xentrix hörte aber doch, zumal auch Constri und Rikka Elektro, Avantgarde und Industrie verlangten. Ivco mag lieber Wave und NDW. Doch immerhin tanzte er mit uns zu "We will fight back" von Blackhouse.
Rocco, ein Freund von Adi, ließ sich ebenfalls von industriellen Rhythmen mitreißen.
Eta und Wilco sind inzwischen getrennt. Saverio kam mit Edna, May und Alanna ins "Elizium". Alanna geht zur Zeit nicht zu den "Klangwerk"-Veranstaltungen, weil sie die Trennung von Mal noch nicht verkraftet hat. Sie erzählte, sie habe das Gefühl, Mal in den dreieinhalb Jahren ihrer Beziehung nie wirklich kennengelernt zu haben. Er sei wütend geworden, wenn sie versucht habe, die Hintergründe seines Wesens zu erforschen.
"Damit muß man rechnen bei jemandem, der sehr verschlossen ist", meinte ich. "Man sollte bei dem mit List und Tücke vorgehen und das mehr hintenrum machen."
"Das geht bei Mal nicht", war Alanna sicher. "Der ist zu clever. Der merkt das."
"Dann muß man eben genauso clever sein - und genauso hartnäckig."
Edna kam auf die Angelegenheit mit Karenias Freund Gordon und dem "Nachtlicht"-Türsteher zu sprechen. Ich fragte Edna ein wenig aus und erfuhr, daß es ein blonder Türsteher war, der Gordon geschlagen hat.
"Habt ihr euch denn bei Kappa beschwert?" wollte ich wissen.
"Der war nicht da", antwortete Edna. "Wir sind zu Rafa gegangen."
"Und was hat der gesagt?"
"Er ist hochgegangen, und dann hat er gesagt, er kann nichts machen. Das ist irgendwie ganz komisch im "Nachtlicht". Da haben die Türsteher mehr Macht als die DJ's."
Ich kann mich noch an den Tag erinnern, an dem das passiert sein muß. Es war der 23.09., ebenjener Tag, an dem Lennart und Karol anfingen, frech zu werden. Ich beobachtete damals, wie Edna und May zum DJ-Pult gingen. Rafa blickte gequält und stieg mit den Mädchen die Treppe hinauf. Später kam Kappa, und Rafa hatte mit ihm hinterm DJ-Pult eine heftige Auseinandersetzung. Ich sah bei Rafa wieder diesen gequälten Gesichtsausdruck. Er verteidigte Gordon und die anderen, die unter den Türstehern litten. Doch er verteidigte sie nicht so heftig, wie er später mich verteidigt hat. Für mich verstieß Rafa bewußt gegen Kappas "Regeln". Für mich setzte er seine Arbeit im "Nachtlicht" aufs Spiel, und für mich nahm er Prügel in Kauf. Für mich kämpfte Rafa so lange und so hart, bis Lennart entfernt wurde.
Es wird wohl Lennart gewesen sein, der Gordon verdroschen hat. Karenia und Gordon gehen seit diesem Vorfall nicht mehr ins "Nachtlicht". May, Edna und Alanna wollten allerdings im Laufe der Nacht noch hin. Sie überredeten Saverio, mit ihnen zu kommen. Bevor sie gingen, warnte ich Alanna vor den Türstehern; ich sagte ihr, daß sie ihr vielleicht die Tasche wegnehmen wollten. "Was ist mit meiner Tasche?" fragte sie.
"Mit deiner Tasche ist gar nichts", erwiderte ich. "Damit ist alles in Ordnung. Aber mit den Türstehern ist etwas nicht in Ordnung. Wenn die dir die Tasche wegnehmen wollen, mußt du sagen, du brauchst die zum Nachschminken, und wenn sie dich dann nicht durchlassen, mußt du sagen, Kappa hat versprochen, daß die, die ihre Tasche brauchen, die mit 'reinnehmen können. Und wenn die dich dann immer noch nicht durchlassen, mußt du jemanden 'runterschicken, der Kappa holt."
"So kompliziert ist das."
Saverio ging nicht so gerne mit ins "Nachtlicht". Er war im "Elizium" einige Zeit mit Carl beschäftigt. Die beiden pinkhaarigen "Scheinzwillinge" standen bei den Toiletten in einer Nische und führten ein Gespräch unter vier Augen. Später setzte sich Saverio neben meinem Stuhl auf den Fußboden, als ich mit Alanna und Sasa im Vorraum an einem Tisch saß. Saverio hatte meine Kassette nicht dabei, angeblich weil er dachte, "Klangwerk" sei erst heute.
Bei uns saß noch einer, der trug eine Latexhose. Saverio trug auch eine Latexhose, und die beiden tauschten Pflegetips für Latexhosen aus. Übrigens hat Saverio sogar Handschuhe aus Latex. Eta hat ein neues Kleid aus Lack. Violet möchte einen langen Rock aus Lack haben, doch es gibt bislang nur kurze Röcke aus diesem Material. Zudem soll man Lack noch nicht als Meterware bekommen.
Als Saverio mit seinen Begleiterinnen fortgegangen war, wollte Sasa von mir wissen, was es im "Nachtlicht" Neues gäbe. Ich erzählte ihr, daß die Türsteher auch nach dem Verschwinden von Lennart noch Ärger machen. Und ich erzählte ihr, daß Darryl sich nach ihr sehnt. Sasa meinte, Darryl täte ihr leid. Sie wolle keinen anderen Freund haben als den, den sie jetzt habe.
"Wie sieht es eigentlich bei dir beziehungsmäßig aus?" fragte mich Sasa. "Ich meine, ich gehe seit drei Jahren regelmäßig ins "Elizium", und ich habe dich noch nie mit einem Freund gesehen."
"Das liegt daran, daß es für mich nur genau einen gibt", antwortete ich. "Du weißt auch, wer das ist."
"Nein ..."
"Wenn mich jemand so verteidigt, dann hat das einen Grund", erklärte ich. "Wenn jemand für mich seinen Job riskiert und sich für mich schlägt, dann hat das einen Grund."
Sasa staunte:
"Eecht ...?"
"Er ist immer am Verleugnen, er ist immer am Verneinen, immer am Abstreiten", fuhr ich fort. "Und trotzdem wird das einfach immer mehr zwischen uns. Und das wissen auch immer mehr, und nach und nach wissen es eben alle. Es gibt immer wieder diese leidenschaftlichen Szenen mit Umarmen, Küssen und Streicheln. Und dann folgt die Flucht. - Weißt du, wenn sich einer vor die Türsteher hinstellt und sie anschreit:
'Das ist meine Freundin, und sie nimmt ihre Tasche jetzt mit 'rein, verdammt nochmal, basta, aus!'
- da hat er das Türlein kurz aufgemacht, aber das mußte gleich wieder zugemacht werden, und die Mauer mußte noch höher gezogen werden. Aber das Türlein war eben kurz auf, und das ist das Wesentliche."
Sasa nickte dazu. Sie erzählte, daß auch ihr jetziger Freund ihr lange nicht sagen konnte, daß er in sie verliebt ist.
"Es gibt immer wieder Jungen, die sich in mich verlieben", erzählte ich, "aber die verlieben sich nur in mich, weil sie mich nicht kennen. Wenn ich die Jungen mag, gebe ich ihnen die Möglichkeit, mich kennenzulernen, und dann begreifen sie, daß ich sowieso nicht zu ihnen gepaßt hätte. Als Freunde können sie sich aber eignen. Und so kommt es, daß ich viele männliche Freunde habe."
Sasa hat auch viele Verehrer, nur unternahm sie noch nicht den Versuch, die Verehrung in Freundschaft umzuwandeln. Sie möchte das aber bei Darryl anstreben, weil er ihr besonders wichtig ist. Sasa gestand mir, daß sie sich geschmeichelt fühlt von Darryls überschwenglicher, leidenschaftlicher Verehrung. Es ist ihr ein wenig unangenehm, sich Darryl als gewöhnlicher Mensch zu zeigen und sein Bild von der Göttin Sasa umzustürzen. Sie sieht aber ein, daß der Bildersturz notwendig ist.
Kurz vor sechs war Feierabend im "Elizium". Ein Betrunkener mit Borstenfrisur versuchte, die Innentreppe herunterzutorkeln. Ein anderer Junge stand unten und feuerte ihn an, indem er die Stufen zählte:
"Eins - zwei - drei - vier - fünf - sechs - sieben - acht!"
Derek war noch nüchtern genug, um laufen zu können, doch er war auch schon betrunken genug, um einen ausgeprägten Trotz zu entwickeln. Er stand vorm "Elizium" mit einem kindlich wirkenden Mädchen und wollte einfach nicht nach Hause. Constri war längst heimgefahren.
"Ich erschieß' dich!" drohte er und zielte auf mich mit seinem Regenschirm.
Constri rief mich um zehn Uhr morgens an, als ich gerade drei Stunden geschlafen hatte. Sie schlug Alarm, weil Derek immer noch nicht nach Hause gekommen war. Ich war wütend über die Störung. Constri beschimpfte mich als "unsensibel". Da wurde ich endgültig taub. Rikka mußte Constri beistehen und ihretwegen auf Schlaf verzichten. Derek kam um neun Uhr abends, ging aber gleich wieder und kam nach zehn Minuten endgültig nach Hause. Vorwegnehmend sagte er gleich beim Hereinkommen zu Constri:
"Es ist Schluß."
Derek erklärte dazu, er habe mit dem jungen Mädchen, zu dem er gegangen ist, zwar nicht geschlafen, aber "gekuschelt". Er ging davon aus, daß dies für Constri ein Grund sei, sich von ihm zu trennen. Voller Unruhe setzte Derek sich in sein Zimmer und fragte immer wieder vor sich hin:
"Was macht man da? Was macht man dagegen, daß sowas passiert?"
Constri sagte schließlich zu ihm, sie wolle sich nicht trennen, doch überlegen müsse man sich etwas. Ganz folgenlos könne das nicht abgehen.
Als Constri mich bat, Derek künftig im "Elizium" zu bewachen und fortzuschleifen, wenn er Ansätze zum Fremdgehen zeige, meinte ich, daß ich Bewachen für sinnlos halte. Wenn ein Mensch nicht stark genug ist, um treu zu sein, ändert eine Leine auch nichts daran.
Als ich am Freitag in die "Halle" kam, sagte ein Türsteher zu mir:
"So, deine Tasche muß ich dir leider abnehmen."
"Tja, dann bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als meine Sachen in mein Halstuch zu knoten", erwiderte ich. "Wenn diese Sitten hier auch eingeführt werden ... 'reingucken reicht euch nicht? Da ist wirklich nichts drinne."
"Nein, ist gut, kannst durchgehen", sagte der Türsteher da und ließ mich vorbei.
Ellen und Talis waren schon eher gekommen. Sie langweilten sich, denn die Musik war recht dürftig. Ellen fragte mich, ob Rafa jemanden kennen würde, der Jojo Prodnik heißt. Ich wußte davon nichts. Ellens Arbeitskollegin Scarlett hat mit diesem gewissen Jojo Prodnik am letzten Freitag auf einer Party nett geredet. Er wurde ihr jedoch bald zu aufdringlich, und als Jojo sie am Samstag im "Nachtlicht" treffen wollte, sagte sie zu, ohne das ernst zu meinen. Sie kümmerte sich in der Samstagnacht nicht um ihn. Rafa ließ Jojo Prodnik durchrufen. Jojo ging zu ihm und redete mit ihm. Dann kam Rafa vom DJ-Pult herunter und ging mit Jojo durchs "Nachtlicht". Dolf vertrat Rafa solange am DJ-Pult. Jojo steuerte an Scarlett vorbei und sagte zu Rafa:
"Die hat lange schwarze Haare."
Er hat Rafa also seine Angebetete gezeigt. Erwartete er, daß Rafa ihm in Herzensdingen behilflich war?
In der "Halle" war kaum jemand von unseren Leuten. Ich unterhielt mich ein wenig mit Terry. Terrys Freund arbeitet im "Elizium" an der Bar. Er hat das Gerücht bestätigt, daß Kappa vor allem deshalb aus dem "Elizium" fortgehen mußte, weil er unzuverlässig war. Kappa soll häufig sehr kurzfristig abgesagt haben, wenn er auflegen mußte. Meist ist Rafa für ihn eingesprungen. Das tut Rafa auch jetzt im "Nachtlicht". Im "Nachtlicht"-Programm steht neuerdings für den Donnerstag "New Wave (80er) mit Honey", für den Freitag "Gothic mit Dark Honey" und für den Samstag "Party's mit Kappa". Jetzt gibt es Rafa also zweifach - als "Honey" und als "Dark Honey". An den Samstagen ist Rafa auch oft am DJ-Pult, ohne daß das im Programm steht. Er entlastet Kappa und alle übrigen DJ's; man darf sagen, er ersetzt sie weitgehend.
Als Kappa eben von "Elizium" seinen Abschied genommen hatte, gab es eine Nacht, in der er sich sehr darüber ärgerte, daß er keinen Personalrabatt mehr bekam. Er bezahlte an der Bar zu wenig.
"Ich bin Kappa", sagte er. "Ich habe hier mal gearbeitet."
Das rührte den Barmann nicht. Da nahm Kappa Bündel von Geldscheinen aus seinem Portemonnaie und suchte zwischen ihnen nach einem Fünfmarkstück.
Terry gehört zu denjenigen, die im "Nachtlicht" ohne rechten Grund Hausverbot haben. Sie hat wie Violet geklatscht, als Kappa im "Elizium" seinen Abschied nahm. Angeblich reicht dem Kappa das nicht für ein Hausverbot. Er erteilte es Terry dennoch. Kappas Freundin Genna soll sorgsam darauf geachtet haben, daß dieses Hausverbot nicht vergessen wurde.
Valeria war in der "Halle", wieder ganz in Schwarz; sie hatte einen Trägermini an. Valeria ist vor einigen Monaten im "Nachtlicht" auch die Tasche weggenommen worden. Sie reizt das "Nachtlicht" nicht mehr besonders. Sie will bald wieder ins "Elizium" gehen.
Darryl begrüßte mich und erzählte mir, daß er die Hoffnung auf Sasa aufgegeben hat.
"Sie ist nie mehr gekommen", sagte er. "Ich glaube nicht mehr dran."
Mir fiel ein, daß Darryl ein Kind hat.
"Das ist egal", meinte er. "Die Beziehung ist vorbei."
Ich fragte Darryl, ob Lennart auch wirklich nie wieder im "Nachtlicht" Türsteher sein wird.
"Nie wieder", versprach Darryl.
"Das heißt, der darf nie wieder ins 'Nachtlicht'."
"Nur noch als Gast. Wenn er ganz vorsichtig ist."
"Warum hat er denn noch kein Hausverbot?"
"Der gehörte doch zum Personal", erklärte Darryl. "Das geht stufenweise. Erst kommt die Entlassung, dann das Hausverbot."
Darryl glaubt nicht, daß Terry ohne Schuld Hausverbot im "Nachtlicht" hat. Er kann sich nicht vorstellen, daß Kappa launenhaft und unbeherrscht handelt. Ich vermute, daß Darryl Kappas schwache Seiten verdrängt. Doch ich sage ihm das lieber nicht. Ich kann mir vorstellen, daß Darryl sein Bild vom gottgleichen Kappa unter allen Umständen erhalten will.
Als Kappa Rafas "Hit-Single" gegen Videospiele auflegte, seufzte Terrys Bekannter Lars:
"Schon wieder W.E. Also, die sind ..."
Ich meinte dazu, daß W.E eigentlich nur Rafas Projekt ist und daß die anderen Mitglieder Statistenrollen übernehmen.
Lars erzählte von einem Artikel in einer Szenezeitschrift.
"Da wird wieder versucht, die Neue Deutsche Welle nachzumachen", hieß es in der Kritik über einen Sampler. "Daß das nichts bringt, hat man schon bei W.E gesehen."
"Übrigens hat Rafa schon zweimal im 'Nachtlicht' Industrial aufgelegt, und das war hervorragend", erzählte ich. "Er kann, wenn er will. Ich sage, er will peinlich wirken. Und er schafft es auch; das finde ich so faszinierend."
"Ich verstehe nicht, daß Dolf das immer voll mitmacht."
"Ich glaube, Dolf rafft das einfach nicht. Und die Sängerin rafft das auch nicht. Die denken nur, auf der Bühne stehen, toll. Die merken nicht, wofür Rafa die benutzt. - Ich meine, es gibt da auch diese Fans, die die Band völlig gut finden. Aber die meisten sagen - würg. Bei den Konzerten - ich stehe in der ersten Reihe, mit verschränkten Armen."
"Das ist voll lustig bei den Konzerten", meinte Lars. "Da sagen die Leute dann so Sachen wie 'Tessa ist das einzige Positive in der Band' ..."
"Ich finde, Tessa ist das einzige wirklich Negative in der Band. Ich finde die einfach widerlich. Die sieht nicht nur aus wie vom letzten Strich, die ist auch vom Wesen her so. Viel zu sagen hat sie nicht, und was sie sagt, ist wie ihr Aussehen. Wenn ich sie reden höre, könnte ich ... und wenn sie singt, kann ich mir nur noch die Ohren zuhalten. Mir ist selten ein Mensch so widerlich gewesen."
Ich äußerte die Ansicht, daß es wenig Sinn hat, Musik zu machen, wenn man sie nur macht, um sich hervorzutun.
"Es ist wichtig, daß man nicht künstlerisch arbeitet, weil man damit etwas bezweckt, sondern weil einen etwas von innen dazu treibt", sagte ich.
Lars erkundigte sich, was ich selbst mache, und ich erzählte ihm, daß ich endlos viel schreiben muß, ohne daß ich dazu komme, nach dem Sinn zu forschen.
"Mein Freund macht auch ein bißchen Musik", sagte Lars und zeigt auf den Jungen, der neben ihm stand. "Er hat eine kleine Band, in der ich mitmache. Wir haben Glück; wir haben einen Sänger, der auch ein bißchen singen kann, nicht nur so 'rumkrächzen wie Rafa."
"Kann ja singen, das ist es ja", entgegnete ich. "Kann singen, krächzt aber immer nur. Nur in 'Ganz in Weiß' singt Rafa, und das gefällt mir sehr."
"Stimmt, 'Ganz in Weiß' ist ziemlich gelungen."
Lars erzählte von einem Gespräch, das er mit Kappa geführt hat:
"Der war richtig nett; das hat mich voll gewundert."
Lars vermutet, daß Kappa seine Unsicherheit mit Drogen zu übertünchen sucht. Das würde mich nicht wundern. Kappa hat Schwierigkeiten mit Kritik und Selbstkritik; er scheint das Unangenehme zu verdrängen.
Ich holte meinen silbernen Lidschatten aus der Tasche, den ich auch als Lippenstift verwende, und malte mir die Lippen nach. Als ich aufblickte, stand Lennart vor meinem Stuhl. Noch ehe ich ihm in die Augen gucken konnte, hatte er den Kopf zwischen die Schultern gezogen und die Flucht ergriffen.
"Ouuu!" rief er zu seinem Kumpel hinüber.
Ich erzählte Lars, daß ich bereit wäre, auf diesen Skinhead loszugehen, falls er Rafa etwas tun würde.
"Deswegen hat Lennart wohl Respekt vor mir", vermutete ich.
Mit seinem Kumpel hüpfte Lennart über die Tanzfläche.
"Er darf hier noch 'rein", sagte ich.
"Und das möchte er allen zeigen", ergänzte Lars.
Ich erzählte von Rafas Heldentaten, unter anderem davon, wie er den Sockenschuß besiegt hat. Lars kennt den Sockenschuß nicht; er kam erst in die lokale Szene, als der Sockenschuß bereits daraus entfernt war.
"Ich freue mich immer, wenn ich Leute treffe, die den Sockenschuß gar nicht mehr kennen", sagte ich. "Der Sockenschuß rückt mehr und mehr in die Ferne. Er gerät in Vergessenheit. Er ist unwichtig geworden."
Ende November gab es in HB. auf dem Dachboden eines ehemaligen Schlachthofs das von Ytong angekündigte Industrial-Kammerkonzert. Dort oben sah es richtig fein aus, mit neuen schwarzen Stühlen, schwarzen Vorhängen und kalkweißen Wänden. Das Konzert war gut besucht. Still und andächtig lauschte man den experimentellen Klängen von Asmus Tietchens und Ytong. Der zierliche Ciril mit schwarz gefärbtem Wuschelkopf, den ich von "Klangwerk" kenne, saß neben mir. Er reichte mir ein Informationsblatt und erklärte mir die Stücke, die aufgeführt wurden. Er grüßte mich auch von Dag und dem "Crucifiction"-DJ Sareth. Dag war verhindert. Sareth ließ mir Flyer für die nächste "Crucifiction"-Veranstaltung geben. Ich sagte Ciril, daß man bei "Crucifiction" mehr Licht machen sollte als nur das Stroboskoplicht und daß man die Anlage nicht so übersteuern sollte.
Gerrit war auch bei dem Kammerkonzert. Ich sah ihn aber nicht. Erst später im "Elizium" sagte er mir, daß er dagewesen war.
"Die Musik wurde wie Kunst behandelt und auch wie Kunst präsentiert", sagte Gerrit, und es war ihm anzumerken, daß ihm das nicht besonders geschmeckt hatte.
"Das ist vielleicht gar nicht unbedingt schlecht", entgegnete ich. "So wird die Avantgarde vielleicht endlich mal etwas ernster genommen."
Dem stimmte Gerrit zu.
Ich bedauerte, daß es im "Nachtlicht" keine Industrial-Nächte mehr geben soll.
"Wer weiß!" sagte Gerrit geheimnisvoll.
"Sag' mir unbedingt rechtzeitig bescheid!" bat ich ihn.
Den Termin will ich nicht versäumen.
Im "Elizium" brachte Xentrix viel industrielle Avantgarde, darunter "Hollow Peace" von Mortal Constraint und "Destrozaron sus Ovarios" von Esplendor Geometrico. Diese Stücke sind sehr rhythmisch und tanzbar, gleichzeitig aber so erdenfern, daß Außenstehende oft dazu sagen:
"Aber das ist doch gar keine Musik."
Ich finde in dem gleichförmigen, abstrakten Stück von Esplendor Geometrico Zugang zu vergessen geglaubten Sphären, Erinnerungen an Träume aus einer längst vergangenen Zeit. Da wird mir etwas erzählt, von dem ich noch etwas weiß, es aber erst wieder zusammensetzen muß. Das ist etwas wie eine Landschaft unter einem weiten, bleichen Himmel, da stehen Holzbarracken mit behelfsmäßigen Büroräumen, und die Tür steht offen, so daß man diese verwunschene Welt betreten kann.
Gegen drei Uhr kam Dolf mit Veronique ins "Elizium". Er unterhielt sich meistens mit Ivco. Ich hatte den Eindruck, daß Dolf mich beobachtete.
Ein Bekannter von Versicherungs-Rono erzählte mir, daß ihn soeben ein "Nachtlicht"-Türsteher beschimpft hatte - ein blonder. Das kann Karol gewesen sein. Mir wurde übel. Kaum einer von meinen Leuten will noch ins "Nachtlicht" seit all diesen Skandalen.



Am Freitag ließ mich der Türsteher ohne Weiteres ins "Nachtlicht". Es war der dunkelhaarige Türsteher, der mich auch sonst fast immer ohne ein Wort durchgelassen hat. Wir atmeten alle auf, Talis, Ellen und ich.
Rafa hatte sich sein Haar überfärbt oder gebleicht, so daß es blond aussah. Ich hoffe, daß er es nicht gebleicht hat; es wäre so schade um die schönen dunklen Haare, die ich so gerne anfasse. Die Blondierung vernichtet die Farbe und dünnt das Haar aus. Rafa trug einen Pferdeschwanz, der sehr kurz war, bedenklich kurz. Wie weit will er seine Haare noch abschneiden? Viel länger als meine sind sie schon nicht mehr. Und ich kann meine Haare gerade eben zu einem Knoten zusammenbinden.
Rafa trug seine Sehhilfe. Gefällt ihm die Brille? Findet er sie häßlich? Will er häßlich wirken? Auf mich kann Rafa nicht häßlich wirken, wie er sich auch zurechtmacht.
Rafa stand fast die ganze Nacht hinterm DJ-Pult. In meine Nähe kam er nie. Die Sängerin sah ich nicht.
Auf der Tanzfläche gibt es keine Fledermaus mehr. Dort liegen jetzt die gleichen rutschigen Stahlplatten wie in der "Halle". Entweder weiß Kappa nicht, daß ein solcher Boden schlecht zum Tanzen geeignet ist, oder er nimmt keine Rücksicht darauf. Wenigstens rutschte ich nicht aus.
Bei der ersten Klängen von dem schmutzigen "Gothic Erotic" von Umbra et Imago versammelte sich die "Nachtlicht"-Gemeinde wie gewohnt auf der Tanzfläche, doch das Stück ging ganz ungewöhnlich weiter. Jemand hatte das Stück ordentlich auf die Schippe genommen.
"Ich habe Hunger wie ein Tier, darum esse ich aus deiner - Friteuse!" brüllt der Sänger. "Bitte sei nicht böse ... bitte sei nicht böse ..."
In dem schmutzigen Original reimt sich auf "böse" etwas ganz anderes, und aus dem wird nicht gegessen, sondern getrunken, gelutscht und so weiter. Ich fand die mit weiblichem Stöhnen ummalten Verse immer abscheulich. Nun freute ich mich sehr, daß jemand auf die Idee kam, sie zu verbiegen. Ich ging von der Tanzfläche und stellte mich zu Ellen und Talis in die Ecke hinterm Rondell, um zu lachen. Ellen winkte mich her.
"Der starrt dich dauernd an!" sagte sie über Rafa. "Auch jetzt gerade!"
Thorlev war von der Art, wie Rafa auflegte, nicht sehr begeistert.
"Ich finde die Musik heute echt gut", sagte ich ehrlich.
Rafa soll gesagt haben, man könnte ihm ruhig CD's mitbringen; die würde er alle spielen. Thorlev brachte ihm vor einiger Zeit etwas von Collection d'Arnell Andrea mit. Rafa spielte das zwar, doch erst gegen Morgen, und da war das "Nachtlicht" schon fast leer. Ich kann mich daran noch erinnern. Ich empfahl Thorlev, Rafa weiterhin stetig und gleichmäßig zu bearbeiten. Diese Vorgehensweise habe auch bei Xentrix zu besten Erfolgen geführt.
"Rafa kennt kaum anspruchsvolle Sachen", vermutete Thorlev.
"Er kennt sie schon", meinte ich. "Aber er nutzt das Wissen nicht."
Gegen drei Uhr erschien Brinkus in Begleitung von U.W. und einem ruhigen Gemüt namens Philo im "Nachtlicht". Talis und Ellen gingen. Etwas später - gegen halb vier - sah ich auf einmal die Sängerin hinterm DJ-Pult stehen. Sie unterhielt sich mit Rafa und ging dann mit Siegermiene über die Tanzfläche. Ich wußte nicht, wo sie vorher gewesen war, doch nun war sie im "Nachtlicht", und das zeigte sie deutlich. Sie gab sich betont heiter. Einen Jungen umarmte sie zur Begrüßung. Dann setzte sie sich mit ihm an die runde Bar. Sie trug einen fahlroten Springbrunnenpferdeschwanz. Über ihre Zweite Haut aus Glanztrikot hatte sie ihr zerrissenes Jeansjäckchen gezogen. Rafa spielte gleich ein Gitarrenstück, und die Sängern eilte zur Tanzfläche. Mit ihren Bewegungen schien sie sagen zu wollen:
"Wer will nochmal? Wer hat noch nicht? Meine Beine sind allzeit breit!"
"Dieses Drecksweib", stöhnte ich.
Brinkus wollte gleich vermitteln.
"Nimm' doch diese rothaarige Schlampe!" riet er Philo.
Ich riet Philo ab:
"Die ist primitiv und ordinär."
"Sind wir nicht alle ordinär?" kam es von Philo.
"Ich bin nicht ordinär", erwiderte ich.
Philo findet es ordinär, wenn ich die Sängerin als "dreckige Nutte" bezeichne. Es stimmt, daß ich Sprüche von mir gebe, die nicht stubenrein sind. Doch ich sehe das im Zusammenhang mit dem Verhalten der Sängerin, vor allem mir gegenüber.
"Ob man ordinär ist, hängt vom Charakter ab", sagte ich. "Und diese Schlampe da hat einen absolut miesen Charakter."
"Was ist ein Charakter?"
"Ach, da möchte ich jetzt nicht ausschweifen", wehrte ich ab. "Da kann man stundenlang drüber reden."
"Und wir sind ja schließlich nicht zum Spaß hier", meinte Philo ironisch.
"Nein, wir sind nicht zum Spaß hier", bestätigte ich.
"Das ist alles todernst", versicherte sich Philo.
"Ja."
"Das ist alles todernst."
"Ja, das ist alles todernst", wiederholte ich.
Philo schien sich zu fragen, ob ich nicht doch meinte, was ich sagte.
U.W. schlug mir vor, ebenfalls zu tanzen.
"Ich bin nicht hier, um mit dieser Schlampe um die Wette zu tanzen", entgegnete ich. "Ich bin aus anderen Gründen hier. Ich bin hier, um zu sehen, wie es Rafa geht. Mir ist vor allem wichtig, daß er lebt und daß es ihm einigermaßen gut geht."
Rafa spielte nur noch Gitarrensachen, die der Sängerin gefallen. Ich wartete einige Stücke ab, dann entschloß ich mich zum Aufbruch. Brinkus und U.W. gingen mit mir. Als wir auf den Gehweg kamen, fistelte Brinkus:
"Ganz in Weiß ..."
Es gibt neben dem "Nachtlicht" Schaufenster, in denen Brautkleider zu sehen sind. Wie sinnig das ist ...



Samstags im "Elizium" stand Laura mit Thorlev Rees und dem "Märchenprinzen" an der Seitenwand. Der "Märchenprinz" heißt Norman und ist schon seit langer Zeit mit Thorlev befreundet.
Xentrix hielt mir die neue CD von De Fabriek hin, an der auch Mal mitgewirkt hat, und fragte mich:
"Was ist von der gut?"
"Das achte! Unbedingt!"
Das Cover der CD hatte Xentrix nicht mitgebracht.
"Hast du auch die mit dem Sandcover?" wollte er wissen. "Die sandet mir alles voll!"
"Ja, auf meinem Schreibtisch ist auch schon alles voll mit Sand."
Das sandbeklebte Cover finde ich sehr hübsch. Es ist am Rand golden. Auf die Sandschicht ist der schwarze "De Fabriek"-Schriftzug gedruckt.
Charlene trug einen fließenden langen Rock. Sie hatte dieses Mal nicht vor, zu tanzen, wegen ihrer Gelenkbeschwerden.
"Du kannst ja leider nur ganz vorsichtig tanzen", sagte ich zu ihr.
"Ja, hast du ja gesehen", sagte Charlene. "Du hast ja wieder voll abgefetzt. Das ist gemein."
"Ich bin so froh, daß ich nicht habe, was du hast."
Es stimmt mich traurig, wenn ich erlebe, daß jemand seine Gaben und Fähigkeiten nicht nutzen darf.
Derek kam allein ins "Elizium". Er redete viel mit dem kindlichen Mädchen. Ich fragte ihn, ob ich ihm dabei helfen könnte, den Weg nach Hause zu finden. Er legte mir die Hände um den Hals und tat, als wollte er mich erwürgen.
Thorlev hielt jedermann frei. Er wollte vermutlich sein Weihnachtsgeld loswerden. Als Krönung kaufte er einem Rosenverkäufer zwei ganze Sträuße ab und verteilte die Rosen an die Mädchen im "Elizium".
Valeria sagte zu mir, daß sie es nicht unbedingt falsch findet, wenn man - wie ich - keinen Freund hat.
"Es gibt für mich ja sowieso nur einen", sagte ich. "Er hat ja dauernd diese Verhältnisse mit seiner Sängerin. Ich glaube, er hat sie jetzt zum elften Mal. Und zu zehn Beziehungen gehören zehn Trennungen ... Die sollen sich fürchterlich streiten, wenn sie zusammen sind. Rafa hat auch mal versucht, mit mir zu streiten, aber da ist er aufgelaufen. Er wollte ein T-Shirt und ein Handtuch. Das T-Shirt habe ich ihm zuerst gegeben, und als er dann das Handtuch wollte, habe ich zu ihm gesagt:
'Das T-Shirt hast du ja schon.'
Und er gleich:
'Davon habe ich ja auch nichts gesagt, daß ich ein T-Shirt will. Ich habe nur gesagt, daß ich ein Handtuch will.'
So richtig streitlustig. Ich bin darauf überhaupt nicht eingegangen. Ich habe ihm nur ganz ruhig das T-Shirt gegeben, und die Sache war gegessen."
"Da wollte er dich wohl nur mal testen."
"Genau. Die Sängerin geht ja voll darauf ein, wenn er Streit anfangen will. Die rafft das einfach nicht."
"So besonders intelligent sieht die auch nicht aus."
"Ist die auch nicht. Die hat kaum was zu sagen. Da gab es mal ein Interview, und da hat die auch nur so ein paar Sätze gesagt, die waren wie abgelesen."
"Eingelernt."
"Genau, eingelernt", nickte ich. "Die kann sich nicht mit Worten äußern. Die kann das nur durch ... Hier im "Elizium" hat die ja mal versucht, mich die Treppe 'runterzuschmeißen."
"Die kann sich dann nur durch Gewalt äußern."
"Genau. Die ist so dumm ... Rafa kann mit der machen, was er will. Die ist sehr praktisch für ihn."
"Pflegeleicht."
"Pflegeleicht, genau. Rafa hat sie mal verteidigt.
'Tessa ist nett', hat er gesagt.
Da habe ich gesagt:
'Zu dir ist sie nett. Ich bin nicht nett. Ich bin nicht so pflegeleicht.'"
Valeria findet, daß Rafa Rückgrat bewiesen hat, als er mich gegen die Türsteher verteidigte.
"Der hat Rückgrat", bestätigte ich. "Der ist sehr stabil, nicht nur körperlich."
Ich erzählte Valeria davon, wie Rafa den Sockenschuß aus der Szene entfernt hat:
"Ich kann immer noch nicht begreifen, wie Rafa das geschafft hat, was fünf Jahre lang keiner geschafft hat."
"Das war rohe Gewalt", meinte Valeria. "Das verstehen die Leute."
"Du könntest recht haben. Rafa muß ihn wirklich mit einer ziemlichen Wucht gegen die Säule geknallt haben. Der Sockenschuß hat geschrien:
'Die Hetty, die popelt genauso, wie ich pople, und das provoziert mich!'
Und da muß der Rafa so wütend geworden sein, daß er den dann ..."
"Das gibt es manchmal, daß Leute die Sprache nicht verstehen."
"Wenn einem sowas angetan wird - das, was ich dabei wirklich verloren habe, waren die Zeit und die Kraft, die mich die Angriffe vom Sockenschuß gekostet haben."
"Und das kann dir keiner wiedergeben."
"Genau, das kann mir keiner wiedergeben", fühlte ich mich verstanden. "Aber wenn dann so ein Mensch kommt und einem so hilft, dann gibt das einem viel, und das gleicht das auch schon auf gewisse Art wieder aus. Das ist wie bei Opfern von Verbrechen, wo dann einer kommt und hilft, dann hat man dieses Erlebnis. Und da war es eben auch so, daß ich da auf einmal einen Menschen hatte, dem ich wirklich vertrauen kann, und das war bisher noch nie in dieser Form der Fall. Das war, als würde ein Schutzengel hinter mir stehen."
Valeria erzählte, daß Till Streit hatte mit Lego. Mit Cilly möchte Valeria nichts mehr zu tun haben. Cilly soll mit Valerias gefälschter Unterschrift Kleider im Wert von mehreren tausend Mark bestellt haben. Über Adi sagte Valeria, er würde nur gut von mir sprechen. Ich erzählte ihr, daß ich Adi zu Silvester eingeladen habe. Valeria möchte uns alle gern einmal wiedersehen, und da lud ich sie auch gleich mit ein. Das wird Derek nicht gefallen, denn er mag Valeria nicht. Ich finde jedoch, daß das sein Problem ist und nicht meins.
Xentrix spielte "08.15 to Nowhere" von Vicious Pink, "Destrozaron sus Ovarios" von Esplendor Geometrico, "Fiebertranz" von Force Dimension und ... und ... Dennoch wurde Laura gegen halb fünf sehr ungeduldig und wollte sofort ins "Nachtlicht". Ich sagte ihr, daß Xentrix noch "Herzmuskelgewebe" spielen wollte, das achte Stück von der neuen CD von De Fabriek. Für kurze Zeit ließ sie sich aufhalten. Doch sie erklärte:
"Wenn ich meinen Mantel wieder ausziehe, dann weil ich das will und nicht, weil du das willst."
Ich war mitten im Tanzen, da wurde Lauras Ungeduld grenzenlos.
"Ich gehe jetzt ins 'Nachtlicht'!" rief sie mir zu. "Ich warte nicht mehr!"
"Wenn du nicht wartest, kann ich nicht mit ins 'Nachtlicht'!" rief ich zurück.
Das war Laura egal. Sie zog davon. Als ich genug getanzt hatte, überlegte ich, ob ich nicht doch noch ins "Nachtlicht" gehen sollte. Ich wollte Rafa gerne sehen. Einen Haken gab es allerdings: Rafa konnte sehr eifersüchtig werden, wenn er die Rose sah, die Thorlev mir geschenkt hatte. Ich überlegte mir zur Sicherheit, was ich Rafa sagen konnte, falls er mich auf die Rose ansprach. Ich wollte ihn damit beruhigen, daß die anderen Mädchen im "Elizium" auch Rosen bekommen hatten.
Am frühen Sonntagmorgen liegt und läuft in den Straßen alles herum, was von der Nacht übriggeblieben ist. Als ich allein durch diesen Müllberg zum "Nachtlicht" ging, fuhren Autos langsamer, und hie und da rief es "Hallo!", oder eine undurchsichtige Gestalt hatte "nur eine Frage". Es war wie ein Computerspiel mit Hindernissen. Den Autos wich ich aus, vor dem "Hallo!"-Rufer flüchtete ich in Richtung Polizeiwache, und dem Menschen mit der "Frage" antwortete ich "Nein".
Endlich näherte ich mich dem "Nachtlicht". Dort war die Straße menschenleer. Da kam jemand mit kurzen, wütenden Schritten aus der Tür des "Nachtlicht". Es war die Sängerin. Sie war gekleidet wie am Vortag, nur ohne Pferdeschwanz. Während ich um einen Haufen Erbrochenes herumstelzte, marschierte sie zu ihrem roten BMW und schloß ihn auf.
Die Sängerin ging, ich kam. Die Tür war nur halb geöffnet. Der dunkelhaarige Türsteher stand im Eingang. Ich fragte ihn:
"Nun, ist hier noch offen?"
"Nein, nein, eigentlich nicht mehr."
"Na ja, so eben noch", deutete ich. "Ich guck' nur mal, wer da ist."
Das DJ-Pult war nicht besetzt. Ich sah keine Gäste. Ich ging am Rondell vorbei und noch weiter, bis ganz nach hinten. Eine große Säule verdeckte die Sicht auf die Polsterbank, die sich vor dem Spiegel an der Rückseite des Bühnenpodests befindet. Als ich um die Säule herumging, sah ich Laura und Rafa im angeregten Gespräch auf der Bank sitzen. Rafa hatte wieder dunkle Haare. Er trug Zopfschleifchen, Stirnband und Schutzbrille. Er hatte die kurze Jacke mit den vielen Schnallen an und darunter ein verschwenderisch geschnittenes weißes Rüschenhemd. Ich stellte meine Tasche auf den Tisch vor der Bank und legte meinen Regenschirm und die Rose daneben.
"So, jetzt haben wir aber ... ja, jetzt haben wir aber ...", sagte ich.
Und ich legte Rafa von hinten meine Arme um die Schultern. Ich lehnte mich an ihn. Ich hängte mich über ihn.
"Woher hast du die Rose?" fragte Rafa knapp und voller Argwohn.
"Hm?"
"Woher hast du die Rose?"
Jetzt konnte ich mein Sprüchlein sagen:
"Das war ein Junge, der hat an alle Mädchen im 'Elizium' Rosen verteilt."
"Bist du ein Mädchen im 'Elizium'?"
"Ja."
Rafa stand auf und war sehr in Eile.
"Moment mal, Moment mal - kannst du mich kurz mal durchlassen?" bat er. "Ich muß da noch Musik machen."
Ich streichelte ihn und kuschelte mich an ihn. Er versuchte matt, mich zu bremsen und sich meinen Umarmungen zu entwinden. Ich ließ jedoch nicht ab von ihm. Er schlüpfte zwischen mir und dem Tisch hindurch. Dabei fegte er aus Versehen die Rose herunter.
"Ja, gleich - ich laß' dich gleich", versprach ich dem fliehenden Rafa. "Ich laß' dich gleich durch. Du kannst gleich. Moment. Ich laß' dich gleich durch. Kannst ja gleich weiter Musik machen."
Rafa sah nicht, daß die Rose auf dem Boden lag. Er stellte seinen Fuß auf den Stengel.
"Wo ist die Rose?" fragte er dann und suchte mit seinen Blicken die Tischplatte ab.
"Hm?"
"Wo ist die Rose?"
"Ach, die ist irgendwo da unten", antwortete ich. "Ich glaube, du trittst da gerade drauf."
Rafa legte die Rose wieder auf den Tisch. Ich umarmte und streichelte ihn fortwährend. Ich zupfte ihn an der Jacke und am Hemd.
"Ja, ja, Moment - ich - ich muß dann mal", entschuldigte er sich hastig.
"Ja, ja, du kannst ja gleich weiter Musik machen", beruhigte ich ihn. "Ist ja gut."
Ich ließ Rafa gehen und setzte mich neben Laura, dorthin, wo er vorher gesessen hatte. Ich legte meine Mäntel ab. Laura berichtete mir, was sich ereignet hatte, bevor ich ins "Nachtlicht" kam:
Rafa stand hinterm DJ-Pult. Die Sängerin hielt sich dort ebenfalls auf. Sie rauchte. Sie schien aller Welt zeigen zu wollen, wo sie stehen durfte und wie wichtig sie war. Daria war ebenfalls im "Nachtlicht", mit Langhaarperücke und Fechtner. Sie zupfte Laura am Arm und sprach mit ihr. Laura fühlte sich durch sie beim Tanzen gestört.
Etwas später nahm Laura auf der Bank hinten auf dem Bühnenpodest Platz. Da setzte sich Rafa zu ihr.
"Hallo", begrüßte er sie. "Wo hast du denn deine schmucke Freundin gelassen?"
"Welche Freundin?"
"Na, welche wohl? Die Hetty."
"Die ist im 'Elizium' und tanzt."
"Was ist mit deinem Lee?"
"Welcher Lee? Meinst du vielleicht Fedor?"
"Ja! Genau! Der!"
Rafa scheint wirklich ein sehr schlechtes Namensgedächtnis zu haben. Den Namen von Carl vergißt er immer wieder, mit meinem hatte er schon Schwierigkeiten, und seinen eigenen schreibt er gelegentlich falsch.
"Der will mich nicht mehr", sagte Laura über Fedor.
"Das kann nicht sein", meinte Rafa.
"Doch, der hat eine andere", war Laura sicher. "Du weißt doch ... da muß nur so ein blondes Wunder kommen ..."
Sie erzählte, daß sie Fedor Briefe geschrieben hat. Erstaunt fragte Rafa:
"Du schreibst Briefe?"
"Ja - er hat mir auch schon mal geschrieben, und ich ihm auch."
Laura erinnerte Rafa daran, daß sie während der Industrial-Veranstaltung Anfang September im "Nachtlicht" einen Brief in Fedors Rucksack geschmuggelt hat. Da fiel ihm das auch wieder ein.
"Bist du denn noch in ihn verliebt?" wollte er wissen.
Laura gab Rafa darauf keine eindeutige Antwort. Er ging zurück zum DJ-Pult, um die CD zu wechseln; er versprach Laura jedoch, gleich wiederzukommen. Er spielte von Call "Love in Chains". Laura tanzte. Die Sängerin tanzte auch, doch Laura war eher als sie auf der Tanzfläche, wie sie mir stolz erzählte.
Rafa hielt sein Versprechen. Als Laura wieder auf der Bank saß, setzte er sich wieder neben sie. Er wollte ihr eine Zigarette anbieten und fragte:
"Rauchst du?"
"Na ja, mal so, mal so", antwortete sie.
"Ist auch nicht so gut", winkte er ab.
Er erzählte Laura, daß Fedor gern im "Nachtlicht" auflegen würde. Fedor hatte Kappa angesprochen. Rafa wollte von Laura wissen, ob Fedor denn gut sei.
"Der ist gut", meinte Laura. "Der gibt sich Mühe."
"Den müssen wir also nicht erst anlernen."
"Nein, den mußt du nicht anlernen. Der kann das alles schon. Ist auch gut für ihn; dann kommt mal wieder was in die Kasse."
Rafa wußte noch nichts von Fedors Beinahe-Rauswurf aus dem "ZMK". Laura erzählte ihm die Geschichte. Sie sagte auch, daß sie das "Elizium" besser findet als das "Nachtlicht".
"Im 'Elizium' läuft mehr meine Musik", erklärte sie.
"Wenn ich am Samstag im 'Nachtlicht' auflegen würde, wäre der Laden leer", meinte Rafa. "Und so - waren sechshundert Gäste da."
Während der Unterhaltung kam die Sängerin zu Rafa. Laura hatte ihre Beine auf dem Tisch liegen. Die Sängerin warf ihr eine Zigarettenkippe so dicht neben die Lackhose, daß es einen Brandfleck hätte geben können. Rafa nahm die Kippe fort und tat sie in den Aschenbecher. Die Sängerin verließ das "Nachtlicht".
"Ist sie wütend?" fragte Laura.
"Na, ja - ich habe ihr Auto kaputtgefahren", erzählte Rafa.
Laura glaubte nicht, daß er das Auto ganz zu Schrott gefahren hatte. Der Wagen stand ordentlich geparkt vorm "Nachtlicht", und das sah nicht nach einem schweren Unfall aus.
Laura fand es sehr aufmerksam von Rafa, daß er ihr von Fedors Plänen mit dem "Nachtlicht" berichtete. Vielleicht liegt Rafa etwas daran, daß Laura und Fedor sich wieder finden. Laura gestand mir, sie habe Angst vor einem Fortgang ihrer Beziehung mit Fedor, weil er sie dann wieder enttäuschen könnte.
"Das Risiko gehört dazu", meinte ich. "Das gehört dazu. Mit dem Risiko muß man leben."
"Warum H.?" fragte Laura. "Warum will Fedor nach H.?"
"Fedor will dich wiedersehen", vermutete ich. "Du kannst dann mit ihm machen, was ich mit Rafa mache - du kannst ihn regelmäßig beobachten."
Hinterm DJ-Pult sah ich jetzt niemanden mehr stehen. Rafa saß an der Hauptbar, und ihm gegenüber saß die Sängerin.
"Also hat er sie noch", ging es mir durch den Kopf.
Karol machte eine Runde durchs "Nachtlicht", um die letzten vereinzelten Gäste hinauszubitten. Er kam auch zu Laura und mir. Als ich ihm zurief, daß wir schon gehen würden, trollte er sich gleich wieder.
"Ach, ich muß doch Rafa unbedingt noch fragen wegen Fedor, wie er darauf kommt, daß Fedor im 'Nachtlicht' auflegen soll", erinnerte sich Laura. "Aber jetzt, wo die da ist, kann ich ihn ja auch nicht mehr fragen wegen Fedor."
"Nein, das kannst du auch nicht."
Laura und ich gingen nebeneinander langsam zur Treppe. Wir entdeckten, daß Rafa nicht mehr mit der Sängerin an der Hauptbar saß. Er war hinterm DJ-Pult emsig dabei, zu packen und aufzuräumen.
"Mensch, ich muß ihm doch noch Tschüß sagen", seufzte Laura. "Ich muß ihn doch noch fragen wegen Fedor."
"Ja, dann frag' ihn doch ruhig", ermunterte ich sie. "Kannst ihn ja noch fragen. Jetzt ist die Ziege ja gerade nicht da."
"Er ist so beschäftigt."
"Das ist er immer, wenn ich gehe. Das hat nichts zu sagen; das ist er immer, wenn ich gehe. Du kannst ja ruhig mit ihm reden. Ich kann nicht mit ihm reden, weil, er hat ja Redeverbot, wenn er die Zicke hat. Aber du kannst ja gern mit ihm reden."
Laura ging ans Türchen und sprach mit Rafa. Ich stand in der Nähe und beobachtete ihn. Er hatte keine Brille mehr auf. Manchmal sah er in meine Richtung, doch er sah mir nie in die Augen.
Schließlich war Laura fertig. Rafa wandte sich wieder seinen CD's zu, und ich ging mit Laura die Treppe hoch zum Ausgang.
"Es ist halt so - die wollen im 'Nachtlicht' noch jemand Neues haben", erzählte Laura.
DJ Sazar gehört nicht mehr zur Mannschaft des "Nachtlicht".
Als wir nach draußen kamen, war das Auto der Sängerin immer noch in der Haarnadelkurve vorm "Nachtlicht" geparkt. Die Sängerin stand daneben, in der Gesellschaft von zwei bulligen Kurzhaarigen. Sie schaute giftig. Laura und ich gingen leise plaudernd den Gehweg hinunter. Als wir die Treppe zur U-Bahn-Station erreichten, schrie uns einer der Kurzhaarigen etwas nach, das wir nicht verstanden.
"Siehst du, die Suppe wird noch überkochen", blickte ich in die Zukunft. "Ich sag' es, die Suppe wird überkochen. Hoffentlich tut ihm die Sängerin nichts."
Hoffentlich tut sie dem Rafa nichts ...
Er hat ihren BMW beschädigt, den teuren Wagen, den sie sich nicht selbst verdienen mußte. Ist Rafa dieser Unfall passiert, weil er die Sängerin nicht mehr erträgt?
Rafa hat mich im Juli des vergangenen Jahres gefragt, ob mir denn noch nie ein Mann Rosen geschenkt und Briefe geschrieben hätte. Jetzt ist Rafa mit beidem in Berührung gekommen, Rosen und Briefen. Ich habe eine Rose geschenkt bekommen, und Laura hat von ihrem Briefwechsel mit Fedor erzählt. Will Rafa mir insgeheim auch Rosen schenken und Briefe schreiben? Wagt er es nicht, weil es einem Eingeständnis seiner Gefühle gleichkäme?
Laura meint übrigens, daß Rafa sich nicht nur gewehrt hat, als ich ihn umarmte. Sie meint, er hätte mich auch ein wenig umarmt und gedrückt. Ich kann das manchmal schlecht beurteilen, weil ich Rafas Abwehr leichter wahrnehme als seine Zuwendung.
Am Sonntag gab es Adventskaffee bei Violet. Bertine war da mit ihrem Freund Carsten-Andreas-Daniel, genannt C.A.D. Eta war da, Marcel, Carl und ich und - als Allerjüngste - Sheena.
Ich erzählte, daß ich am Morgen noch im "Nachtlicht" war.
"Da war fast keiner mehr", sagte ich. "Nur die Leute, auf die es ankommt."
"Auf wen kommt es denn an?" wurde ich gefragt. "Sag' bloß nicht, auf Kappa."
"Kappa war nicht da. Auf den kommt es auch nicht an."
Ich erzählte von Rafas eifersüchtigem Gebaren wegen der Rose, und Bertine war entrüstet:
"Unmöglich!"
"Rafa ist doof!" hieß es immer wieder, auch von den anderen.
Sicher waren sie ein wenig erstaunt, als ich Rafa lobte wegen seines Mutes und seiner Bereitschaft, mich zu verteidigen.
Es gefällt mir, diese ungefilterten Meinungen zu hören. Außer Carl weiß von ihnen bisher keiner, daß ich Rafa liebe.
Es wurde auch über Velvet gelästert. Violet ermahnte uns, nicht zu schmutzige Wörter in den Mund zu nehmen. Die kleine Sheena sollte nicht noch mehr davon kennenlernen. Violet sagte über Velvet etwas Kindersicheres:
"Senfglas. Jeder kann sein Würstchen 'reinstecken."
"Irgendwann heißt das dann gar nicht mehr 'Bumsen'", meinte ich. "Irgendwann heißt das nur noch 'Stippen'."
Ich ahmte Velvets einladendes Verhalten nach, und da hieß es:
"Sowas! Und sowas von Hetty!"
Man ist von mir keine Zweideutigkeiten gewohnt. Ich bin nie mit einem Freund zu sehen, und vielleicht wirke ich auch unnahbar.
In den letzten Tagen habe ich Folgendes geträumt:

Ich saß vorne in einer Stadtbahn, die über freies Land fuhr. An einer Schienenkreuzung kam ein roter IC auf die Stadtbahn zu. Er hielt nicht an, ebensowenig die Stadtbahn. Die Züge rammten sich am vorderen Ende, da, wo ich saß. Die Wand der Stadtbahn zerbarst. Mir geschah nichts.

Das erinnert mich an den Angriff von Lennart gegen Rafa, wo ich dazwischengegangen bin und mir nichts passiert ist.
Im Krankenhaus - wo ich gerade mein letztes Studienjahr abdiene - gibt es auf der inneren Abteilung vor allem ältere Patienten, von denen einige verwirrt sind. Ein Herr saß im Sessel mit einem Stecktisch davor, damit er nicht herausfiel. Er trug eine große Hornbrille, deren Gläser wie zwei Mattscheiben aussahen.
"Das ist ja schon ein gewaltiger Fortschritt zu gestern", freute sich die Stationsärztin, als sie ihn in der Visite so dasitzen sah. "Gestern war ja noch kein Bild, kein Ton."
"Gorbatschow", sagte der Patient. "Gorbatschow. Gorbatschow. Warschau. Gorbatschow."
Ein anderer verwirrter Patient, der häufig draußen herumlief, bekam einen Pflasterstreifen auf den Rücken geklebt, auf dem stand sein Name und "Station 6". So konnte man ihn überall wiederfinden. Einmal ging er allerdings auch mit übergezogener Jacke nach draußen, und der Pflasterstreifen war verdeckt. Sein Schwiegersohn fand ihn schließlich, in der Nähe seiner Wohnung.
Diese seltsamen Situationen kenne ich aus der Zeit, in der ich im Krankenhaus als Nachtwache gearbeitet habe. Folter kennt das auch, von seiner Arbeit im Seniorenheim.



Am Freitagabend kam Hendrik zu Besuch. Er stammt aus dem Osten, und von ihm erfuhr ich endlich, wer Adolf Hennecke war. Hennecke galt als "Held der Arbeit", weil er in der Nachkriegszeit wie ein Besessener Kohle gefördert hat. Es gab sogar Adolf-Hennecke-Medaillen für vorbildliche Leistungen. Manch einer hätte Adolf Hennecke am liebsten den Hals gebrochen, da er durch seine Besessenheit alle Normen kaputtmachte. Von allen Arbeitern wurde verlangt, so fleißig zu sein wie Adolf Hennecke.
Als Hendrik und ich aufs "Nachtlicht" zugingen, kam uns Saverio entgegen. Er berichtete mir, es gebe keine bösen Türsteher mehr; die seien jetzt alle in Ordnung. Saverio bedauerte, daß Carl nicht mitgekommen war. Ich empfahl ihm, Carl anzurufen, wenn er weggehen wollte; dann würde der schon mitkommen. Saverio holte seine Videokamera aus einem Auto. Dann gingen wir miteinander ins "Nachtlicht". An der Tür saßen ganz brave Leute. Sie meinten, eigentlich sei es nicht erlaubt, Taschen mitzunehmen, aber - na ja. Sie hätten keine Lust, da nochmal irgendwas durchzuexerzieren.
Thorlev war im "Nachtlicht" und Steini mit seinen Leuten.
Kappa stand am DJ-Pult. Ich fand es endlich einmal hübsch, wie er sich zurechtgemacht hatte. Auf den sonst üblichen Kopfputz - Schirmmütze oder pilzförmiger Haarturm - hatte er verzichtet. Seine Haare hingen lose und gelockt herunter und waren mit etwas weißem Mascara durchzogen. Sein Gesicht war blaß geschminkt. Zuerst erkannte ich Kappa gar nicht. Darryl kam und begrüßte mich, und ihn erkannte ich ebenfalls nicht. Er hatte sich die Haare über den Ohren rasiert. Ich lobte ihn dafür, denn nun sieht er nicht mehr so unauffällig und durchschnittlich aus wie vorher. Ich suchte nach Rafa. Ich fragte Darryl, weshalb Kappa am DJ-Pult stand.
"Weil er gerade Bock und Zeit hat", war die Antwort.
"Aber am Samstag ist er doch sowieso da, nicht?" meinte ich.
"Auch nicht immer", erwiderte Darryl.
"Ach, da läßt er sich auch öfter vertreten?"
"Ja. Der hat so viel um die Ohren ..."
Laut Darryl muß Karol "bald" gehen. Er soll sich aus der Kasse bedient haben.
Darryl ist immer noch unglücklich wegen Sasa. Er bat mich um ihre Nummer. Ich sagte ihm, er könne bei mir anrufen; Carl wüßte die Nummer wohl. Wir gingen zur Bar, um einen Zettel und einen Stift zu holen. Ich schrieb Darryl meine Nummer auf. Wir unterhielten uns in dem schmalen Gang zu den Toiletten. Das war ein günstiger Ort, denn von hier aus sah ich, wo Rafa sich versteckt hatte. Er stand mit Dolf an der Bar bei den Flipperkästen. Ich beobachtete ihn aufmerksam. Rafa sah wie ein Strauchräuber aus. Er hatte sich seit bestimmt einer Woche nicht rasiert, und sein halber Pony hing ihm unordentlich in die Stirn. Geschminkt war er nicht, und eine Brille trug er auch nicht. Dafür hatte er ein Stachelhalsband um und ein schwarzes T-Shirt mit sehr kurzen Ärmeln an, auf dem ein großer Totenschädel prangte. Wegen seiner mangelhaften Rasur wollte ich Rafa das Fell gerben. Gleichzeitig wollte ich in seine nackten Arme beißen. Das war beides unmöglich, denn Rafa wagte es nie, in meine Nähe zu kommen oder mich auch nur anzusehen. Er löste Kappa alsbald hinterm DJ-Pult ab, und dort blieb er für den Rest der Zeit. Zur Gesellschaft hatte Rafa meistens seinen DJ-Kollegen Lasse. Kappa saß lange mit Darryl im Rondell. Dolf ging recht früh, und die Sängerin sah ich gar nicht. Doch das hat nicht viel zu sagen, denn ich blieb nur bis drei, und die Sängerin kommt oft erst später.
Saverio traute sich schon wieder nicht, zu filmen, obwohl Kappa es ihm erlaubt hatte. Ich frage mich, ob Saverio sich jemals trauen wird - oder ob er Jahr um Jahr regelmäßig seine Kamera umsonst mitnimmt.
Auf der Tanzfläche lag ein Stück schwarze Federboa. Wenn May da ist, liegt auf der Tanzfläche fast immer ein Stück schwarze Federboa. Sie wedelt mit ihren Armen wie ein Huhn, und dementsprechend läßt sie auch Federn.
Als die CD mit "Gothic Erotic" hakte, entschuldigte sich Rafa mit verlegenem Lachen durchs Mikrophon:
"Is' gut, ich mach's gleich noch einmal. Ist aber das Original!"
Er kramte sogar "Burning Heretics" von Apoptygma Berzerk aus seiner Kiste hervor ... und "Love is a Kind of Mystery" von den Invisible Limits.
Dieses Mal wurde es im "Nachtlicht" schon gegen halb zwei leer. Hendrik gefiel es aber. Wir gingen, als Rafa begann, ewig wiederholte "Altlasten" zu spielen.
Als ich mich umständlich in meine Mäntel gehüllt hatte und Hendrik und ich am DJ-Pult vorbei zur Treppe gingen, war Rafa wieder einmal sehr beschäftigt. Er bückte sich hinter seinem Pult bis zur Erde, und ich konnte nur durch einen Spalt neben dem Türlein ein bißchen von ihm sehen.



Am Samstag ging ich nicht zu dem Konzert von S.P.O.C.K. ins "Nachtlicht", denn ich habe diese Band oft genug gesehen. Ich wäre wohl auch nicht mehr hineingekommen; im "Elizium" erfuhr ich, daß das Konzert mehr als ausverkauft war. Viele von denen, die nicht ins "Nachtlicht" gehen konnten - oder wollten -, bevölkerten das "Elizium". So tummelte sich dort eine Schar von fein herausgeputzten Gothics. Gerrit war erschienen, der Schwarze Talon ... und Daria - ohne Ivo Fechtner. Daria saß die ganze Nacht lang wie angeklebt vor der Seitenwand. Marilene trug ein langes schwarzes Samtkleid mit spitzenumrahmtem U-Boot-Ausschnitt und Perlengürtel. Es gefiel mir sehr, doch für mich wäre es ungeeignet, weil ich mich darin nicht ausreichend bewegen könnte. Ich muß mir eine Version für mich ausdenken. Ich habe Marilene einmal sagen hören, daß sie Kostümdesignerin werden möchte. Das würde auch zu ihr passen.
Charlene durfte immer noch nicht tanzen. Eta kuschelte sich an Lolo, einen alten Freund von Cyber. Sie ist jetzt mit Lolo zusammen. Gideon entschuldigte sich bei mir dafür, daß er am letzten Samstag in die Damentoilette "eingebrochen" ist. Er sei besoffen gewesen. Ich erwiderte, mich hätte das nicht weiter gestört; im Gegenteil - ich hätte es lustig gefunden. Weil es im "Elizium" so voll war, war es auch sehr heiß. Ich fächelte mich in den Tanzpausen mühsam trocken. Adi und Jensen meinten, daß es sie wahnsinnig machen würde, dauernd zu fächeln ... und zu fächeln ...
Adis braver Freund Rocco kam dieses Mal nicht in Farbe, sondern in Schwarzweiß. Er tanzte gern und viel, auch zu Industrial.
Gegen halb fünf gingen Laura und ich ins "Nachtlicht". Auf dem Weg dorthin erzählte Laura, sie habe Daria nun nicht mehr gegrüßt, und Daria sei auch nicht auf sie zugekommen.
Über meine Tasche sagte an der "Nachtlicht"-Pforte niemand etwas. Genna brachte eben die Kasse weg, und Laura regte sich darüber auf, daß wir fast noch hätten Eintritt zahlen müssen.
Ich legte meine Sachen in die Ecke hinterm Rondell. Kappa lief in der Nähe herum.
"Das sieht völlig gut aus, deine neue Frisur", lobte ich ihn.
"Danke", sagte er mit verlegenem Lächeln.
"Die sieht echt viel besser aus als das andere."
"Muß ich mich erst noch dran gewöhnen."
"Die sieht nicht so streng aus", bestärkte ich Kappa in seiner Entscheidung für die neue Haartracht, eine Entscheidung, die in meinen Augen längst überfällig war.
Kappa setzte sich auf das niedrige Tischchen, das zwischen uns stand. Ich beugte mich über dieses Tischchen. Gelegentlich kniete ich auch darauf.
"Übrigens - eure Türsteher sind jetzt besser", lobte ich weiter.
"Ich habe auch gründlich aufgeräumt", sagte Kappa.
"Die sind jetzt regelrecht höflich", meinte ich.
Kappa lachte ein wenig. Als ich ihn fragte, ob es wahr sei, daß Karol sich aus der Kasse bedient habe, verneinte Kappa das. Über die neue Tanzfläche sagte er, die würde wohl mit der Zeit anrosten und verkratzen und dadurch weniger rutschig werden.
"Es war ja im 'Elizium' echt was los", merkte ich an zu dem heutigen Abend, "und hier war es ja wohl auch überfüllt."
"Wir mußten hundertfünfzig Leute wieder wegschicken", konnte Kappa stolz berichten. "Die Schlange ging bis 'McGlutamat'."
"Ich habe das Gefühl, seit es das 'Nachtlicht' auch noch gibt, hat sich die Szene vergrößert. Ihr gewinnt beide."
"Sag' ich ja - wir sind keine Konkurrenz fürs 'Elizium'."
"Seid ihr auch nicht."
Dicht bei Kappa standen Laura und Hoffi, ein Depeche-Mode-Fan und "Szene-Fossil". Und auf einmal war da noch einer - Rafa. Er hatte sich endlich rasiert; ansonsten sah er so aus wie in der vorigen Nacht. Ich langte über das Tischchen und fingerte nach dem T-Shirt mit dem Totenschädel. Rafa machte einen Schritt rückwärts, um meinem haschenden Arm zu entgehen.
"Oh - bist du dicker geworden?" wurde er von Laura geneckt. "Echt, in dem T-Shirt sieht das voll so aus. Wie im sechsten Monat, ey ..."
Sie tastete gleich das T-Shirt ab. Rafa kam wieder etwas näher, und ich schaffte es, an dem Totenschädel herumzukitzeln und Rafa am Hals zu streicheln. Da wollte Hoffi nicht zurückstehen und befingerte das T-Shirt ebenfalls. Während ich an Rafa spielte, redete ich mit Kappa über das Programm in der "Halle".
"Am besten finde ich immer, wenn viel EBM kommt", sagte ich. ":wumpscut: ..."
"Das weiß ich", sagte Kappa lächelnd.
"Also - spiel's!" forderte ich ihn auf. "Und dazwischen vielleicht nochmal eine Note Industrial ..."
Ich ging um den Tisch herum, der mich von Rafa trennte, und befingerte Rafa nun von der Seite. Während dieser "Angriffe" führte ich ungebremst das Gespräch mit Kappa fort. Kappa erzählte mir, daß im "Nachtlicht" wieder Industrial-Parties geplant seien, und ich unterstützte ihn darin.
"Mehr Industrial", sagte ich. "Immer mehr Industrial."
Kappa verfolgte lächelnd, wie ich zwischen ihm und Rafa hin- und herhuschte. Schließlich sagte er:
"Is' o.k., mach' man; ich muß sowieso arbeiten."
Er erhob sich und überließ mir das Feld. Da muß Rafa die Angst gepackt haben. Er rannte Kappa nach. Beide verschwanden - wahrscheinlich ins Hinterzimmer.
Laura erzählte mir, worüber Rafa mit ihr gesprochen hatte. Als sie mit Hoffi bei Kappa und mir stand, hatte Rafa das DJ-Pult verlassen und war auf sie zugestürmt.
"Morgen!" begrüßte er sie.
Dann machte sie ihre frechen Bemerkungen über sein T-Shirt und seine Figur.
"Das mit Fedor war falscher Alarm ", sagte Rafa, als Laura damit fertig war, ihn zu befummeln.
"Oh, das mußt du mir unbedingt genau erzählen", verlangte sie.
Er wollte das auch tun, doch da entfernte sich Kappa, und er flüchtete Hals über Kopf.
Die Sängerin war im "Nachtlicht" nicht zu sehen, und sie tauchte auch nicht auf.
Velvet sprach mich an; sie meinte, ich könne sie wohl überhaupt nicht ab?
"Wie kommst du darauf, daß ich dich nicht ausstehen könnte?" fragte ich.
Sie erwiderte, sie hätte eben so das Gefühl.
"Eine Chance kriegt jeder", sagte ich da.
Das freute sie.
"Ich kenne dich gar nicht, und ich weiß nicht ...", sagte sie.
"Ich kenne dich auch nicht", meinte ich, "und deshalb habe ich gar nicht das Recht, dich nicht abzukönnen."
"Eben, und wenn man sich kennt und kann sich nicht ab, hat man wenigstens einen Grund."
"Genau. Allerdings - etwas war da - die Sache mit dem Freund von meiner Schwester."
"Wer ist deine Schwester?"
"Meine Schwester ist Constri. Und ihr Freund ist Derek."
"Ach, Derek ...", sagte Velvet schwärmerisch. "In den war ich ja schon ganz lange verliebt. Und als das da war, da war er alleine im 'Elizium', und ich wußte gar nicht, daß er mit jemandem zusammen ist."
"Das stimmt, das war schlecht zu erkennen. Aber als du das zweite Mal da mit ihm ..., da wußtest du, daß er eine Freundin hat. Und sowas macht man einfach nicht; daß weißt du doch?"
"Ja, klar, das weiß ich."
"Und das hat kein Mädchen gern, wenn man mit seinem Freund ..."
"Ja, klar. Für mich ist die Sache auch abgehakt. Aber na ja ... wenn man verliebt ist, ist einem eh alles egal ..."
"Nein", widersprach ich. "Nein. Mir ist dann nicht alles egal."
"Ja, ich weiß. Ich würde auch nie einer Freundin den Freund wegnehmen", behauptete Velvet. "Das ist für mich tabu. Freundschaften zählen für mich grundsätzlich mehr als Männer. Männer überhaupt ..."
"Für mich ist die Liebe immer das wichtigste. Aber es gibt eben Regeln, die werden immer eingehalten."
Velvet war mit mir zu einer Bank in der Ecke hinterm Rondell gegangen, von der aus man die Flipperkästen beobachten konnte. Laura und ihr Begleiter setzten sich neben uns. Ich sah Rafa emsig und verbissen flippern. Hatte er mit Kappa ein anstrengendes Gespräch geführt, das er erst einmal verarbeiten mußte?
Darryl kam und fragte mich:
"Hast du sie gesehen?"
"Sasa war leider gar nicht im 'Elizium'."
"Ich hab' echt keinen Nerv mehr drauf", stöhnte Darryl.
Velvet bemerkte, daß ich wieder und wieder nach dort hinten ins Gewölbe schaute, wo Rafa stand.
"Na, wo guckst du dauernd hin?" fragte sie.
"Zum Flipperkasten."
"Unser kleiner Rafa", sagte Velvet. "Der Mann ohne Hirn."
"Oh, der hat Hirn", erwiderte ich. "Der hat eine ganze Menge Hirn."
"Weiß er aber gut zu verstecken."
"Ja, aber ich habe ihn längst durchschaut. Der hat einiges im Kopf."
"Hab' gestern erst wieder mit Rafa geflippert."
"Ja, du kannst das."
"Oh, ich hätte jetzt voll Lust, 'rüberzugehen und Rafa zu ärgern."
"Ja, dann geh' mal", ermunterte ich Velvet. "Du kannst das. Ich kann das nicht."
"Und warum kannst du das nicht?"
"Das haben wir so verabredet. Wenn er mit mir reden will, muß er kommen."
Velvet stellte sich zu Rafa. Er schien davon nicht sehr erbaut zu sein. Er flipperte verbissen weiter. Lasse spielte "Totally gone" von Blackhouse, und Laura und ich eilten zur Tanzfläche. Während wir noch tanzten, ging Rafa hinters DJ-Pult, holte einen Aluminiumkoffer und lief mit diesem zum Ausgang. Er blieb verschwunden.
Darryl setzte sich ins Rondell und aß gebrannte Mandeln. Ich nahm ihm eine Mandel weg und bedauerte, daß es auf der Tanzfläche keine Fledermaus mehr gibt.
"Die kommt bald wieder", versprach Darryl.
"He! Das ist ja toll! Und wie macht ihr sie da drauf?"
"Die wird geklebt."
"Geklebt! Mit so einem Gummizeug?"
"Vielleicht."
Am Montagabend um zwanzig vor elf rief Carl mich ans Telefon.
"Ja?" meldete ich mich.
"Na? Wie schaut's aus?" fragte jemand am anderen Ende der Leitung.
"Wer ist denn da?" wollte ich wissen.
"Jemand, dem du ... 'Nosferatu' ausgeliehen hast", war die Antwort.
"Ach", sagte ich ganz verwirrt, "hey, Mensch - hätte ich gar nicht von dir gedacht, daß du das schaffst."
"Nicht? Ich schaffe alles."
"Das hätte ich echt nicht gedacht."
"Jetzt bist du geschockt, he?"
"Ja. Ja. - Gerade habe ich wieder an dich gedacht. Ich meine, ich denke fast die ganze Zeit an dich, aber jetzt habe ich gerade wieder besonders an dich gedacht."
"Was heißt 'besonders'?"
Ich wollte Rafa nicht verraten, daß ich gerade unsere letzte Begegnung aufschrieb. Also antwortete ich:
"Ja, es ist ja so manchmal, daß dann andere Gedanken nach oben kommen, und das mit dir bleibt immer im Hintergrund stehen, und wenn die anderen Sachen weg sind, kommst du wieder hoch."
"Ja, versteh' ich schon."
"Ja, das ist wie beim Computer, wo mehrere Fenster offen sind und man eins vorne hat."
"Ja, versteh' schon, das versteh' ich schon."
"Moment, ich versuche jetzt, das Telefon mit in mein Zimmer zu nehmen."
"Is' o.k."
"Ich habe leider immer noch kein drahtloses."
Ich kämpfe mit dem Kabel. Als ich in meinem Zimmer angelangt bin, hat sich alles so verheddert, daß ich kaum noch den Hörer ans Ohr halten kann.
"Carl!" rufe ich hilfesuchend. "Was hast du mit dem Hörer gemacht?"
"Äh - nichts", sagt Carl, der in der Küche steht.
Dann habe ich es endlich geschafft - das Kabel ist entwirrt, und die Zimmertür ist geschlossen. "Na?" frage ich in den Hörer. "Bist noch da?"
"Klar."
"Und? Wie geht's?"
"Hm ... na, ganz gut", meint Rafa. "Geht so."
"Und warum geht's nur so?"
"Oh, weil ich heute den ganzen Tag verpennt habe."
"Hm, und warum hast du ihn verpennt?"
"Ach, weiß nicht. Passiert so."
"Ich habe jetzt erstmal sozusagen Zwangsurlaub nehmen müssen, weil ich erstmal krank war; ich hatte Angina, mal wieder", erzähle ich. "Das ist nur dumm, daß uns die Tage vom Urlaub abgezogen werden. Ich hoffe nur, daß die Stationsärztin mir das nicht aufschreibt. Das kann ja sein, daß sie mir das nicht aufschreibt. Im PJ gehen die Krankheitstage normalerweise vom Urlaub ab. Sonst ist das ja auch immer so, daß ich die ganze Zeit über nur ganz wenig Schlaf habe, immer nur im Schnitt fünf Stunden. Mit dem Feierabend hört der Tag für mich ja noch nicht auf. Ich gehe dann oft auch noch abends ins Institut, das Institut an der Hochschule. Und dann habe ich ja noch zu Hause immer so viel zu tun.
Im Krankenhaus fühle ich mich ja immer wie im Gefängnis. Ich meine, ich lerne da viel - und viel Wichtiges. Ich muß da jeden Tag die Patienten stechen. Ich muß die dann immer quälen. Und da habe ich dann immer diesen Ehrgeiz, alles ganz richtig und ganz toll und ganz perfekt zu machen. Und das zieht mich natürlich immer 'runter, wenn das mal nicht gleich so ganz geht.
Du hast ja auch mehrere Sachen. Du machst ja DJ, und du machst Musik."
"Ja."
"Hast du auch so viel Streß wie ich?" möchte ich wissen.
"Na, weiß ich nicht", antwortet Rafa. "Glaube ich nicht."
"Ja, in der Zeit, wo ich Nachtwachen hatte, da ging das auch noch, stimmt. Da hatte ich dann in der Woche drei Nächte, und dann war es das. Du hast ja jetzt auch mehr im 'Nachtlicht' zu tun. Du hast ja jetzt auch den Donnerstag allein und den Freitag ..."
"... und den Samstag auch."
"Ach - macht denn der Kappa dann gar nicht mehr?"
"Nein. Der hat dafür gar keine Zeit mehr."
"Stimmt, das hat mir Darryl erzählt, daß du den oft jetzt vertrittst, daß er gar nicht mehr kann, daß er so viel zu tun hat mit Organisieren und Telefonieren und so."
"Ja - eben."
"Das ist ja auch seine Aufgabe mehr; wenn er dann auch noch DJ macht, das würde ihn wohl überfordern. Was ist Kappa eigentlich genau im 'Nachtlicht'? Geschäftsführer ... oder Inhaber ..."
"Er ist Geschäftsführer."
"Ja, das habe ich mir schon gedacht, daß er das ist. Jetzt, wo Kappa so einen Umsatz macht - das S.P.O.C.K.-Konzert war ja so gut besucht - ist es nicht so, daß du dann auch mehr Geld bekommst?"
"Klar."
"Das finde ich in Ordnung. Du bist ja praktisch der DJ von dem Laden. Das ist auch angemessen, daß du dann beteiligt wirst an dem Erfolg; nicht unbedingt am Umsatz, aber daß sich das im Gehalt niederschlägt."
"Ja, ich komm' da echt ganz gut mit aus."
"Du bist echt besser geworden als DJ", lobe ich Rafa. "Du hast dich echt um Längen verbessert."
"Nicht?"
"Besonders im Sommer, als das 'Nachtlicht' eben aufgemacht hat, habe ich mich voll gewundert. Ich hatte gar nicht gedacht, daß du so gut sein kannst. Du bist echt viel besser als damals in der 'Halle'."
"Na, in der 'Halle' ... das ist eben was anderes, wenn man eine ganze Nacht macht, als wenn man nur so teilweise mal jemanden vertritt. Da kommt es dann nur drauf an, daß man sich von seiner besten Seite zeigt und spielt, was alle mögen. Aber wenn man einen ganzen Abend gestalten kann, dann kann man Konzept 'reinbringen."
"Ja, da hat man dann mehr Freiheiten. Da kann man sicherlich mehr machen. Sicher ist es so, wenn man einfach nur jemanden vertritt, daß man dann einfach nur denkt, hoffentlich halte ich den Betrieb am Laufen, hoffentlich bleiben die Leute auf der Tanzfläche. Wenn du jetzt das immer allein machst, gewinnst du mehr Souveränität und mehr Routine. Du wirst dann auch mutiger und baust auch öfter mal was dazwischen. Erstmal merkt man sich ja, zu dem Titel tanzen die Leute, und dann spiel' ich den immer wieder. Das Problem haben alle DJ's. Und außerdem ist das ja auch so, die Leute, die tanzen ja dann auch immer wieder zu den gleichen Stücken, ne."
"Ja."
"Ja, aber mit der Zeit wird sich das geben. Und jetzt sind die Türsteher auch besser. Jetzt bin ich das 'Nachtlicht' endlich mal wieder am empfehlen. Jetzt bin ich echt das 'Nachtlicht' wieder am empfehlen, seit das mit den Türstehern besser ist."
"Dank mir."
"Ja, da hast du allerdings ganz schön unheimlich was geleistet."
"Das war schon das zweite Mal", erinnert mich Rafa.
"Wann war denn das erste Mal?"
"Ich sage nur: Jochen."
"Ja, klar!" fällt mir ein. "Du hast zwei ganz unwahrscheinlich, wahnsinnig schwierige Tests bestanden, den Sockenschuß-Test und den Türsteher-Test. Das habe ich mir notiert. Was glaubst du, was ich für eine Angst davor hatte, daß du die Tests nicht bestehst. Es werden noch mehrere Tests kommen und noch schwerere. Ich weiß noch nicht genau, was für Tests, aber es kommen noch welche. Aber zwei sehr, sehr schwere Tests hast du schon bestanden." "Na ja, siehste. Ha!" lacht Rafa stolz.
"Das mit den Türstehern hat mir wirklich sehr zu schaffen gemacht", erzähle ich. "Das hat mir wochenlang zu schaffen gemacht. Und ich hatte immer diese Angst davor, daß du den Türsteher-Test vielleicht doch nicht bestehen könntest. Aber wirklich - fantastisch." "Eine Woche hat's gedauert. Da habe ich mir den Mund fusselig geredet deswegen. Aber es ist alles so gekommen, wie ich's wollte, und - gut."
"Ja, eben - das hättest auch nur du geschafft. So, wie du mich verteidigt hast, hat mich wohl in meinem Leben noch keiner verteidigt."
"Ich bin absolut nur gut", schlägt sich Rafa selbst auf die Schulter.
"Das hätte echt sonst niemand geschafft", sage ich nüchtern; sofern Rafa Lob verdient hat, soll er es auch reichlich haben. "Du hast nämlich Macht. Du hast eine unheimliche Macht."
"Aber ich bin nicht der Typ, der sie ausspielt."
"Ich meine auch nicht so sehr, daß es eine Macht ist, die du von außen bekommen hast, sondern du hast eine innere Macht. Das sind Fähigkeiten. Ja ... du bist ja auch wieder ganz schön geflüchtet jetzt am Sonntag. Da bist du auch schon wieder ganz schön geflüchtet."
"Ich wollte mich ganz locker mit dir unterhalten, und du hast dann gleich angefangen, mich zu umarmen und so."
"Ich konnte dich ja einige Wochen lang nicht anfassen, und da bildet sich bei mir halt etwas aus, das man als Nachholbedürfnis bezeichnet", erkläre ich. "Meine Sehnsucht wird halt unermeßlich. Und dann muß ich dich anfassen."
"Was du immer erzählst! Das - das ist so - aufgesetzt! So künstlich!"
"Das ist alles echt. Das ist so, wie ich es sage."
Rafa will mir nicht glauben.
"Ich habe halt dieses Nachholbedürfnis", wiederhole ich.
"Und das bringt dir was!" ruft er. "Wenn du mich nur eben so kurz anfassen kannst!"
"Ja, sicher! Ich habe so ein Nachholbedürfnis. Ich muß dich dann einfach anfassen. Ich bedaure es ja immer wieder, daß ich dich nicht fotografieren kann. Ich würde dich so gerne fotografieren, ohne Brille, und am besten sieht es aus, wenn du kein Stirnband umhast und wenn dir die Haare so ein bißchen toupiert ins Gesicht hängen, und dann hinten ein Pferdeschwanz, Schleife drin ..."
"Ja? Ja?"
"Und auch vielleicht so ... zwei Kajalstriche unter die Augen, rechts und links. So würde ich dich gerne mal fotografieren. Du hast ja manchmal die Angewohnheit, dich nicht zu rasieren. Da muß ich dann halt immer einen Moment abpassen, wo du dich mal wieder rasiert hast. Du fandest es ja immer so toll, daß ich nur 'Brlllenbilder' von dir an der Wand habe."
"Ja."
"Warum findest du das denn so gut, daß ich kein Bild habe, wo man deine Augen richtig sehen kann?"
"Ist besser."
"Warum ist das denn besser? Hm?"
"Ja, weil, dann, wenn man ein Foto hat, wo man die Augen sieht, dann wird die Beziehung noch enger", meint Rafa.
"Warum ist das denn so schlimm, wenn die Beziehung enger wird?" möchte ich wissen.
"Ja, weil ... das ... nicht gut ist", erwidert Rafa. "Wenn sie so eng ist wie jetzt, ist das schon nicht mehr gut. Und wenn sie noch enger wird, das ist dann nicht gut."
"Aber meine Beziehung zu dir ist doch schon maximal. Wie kann die denn noch enger werden?"
"Die ist maximal, hm? Du kennst mich doch gar nicht."
"Ja, weil du dich immer einmauerst. Da konnte ich dich ja gar nicht so ... kennenlernen, weil du dich immer verschanzt."
"Du machst es unmöglich", behauptet Rafa. "Mit dir kann man sich nicht normal unterhalten. Dauernd, wenn ich komme, Umarmen und Streicheln und sowas."
"Magst du es denn nicht, wenn man dich streichelt? Willst du nicht gern gestreichelt werden?"
"Ich will schon gerne gestreichelt werden."
"Und warum gefällt dir das dann nicht?"
"Die Art. Die Art ist das."
"Und? Was stört dich an der Art?" frage ich vorsichtig nach. "Was gefällt dir an der Art nicht?"
"Es ist die ganze Art, wie du mit mir umgehst. Ich renne ja auch nicht 'rum und fasse irgendwelche Leute an."
"Du bist ja auch der Einzige, den ich anfasse", stelle ich richtig. "Sonst fasse ich auch noch meine Katze an, aber die streichle ich nur mal so. Das mit dir ist was völlig anderes. Und außerdem bist du nicht irgendwer. Du bist der Mann, den ich liebe. - Ja ... wie sollen wir es denn machen? Wie hätte man es denn gerne?"
"Ja, wenn man sich mit dir nicht normal unterhalten kann - so wie jetzt am Telefon geht das ja."
"Ja?"
"Ja. Solange keine Hand aus dem Hörer kommt ..."
Ich muß lachen.
"Solange keine Hand aus dem Hörer kommt", wiederhole ich. "Ist das süß ..."
"Ja, eben. Ne?"
"Was findest du daran so schlimm?" frage ich. "Was stört dich daran so, wenn ich dich streichle? Was magst du daran nicht?"
"Ich mag es nicht, wenn es auf nichts aufbaut."
"Ja, sicher baut das auf was auf. Auf Gefühle."
"Gefühle! Oh, Mann ... Ich kenne dich nicht, und du kennst mich auch nicht."
"Ja, ich weiß, du glaubst mir meine Liebe nicht. Du wirst sie mir auch noch jahrelang nicht glauben."
"Ja, wenn Fräulein Lerag sich das so zurechtdenkt ..."
"Ja, laß' mich doch mal dich mal eine Weile streicheln, eine halbe Stunde oder so, und dann können wir normal reden."
"Ha, ha! Wie du dir das vorstellst!"
"Also, wie hättest du es gerne?"
"Geh' doch einfach ganz normal auf mich zu und sag', hallo, wie geht's."
"Aber ich kann ja gar nicht einfach so auf dich zugehen, weil du mit deinen Freundinnen herumwirfst wie mit Spielfiguren und ich nie weiß, ob du gerade eine hast. Also - was soll ich tun?"
"Du tust zu viel", findet Rafa.
"Das ist es eben - wenn jemand was von dir wissen will ...", versuche ich sein und mein Verhalten zu erklären. "Wenn man dich liebt, dann will man eben was von dir wissen. Da paßt dir wohl nicht, wenn jemand so viel von dir wissen will."
"Deine Gefühle sind so ... extrem."
"Aber das ist doch das, was du möchtest. Du möchtest doch Liebe ohne Ende, und die biete ich dir. Du hast gesagt: 'Ich brauche Liebe ohne Ende.' Das waren deine Worte."
"Du mußt doch nicht alles auf die Goldwaage legen, was ich sage", wehrt sich Rafa.
"Ja, du redest manchmal ziemlichen Unsinn", kann ich aufgrund meiner Erfahrungen bestätigen. "Aber es gibt dann halt immer wieder Sachen, die sehr echt wirken und die ich sehr ernst nehme. Ich kann das schon ganz gut unterscheiden; ich kenne dich ja schon eine Weile."
"Aber wer braucht denn das nicht, Liebe ohne Ende? Das braucht doch wohl jeder."
"Na, einige brauchen nicht unbedingt Liebe ohne Ende."
"Jeder braucht das, jeder", widerspricht Rafa lebhaft. "Zeig' mir einen Menschen, der sagt: 'Ich brauch' nicht so viel Liebe.' Echt -"
"Na, so einige sind da schon etwas bescheidener."
"Bescheidenheit ist absolut nicht gut!" entgegnet Rafa rasch. "Bescheidenheit ist absolut schlecht!" "Genau, genau, das sehe ich auch so."
"Wenn man schon auf der Welt ist, sollte man auch herausholen, was drin ist."
"Genauso sehe ich das. Siehst du, wir haben nämlich ganz schön viel gemeinsam. Wir sind beide wahnsinnig konsequent, wir sind beide wahnsinnig zäh, wir sind beide wahnsinnig kreativ, wir sind beide wahnsinnig intelligent, wir sind beide wahnsinnig ... und noch viel mehr, und wir passen nämlich ganz schön gut zusammen. Ich bin die einzige Frau, die dir gewachsen ist. Außer mir kann dir niemand was entgegensetzen."
"Und du bist auch ganz schön arrogant, hä?"
"Und du bist nicht arrogant? Du hast doch eben auch gesagt, du seist nur absolut gut und so."
"Stimmt! Eins zu null für dich!"
"Siehste!" rufe ich. "Gewonnen!"
"Vielleicht ist für mich ja auch was Devotes besser."
"Du hast schon genug Devote gehabt. Du brauchst eine, die dir was entgegensetzen kann, die mit dir fertigwerden kann."
"Das schaffst du nicht, mit mir fertigzuwerden."
"Oh, das werde ich schon packen. Das denke ich schon. Ich bin auch die Einzige, die das könnte. Ich bin die Einzige, die zu dir paßt, als Frau ... und als Freundin."
"Ja, aber da fehlt die Gegenseitigkeit. Da ist keine Gegenseitigkeit."
"Ich weiß, du sagst immer, daß du mich nicht liebst. Das wirst du auch in ein paar Jahren noch sagen. Das weiß ich schon."
"Dann wird's mal Zeit, daß du dich nach jemand anderem umsiehst", meint Rafa.
"Da gibt es keinen", sage ich überzeugt. "Du bist der einzige, der zu mir paßt."
"Du bildest dir wohl ein, alle fünf komma sechs Milliarden Menschen auf dieser Welt zu kennen."
"Das nicht. Aber das ist so spezifisch. Das paßt so genau. Außerdem - ich habe doch gefunden, was ich gesucht habe. Ich habe doch alles gefunden; was soll ich da noch mehr suchen?"
"Du hast mich doch nicht", wendet Rafa ein.
"Nein, ich habe dich nicht", gebe ich ihm recht. "Aber ich habe dich gefunden. Und das ist so viel. Vierzehn Jahre lang habe ich dich gesucht. Und das war völlig ätzend. Ich konnte nichts tun. Ich konnte nur gucken und suchen. Und jetzt kann ich was tun. Das ist schon so viel besser."
"Du kannst doch nichts an dem ändern, was ist. Das, was ist, das ist, und das mache ich so, und das mache ich, wie ich das will."
"Ich kann doch etwas tun."
"Ich tue, was ich will. Ich tue, was ich für richtig halte, und daran kannst du nichts ändern."
Rafa betont, daß ich in seinem Leben nichts durcheinanderbringen kann. Vielleicht weist das darauf hin, daß ich eben doch etwas durcheinandergebracht habe.
"Du bist der einzige Mensch, der mir wirklich gewachsen ist, der mir wirklich was entgegensetzen kann", sage ich. "Alle anderen würde ich zusammenknüllen wie Milchtüten, wie leere. Die würde ich zusammenknüllen wie Alufolie. Und du bist der einzige, den ich nicht zusammenknüllen kann, der mir wirklich was entgegensetzt. Und das ist einmalig; sowas gibt es kein zweites Mal. Das weiß ich einfach. - Man muß zwei Eigenschaften haben, um mir gewachsen zu sein. Man muß stark sein, und man muß mich begreifen. Und es gibt sonst niemanden, der so stark ist wie ich und der mich begreift. Es gibt wohl Mitmenschen, die stark sind, aber sie begreifen mich dann nicht."
"Bin ich dir nicht vielleicht doch ein bißchen zu jung?" fragt Rafa, immer noch voller Zweifel.
"Du bist der einzige Mensch, der mich wirklich begreift", entgegne ich.
"Ich begreife dich überhaupt nicht!" widerspricht Rafa.
"Immer, wenn es in unserer Beziehung sehr leidenschaftlich wurde, wenn die Gefühle sehr stark wurden, dann hast du dich genau richtig verhalten", erkläre ich. "Du hast null Fehler gemacht. Du hast genau richtig gewußt, wie du auf mich eingehst, und mich richtig zu nehmen gewußt. Immer dann war das der Fall, und es gab mehrere Situationen. Es gab eine Menge dieser Situationen. Du begreifst mich wirklich. Du kannst mir dabei helfen, das Rätsel zu lösen, das ich mir bin."
"Jetzt habe ich so viele Tests bestanden. Wann kriege ich denn mein Zeugnis?"
"Was für ein Zeugnis soll das denn sein?"
"Na ja, so ein Zettel, auf dem die ganzen Eigenschaften stehen und daneben die Noten ..."
"Ja, lauter Einser. Gut - möchtest du ein Zeugnis haben?"
"Ach, nee", winkt Rafa ab. "Das habe ich nur so gesagt, um zu beschreiben, wie du das alles so ... durchrechnest. Du verwechselst eine Beziehung mit einer Gesellenprüfung."
"Aber Prüfungen gibt es doch im ganzen Leben. Also ... wie sollten wir uns denn jetzt ... besuchen ... und wie sollten wir uns denn treffen? Wie sollten wir uns verabreden?"
"Da ich nicht solo bin, ist das im Moment ... sowieso nicht ..."
"So, so", werde ich streng. "Ich hatte dir gesagt, daß du, wenn du eine Freundin hast, Redeverbot hast, daß du mit mir nicht reden darfst. Und du wagst es, mich anzurufen?"
"Kümmer' ich mich doch nicht drum!"
"Ah, ja. Da kümmerst du dich also nicht drum."
"Ich mache das, wozu ich gerade Lust habe. Und da kannst du nichts dran ändern. Da hast du überhaupt keinen Einfluß drauf."
"Ja, du versuchst mir immer weiszumachen, daß du nichts, überhaupt nichts für mich empfindest."
"Also, wenn ich überhaupt nichts für dich empfinden würde, dann hätte ich dich jetzt nicht angerufen ... und dann wäre ich nicht mit dir mitgekommen ... und ..."
"Ja, was empfindest du denn für mich?"
"Ich meine, daß wir echt mal gute Freunde werden könnten ..."
"Ja, aber das geht nur, wenn du solo bist."
"Warum soll das nur gehen, wenn ich solo bin?"
"Ich dulde keine Frau an deiner Seite."
"Dich also auch nicht."
"Doch, nur mich."
Ich beschließe, Rafa ein wenig zu verhören.
"Wieviele Konzerte hast du eigentlich im letzten halben Jahr gegeben?" frage ich ihn.
"Weiß ich nicht."
"Na ... wieviele waren es denn so ungefähr?"
"Viele. Aber warum willst du das wissen?"
"Ich möchte dir einfach nur mal so ein paar Fragen stellen. - Wann hast du denn welche gegeben?"
"Also, einmal sind wir in der Nähe von Polen aufgetreten, in Gr.", antwortet Rafa zögernd. "Dann noch in MD. und dann ... GT."
Die genauen Daten weiß Rafa nicht mehr.
"Soll ich nachgucken?" bietet er an.
Das verlange ich nicht von ihm. Durch Fragen bekomme ich heraus, daß das Konzert in Gr. jenes Festival Anfang Juli gewesen ist, von dem ich gehört hatte. Wann das Konzert in MD. war, weiß ich ohnehin. Es hat am 30.09. stattgefunden. Von den drei Konzerten soll es das letzte gewesen sein.
"Bei welchen Konzerten war denn die Sängerin dabei?" frage ich weiter.
"Oh, nicht bei allen."
"War sie denn bei dem Konzert in Gr. dabei?"
"Nee."
"Ah ..."
Das Konzert in GT. soll Ende August stattgefunden haben, ohne Sängerin. Dann wird die Sängerin wohl in MD. dabeigewesen sein.
"Das war nämlich so", lege ich die Karten auf den Tisch, "Daria hat Laura einen Brief geschrieben, du wärst mit der Sängerin wieder zusammen."
"Wann war das?"
"Das war Anfang Juli."
"Wie kommt sie darauf, daß wir zusammen waren?"
"Ja, sie hat geschrieben: 'Ich traf die beiden in SHG.'"
"Wieso - da hat sie uns wohl beide mal in SHG. getroffen. Das heißt nicht, daß wir zusammen sind."
"Ja, das war Anfang Juli."
"Da war ich doch mit Margaretha zusammen."
"Ah, ja", sage ich und denke daran, daß mir Rafa im Juni auf keinen Fall verraten wollte, wer seine gegenwärtige Freundin war ... und Margaretha Donhausen war es. "So, so. Ich zähle nämlich."
"Was zählst du?"
"Ja, ich zähle, wie oft du mit der Sängerin zusammen bist. Ob das inzwischen das neunte oder das zehnte Mal ist, möchte ich nämlich gerne wissen."
"So, so, so. Und warum willst du das wissen?"
"Ich möchte halt wissen, ob du den Rekord brichst und über zehnmal mit ihr zusammen bist. Ich muß doch eine Verlaufskontrolle machen. Ich muß mir das doch merken. Ich beobachte dich halt genau. Ich gucke mir das an - was macht der jetzt, was macht der jetzt."
"Und was soll das für eine Bedeutung haben, wenn du das weißt?"
"Das ist, damit du mir das glaubst, wenn ich dir sage, wie oft du mit ihr zusammen warst. Wenn ich dir sage, du warst zwanzigmal mit ihr zusammen, daß du mir das dann glaubst. Deshalb merke ich mir das."
"Aber du änderst doch damit nichts."
"Ich will halt über dich das wissen, was du nicht von dir wissen möchtest. Ich interessiere mich eben auch für das, was war."
"Für mich ist nur die Gegenwart wichtig und sonst gar nichts", meint Rafa. "Der Rest interessiert mich überhaupt nicht. Der Rest ist mir egal."
"Genau. Und genau das, was dir egal ist, ist mir nicht egal. Ich kümmere mich eben darum."
"Wird vielleicht Zeit, daß du dich mal um dein eigenes Leben kümmerst."
"Ja, ich kümmere mich um dich und damit um mein Leben. Das möchte ich eben wissen. Das ist wichtig."
"Du kümmerst dich da zu viel drum", findet Rafa. "Ich meine, du solltest dich um jemand anders kümmern, der vielleicht nicht den Türsteher-Test besteht, aber der sonst auch ganz o.k. ist."
"Den Test hättest nur du bestehen können. Außer dir hätte niemand diesen Test bestehen können. Das gibt eben einfach keinen, der das sonst geschafft hätte."
"Du unterziehst mich also irgendwelchen Tests ..."
"Das sind ja keine Tests im eigentlichen Sinne. Das sind Schlüsselerlebnisse."
"Ja. Schlüsselerlebnisse."
"Und in diesen Schlüsselerlebnissen zu bestehen, ist eine Voraussetzung dafür, daß jemand für mich geeignet ist."
"Ich meine, du solltest dir mal einen suchen, wo das mehr auf Gegenseitigkeit geht."
"Ja, du möchtest damit sagen, daß du für mich nichts empfindest."
"Ich empfinde für alle Menschen was", erwidert Rafa salbungsvoll. "Auch für dich!"
"Du willst Liebe ohne Ende. Und ich liebe dich ohne Ende."
"Eine Beziehung ist für mich gar nicht so wichtig", behauptet Rafa. "Freundschaft ist mir viel wichtiger. Freundschaft ist wirklich wertvoll. Kürzlich ging's mir ziemlich schlecht, und da habe ich einfach mal Luisa angerufen; ich ruf' die nämlich öfters mal an. Und das ist voll aufbauend gewesen. Luisa ist nämlich einer meiner besten ... Kumpel."
"Kumpel" sagt er über seine ehemalige Freundin. Vielleicht will er vermeiden, daß ich auf Luisa eifersüchtig werde.
"Das hier ist aber was anderes", entgegne ich. "Ich bin nicht wie Luisa eine 'gute Freundin' von dir."
"Das ist Liebe."
"Gut, Freundesliebe."
"Freundschaft ist für mich wichtiger als ..."
"Sicher, Freundschaft ist wichtig. Aber die Liebe zwischen Mann und Frau ist eben was anderes. Es ist schon auch Freundschaft, aber es ist eben doch noch mehr. Bei mir ist es einfach so: Ich kann nicht auf dich zugehen und sagen, hallo, Rafa, wie geht's, weil ich es nicht dulden kann, daß du eine andere Frau neben dir hast. Das geht nicht. Das kann ich nicht dulden. Das kann und will und werde ich niemals dulden. Das ist monogam. Das versteht man unter einer monogamen Beziehung. Ich dulde keine Frau an deiner Seite, fertig."
"Wieso? Da kannst du doch nichts dran ändern."
"Ich habe erst kürzlich geträumt, du würdest mich leidenschaftlich küssen und umarmen."
"Ah, jetzt kommen wieder die Träume, auf die ich ja so viel gebe!" stöhnt Rafa.
"Ich weiß, du gibst darauf nicht viel, aber mich haben meine Träume immer richtig geleitet", fahre ich fort, ohne mich verunsichern zu lassen. "Das war kürzlich erst, da habe ich geträumt, du hättest mich umarmt und dich an mich gelehnt und gesagt:
'Danke schön.'
Aber du hast nicht gesagt, wofür du dich bedankst. Aber du hast dich bedankt. Du hast die Arme um mich gelegt, und dann bist du mit mir mitgekommen. Meine Träume haben mich noch nie in die Irre geleitet."
"Machst du nicht damit einen Fehler, dich immer auf deine Träume zu verlassen?"
"Sie haben mich ja noch nie belogen. Das, was sie sagten, stimmte immer."
"Ja, ja, was du immer so sagst! Oh, Mann!"
"Du kannst nämlich ganz schön eifersüchtig sein", merke ich an. "Wenn ich mit einer Rose ins 'Nachtlicht' komme, muß der Herr Rafa sofort fragen, von wem die ist. Da kann der Herr Rafa ganz schön eifersüchtig sein. Du verlangst von mir, daß ich keinen anderen habe neben dir, daß ich absolut treu bin, und du ..."
"Echt - das ist so niedlich, das ist so niedlich, das ist so unwahrscheinlich naiv, wie du mein Verhalten deutest. Ich bin eifersüchtig! Was weißt du, wie eifersüchtig ich bin? Wegen Luisa, da habe ich schon drei Türen eingeschlagen, und zwei Telefone, die waren Schrott, und ..."
"Oh!" rufe ich interessiert. "Wie war denn das genau? Erzähl' mal."
"Nee, das ... muß jetzt nicht sein", erwidert Rafa verschämt. "Da muß ich jetzt nicht drüber reden."
"Wie war das mit Luisa? Hatte sie einen anderen?"
"Es sah so aus, ja."
"So gut kenne ich dich schon, daß ich mir denken kann, wie eifersüchtig du bist. Von dem, was ich von dir schon kenne und sehe, kann ich das ableiten. Ich meine - ich will keinen anderen haben, und ich werde auch keinen anderen haben. Und wenn ich das sage, dann ist das nicht so, daß ich das glaube. Dann ist das einfach eine Tatsache, daß ich keinen anderen haben will und werde. Im Lauf der Jahre wirst du diese Erfahrung machen."
"Echt, das ist so absolut niedlich, wie du immer mein Leben durchplanst."
"Ich bin eifersüchtig. Ich bin sehr eifersüchtig. Ich bin wahnsinnig eifersüchtig. Ich dulde keine Frau außer mir an deiner Seite. Ich dulde nur mich. Ich dulde keine andere Frau. Ich bin eifersüchtig, weil ich dich liebe.
Das ist gut ... Türen eingeschlagen ... Telefone kaputtgemacht ... Das hätte ich mir von dir auch vorstellen können. Das ist wunderbar ... Das ist sehr gut."
"Es ist nichts weitergegangen", klagt Rafa. "Null. Es hat sich überhaupt nichts entwickelt. Wir sind immer noch da, wo wir vor einem Jahr waren."
"Aber es ist doch eine Menge passiert."
"Ja, es ist eine Menge passiert, aber es hat sich nichts weiterentwickelt."
"Ja, wieso, du hast doch im Sommer schon mal diesen Vorschlag gemacht, und das fandest du so gut, daß du so tust, als würde es mich nicht geben."
"Ach, vergiß' es. Das ist mir zu albern."
"Das ist dir zu albern."
"Das ist mir zu kindisch. Das ist nur ein Quatsch gewesen."
"Aber du hast das doch so gut gefunden, daß ich darauf eingegangen bin."
"Ich habe es seltsam gefunden, daß du darauf eingegangen bist."
"Warum hast du es seltsam gefunden, daß ich darauf eingegangen bin?"
"Ja, das konnte man doch nicht ernstnehmen."
"Ach, gilt also nicht mehr."
"Nein. Das ist blöd."
"Wie könnte man das denn in Zukunft machen?"
"Überleg' dir doch mal, was du tun solltest."
"Es ist die Frage, was ich tun kann. Wenn du eine Freundin hast, kann ich mit dir nicht reden. Dann kann ich nicht auf dich zugehen."
"Also, das hat damit schon mal überhaupt nichts zu tun."
"Das hat damit sehr wohl etwas zu tun. Ich dulde keine Frau neben dir außer mir."
Als ich Rafa frage, wie er unser Verhältnis denn nun gerne hätte und in welcher Art und Weise wir miteinander umgehen sollten, beschreibt er eine lockere, unverbindliche Freundschaft.
"Daß man eben einfach mal so anrufen kann, wenn man Sorgen hat", wünscht er sich.
"Das hätte ich auch gern", erwidere ich. "Ich würde dich auch gerne besuchen. Du mußt nur keine Freundin haben, dann geht das."
"Besuchen ist eh nicht drin; dann würde meine Freundin mich umbringen."
"Am nächsten Wochende bin ich übrigens auch nicht in H.", teile ich Rafa mit, hinsichtlich möglicher Verabredungen. "Am Freitag bin ich in HB. und am Samstag in Ht. auf einer Party."
Rafa ist unschlüssig, wie es im Augenblick mit uns weitergehen soll.
"Du umgibst dich mit einem Beziehungswirrwarr", deute ich.
Rafa lacht.
"Und ich versuche, da ein bißchen Ordnung 'reinzubringen", erkläre ich. "Ich merke mir halt die Sachen, die du dir nicht merken willst."
"Das! Das war zuviel!" ruft er wie jemand, der einen Schurken entlarvt hat. "Das war jetzt falsch von dir! Das war jetzt ein Fehler! Da hast du zuviel gesagt!"
Ich gehe nicht darauf ein.
"Du läßt es mich nicht merken, wenn du eine Freundin hast", sage ich.
"Ach, soll ich dir das dann immer mitteilen?" fragt Rafa höhnisch.
"Ja."
"Ja, wie soll ich dir das denn mitteilen?" lacht Rafa los.
"Ja, und deshalb kann ich ja auch nicht auf dich zugehen."
"Ich habe Angst vor deinen Gefühlen."
"Weil sie so stark sind", vermute ich.
"Stark? Ich meine nicht, daß sie stark sind", entgegnet Rafa. "Ich meine, daß sie extrem sind, krank."
"Du meinst, meine Gefühle sind krank."
"Ja."
"Ich bin aber nur konsequent. Du hast Angst vor Gefühlen, ich weiß das."
"Ich habe keine Angst vor Gefühlen!" behauptet Rafa. "Aber vor solchen Gefühlen ..."
"Du hast immer noch Angst vor mir, hm?"
"Ja."
"Du hast doch gesagt, du möchtest mich kennenlernen, so gerne. Warum möchtest du mich kennenlernen?"
"Ja, vielleicht will ich dich gerade deshalb kennenlernen."
"Du willst mich kennenlernen, weil du Angst vor mir hast."
"Ja, vielleicht."
"Was macht dir denn an meinen Gefühlen Angst?"
"Du hast einen Wahnsinns-Ehrgeiz, immer alles zu durchdenken."
"Inwiefern 'durchdenken'?"
"Du durchdenkst alles", meint Rafa. "Dir fehlt völlig die Spontaneität. Die Spontaneität ist bei dir echt - null. Da ist überhaupt gar nichts."
"Da ist also gar nichts."
"Echt, das ist doch eine Krankheit. Das ist so durchdacht ... das macht alles kaputt, was mit Liebe zu tun hat. Da hast du wohl das Wörtchen 'Liebe' gründlich mißverstanden, echt."
"Ich weiß, was Liebe ist."
"Angenommen, wir wären jetzt zusammen ..."
"Ja, was dann?"
"Dann würdest du meine Mission gefährden. Du würdest mein ganzes Leben auf den Kopf stellen, kaputtmachen."
"So, deine Mission gefährden ... Wie würde ich denn dein Leben auf den Kopf stellen? Wie würde ich denn das machen?"
"Du würdest für mich alles mit durchdenken, nicht nur dein Leben, sondern meins mit", befürchtet Rafa. "Ich meine nicht unbedingt so, daß du für mich mit planst, sondern daß du für dich alles mit durchdenkst. Damit würdest du mich umbringen. Echt."
"Ich würde dich damit umbringen."
"Du bist einfach nicht zu fassen", findet Rafa. "Du bist einfach unfaßbar."
"Oh, du schluckst mich schon", ermutige ich ihn. "Du mußt nur kräftig kauen. Du mußt nur ordentlich durchkauen, dann schluckst du mich schon. Nun kau' mal ordentlich; du wirst es schon schlucken."
"Ich kann's nicht. Ich kann's aber nicht."
"Doch, du kannst das."
"Du weißt nicht, wie du mit Gefühlen umgehen sollst", meint Rafa. "Du weißt nicht, was du damit machen sollst. Du kriegst deine Gefühle nicht in den Griff. Du richtest dich nur nach alten Rezepten, die du früher schon verwendet hast. Du willst die immer wieder verwenden, auch wenn es nicht geht."
"Und wie ist es bei dir? Machst du das nicht selber?"
Rafa verneint.
"Ich bin die Einzige, die dich in den Griff kriegen kann", sage ich. "Es gibt außer mir einfach niemanden, der dich in den Griff kriegen könnte und der für dich so viel tut."
"Was tust du denn für mich? Was gibst du mir denn? Ich war zur Stelle, als du mich gebraucht hast - besser: ich wußte, wann ich gebraucht wurde, und dann war ich zur Stelle."
"Ich würde liebend gern für dich da sein, wenn du mich brauchst. Ich würde liebend gerne immer für dich da sein. Ich möchte mit dir leben bis zum Grab. Aber das geht nicht, wenn du eine Freundin hast. Das geht nicht. Schaff' sie also ab, dann geht das alles."
"Ha! Wie du das sagst!" ruft Rafa entrüstet. "Ich soll wegen dir meine Freundin abschaffen! Ich habe mich noch nie wegen dir von einer Freundin getrennt."
"Warum möchtest du mich dann überhaupt kennenlernen?"
"Einmal, weil man an dir sowieso nicht vorbeikommt - und zweitens, weil du gefährlich bist."
"Warum kommt man denn an mir nicht vorbei?"
"Wenn da einer ist, der immer sagt, du bist mein Auserwählter, dann muß man den unter Beobachtung nehmen."
"Ah, ja ..."
"Daß ich von Zeit zu Zeit zum Beispiel dich anrufe, so, wie ich das jetzt tue, das ist wichtig, um dich zu beobachten."
"Was beobachtest du denn da zum Beispiel?"
"Zum Beispiel habe ich jetzt herausgefunden, daß du dir ... daß du alles genau notierst, wann ich mit wem zusammen bin."
"Ist das süß! Ist der süß!" rufe ich entzückt. "So, ich bin also gefährlich, und man muß mich unter Beobachtung nehmen."
"Ja."
"Was ist denn an mir so gefährlich? Was würde ich denn tun, wenn du mich nicht beobachten würdest? Was würde ich denn dann tun?"
"Du würdest hinter meinem Rücken etwas arrangieren, etwas aushecken, über das ich keine Kontrolle mehr hätte."
"Du bist so süß, das gibt's einfach nicht. Das ist so verdammt süß und niedlich, das gibt's gar nicht. - Was ist eigentlich mit deiner 'Mission' gemeint?"
Rafa weicht aus:
"Ist egal."
"Ist nicht egal."
"Da möchte ich jetzt nicht drüber reden."
"Ah ja, das möchtest du jetzt nicht sagen, ah ja."
Ich überlege, was ich Rafa noch fragen möchte. Ich komme auf seine Musik zu sprechen und darauf, daß er meistens nicht singt, sondern nur schreit oder krächzt.
"Das hört sich nämlich ganz schön grausig an", sage ich über sein Gekrächze. "Ich finde es viel schöner, wenn du das richtig singst."
"Warum? Ich singe doch immer! Nur! In 'Ich träum' von dir' ... in "Der strahlende Held' ... Auf der neuen CD ist fast nur Gesang. Auf der ersten ja auch schon."
"Ja? Jemand hat mir kürzlich erzählt, daß da fast nur gekrächzt wird."
"Nein, das ist fast alles Gesang ... Sprechgesang."
"Ja, genau. Du singst nicht richtig."
Als Nächstes spreche ich über Rafas Bühnenoutfit, bei dem Stirnband und Sonnenbrille nie fehlen dürfen.
"Das wirkt so furchtbar zugeknöpft", finde ich.
"Ja, ich fahre eben auf einer ganz anderen Schiene", kommt da von Rafa.
"Das weiß ich!" kann ich nur bestätigen. "Kappa hat so gewonnen durch die neue Frisur, die er jetzt hat. Das sieht viel offener aus."
"Sagst du!" erwidert Rafa. "Sagst du! Das sagst alles du!"
"Ja, das sieht endlich mal ernstzunehmend aus."
"Sagst du!"
"Je mehr ich von einem Menschen sehen kann, desto besser finde ich das."
"Sagst du!"
"Du hast mal gesagt, daß dir bei deinen Liedern die Botschaften sehr wichtig sind. Man kann aber von den Texten meistens kein Wort verstehen."
"Welches Lied?" fragt Rafa sogleich. "Welches Lied?"
"'Helden sterben früh' ..."
"Da konntest du kein Wort verstehen?"
"Das habe ich mal in so einem Konzert gehört, das war wohl im 'Nachtlicht', ach, nee, wohl in der 'Halle' ..."
"Im 'Nachtlicht'? Nee, da habe ich das nicht gesungen. Da kam das nicht."
"Das war wohl auch in der 'Halle'. Da habe ich mir echt Mühe gegeben beim Zuhören und konnte kein Wort verstehen. Das andere war - wie hieß das noch? Ach, ja - 'Die deutsche Jugend' oder so ähnlich. Das war so eins, das hast du im 'Nachtlicht' bei der Eröffnung gesungen, und da habe ich kein Wort verstehen können."
"Warum sollte man das verstehen können?"
"Das sind doch Botschaften, die du vermitteln möchtest."
"Die Texte stehen alle im Textheftchen."
"Also versteht man sie nur, wenn man das Textheft hat. Ich habe die CD nicht, weil du sie mir noch nicht geschenkt hast. Und so ... soll man sie also nicht verstehen können."
Rafa meint dazu, daß die Leute in der Discothek sowieso nur abtanzen wollen; wahrscheinlich sind die Texte nur für diejenigen bestimmt, die das Textheft lesen.
"Wenn du keine Freundin hast, gehöre ich dir", komme ich wieder auf unser Verhältnis zu sprechen. "Ganz und für immer."
"Ich will doch gar nicht, daß mir jemand ganz gehört", entgegnet Rafa. "Außerdem würdest du das nicht ertragen."
"Du meinst, ich würde das nicht ertragen, wenn ich dir ganz gehören würde."
"Nein."
"Warum meinst du, daß ich das nicht ertrage?"
"Das hält keiner aus."
"Ich suche durchaus nach neuen Regeln, um mit meinen Gefühlen umzugehen", nehme ich Bezug auf seinen Vorwurf, mit Gefühlen nicht umgehen zu können, weil ich mich "nur nach alten Rezepten" richte. "Und ich denke, daß ich auch mit dir umgehen kann. Ich will dir ganz gehören und will auch dich ganz haben."
"Also - entweder du weißt nicht, was du sagst, oder du weißt, was Liebe ist."
"Ja, ich weiß das", sage ich ernst. "Ich weiß, was Liebe ist. Ich weiß das. Im Lauf der Jahre wirst du diese Erfahrung machen. Du wirst die Erfahrung machen, daß ich immer bleibe, wie ich bin."
"Ja! Das ist genau der Punkt! Und da du bleibst, wie du bist, hat das mit uns auch gar keinen Sinn."
"Aber ich meine doch damit, daß meine Gefühle für dich immer die gleichen bleiben."
"Deine ... Liebe in Anführungsstrichen ..."
"Liebe. Ich liebe dich wirklich."
"Du bildest dir ein, mich zu lieben", behauptet Rafa.
"Das stimmt nicht, ich liebe dich wirklich", wiederhole ich. "Und ich traue dir eine Menge zu. Was traust du mir eigentlich zu?"
Die Antwort kommt zögernd:
"Ich weiß nicht ... nicht viel."
"Was traust du mir denn zu?"
"Ich traue dir zu, daß du alles ... durch das Durchdenken kaputtmachst - alle Gefühle", erwidert Rafa nach längerem Schweigen.
"Was traust du mir denn im Positiven zu, hm?"
Rafa denkt nach.
"Da fällt mir jetzt nichts ein", sagt er endlich.
"Gibt es denn keine positiven Eigenschaften, die ich vielleicht haben könnte?"
"Oh, ich habe ja nicht gesagt, daß du keine positiven Eigenschaften hast."
"Welche könnten denn das sein?"
"Ach, einmal so das Gefühl, daß ich, wenn ich mal nicht weiß, wo ich bleiben kann über Nacht, daß ich bei dir dann schlafen kann, daß das geht, das zu wissen, das ist einfach ... gut. Das ist schön, daß ich das weiß."
"Ja, fällt dir denn noch mehr ein?" frage ich.
"Mmh ... jetzt so ... nicht", antwortet Rafa. "Ich kenne dich auch gar nicht genug, um das sagen zu können."
"Ich traue dir auch eine Menge zu, und ich kenne dich auch nicht besser als du mich, denn wir haben uns ja beide gesehen, wenn wir uns getroffen haben."
"Ja, aber ich kann ja dann jetzt nicht sagen, das ist so und das wissen."
"Ja, klar, du möchtest immer alles bewiesen haben. Aber jemandem etwas zutrauen, das ist für mich eine Sache des Gefühls. Ich habe eben das Gefühl, daß du das alles kannst. Traust du mir denn im positiven Sinne etwas zu?"
"Eigentlich ... nicht."
"Es gibt also nichts."
"Nein."
"Da sieht man mal, was du alles verdrängst."
"Was ich alles verdränge! Ha! Was ich alles verdränge!"
"Du hättest zum Beispiel bemerken können, daß ich absolut treu bin."
"Ja, das vielleicht", gesteht Rafa mir zu.
"Also ... wenn du mit mir reden willst, mußt du erst mit der Freundin Schluß machen."
"Warum sollte ich wegen dir mit einer Freundin Schluß machen? Warum sollte ich das? Warum?"
"Du hast doch schon oft mit ihr Schluß gemacht."
"Ich habe noch nie wegen dir mit einer Freundin Schluß gemacht", behauptet Rafa. "Warum sollte ich mit Tessa wegen dir Schluß machen?"
"Vielleicht, weil du mich liebst?"
"Warum sollte ich dich lieben? Aus welchem Grund sollte ich dich denn lieben?"
"Dafür gibt es keinen Grund in dem Sinne. Liebe ist da, oder sie ist nicht da."
"Ja, aber da muß sich doch was entwickeln, da muß doch ein Grund dafür sein."
"Das ist nichts Verstandesmäßiges. Dafür gibt es keinen verstandesmäßigen Grund. Gefühle überfallen einen von hinten, beißen sich im Genick fest und lassen einen nicht mehr los."
"Aber es muß doch eine Grundlage geben. Und da ist doch keine Grundlage. Ich kenne dich nicht."
"So, wie ich dich kenne, kennst du auch mich. Wir haben uns beide in unserer Beziehung gleich gut kennenlernen können."
"Das Beste, um sich kennenzulernen, sind doch Gespräche."
"Das sehe ich absolut genauso."
"Ich meine, ein richtiges Gespräch ist das hier nicht ..."
"Ich glaube, du willst einfach nicht wahrhaben, daß ich keine andere Frau dulde als mich an deiner Seite."
"Aber wenn ich jetzt mit dir zusammen wäre, und da würde irgendwann so eine Hetty kommen, so eine Hetty zwei, und die würde jetzt behaupten, sie würde noch ... konsequenter sein und solche Sachen ..."
"Das gibt es nicht", bin ich mir sicher. "Das gibt nicht noch jemanden."
"So, und du meinst, es ist niemand konsequenter als du, und niemand ..."
"Die Kombination von Eigenschaften, die ich habe, ist einmalig. Das ist einfach eine Tatsache. Das gibt es nur einmal. Es gibt auch nur einen Menschen, der für dich so viel tut."
"Oh, Mann ... wir sind so unterschiedlich ..."
"Du kannst nicht mir mit reden und gleichzeitig eine Freundin haben", sage ich fest. "Das geht mit mir nicht."
"Ich bin mit ihr eben zusammen."
"Und du wirst dich auch wieder von ihr trennen."
"So, so. Daß du das weißt."
"Ja. Da mußt du durch. Da mußt du eben durch. Da kann ich jetzt auch nichts weiter tun."
"Wer weiß?" entgegnet Rafa in dem Tonfall eines Kartenspielers mit Trumpf in der Hand. "Wer weiß, ob ich das werde?"
"Bis jetzt ist es immer so gewesen."
"Ich weiß aber was, was du nicht weißt. Und das könnte ... dein Verhalten beeinflussen."
"Ich will sofort wissen, was das ist", sage ich streng und voller Argwohn. "Heraus mit der Sprache."
"Ich sag's aber nicht."
"Ich will es jetzt sofort wissen. Sofort."
"Nein, das sage ich nicht."
"So, so. Wenn du mir nicht sagen willst, was es ist, warum hast du dann zu mir gesagt: 'Ich weiß etwas, was du nicht weißt'?"
"Ich wollte dich neugierig machen."
"Ich finde, es ist nicht in Ordnung, daß du mich neugierig machst und es mir dann nicht sagst."
"Ja, ich will's dir aber nicht sagen."
"Was empfindest du dabei, wenn du mich neugierig machst? Lust? Warum machst du das?"
"Ja, weil ich denke, daß das dein Verhalten ... beeinflussen könnte."
"Mein Verhalten in welcher Hinsicht?"
"Ja, deine ... Konsequenz, wie du es nennst."
"Also, jetzt will ich's sofort wissen", verlange ich. "Was ist das? Was sagst du mir nicht?"
Er will damit um keinen Preis herausrücken.
"Also, willst du diese Ziege etwa heiraten?" frage ich schließlich.
"Da bist du aber schon ... ganz schön nah dran", entgegnet Rafa.
"Also, wenn du diese Person heiratest ..."
"Was dann?"
"Dann bekommst du Redeverbot bis zu dem Tag, an dem die Scheidung läuft, und du darfst kein Wort mit mir reden!" drohe ich, und meine Stimme klingt so hell und zornig wie damals, als ich den Türsteher Lennart angeschrien habe.
"Ha! Ha!" lacht Rafa.
"Erst wenn die Scheidung läuft, darfst du wieder mit mir reden, keinen Tag eher", wiederhole ich. "So, was ist? Jetzt will ich nur noch hören: Ja oder nein. Willst du diese Person heiraten?" "Ich werde Tessa nicht heiraten", sagt Rafa endlich.
"Ah ja, schon mal das", zeige ich Erleichterung.
"Was macht das für einen Unterschied, ob ich jemanden heirate oder nur mit jemandem zusammen bin?" fragt Rafa.
"Wenn man jemanden heiratet, geht das nicht mehr so leicht auseinander", erwidere ich. "Wenn man mit jemandem zusammen ist, kann man sich eben so mal trennen. Wenn man verheiratet ist, ist das viel schwieriger, mit der Scheidung und so weiter, das ist alles viel schwieriger."
"Ah, ja. Spekulierst du auf dieses Hin und Her?"
"Ja, das ist ja ein Hin und Her. Das geht ja immer nur hin und her."
"Du rechnest also mit diesem Hin und Her. Du rechnest also damit, daß das immer hin und her geht."
"Ja, was soll ich denn sonst machen? Es bleibt mir doch nichts anderes übrig. Also ... was ist das jetzt, was du weißt und was ich nicht weiß?"
"Ja, können wir uns da dann eventuell morgen weiter drüber unterhalten?"
"Möchtest du mich denn wieder anrufen?"
"Ja, oder du rufst mich an", meint Rafa. "Das ist egal."
"Wollen wir es so machen, möchtest du, daß ich dich anrufe?"
"Ja, ruf' mich mal an."
"Ja,wann denn?"
"Ist egal. Ist egal."
"Sag' mir doch mal ein Zeitintervall, in dem du auch da bist."
"Ja, ja, ist egal", sagt Rafa ungeduldig. "Wenn ich nicht da bin, mußt du es eben nochmal versuchen."
"Ja, wer ruft denn nun wen an?"
"Ist egal."
"Gut, dann müssen wir halt irgendwie miteinander telefonieren", seufze ich und füge noch rasch in einem strengen, sehr wütenden Tonfall hinzu:
"Aber vergiß' nicht - ich dulde keine Frau an deiner Seite außer mir, punktum. Keine Frau außer mir. Sonst ist wirklich - sonst ist wirklich die Hölle los."
"Ah - ja?"
Rafa wirkt belustigt.
"Jawohl", sage ich unbeirrt. "Dann gibt's Saures. Dann gibt's wirklich Rambazamba."
"Ist ja schön, mit solchen Worten ein langes Telefongespräch zu beenden."
"Ja, dann gibt's wirklich Rambazamba."
"O.k. Ciao!"
"Ciao."
Wahrscheinlich ist ein Kind unterwegs. Viele Frauen versuchen, einen Mann durch ein Kind an sich zu binden. Wenn eine Beziehung jedoch nur durch ein Kind zusammengehalten wird, bricht sie leicht. Was mich wirklich stört an der Sache, ist, daß das Kind selbst unwiderruflich an Rafa gebunden ist. Mein Leben lang wird mich die Sängerin verfolgen - über das Kind. Mein Leben lang werde ich vor ihr keine Ruhe mehr haben. Es ist ein Alptraum ohne Ende. Es ist ein Zustand der Ausweglosigkeit.
Darryl hat ein Kind, Derek hat ein Kind, und beide sind sie mit den Müttern dieser Kinder nicht mehr zusammen. Auch Rafa muß nicht unbedingt bei der Sängerin bleiben. Doch fällt für immer ein Schatten über meine Beziehung zu ihm, und nie wird er sich von seiner Schuld an mir ganz reinigen können.
Auch wenn Rafa noch nicht gestanden hat - ich hege nicht den leistesten Zweifel mehr daran, daß die Sängerin für Nachwuchs gesorgt hat. Ich könnte mir gar nichts anderes vorstellen. Ich habe nicht genug Tränen, um über das Entsetzliche zu trauern. Und ich habe nicht genug Zeit zum Weinen. Ich mag gar nicht zur Arbeit gehen. Ich will mich zurückziehen und mich der Trauer überlassen.
Wie soll Rafa diese Prüfung bestehen? Hier geht es nicht gegen einen seiner Bekannten - wie beim Sockenschuß. Hier geht es nicht gegen einen seiner Kollegen - wie bei dem Türsteher Lennart. Hier geht es gegen seine Freundin, sein Machtmittel gegen mich. Rafa muß die Sängerin entfernen. Er muß einen Teil seiner Schutzmauer entfernen. Er muß sich mir ausliefern, wenn er mir helfen will. Er muß sich mir und seiner Angst stellen. Er muß etwas tun, gegen das er sich zäh und heftig sträubt. Er muß sich überwinden. Er muß unbarmherzige Härte zeigen sich selbst gegenüber.
Und nicht nur die Sängerin ... auch ihr Kind - sein Kind - muß er verlassen. Dabei sehnt er sich so danach, zu erziehen und zu belehren. Er will der Menschheit etwas schenken. Kinder sind ihm wichtig. Und von seinem eigenen Kind muß er sich trennen. Wie soll Rafa ein solches Opfer bringen können?
Nichts anderes aber kann mir helfen. Und weil ich nicht darauf hoffen kann, daß Rafa diese bislang schwerste aller Prüfungen besteht, trauere ich.
Mir ist ein Spruch eingefallen:
"Wenn du gehst
- nur ein Augenblick.
Doch mit dir geht
- mein Leben."
Dieser Spruch gehört wohl zu dem, was Rafa als "lächerlich", "künstlich" und "aufgesetzt" bezeichnet. Er hat es nicht gern, wenn ich von meiner unbedingten Liebe zu ihm rede. Er glaubt anscheinend nicht daran, daß es die große Leidenschaft gibt; er hält sie für eine krankhafte Phantasie.
Nach meinem jetzigen Wissensstand dauerte das achte Verhältnis von Rafa und der Sängerin bis Pfingsten, und das neunte begann kurz vor dem Buß- und Bettag. Es ist aber auch möglich, daß Rafa mit der Sängerin um den 30.09. herum zum neunten Mal zusammengewesen ist und sie mit nach MD. genommen hat. Dann wäre er jetzt zum zehnten Mal mit ihr zusammen.
Erst war der Gedanke an die Möglichkeit, daß die Sängerin von Rafa ein Kind haben könnte, nur lose wie Sand und Zement. Doch schnell wurde er zu einer Betonmauer, die aushärtet, eine Mauer, gegen die ich vergebens anrenne.
Ich merke mir nicht nur, was Rafa sich nicht merken will. Ich merke auch, was er nicht merken will. Ich fühle Leid, und ich fühle Liebe. Ich nehme Rafa Gefühle ab und stelle sie ihm vor. Vielleicht ekelt sich Rafa vor der Sängerin nur deshalb nicht, weil ich mich an seiner Statt vor ihr ekle. Vielleicht genießt er es im Stillen, wenn ich über die Sängerin herziehe. Ich tue etwas, das er sich nicht erlaubt.
Rafa soll lernen, daß man nicht untergehen muß, nur weil man sich Gefühle leistet.
Mit dem Anruf hat er einen Schritt auf mich zu gemacht, den ich nicht unterschätzen möchte. Es ist das erste Mal, daß Rafa mich von sich aus angerufen hat, ohne Verabredung.
Als Carl vorhin den Hörer abgenommen hat, meldete sich Rafa nicht mit seinem Namen, und Carl erkannte ihn nicht.
"Ja? Ist Hetty da?" sagte Rafa nur.
"Moment", sagte Carl und holte mich.
Das Telefongespräch dauerte etwas länger als eine Stunde, bis kurz vor Mitternacht.
Am Dienstagnachmittag rief ich bei Rafa an, um mit ihm das Gespräch fortzusetzen. Um vier Uhr meldete sich niemand. Als ich es eine gute Stunde später erneut versuchte, nahm Rafa ab.
"Ja, bitte?" sagte er, und das klang sehr eilig.
"Ja? Rafa?"
"Ja?"
"Ich bin's", sagte ich. "Ich wollte dich doch nochmal anrufen. Oder du wolltest mich nochmal anrufen. Wir wollten jedenfalls nochmal telefonieren."
"Ja, em ... kannst mich ... vielleicht ... nachher nochmal anrufen - oder ich ruf' dich nochmal an. Ich hab' nämlich im Moment keine Zeit."
"Wann möchtest du denn ungefähr nochmal anrufen?"
"Jaa ... äh ... weiß ich jetzt nicht."
"Ja, wann denn so ungefähr?"
"Ja, sagen wir mal so ... um zehn. O.k.?"
"Ja, o.k."
"O.k. Tschüß."
Damit legte er auf. Er rief nicht noch einmal an. Ich hatte mir das schon fast gedacht. Es muß Rafa sehr viel Mut und Überwindung gekostet haben, mich am Montag ganz von sich aus anzurufen. Und dieser Mut wird fürs Erste erschöpft gewesen sein.
Am Mittwoch erwischte ich Rafa gleich um vier Uhr nachmittags.
"Ja?" meldete er sich.
"Ja, ich bin's."
"Ja?"
"Ja. Wolltest du gestern nicht mehr anrufen um zehn?"
"Naa ... bin ... gestern ... zu spät nach Hause gekommen", entschuldigte sich Rafa. "Wär' ... wohl nicht mehr so gut gewesen um drei oder so."
"Nein, das wär' wohl nicht mehr so gut gewesen. O.k. Nun. Erzähl'."
"Was soll ich erzählen?"
"Was du mir verschwiegen hattest bei unserem letzten Gespräch."
"Das will ich dir vielleicht aber gar nicht erzählen."
"Ich möchte es aber wissen. Unbedingt. Das ist wichtig."
"Ja, em - außerdem ... habe ich jetzt ... im Moment ... null Zeit."
"Dann erzähl' es mir doch einfach in Kurzform."
"Na ja, aber ... ich möchte das jetzt nicht erzählen. Können wir uns darüber vielleicht ... äh ... später nochmal unterhalten? Ich ruf' dich nachher nochmal an; ist das o.k.?"
Spricht's und will schon den Hörer auflegen.
"Da ist aber noch etwas", bremse ich Rafa. "Ich muß dir sagen, ich habe heute abend eine Weihnachtsfeier von Station 6 in einem Hotel, und ..."
"O.k., da rufe ich dich morgen nochmal an."
"Gut, dann sag' mir aber bitte ein Zeitintervall, damit ich mich darauf einstellen kann."
"Nee, ich - möcht' das jetzt nicht so verplanen. Ich verplane das nicht. Stell' dich einfach darauf ein, daß ich morgen anrufe."
"O.k., dann ... ich meine, du mußt ja morgen abend auflegen, und da kannst du mich ja nicht allzu spät anrufen, ne?"
"Was - was muß ich?"
"Du mußt doch morgen im 'Nachtlicht' auflegen. Da kannst du mich ja nicht allzu spät anrufen."
"Ja, em - muß ich mal sehen. Ich - ich ruf' dich jedenfalls morgen an. O.k.?"
"Gut. Ah, ja. Dann machen wir das mal."
"O.k."
"Tschüß."
Wieder hat Rafa die Fortsetzung unseres Gesprächs verschoben. Seine Beichte steht immer noch aus, und diese Beichte muß ihm sehr unangenehm sein.
Auf der Weihnachtsfeier verteilte die Nachtschwester lauter selbstgemachte Märchenhäuschen an die Gäste. Ein Butterkeks bildete die Bodenplatte, und zwei Butterkekshälften waren darauf als Dach gegeneinandergelehnt. Vor diesem kleinen "Häuschen" standen zwei Gummibären als Pärchen. Alles war mit Zuckerguß aneinandergefügt.
"Das ist das immaterielle Glück vor dem materiellen", sagte ich, als ich die Häuschen betrachtete. "Die Bärchen sind das immaterielle Glück, und das Häuschen ist das materielle. Das immaterielle Glück kann man nicht kaufen, und das materielle kann man nicht bezahlen."
Ich trug mein Häuschen vorsichtig nach Hause und dachte daran, wie unerreichbar ein solches Idyll für mich ist. Umso wertvoller war für mich dieses kleine Kekshäuschen, ein Sinnbild für meine unerfüllte Sehnsucht.
Am Donnerstag hörte ich nichts von Rafa, entgegen seinem Versprechen.
Am Freitag war ich in HB. zum Spaghettiessen bei Dag. Danach gingen wir zu "Crucifiction". Es lief viel Avantgarde, darunter das düstere, getragene "Sacrosancts bleed" von In Slaughter Natives und "Funeral Dinner" von :wumpscut:, das ein orientalisches Klangmuster hat.
Ich erzählte Dag von einem Mädchen, das mir schon mehrfach durch rücksichtsloses Tanzen aufgefallen ist. Dag meinte, daß er es aufgrund seiner Beziehungen zu DJ Sareth schon schaffen werde, solche Rempler zu entfernen. Sareth ist übrigens der, der mir in MS. von dem explosiven Aldiwein "Rebenschoppen" erzählt hat.
Das Mädchen, das andere Leute beim Tanzen anrempelt, ist groß und sehr schlank, aber muskulös. Das Mädchen trug Leggins und lange Haare wie die Sängerin und erinnerte auch in seinen Bewegungen an die Sängerin. Es tanzte mir dauernd in die Bahn und behinderte und störte mich. Als es mich nicht wegdrängeln konnte, stieß es mich sogar recht grob von der Seite an. Schließlich war das Stück zuende, und ich ging von der Tanzfläche. Das Mädchen verfolgte mich, blies mir Zigarettenrauch ins Genick und stieß mich im Vorbeigehen noch einmal an. Ich holte mir Dag und wollte ihm das Mädchen zeigen, doch da war es eben zur Tür hinausgeeilt. Dag blieb in meiner Nähe und paßte auf. Bald ging das Mädchen wieder an mir vorbei und rempelte mich an, gleich zweimal, beim Hin- und Hergehen. Ich war mir nicht sicher, ob es wirklich dieses Mädchen war, und Dag meinte, das könne es auf keinen Fall sein, denn das sei seine ehemalige Freundin Dara, und die würde so etwas nicht machen.
"Die macht sowas nicht" - diesen Satz hat auch Revco einst über die Sängerin gesagt, als ich ihm erzählte, daß sie mir angedroht hatte, mich zusammenzuschlagen.
In der Regel erfahren nur die auserwählten Opfer, wie gefährlich gewisse Mädchen sind. Die Mehrheit hält sie für harmlos.
Längere Zeit konnte ich bei "Crucifiction" unbehelligt weitertanzen. Gegen halb zwei berichtete mir Dag, er habe Dara im volltrunkenen Zustand draußen in der Kälte gefunden und hinein ins Warme getragen. Bald erschien das aggressive Mädchen wieder auf der Tanzfläche - neben mir. Ich rief Dag her und sagte ihm, dies sei das Mädchen. Er stellte sich selbst neben die Remplerin und schob mich vorwärts, so daß ich ihm gegenüber tanzte. Nach dem Stück nahm er mich mit nach draußen und fragte mich noch einmal, ob ich wirklich sicher sei, daß es sich um jenes Mädchen handelte.
"Ja, ich bin mir sicher", antwortete ich. "Absolut."
Dag erklärte, das Mädchen gehöre zu den wenigen Leuten, die er nicht aus dem Schlachthof entfernen könne. Es sei Dara.
"Das macht die nur bei dir", sagte Dag über Daras Angriffe.
Dara soll sonst "völlig lieb" sein, so "lieb", wie Daria die Sängerin beschrieben hat. Aber auf mich soll Dara eifersüchtig sein, so "furchtbar eifersüchtig", wie Rafa die Sängerin beschrieben hat. Dag warb um Verständnis für Dara, wie auch Rafa um Verständnis für die Sängerin warb.
"Zwischen dir und mir ist nichts, und da wird auch nie was sein", sagte ich zu Dag. "Außerdem rechtfertigt nichts ein so unverschämtes, asoziales Verhalten. Ich habe der nichts getan. Ich weiß von nichts. Und wenn die das noch einmal macht, gehe ich nie wieder auf eine 'Crucifiction'-Veranstaltung. Ich habe einfach keine Lust mehr auf sowas."
Dag versprach, Dara ins Gebet zu nehmen. Lenni und die anderen wollten heimfahren. Ich schloß mich an.
"Ich fühle mich hier überhaupt nicht mehr wohl", erklärte ich Dag meinen Aufbruch. "Und außerdem will ich nicht riskieren, hier noch zusammengeschlagen zu werden."
"Das erste ist verständlich", meinte Dag. "Das zweite ist Unsinn."
Ich hoffe, daß Dag bis zur nächsten "Crucifiction"-Veranstaltung für Ordnung gesorgt hat. Ich halte Dara nach wie vor für gefährlich.
Am Samstagnachmittag fuhren Constri, Carl und ich nach Ht. zu Teds Geburtstagsfeier. Als der Zug an SHG. vorbeikam, erzählte ich, daß dort der Friedhof gleich neben dem Krankenhaus liegt.
"Das ist wie der Mülleimer unterm Tisch", fand Carl.
In Ht. entdeckten wir bunte Plakate, auf denen ein grinsender Ted ankündigte, daß er "zum 3. Mal zehn" wurde. Die Plakate hingen in der Fußgängerzone, wo jeder sie sehen konnte, und sie hingen auch bei Ted im Hausflur und im Fahrstuhl. Das war ein Geburtstagsstreich von Teds Nachbarn.
Im Partykeller gab es kühles Licht, blaues und grünes. Der Bodenbelag ist aus rutschfestem Kunststoff. Um achtzehn Uhr begannen wir mit unseren ersten Versuchen, Clips zu drehen. Bei "War Combattery 2" tanzte Ted auch mit. Ich dachte, daß es für uns schwierig sein würde, vor laufender Kamera zu tanzen. Es war aber nicht viel anders als sonst.
In einem Nebenkeller entdeckten Constri und ich einen leeren Swimmingpool. Dieser Kellerraum war weiß gekachelt und sah richtig zum Frieren aus. Constri machte dort abstrakte Aufnahmen, Standbilder, die zwischen die "bewegten" Bilder vom Tanzen gestreut werden sollen. Später auf der Party drehte Constri weiter. Für den Titel des Partyclips - "To Dive", den wir analog zu einem unserer beliebtesten Musiker gewählt haben - nahmen wir im Swimmingpool Aufstellung. Zweie legten sich oben auf den Beckenrand.
Titel und Abspann wurden mit einem schwarzen Edding auf die Kachelwände des Pools geschrieben.
Ragnar, der Bruder von Xentrix, war auch auf der Party. Ich zeigte Constri, wie ähnlich er Xentrix ist. Ragnar schnitt Grimassen. Diese Grimassen erinnerten ebenfalls sehr an Xentrix. Und wie Xentrix schneidet Ragnar besonders wilde Grimassen und stöhnt besonders gequält, wenn von Kappa die Rede ist.
"Kappa, der Kokskönig", sagte Ragnar.
Ich frage mich, wieviel Kappa kokst und wieviel Koks er Rafa abgibt.
Nachts gegen halb zwei gingen Constri und ich für ein gutes Stündchen in Teds schicke, grauglitzernde Wohnung hinauf und unterhielten uns bei einer Tasse Kaffee. Wir kommen sonst selten dazu.
Ted spielte viel EBM, besonders Leæther Strip. Ein Mädchen sagte zu mir etwas, das ich oft höre. Es wollte wissen, ob ich Ballett gelernt habe, und es meinte, das würde man merken.
"Erst dachte ich, was macht sie da denn jetzt", sagte das Mädchen. "Dann dachte ich, Mensch, das sieht ja voll geil aus. Das erinnert an so automatische Puppen."
Am Montag rief ich gegen achtzehn Uhr dreißig bei Rafa an. Seine Mutter meldete sich:
"Ja? Dawyne?"
"Guten Abend", sagte ich. "Ich würde gern Rafa sprechen."
"Ja, wer ist denn da?"
"Hetty."
"Moment."
Sie ruft Rafa:
"Telefon!"
Er kommt und möchte wissen, wer am Apparat ist.
"Weiß nicht ... Hetty", sagt die Mutter. "Hab' ich nie gehört; wer soll das sein?"
Rafa bleibt ihr die Antwort schuldig.
Nun habe ich herausgefunden, daß er seiner Mutter nie ein Sterbenswörtchen von mir erzählt hat ...
"Ja?" meldet sich Rafa.
"Ja ... hallo, na?" begrüße ich ihn.
"Ja."
"Na? Hast du es nicht geschafft, mich am letzten Donnerstag anzurufen?" frage ich.
"Nö", erwidert Rafa kurz.
"Ah, ja", sage ich ruhig und eher langsam. "Wie ist es denn nun?"
"Hm?"
"Unser letztes Gespräch am Montag hatten wir ... in diesem Sinne noch nicht beendet. Was ist es nun, was du mir letztes Mal nicht sagen wolltest?"
"Ja, äh ... wieso fragst denn du danach?" kommt es von Rafa. "Das habe ich dir doch schon gesagt, daß ich dir das nicht erzähle."
"Das ist wichtig. Das muß ich wissen."
"Woher willst du denn wissen, daß das wichtig ist?"
"Wenn du so einen Aufstand darum machst, wenn du so 'rumdruckst, dann muß es schon was Wichtiges sein, auch was für mich Wichtiges, das mich auch angeht."
"Vielleicht geht's dich gar nichts an?"
"Ich denke schon, daß mich das etwas angeht", widerspreche ich. "Sonst hättest du wohl auch nicht so 'rumgedruckst, wenn das nicht für mich wichtig wäre."
"Moment mal; ich muß mir mal eben meine Zigaretten holen."
"Ja, dann hol' dir die mal."
Er holt sich die Zigaretten. Ich fahre fort mit dem Verhör:
"O.k., dann erzähl' mir mal, was du mir verschwiegen hast."
"Das will ich dir aber nicht erzählen, und das erzähle ich dir auch nicht."
"Das muß ich aber wissen. Das ist sehr wichtig."
"Will's dir aber nicht erzählen."
"Und warum nicht?"
"Ja, weil ich's nicht will."
"Du hast mich aber mal neugierig gemacht."
"Ja, und?"
"Warum wolltest du mich denn neugierig machen?"
"Weiß ich doch nicht."
"Warum hast du denn gesagt: 'Ich weiß was, was du nicht weißt.' - und mir das dann nicht erzählt?"
"Wieso, ich muß dir doch nicht alles erzählen."
"Du mußt mir auch nicht alles erzählen", gebe ich Rafa recht. "Das mußt du wahrhaftig nicht. Aber hier war es eben so, daß du mich neugierig gemacht hast. Und das ist ja wohl so, wenn man jemanden neugierig macht auf eine Sache, daß man dann auch die Verantwortung übernimmt für das, was derjenige dann empfindet, denn derjenige macht sich ja dann auch Gedanken darüber, was damit gemeint sein könnte, und wenn man es ihm dann nicht sagt, ist es schlicht und einfach nicht fair."
"Ja - ich hab' dir gesagt, ich sag's dir nicht, und basta. Und das ist alles. Wieso - was soll da noch ...?"
"Und basta" ... das hat Rafa auch zu den Türstehern gesagt.
Ich bin nahe daran, zu weinen, tue es aber nicht. Die aufsteigenden Tränen sind jedoch in meiner Stimme zu hören.
"Wahrscheinlich sind das emotionale Gründe, aus denen du mir das nicht sagst, zum Beispiel Scham", deute ich Rafas Verhalten. "Aber wenn du jemandem etwas verschweigst und ihn neugierig machst, dann überlegt sich der, was es sein könnte. Und mit diesen Schreckgespenstern läßt du ihn allein."
"Wieso, ich muß dir doch nicht alles erzählen."
"Es geht ja auch nicht darum, daß du mir alles erzählst. Du verschweigst mir viel; das weiß ich. Und das kannst du ja auch mir verschweigen. Aber in diesem Fall ist es ja so, daß du mich neugierig gemacht hast, und selbst wenn du es mir nicht sagst; es geht hier einfach um Sozialverhalten, und es geht hier einfach auch um Verantwortung und Rücksichtnahme auf die Empfindungen anderer Menschen. Und zu dieser Argumentation möchte ich von dir jetzt wenigstens mal eine Stellungnahme hören. Ich spreche hier die Moral an, die Ethik, und dazu möchte ich eine Stellungnahme hören."
"Ja, und? Wieso? Will ich aber nicht."
"Du sagst immer, man könnte sich mit mir nicht normal unterhalten", sage ich streng. "Jetzt meine ich doch, daß man sich auch mit dir nicht gerade normal unterhalten kann. Und ich möchte doch dieses Gespräch auf eine etwas vernünftigere Ebene bringen, auf eine etwas erwachsenere Ebene - und nicht einfach nur 'Ja, und?' hören."
"Wieso? Nö."
"Das sagen Kinder auch", bemerke ich. "Ich weiß, daß dir das nicht egal ist, was andere fühlen; das weiß ich sehr gut. Aber in diesem Fall ist es eben so, daß du so tust, als würde es dir egal sein. So. Nächste Frage ..."
"Das ist es ja gerade - du spionierst mich aus."
"Inwiefern spioniere ich dich aus?"
"Ja, wenn du dir von Daria irgendwas erzählen läßt und das weiterspinnst, dann spionierst du mir doch wohl ganz absolut nach."
"Ich muß aber herausfinden, wie dein Sexualleben aufgebaut ist, und diesen Wirrwarr entwirren."
"Wieso mußt du das?"
"Ich muß mir ein Bild von dir machen."
Ich bin wieder den Tränen nahe, doch ich weine nicht. Das liegt wohl auch daran, daß ich mich von den Tränen nicht aus dem Takt bringen lasse.
"Daß du über sowas überhaupt nachdenkst und daß du dir am Ende sogar noch Notizen darüber machst ...", staunt Rafa. "Das bringt doch nichts."
"Das bringt schon was."
"Wieso? Das nützt mir nichts, das nützt dir nichts ... das nützt niemandem irgendwas."
"Nein, mir nützt das schon was."
"Ja, was?"
"Ich kann dich dann besser einschätzen", erkläre ich. "Also ... wie bist du eigentlich darauf gekommen, letzte Woche mich anzurufen? Warum hast du das eigentlich gemacht?"
"Warum nicht?"
"O.k., das ist auch eine Antwort. - Und ... die Kassette mit Nosferatu, wie geht es der? Hat sie dir gefallen? Hast du sie dir schon überspielt?"
"Ja. Die bringe ich dir demnächst wieder mit."
"Das ist ja schön", sage ich freundlich. "Em ... ich habe es ja schon gerne, wenn du auf mich zugehst und mich anrufst. Mir ist es ja auch wichtig; mir ist es sehr wichtig sogar. Aber du weißt eben, daß ich es auch nicht so besonders gerne habe, wenn du auf mich zugehst, wenn du mit jemandem zusammen bist."
"Und? Ist mir doch egal", erwidert Rafa trotzig. "Kümmer' ich mich doch nicht drum."
"Und das wäre mir doch lieber, wenn du auf mich dann nicht zugehen würdest."
"Na, und?"
"Das ist alles, was du dazu dann sagen kannst - 'Na, und'?"
"Wieso? Ja, und?"
"Ich meine, das ist ja eine Sache des Sozialverhaltens, da auch mal Rücksicht zu nehmen auf die Wünsche anderer."
"Du nimmst auf meine Wünsche auch keine Rücksicht!" entgegnet Rafa aufgebracht. "Überhaupt keine Rücksicht!"
"Das mußte ja kommen. Das mußte ja kommen. Das ist eine ganz flaue Argumentation."
"Wieso? Du nimmst doch auf meine Wünsche wirklich keine Rücksicht."
"Gut, dann sag' mir mal: Wie könnte ich es denn machen, daß ich auf dein Wünsche Rücksicht nehme? Dann sag' es mir doch mal."
"Weiß ich doch nicht! Wieso soll ich denn das wissen?"
"So, du möchtest also, daß, wenn du mich ansprichst ..."
"Dann will ich mich mit dir unterhalten."
"Und du willst aber keine körperliche Nähe", vermute ich.
"Weiß ich nicht", sagt Rafa.
"Ja, wie soll ich mich denn nun verhalten?"
"So nicht."
"Versuch' doch mal, zu beschreiben, wie du es möchtest", bitte ich Rafa.
Da antwortet er wieder nur:
"Ich sage ja - so nicht."
"Aber was du sagst, ist doch eine Ausschlußbeschreibung."
"Hab's ja schon gesagt - so nicht."
"Das ist aber eine Ausschlußbeschreibung. Damit kann ich nicht viel anfangen. Ich muß doch wissen, was du willst. Deine Äußerungen sind sehr schwammig, sehr allgemein, sehr undeutlich, sehr ungenau."
"Die sind absolut genau!"
"Die kann man aber deuten, in verschiedener Weise. Die kann man ja deuten. Aber ich möchte was Konkretes, gewisse Grenzen und Regeln. Ich finde es immer ganz gut, wenn man bestimmte Grenzen hat, bestimmte Eckpunkte, an die man sich halten kann."
Rafa ist anderer Meinung:
"Ich brauch' keine Grenzen."
"Ich finde Grenzen sehr wichtig."
"Ich nicht."
Schließlich hole ich aus Rafa heraus, daß er mit mir ein "normales" Gespräch führen will, was immer er darunter verstehen mag.
"Da sollte das Fräulein Hetty mal drüber nachdenken, ob man da nicht vielleicht was anders machen könnte", sagt er. "Das hier ist ja auch kein normales Gespräch ..."
"Was ist es denn?"
"Du fragst mich nur aus."
"Es gibt ja so viele Sachen, die ich eben wissen möchte."
"Wieso willst du die wissen?"
"Ich möchte die halt wissen, um dich einordnen zu können."
"Wieso mußt du mich einordnen?"
"Den Grund dafür, wenn ich den sage, dann kommt nur wieder ein Spruch von dir", seufze ich. "Das ist schon wichtig, daß ich dich ausfrage, aber andererseits habe ich ja doch auch eine Bitte geäußert."
"Eine Bitte ist auch eine Frage."
"Na, in gewisser Weise hast du recht. 'To ask someone for something.'"
"Na, siehst du."
"Ich frage dich aber nicht nur aus. Ich frage dich wirklich nicht nur aus."
"Na ja, es ist eben so, daß du es jetzt besser verpackst", sagt Rafa bissig. "Mit der Zeit übt man sich ja, nicht?"
"Ja, mit der Zeit kriegt man da Training."
Ich versuche weiter, Rafas Wünsche zu erraten:
"Das heißt also, wenn du auf mich zugehst, willst du null Körperkontakt."
"Weiß ich nicht."
"Willst du denn Körperkontakt oder nicht?"
"Du solltest mal nach jemandem suchen, wo das gegenseitig ist", meint Rafa.
"Du hast hundertmal zu mir gesagt, du willst mit mir schlafen", erinnere ich ihn.
"Hab' ich gesagt, aber ich hab's nicht."
"Ja, das lag ja auch daran, daß ich es nicht konnte."
"Ja, bitte."
"Eben."
"Der Sex war doch gar nicht das Entscheidende", sagt Rafa schließlich. "Das war doch gar nicht das, worum es ging."
"Du hast aber gesagt, du wolltest mit mir schlafen. Du wolltest unbedingt mit mir schlafen."
"Du darfst eben nicht immer alles auf die Goldwaage legen, was ich über mich sage."
"Das allerdings", muß ich ihm zustimmen. "In der Liste deiner Freundinnen komme ich nicht vor. Ich habe da keinen Platz. Ich habe wohl körperlich keine besondere Bedeutung für dich ..."
"Das Körperliche ist mir gar nicht so wichtig", behauptet Rafa. "Das Geistige ist mir viel wichtiger."
"Das Körperliche ist für dich also nichts Besonderes, nur das Geistige."
"Na, wie das eben so ist bei meinen ... Bekannten."
"Du bist für mich aber nicht irgendein Bekannter, sondern was völlig anderes", erkläre ich. "Und das weißt du auch. - Und das bedeutet für dich wohl gar nichts, daß du mich geküßt hast und umarmt und an dich gezogen und daß du mit mir mitgegangen bist, das ist wohl alles für dich überhaupt nichts Besonderes gewesen."
"Nein, das ist für mich nichts weiter Besonderes gewesen."
"So, du machst das mit deinen Bekannten also auch alles", schließe ich, "diese körperliche Nähe und so weiter."
"Ja."
"So, du schläfst also auch mit deinen Bekannten und gehst mit denen ins Bett und hast mit denen körperliche Beziehungen."
"Das, was du unter 'körperlich' verstehst, wenn man das mal nimmt, dann ja."
"So, du schläfst also auch mit Kappa und mit Darryl."
"Wer ist Darryl?"
"Kennst doch Darryl."
"Kenn' ich nicht."
"Das ist ein guter Freund von Kappa."
"Ach, du meinst Detlev."
"Ja."
"Da hast du auch genau die Leute angesprochen."
"Du hast also mit Kappa geschlafen."
"Nein ... vielleicht nicht gerade das."
"Dann hast du also mit ihm ... in einem Bett gelegen."
"Ja. Aber das war noch ein bißchen mehr."
"Habt ihr gefummelt?" frage ich streng.
"Wir haben nicht 'gefummelt'", erwidert Rafa, dem offenbar meine Wortwahl nicht paßt.
Ich kann auch anders fragen:
"Habt ihr euch befriedigt?"
"Ja."
"Ihr habt euch also befriedigt."
"Wir haben uns befriedigt, aber hallo haben wir uns befriedigt", erzählt Rafa stolz und lustvoll.
"Auch das noch", seufze ich. "Das ist es ja gerade, was ich einfach nicht verstehen kann. Ich verstehe einfach nicht, wie du mit so dermaßen vielen verschiedenen Leuten durcheinander schlafen kannst. Das werde ich vielleicht auch nie verstehen. Aber ich will es verstehen. Ich kann's aber einfach nicht verstehen. Ich meine, du kannst wahrscheinlich auch nicht verstehen, daß ich mit so gar keinem schlafen kann."
"Das verstehe ich schon", sagt Rafa. "Das ist so, weil du verklemmt und prüde bist."
"Und das ist nur deshalb so, meinst du? Ich habe dir das doch aber auch mal erklärt, warum das so ist."
"Ja. Und da ist auch was von hängengeblieben."
"Und trotzdem mußt du das mit solchen Schimpfwörtern belegen."
"Das sind keine Schimpfwörter."
"Das empfinde ich aber so."
"Das sind aber keine."
"Na ja, wenn du sagst, ich sei verklemmt und prüde, kann ich ja auch sagen, du seist ausschweifig."
"Ja!" bestätigt Rafa und scheint sich durchaus geschmeichelt zu fühlen.
"Das kann ich einfach nicht verstehen, dieses Verhalten", muß ich wieder seufzen. "Das ist das, was ich wirklich nicht verstehen kann. Das ist unbegreiflich für mich. Ich will es aber unbedingt verstehen. Ich muß es verstehen."
"Wieso mußt du das verstehen? Man muß doch nicht alles verstehen."
"Aber das ist für mich wichtig, daß ich das verstehe."
"Wieso ist das für dich wichtig?"
"Weil es für mich wichtig ist, um mich selber kennenzulernen."
"Wieso ist das für dich wichtig, um dich selber kennenzulernen?"
"Weil ich meine eigenen Wünsche nicht kenne. Und weil ich die herausfinden möchte, und das ist wichtig dafür."
"Das mußt du für dich alleine herausfinden, was du für Wünsche hast", meint Rafa.
"Genau das kann ich nicht alleine herausfinden", erwidere ich. "Das kann ich auf keinen Fall. Das ist unmöglich."
Ich horche in mich hinein und suche eine Antwort auf meine Rätsel.
"Das befremdet mich wirklich mit dieser Sexualität", sage ich in Gedanken. "Dieser Wirrwarr ist für mich befremdend. Also, ich weiß nicht, mit wievielen Leuten du schon geschlafen hast ..."
"Hahaha, ich auch nicht."
"Das kann ich mir denken, daß du das nicht weißt. Du machst deine Sexualität so öffentlich ..."
"Wenn man das so oft gemacht hat, dann ist einem das auch nicht mehr so wichtig", meint Rafa. "Dann ist Sex für einen nicht mehr so wichtig. Dann ist das auch nicht sowas Besonderes mehr. Und dann sucht man eben nach den Sachen, die was Besonderes sind."
"Und das heißt dann wohl, daß man zu immer abstruseren Sexualpraktiken greift."
"Das ist damit nicht gesagt."
"Na ja, aber Kappa ist ein Mann."
"Wieso? Ich seh' das nicht so ..."
"Das sehe ich aber so", sage ich bestimmt. "Das ist wieder schon ganz was anderes."
"Oh, Mann! Du bist vielleicht 'ne Marke, ey!"
"Ja, wie machen wir das denn nun, wenn wir uns unterhalten?" nehme ich den Faden wieder auf.
"Ja, wieso?" fragt Rafa unschuldig. "Wir unterhalten uns doch gerade."
"Ja, aber durchs Telefon. Wir sitzen uns nicht gegenüber. Wenn wir nebeneinander sitzen würden, hätte ich dich längst im Arm und würde dich streicheln. Das weißt du auch."
"Wieso, woher soll ich das wissen?"
"Als du bei mir warst, hatte ich dich immer, wenn wir miteinander geredet haben, umarmt und die ganze Zeit gestreichelt, so. Wenn ich neben dir sitzen würde, dann würde ich dich die ganze Zeit streicheln. Das finde ich auch völlig normal. - Was kann ich denn jetzt tun, um es dir endlich auch mal rechtzumachen? Daß du ausnahmsweise nicht mäkelst über das, was ich mache? Daß du ausnahmsweise nichts auszusetzen hast an dem, was ich tue?"
Rafa gibt eine merkwürdige Antwort:
"Versuche einfach mal ... im Geist des Menschen zu handeln."
"Das müßte ich aber schon etwas genauer wissen", erwidere ich. "Ich kann mich sonst nicht auf das einstellen, was du willst."
"Wieso, das reicht doch."
"Das reicht mir nicht."
"Nehmen wir mal an, du wärst jetzt mit jemandem zusammen ..."
"Das heißt: Wenn ich mit dir zusammen wäre", unterbreche ich Rafa. "Ich wäre sonst mit niemand anders zusammen. Ich wäre mit dir zusammen oder mit keinem. Also drücke dich bitte korrekt aus."
"Also ... wenn du jetzt mit mir zusammen wärst, und ich wäre immer gleich, jeden Tag, immer gleich, und du könntest alles vorausberechnen, und du wüßtest schon alles genau von mir - ja, das wäre keine Beziehung mehr, wäre das."
"Es geht ja auch nicht darum, daß ich alles weiß. Ich kann ja auch gar nicht alles über dich wissen und voraussehen. Es geht mir ja nur um einen ganz eng umgrenzten Bereich, nämlich darum, was ich tun soll, wenn du auf mich zugehst, und wie ich mich dann verhalten soll. Genau darum geht es."
"Da will ich jetzt nicht drüber reden."
"Aber ich will dir doch nur deine Wünsche erfüllen", erkläre ich. "Ich will es dir doch nur rechtmachen, weiter nichts. Und ich will dich fragen, wie ich es dir denn nun eigentlich rechtmachen kann und wie du dir das denn nun vorstellst. Du müßtest doch wissen, was du von mir willst."
"Das weiß ich aber nicht."
"Aha, du weißt nicht, was du von mir willst."
"Nein."
"Du weißt also nicht, wie die Beziehung aussehen soll, die wir beide miteinander haben könnten?"
"Nee."
"Das ist interessant", finde ich, "und das ist im Grunde auch schon eine Antwort. Ich dachte mir schon, daß du nicht weißt, was für eine Beziehung wir zueinander haben können. Das habe ich mir schon fast gedacht."
"Warum fragst denn du mich dann überhaupt?"
"Das muß ich von dir erst hören. Ich kann jetzt ja allein nur Vermutungen anstellen. Ich habe ja noch nichts bewiesen. Ich kann das nicht als bewiesen ansehen, wenn ich das nur vermute. Ich muß das erst von dir gehört haben."
"Man kann aber nicht alles, was ich sage, auf die Goldwaage legen. Das kann auch falsch sein, was ich über mich sage."
"Trotzdem. Zwei kommen doch der Wahrheit eher nahe als einer."
"Ich bin nicht mein eigener Gott."
"Darum geht es ja auch gar nicht. Es geht nur darum, daß wir das gemeinsam besser beurteilen können als einer alleine. Wir können uns doch ergänzen in dem, was wir herausfinden."
"Wir ergänzen uns nicht."
"Wenn ich also sage, du weißt nicht, wie eine Beziehung von uns beiden aussehen könnte, ist das jetzt richtig?"
"Nö."
"Das stimmt jetzt also wieder nicht."
"Das stimmt."
"Also, stimmt es jetzt, daß du nicht weißt, wie unsere Beziehung aussehen könnte?"
"Nö."
"Aber irgendwas stimmte doch eben", hake ich nach. "Was war es denn, was jetzt stimmte?"
"Weiß ich nicht."
"Was ich auch sage - es stimmt nicht!"
"Du bist nicht natürlich", wirft Rafa mir vor.
"Ich bin nur meinen Gefühlen gefolgt, sonst nichts", entgegne ich. "Was ist denn daran nicht natürlich?"
"Was für Gefühle?"
"Das ist sinnlos, dir das jetzt zu erklären, oder zumindest ist es im Moment sinnlos, dir das zu erklären. Das heißt, im Moment ist es sinnlos. Vielleicht irgendwann kann man es dir mal erklären, aber jetzt im Moment hat es keinen Sinn. - Also ist nichts von dem, was ich empfinde, echt?"
"Das ist krank, was du empfindest", meint Rafa.
"Krank", wiederhole ich.
"Das ist künstlich."
"Wie soll ich denn nun mit dir reden?" möchte ich wissen.
"Sei mal natürlich", empfiehlt Rafa.
"So, ich bin also völlig künstlich."
"Ja", bestätigt Rafa.
"Und du bist natürlich, wenn du so 'rumläufst mit Brille und Stirnband, hä?"
Da erwidert Rafa ärgerlich und sehr eifrig:
"Das, was in mir ist und wie ich mich gebe, hat nichts damit zu tun, wie ich möchte, daß mich die meisten Leute zum ersten Mal sehen und kennen."
"Na gut, lassen wir das beiseite. - Also, wenn ich sage, ich liebe dich, dann ist das künstlich."
"Die Art, Fräulein Hetty", sagt Rafa. "Die Art. Auf die Art kommt es an."
"Wenn ich also Gefühle äußere, wenn ich sage, was ich für dich empfinde, dann ist das künstlich."
"Es ist die Art, die Art, auf die du mit mir redest."
"Die Art?"
"Es ist die Art, auf die du ans Ziel kommen willst. Es ist die Art. Bei dem, was du gemacht hast, da gehört Gegenseitigkeit dazu."
"Kannst du das denn nochmal wiederholen, was ich dir erklärt habe, warum ich dich anfasse?" frage ich.
"Ja ... weil du mich eben anfassen willst", kommt es zögernd von Rafa, "und ... äh ... ja ... weil du mich wohl lange nicht anfassen konntest."
Das Wort "Sehnsucht" vermeidet Rafa. Wahrscheinlich kann er an meine Sehnsucht ebensowenig glauben wie an meine Liebe.
"Das ist eben so, wenn man den Mann, den man liebt, so lange nicht gesehen hat, dann finde ich das ganz natürlich, daß man den umarmt", ergänze ich. "Ich bin nur meinen Gefühlen gefolgt."
"Aber dann kann ich ja auch sagen, ich will reich werden, und dann raube ich eine Bank aus. So kann man das ja auch nicht einfach machen, ne?"
"Du möchtest also keine körperliche Nähe zwischen dir und mir."
"Du drehst mir echt das Wort im Munde 'rum", sagt Rafa aufgebracht.
"Ja, wie ist das denn?" frage ich weiter nach. "Möchtest du denn nun körperliche Nähe oder nicht?"
"Körperliche Nähe ist etwas zwischen zwei Menschen. Dazu gehören zwei."
"Ja, wie machen wir es denn? Wer fängt denn dann an?"
"Ach, du redest doch echt dran vorbei. Du drehst einem echt nur das Wort im Munde 'rum."
"Du meinst also, daß körperliche Nähe bei uns etwas höchst Mutuelles, höchst Gegenseitiges sein müßte."
"Weiß ich nicht."
"Du stellst es als bewiesen hin, daß meine Gefühle nicht echt sind. Und du kannst das doch gar nicht beweisen, daß sie nicht echt sind."
"Du mußt erstmal die Erfahrung machen", meint Rafa. "Du kannst gar nicht wissen, was Liebe ist, weil dir die entsprechenden Erfahrungen fehlen. Du hast gar nicht genügend Erfahrung, um sagen zu können, was Liebe ist. Du kannst das gar nicht wissen. He, du hast ja noch nie mit einem Mann was gehabt; wie willst denn du wissen, was Liebe ist? Wie willst denn du das wissen?"
"Ich muß doch nicht mit einem Mann was gehabt haben, um das zu wissen", entgegne ich. "Ich kann das auch so erfahren."
"Ha, ha, ha!" lacht Rafa. "Das kannst du ..."
"Jetzt lachst du mich wohl noch aus."
"Ich lache dich nicht aus! Ich lache nur über etwas, das ich komisch finde."
"Das ist für mich aber ein Auslachen."
"Das ist kein Auslachen."
"Du machst das lächerlich, was ich sage."
"Das ist doch absolut lächerlich, sowas."
"Sexualität ist für mich was sehr, sehr Persönliches und was sehr, sehr Intimes", versuche ich meine Sichtweise verständlich zu machen. "Ich kann das eben nur mit jemandem machen, wenn Liebe im Spiel ist, und sonst kann ich das gar nicht und will das auch gar nicht. Sexualität ist immer was Persönliches für mich und nicht sowas Öffentliches, das ich mit jedem machen könnte, mit irgendeinem und quer durch den Garten. Ich nehme mir nicht irgendjemand, nur weil der irgendwie ganz gut aussieht oder so. Wenn ich einen anderen genommen hätte, dann hätte ich nur mich selbst verraten."
"Ja, Sexualität ist für mich eben nicht so wichtig wie für dich, das ist es eben."
"Ja, du bist eben extrem schwierig, das weiß ich."
"Ich werde nur schwierig, wenn man mich ausfragt! Ich bin absolut nur einfach!"
"Ich würde dich schon gerne locker kennenlernen, aber das geht nicht, weil du ständig irgendwelche Freundinnen hast."
Rafa gesteht mir zu, es sei auch schon vorgekommen, daß ich mich "normal" verhalten hätte.
"Wann habe ich mich denn normal verhalten?" möchte ich wissen.
"Bevor du mich besucht hast."
"Bevor ich dich besucht habe, da warst du für mich ja auch nur einer von meinen Bekannten. Danach habe ich festgestellt, daß ich dich liebe. Und dann konnte ich mich dir gegenüber ja nicht mehr verhalten wie gegenüber einem von meinen Bekannten."
"Mensch, ich hab' so viele Freunde, auch weibliche", seufzt Rafa. "Mit denen telefoniere ich die Nächte durch ... Und mit dir ist sowas nicht möglich, wegen deiner ... Liebe."
"Glaubst du mir nun endlich?" frage ich gereizt. "Glaubst du mir endlich, daß ich dich liebe?"
"Glauben tue ich dir schon ..."
"Aha."
" ... aber das ist keine Liebe, was du da empfindest, weil, zu Liebe gehört Gegenseitigkeit", macht Rafa gleich wieder einen Rückzieher. "Das baut auf nichts auf, auf gar nichts. Das ist vielleicht Neugierde, aber das baut auf absolut nichts auf. Du kennst mich nämlich gar nicht."
"Genau das ist der Punkt", entgegne ich. "Du kannst mich nicht kennenlernen, wenn du eine Freundin hast."
"Wieso soll ich dich nicht kennenlernen können?"
"Das ist es ja gerade. Du kannst mich eben nicht kennenlernen, wenn du eine Freundin hast. Das geht eben einfach nicht. Und wenn du mich nicht kennst, wie willst du dann wissen, daß ich dich nicht liebe?"
"Das kann doch gar nicht sein. Du hast gesagt, die Liebe muß sich entwickeln."
"Was ist denn Liebe in deinen Augen?"
"Liebe ... da muß man sich kennenlernen, und dann kann Liebe entstehen."
"Das ist schon richtig; da müßten wir uns ja auch erstmal kennenlernen dafür und die Gelegenheit haben."
"Du hast aber vorhin gesagt, du hättest gleich nach deinem Besuch gemerkt, daß du mich liebst."
"Ja, so ist das eben auch mit der Liebe; es ist nicht nur so, daß sie über Kennenlernen entsteht, sondern es spielen da noch andere Sachen eine Rolle. Da passieren dann eben auch wenige Sachen, und die haben dann den Effekt, daß man das feststellt."
"Das ist nicht möglich", glaubt Rafa. "Da ist keine Gegenseitigkeit. Das baut auf nichts auf. Deshalb kann es auch keine Liebe sein. Das ist gar nicht möglich."
"Das heißt, du nimmst also meine Gefühle, die ich habe, nicht ernst."
"Sowas kann man doch nicht ernstnehmen."
"Das ist aber ernst. Das ist ernst. Ich hätte diese Gefühle doch sonst gar nicht so entwickeln können."
"Ach, du hast dir doch einfach nur mal jemanden ausgesucht, und der soll's dann nur sein, und der muß es dann halt unbedingt sein."
"Ich habe mir dich nicht ausgesucht."
"Jawohl hast du dir mich ausgesucht."
"Das war nicht so, daß ich mir dich aussuchen konnte", erzähle ich. "Ich habe einfach festgestellt, daß ich diese Gefühle für dich habe. Und die sind eben da, die Gefühle. Die kann man nicht ausstellen wie einen Wasserhahn. Die kann man nicht einfach ausschalten. Die habe ich eben nun mal, und die kann ich nicht zerstören; die sind einfach da."
"Man kann die wohl zerstören."
"Die Gefühle, die ich habe, die sind ein Teil von mir. Und wenn ich die zerstören würde, dann wäre das eine Art Selbstmord im Kleinen."
"Wieso?" fragt Rafa prompt, und aus seiner Stimme spricht der Erfahrene. "Wenn sie dich krank machen? Dann muß man sie eben zerstören."
An dieser Stelle gibt Rafa wahrscheinlich zu, was er mit seinen Gefühlen angestellt hat! Er hat versucht, sie zu vernichten! Und sofern ihm das nicht gelungen ist, hat er sie verleugnet und verdrängt.
Rafa rechtfertigt die Zerstörung von Gefühlen damit, daß einige Gefühle ihr Dasein nicht verdienten:
"Antisemitismus ist auch ein Gefühl, und das lehne ich auch ab."
"In dem Rahmen würde ich das eher nicht so unbedingt als Gefühl sehen."
"Das ist wohl ein Gefühl!" widerspricht Rafa. "Haß zum Beispiel, das ist ja auch ein Gefühl."
"Ja, Haß schon eher, aber was Haß angeht, da würde ich bei mir gar nicht mal unbedingt so sagen, daß ich hassen kann oder hasse. Es ist dann vielmehr so, daß ich gegen die Leute ein starkes Abwehrempfinden habe und Abneigungsempfindungen habe gegen Menschen, die mich mal sehr verletzt haben."
"Habe ich dich mal verletzt?"
"Ja. Aber ich liebe dich eben so sehr, daß ich gegen dich nie so eine Abneigung entwickeln konnte."
"Das kommt vielleicht noch", sagt Rafa, und es klingt, als würde er nur darauf warten.
"Nein", widerspreche ich. "Das ist bei dir auch was anderes, als wenn andere mich verletzen. Wenn andere mich verletzen, tun sie das, weil sie mich verletzen wollen, und wenn du mich verletzt, dann tust du es in gewissem Sinne auch, weil du nicht anders kannst, und du schämst dich irgendwo auch für dein Verhalten. Du weißt, daß du da Unrecht tust und daß du mich verletzt, und du schämst dich für dein Verhalten auch, und da liegt die Sache eben ganz anders. Jedenfalls - ich finde, mit Gefühlen zerstört man einen Teil von sich."
"Und?" kommt es von Rafa. "Wenn man Fleisch ißt, schneidet man auch das Fett weg."
"Das wäre doch so, wie wenn man sich einen Arm abhacken würde."
"Was ist mit dem Blinddarm?"
"Einen Arm, den braucht man aber."
"Und wenn er krank ist?"
"Ich würde nie Hand an mich legen", sage ich bestimmt.
"Traurig", meint Rafa. "Jeder muß Hand an sich legen. Jeder muß sich verändern."
"Sicher, weiterentwickeln und mich verändern, das tue ich auf jeden Fall. Aber mit 'Hand an mich legen' meine ich, daß man sich zerstört. Das wäre ja, als würde ich mich essen. Und ich esse mich nicht. Ich meine, dich will ich essen. Aber ich will dich dabei ja nicht zerstören. Ich will dich auf keinen Fall zerstören. Ich will dich erhalten."
Gefühle zu ersticken heißt auch, Trauer zu ersticken. Ich vermute, daß Rafa von Trauer und Leid schon an den Rand der Verzweiflung getrieben wurde. Er war nicht mehr stark genug, um das Leid zu empfinden. Er mußte ihm entfliehen. Es war eine Frage des Überlebens. Durch mich soll Rafa die Kraft finden für das Leid, für die Wahrheit.
"Das bin in deinen Augen wohl nur ich, die Fehler macht, und du machst gar keine", fasse ich Rafas Aussagen zusammen.
"Wieso? So, wie ich lebe - so, wie ich lebe, bin ich glücklich", behauptet Rafa. "Ich habe vielleicht nicht alles, was ich will, aber ich bin doch ... glücklich. Mir fehlt nichts."
"Was würde es denn für dein Leben bedeuten, wenn es mich auf einmal nicht mehr gäbe?"
"Wieso, weiß ich doch nicht."
"Könntest du es dir nicht vorstellen?"
"Ich kann es mir schon vorstellen."
"Und was würdest du dann empfinden?"
"Ach, weiß ich doch nicht."
"Siehst du, dann, wenn ich dich fragen würde, ob ich dir was bedeute, hättest du auch eine vorgefertigte Antwort. Dann würdest du wahrscheinlich auch nur sagen:
'Alle Leute auf dieser Welt bedeuten mir was. Also bedeutest du mir auch was. Ha, ha.'
Fertig."
"Genau!" freut sich Rafa.
"Siehst du, du setzt mich dann mit allen anderen gleich", folgere ich. "So ist das. Also ist das obsolet, dich das zu fragen. Das ist dann sinnlos. Was mir auffällt an dir, ist dieses Formelhafte in deinen Äußerungen. Daß du eben immer nur bestimmte Sachen wiederholst. Du wirkst auf mich nicht offen."
"Ich baue keine Mauer!" wehrt sich Rafa. "Ich trage keine Masken! Das bin absolut nur ich!"
Ich bin versucht, das Gespräch abzubrechen, weil Rafa sich "unerreichbar" gemacht hat.
"Ich glaube, daß du mit einer Lüge lebst", sage ich.
"Ach, daß du mit einer Lüge lebst", will Rafa verstanden haben.
"Nein, daß du mit einer Lüge lebst."
Da widerspricht Rafa eifrig:
"Ich bin absolut nur ehrlich!"
"Das glaube ich nicht."
"Bist du glücklich?"
Ich schweige einen Augenblick, dann antworte ich zögernd:
"Ich weiß nicht."
"Das muß man doch wissen, ob man glücklich ist!" meint Rafa. "Da muß sofort was kommen!"
"Ja, also, relativ gesehen ..."
"Nee, nee! He, he!" ruft Rafa. "Bist du nun glücklich oder nicht? Es geht hier nicht um irgendwelche Momente, wo du mal glücklich warst, sondern es geht einfach darum, ob du insgesamt, im Ganzen, glücklich bist."
"Das weiß ich nicht."
"Also bist du nicht glücklich."
"Ja, glückliche Momente, also Momente, in denen ich wirklich glücklich war, die gab es für mich erst, seit ich dich kenne. Davor gab es sie nicht. Davor konnte ich vielleicht relativ glücklich sein, aber nie wirklich durch und durch. Das habe ich erst erlebt, seit ich dich kenne. Davor nicht."
"Bist du also nicht glücklich?"
"Na ja, so, wie ich das gesagt habe, ist das eben."
"Ja, siehst du - ich bin glücklich, und du bist unglücklich", schließt Rafa. "Da machen wir doch was falsch, ne? Irgendwas machen wir da doch falsch, ne?"
"Was denn?"
"Ja, irgendwas doch wohl."
"Du meinst also, wir machen was falsch."
"Nein! Ich sag' das so, wie ein Arzt das sagt - 'Na, wie geht's uns denn heute?'"
"Du meinst also, ich mache was falsch."
"Ja. Offenbar doch. Du bist doch nicht glücklich. Ich bin glücklich. Das ist doch ... o.k. für mich alles, und da mußt du doch was ändern und nicht ich. Da mußt du an dir doch was verändern. Ich mache alles richtig."
"So, du machst alles richtig. Und du machst überhaupt keine Fehler. Jeder Mensch macht doch Fehler. Niemand ist perfekt."
"Jeder macht Fehler", sagt Rafa. "Ich mache auch Fehler."
"Das ist aber doch ein Widerspruch, wenn du sagst, du machst Fehler, und du sagst gleichzeitig, du machst alles richtig. Das ist doch ein Widerspruch."
"Das ist kein Widerspruch."
"Wieso kein Widerspruch?"
"Wieso, wie soll da ein Widerspruch sein?"
"Wieso, du machst Fehler, und du machst keine Fehler, das ist doch ein Widerspruch."
"Wieso, daß man was falsch macht, heißt doch nicht, daß man Fehler macht. Fehler macht doch jeder. Ich meine, ich mache das deshalb richtig, weil ich das so mache, wie ich von meinem Gefühl das richtig finde, und wenn das nachher ein Fehler ist, dann ist das eben ein Fehler. Aber ich habe das dann trotzdem richtig gemacht."
"Ja, so mache ich es doch auch. Ich verhalte mich doch auch nach meinen Gefühlen. Ich mache ja in dem Sinne auch nichts falsch."
"Ja, aber du mußt doch irgendwas falsch machen, denn sonst wärst du ja nicht unglücklich", meint Rafa. "Du bist ja nicht glücklich."
"Na ja, glücklich oder nicht - ich will ja jetzt auch nicht mit dem Schicksal hadern. Ich habe ja einiges schon bekommen. Und das ist mir sehr wichtig."
"Ist doch klar, wenn man ganz unten ist und kommt eine Stufe höher, dann ist das für einen eben schon der Himmel."
"Ja, das sind eben wirklich glückliche Momente gewesen."
Ich schweige für kurze Zeit. Dann äußere ich wieder meine Zweifel an dem, was Rafa mir vermitteln möchte:
"Ich glaube dir nicht so richtig, daß du glücklich bist."
Rafa hat sogleich eine Erklärung zur Hand:
"Ja, ja, das ist eben so, daß die, die unglücklich sind, neidisch sind auf die, die glücklich sind und dann immer irgendwas suchen und suchen, solange, bis sie irgendwas finden, einen Grund dafür, warum der, der glücklich ist, vielleicht doch nicht ganz so glücklich ist."
"Das gab mal diesen Fall", erzähle ich mit Bezug auf Telgart, "ein Bekannter von mir, bei dem ist das so gewesen: Vor drei Jahren ungefähr - oder mehr, vielleicht auch mehr - habe ich ihn mal zu mehreren Punkten gefragt, einmal zu Träumen, zur Kindheit und zu seinem Befinden, ob er denn glücklich ist oder unglücklich. Und an Träume konnte er sich nicht erinnern, über Kindheit wollte er nicht reden, und ob er glücklich ist oder nicht, dazu hat er gesagt, ja, er sei eigentlich so im Ganzen glücklich, und ihm würde nichts fehlen und so weiter. Und dann, letztes Jahr, vor eineinhalb Jahren, da kam er dann auf einmal an und erzählte mir, wie unglücklich er in der damaligen Zeit gewesen ist und wieviel er verdrängt hatte."
"Ja, aber mit mir kannst du den ja wohl nicht vergleichen."
"Das möchte ich auch nicht."
"Tust du aber gerade."
"Ja, aber in diesem Punkt sind da Ähnlichkeiten vorhanden. Und dann war da auch die gleiche Situation nochmal, eine ähnliche, im vorletzten Sommer im Juli."
"Und das war wieder ein Bekannter von dir."
"Nein, das warst du diesmal", berichtige ich. "Und du hast dich damals so ähnlich verhalten wie jetzt; das war damals im 'Elizium'. Da hast du auch nur so gesagt, ja, und das ist meine Freundin, mit der bin ich gerne zusammen, und sonst fehlt mir auch nichts, und so nach dem Motto, du bist ja überflüssig, du kannst genauso gut verschwinden, wenn du willst."
"Welche Freundin war das?"
"Das war die, die du jetzt auch wieder hast."
"Eben."
"Ja, zum neunten Mal."
"Ja, vielleicht habe ich die noch tausendmal."
"Ja, vielleicht. - Und da habe ich dann das gemacht, was ich jetzt vielleicht auch tun sollte. Ich hatte mich für eine Weile - so weit es ging - vom Geschehen zurückgezogen, und das ist das wohl, was dann geholfen hat, daß ich dann auf eine gewisse Art etwas Abstand gesucht habe."
"Was hattest du davon?" schnappt Rafa.
"In der Folge hast du dich von der Freundin getrennt und kamst dann wieder auf mich zu."
"Ja, was hast du von dem allen? Was hast du von dem allen, was du von mir schon hattest? Was war das schon? Das war doch wohl reichlich wenig."
"Für mich war das aber viel", entgegne ich. "Ich konnte dich umarmen und streicheln ... Früher hatte ich immer nur die Sehnsucht, und ich konnte da nichts gegen machen. Die war unerfüllbar. Und erst, seit ich dich kenne, konnte ich die wenigstens manchmal ein bißchen teilweise erfüllen."
"Warum kannst du sie dir nicht erfüllen?"
"Da brauche ich einen Menschen zu."
"Was hast du jetzt?" fragt Rafa aufgeregt. "Was hast du jetzt von dem allen? Was ist jetzt für dich da noch?"
"Das ist doch schon soviel gewesen."
"Die Vergangenheit interessiert mich überhaupt nicht."
"Mich interessiert die Vergangenheit sehr wohl. Für mich ist die Vergangenheit sehr wichtig."
"Für mich nicht."
"Für mich ist sie aber sehr wichtig. Ich konnte dich umarmen und küssen und streicheln und so weiter und all das, und das habe ich, bevor ich dich kannte, nie gekonnt. Und das waren Sachen, die meinem Leben dann erst einen Sinn gegeben haben, und davor hatte mein Leben keinen Sinn. Jetzt hat es eben schon einen. Und wenn ich jetzt abtreten müßte, dann hätte mein Leben einen Sinn gehabt. Und wenn ich hätte abtreten müssen, bevor ich dich kennengelernt hätte, hätte es keinen gehabt."
"Das kann doch gar nicht sein, daß nur wegen ... Das ist doch ein Unsinn, daß man da so seinen Sinn drin sieht. Du kannst doch nicht ... darin nur ... und für dich gar nichts ..."
"Ich bin eben dafür geschaffen", erkläre ich. "Das ist meine Bestimmung, für einen Menschen dazusein und für jemanden zu leben. Ich will nicht allein sein. Ich brauche jemanden, für den ich da sein kann. Du scheinst mit deinem Verhalten mir zu suggerieren, daß du mich nicht brauchst ..."
"Genau."
" ... und daß du nicht möchtest, daß ich mich um dich kümmere."
"Das ist es ja - mir geht's ja schlechter, wenn du dich um mich kümmerst", beschwert sich Rafa.
"So, dir geht's schlechter, wenn ich mich um dich kümmere."
"Ja."
"Das ist vielleicht, weil ich dir etwas erschließe, das in dir verborgen ist."
"Du erschließt mir nichts", meint Rafa. "Du gibst mir nichts. Du wirst mit mir nicht fertig, das ist völlig klar."
"Vielleicht gebe ich dir doch etwas."
"Was gibst du mir denn?"
"Wirst du mich jetzt mal nicht auslachen?"
"Ich lache dich nicht aus", sagt Rafa ärgerlich.
Ich möchte ihm eben sagen, was ich ihm geben kann, da schneidet er mir das Wort ab.
"Du wirst nicht mit mir fertig", sagt er, und es klingt wütend, enttäuscht und hoffnungslos. "Du wirst nicht mit mir fertig. Das ist eine Tatsache. Du wirst nicht mit mir fertig. Kein Stück. Echt."
Daheim bei Rafa klingelt jemand. Rafa wird von seiner Mutter gerufen. Mit einer kurzen Entschuldigung legt er den Hörer hin und geht zur Tür.
"Mit wem telefonierst denn du so lange?" fragt ihn die Mutter befremdet.
Rafa antwortet knapp und ausweichend. Dann begrüßt er seinen Gast mit lauter Stimme:
"Anwar, bist du's?"
Rafa will anscheinend ganz besonders einladend und nett wirken. Vielleicht möchte er mir vorführen, wie gut es die Leute bei ihm haben, die von ihm nicht mehr wollen als eine lockere Freundschaft.
Anwar ist wahrscheinlich jenes Mitglied der Band Screech, in der Zinnia singt und die bei der Eröffnung des "Nachtlicht" auftrat. Nachdem Rafa ein paar Worte mit Anwar gesprochen hat, nimmt er den Hörer wieder und sagt zu mir:
"So, ich muß jetzt auch gleich Schluß machen; ich habe nämlich Besuch."
"Ja", sage ich langsam und zögernd.
"Ja. Ja. Also", kommt es ungeduldig von Rafa.
Ich schweige einen Augenblick, dann sage ich wieder:
"Ja ..."
Rafa wird noch ungeduldiger:
"Ja, und?"
"Na ja, dann ... sei mal ordentlich glücklich ... und ..."
"Ja, wir können ja auch später nochmal weiterreden."
"Und wann etwa?"
"Na ja, irgendwann halt."
"Dann müßtest du aber anrufen", lege ich fest. "Ich ruf' dich nicht an."
"Is' o.k. Ja. Tschüß."
"Tschüß."
Rafa legt auf.
Das Telefongespräch hat bis kurz nach halb acht gedauert.
Ich habe den Eindruck, daß Rafas Sexualverhalten abgelöst ist von ihm als Persönlichkeit - "entpersönlicht". Ich vermute, daß Rafa seinen Körper von sich selbst abgetrennt hat, von sich und seinen Empfindungen. Ist dies wahr, dann kann Rafa mit jedem schlafen, ohne Grenzen, ohne Einschränkungen. Er wirft seinen Körper der Öffentlichkeit vor. Wie sehr muß er sich ablehnen, um das tun zu können.
Rafa versucht, mich zu verunsichern - so sehr er kann. Er möchte mich glauben machen, daß er zur Treue und zu einer tiefen Beziehung nicht imstande ist. Es scheint Rafa sehr wichtig zu sein, seine jetzige Lebensweise zu behalten. Vor einer Änderung scheint er sich zu fürchten. Es ist gerade, als würde er sonst den Boden unter den Füßen verlieren - die Selbstkontrolle, welche für Rafa gleichbedeutend ist mit einer lückenlosen Beherrschung der eigenen Gefühle.
Ich will erreichen, daß Rafa seine verdrängten Gefühle wahrnimmt. Dann gewinnen die Gefühle Macht über ihn und beherrschen ihn. Rafa "beginnt zu leben", um es mit Grauzone zu sagen. Er führt nicht länger ein Dasein, das nur oberflächliche Befriedigung bietet.
Kann Rafa jemals zu einer Sexualität hinfinden, die an eine gefühlsmäßige Beziehung gebunden ist? Oder wird sein Körper immer von seinen Gefühlen getrennt bleiben?
Rafa zieht Gewinn aus dieser Trennung. Sie verschafft ihm Wohlbefinden und läßt ihn kein Leid merken. Solche Menschen sind besonders schwer wieder "ganz" zu machen, weil das bedeutet, daß sie Leid empfinden müssen. Leiden will Rafa auf keinen Fall. Er will mich wegschieben, die ich verdrängtes Leid in ihm aufrühre.
Rafa verschließt etwas in sich und behauptet, es sei nicht vorhanden. Er verleugnet einen Teil seiner selbst. Ich muß ihn entlarven. Ich muß ihn dazu bringen, sich zu stellen. Vielleicht kann mir das gelingen, weil ich ebenfalls einen Teil meiner selbst wegschließen mußte. Ich weiß, wie man leugnet und tarnt.
Rafa möchte mir im Gegenzug nachweisen, daß meine Liebe nicht echt ist und daß er mir nicht mehr bedeutet als irgendeiner. Er will, daß ich die angebliche Einseitigkeit unserer Beziehung erkenne. Er versucht, mir die angebliche Sinnlosigkeit meiner unechten Liebe vor Augen zu führen. Er möchte mich zu einer oberflächlichen Bekanntschaft umformen, in der Hoffnung, daß ich dann unschädlich für ihn werde. Man könnte Rafas Aussagen so zusammenfassen:
"Du bist neugierig auf mich und versuchst es immer wieder bei mir, aber vergeblich. Du liebst mich nicht, und ich liebe dich auch nicht, also werde ich nie mit dir zusammen sein. Das, was du als Liebe bezeichnest, ist etwas Krankhaftes, und das solltest du beseitigen. Ich weiß nicht, wer zu dir paßt; ich bin es jedenfalls nicht. Ich bin ganz anders als du. Du bist mir fremd. Ich kann mit dir nicht viel anfangen. Es gibt Hunderte, mit denen ich mehr anfangen kann."
Rafa füllt mein Leben bis an den Rand. Er will mich glauben machen, daß kein Mensch imstande ist, sein Leben bis an den Rand zu füllen - und ich schon gar nicht! Rafas Äußerungen zufolge braucht er eine tiefe Beziehung gar nicht; er ist mit seinen oberflächlichen Liebschaften glücklich und zufrieden.
Ich entlarve Rafa über die Widersprüche, die sich in seinem Verhalten finden und in dem, was er sagt. Ein solcher Widerspruch liegt darin, daß Rafa einerseits so tut, als sei es ihm weitgehend egal, mit wem er schläft, und andererseits schwärmt er für romantische Liedchen, die von der einzig wahren großen Liebe handeln.
Rafa tut, was er nur kann, um mich zu verunsichern und mich an seiner und meiner Liebe zweifeln zu lassen. Ich merke, wie er sich abmüht. Und das gibt mir Hoffnung. Denn wenn er sich so anstrengt, muß er sich sehr wünschen, daß seine und meine Gefühle unecht sind. Er muß im Innersten spüren, daß diese Gefühle eben doch echt sind, und das muß ihm große Angst machen. Ich treffe Rafa am härtesten, wenn ich nicht zweifle, sondern sicher voranschreite. Ich habe es in der Hand, Rafa zu treffen. Ich habe Macht über ihn. Meine Sicherheit ist seine Unsicherheit.
Wenn ich Rafa frage, weshalb er mich kennenlernen will, dann kommt nicht "weil ich dich mag", sondern "weil du gefährlich bist" oder "weil ich Angst vor dir habe". Rafa gibt nur negative Gründe an. Ebenso auffällig ist, daß er mir keinerlei Stärken zugesteht und mir nichts Gutes zutraut. Das war vor zwei Jahren noch anders; da glaubte Rafa noch, daß ich ihn vor allerlei Dämonen beschützen könnte. Heute bin ich in seinen Augen böse und schwach, und er behauptet, daß weder er mich liebt noch daß ich ihn liebe. Seltsam ist, daß Rafa immer dann, wenn er sagt, daß er mich nicht liebt, anfügt, daß ich ihn auch nicht liebe. Dies beides scheint für Rafa zusammenzugehören. Eins scheint ohne das andere nicht sein zu können. Heißt das, daß ich Rafa seine Liebe beweisen kann, indem ich ihm die meine beweise?
Ich habe den traurigen Blick von Rafa gesehen und sein Lächeln, und ich kann nicht glauben, daß darin keine Liebe gewesen sein soll. Ich habe auch nicht vergessen, wie ich gestrahlt habe, als Rafa mich anlächelte. Ich fühlte seine Liebe und meine; das machte mich so glücklich.
Wenn dies die wahre Liebe nicht ist, was ist es dann? Was ist Liebe dann? Was soll sie denn dann noch sein?
Ich habe beobachtet, daß ich mich Menschen gegenüber, die mich abweisen, auch abweisend verhalte. Ich habe mich Rafa gegenüber aber nicht nur abweisend verhalten, sondern ich habe ihm Vertrauen geschenkt und ihm mehr Zuwendung gegeben, als ich jemals einem anderen Menschen gegeben habe. Und ich kann mir nicht vorstellen, daß das alles nur auf eingebildeter Liebe beruhen soll.
Das Schönste, was ich im Leben kenne, wird mir zum Schrecklichsten. Mein liebster Freund ist zugleich mein schärfster Gegner. Rafa sehnt sich wohl sehr danach, daß jemand mit ihm fertig wird. Er glaubt nicht, daß ich es schaffe, und ist schon von vornherein enttäuscht.
"Der glaubt nicht an die Liebe", vermutet Constri.
Rafa möchte, daß ich es nicht ernstnehme, wenn er leidenschaftliche Gefühle zeigt. Im Grunde macht er mit sich selbst das, was er auch mit mir macht. Er stellt seine Gefühlsäußerungen als unecht und bedeutungslos hin - egal, wie heftig sie sind. Ich soll Rafa ebensowenig glauben, wie er mir glaubt. Ich soll ihm ebenso mißtrauen, wie er mir mißtraut. Macht ihm denn auch das Vertrauen Angst, das ich in ihn habe?
Rafa nimmt meine Gefühle nicht ernst. Daraus schließe ich, daß er seine eigenen Gefühle nicht ernstnimmt und das auf mich überträgt.
Wenn es wirklich wahr sein sollte, daß ich das bin, als was ich mich immer gesehen habe - als was ich mich sogar sehen mußte aufgrund meiner Gefühle -, dann ist es so, daß Rafa mich so behandelt, wie er sich selbst behandelt. Wenn ich wirklich ein Teil seines Lebens bin, ein Teil seiner selbst ... dann kann es sein, daß er, eben weil ich ihm so nahe bin, mit mir genauso hart ist, wie er mit sich selbst ist.
Über diese Geschichte würde Rafa wahrscheinlich sagen, sie sei ein Armutszeugnis für mich; sie brächte niemandem etwas, und ich würde mir nur selbst damit schaden.
"Du hast meinetwegen deine Zeit vergeudet", könnte er sagen. "Du hast sinnlos Zeit geopfert."
Ich merke mir, was Rafa vergessen will, und das wird ihm nicht gefallen. Danken wird er mir schon gar nicht, zumal er ohnehin meint, daß ich ihm nichts gebe. Und wo nichts gegeben wird, kann man nicht danken.
Laut Rafa ist sein Glück echt, und meine Gefühle sind falsch. Laut mir sind meine Gefühle echt, und sein Glück ist falsch. Was ist nun richtig?
Ich denke, man ist nicht immer selber daran schuld, wenn man nicht bekommt, um was man kämpft. Ich denke, es gibt auch Dinge, die man nicht in der Hand hat. Es gibt Menschen, die gehen davon aus, daß man immer selber schuld ist, wenn man etwas nicht schafft. Diese Sichtweise ist wahrscheinlich ein Versuch, eine verlorene "innere Ordnung" künstlich wiederherzustellen. Ich denke, es kommt der Wirklichkeit näher, das Schicksal auch ein Stück weit als Schicksal zu betrachten, das man eben nicht in jeder Hinsicht beeinflussen kann. Vielen scheint es schwerzufallen, damit umzugehen.

In einem Traum stand Rafa bei mir in der Eßecke, und ich zog mir Tanzkleider an.

In einem anderen Traum saßen Rafa und ich an einem See im Sand und bemühten uns, etwas herauszufinden. Was das aber war, weiß ich nicht.

Constri und ich bangen und hoffen, denn bald soll sie erfahren, ob sie bei der Fachschule für Mediendesign in H. angenommen wird.
"Ich kann filmen, das weiß ich", sagte sie, "und ich will nicht bei solchen blödsinnigen Prüfungen durchfallen."
"Wenn du da endlich deinen Studienplatz kriegst, würde mich das so erleichtern", sagte ich. "Dann bist wenigstens du unter Dach und Fach."
"Wieso, du bist doch auch unter Dach und Fach."
"Ja, aber ich bin noch nicht unter der Haube."
"Ich bin auch nicht unter der Haube! Was meinst du! Das ist mit Derek ein ewiges Auf und Ab! Heute so und morgen so ... das ist voll der Streß."
Derek war einige Wochen lang ganz besonders schwierig und unausstehlich gewesen, bis an Tageslicht gekommen war, daß er nach etwas mehr Abstand verlangte. Das enge Zusammenleben mit Constri bedeutete für ihn zuviel Nähe. Also begann Constri, für sich eine Ein-Zimmer-Wohnung zu suchen. Seitdem sucht sie friedlich und erfolglos vor sich hin, und Derek ist wieder ganz anlehnungsbedürftig und zahm geworden. Leider hat Derek die Angewohnheit, des Öfteren nicht nach Hause zu kommen und Constri dadurch in Angst und Schrecken zu versetzen. Es besteht dann immer die Gefahr, daß Derek sich seinen Selbstmordgedanken hingibt. Wenn Constri ihn auf dieses Verhalten anspricht, ist er verstockt wie ein kleines Kind - verstockt wie Rafa.
Zu Heiligabend brachten wir Filmausschnitte von der Party in Ht. mit zu unserer Mutter. Sie meinte, Carl würde hampeln, während ich richtig tanzen würde. Bei mir sei "Konzept drin". Meine Mutter findet, daß es leicht wirkt, wie ich tanze, locker und ästhetisch - und nicht langweilig. Daß sie es nicht langweilig findet, ist für mich besonders wichtig. Früher, wenn wir Kinder den Erwachsenen selbstgemachte Theaterstücke vorgeführt haben, waren die Zuschauer kurz vor dem Einschlafen.
Constri hatte für mich als Weihnachtsgeschenk eine sogenannte "OO-Box" gestaltet, ihr Pendant zur "IO-Box" von Project Pitchfork. Die "OO-Box" enthält zwei Blatt Toilettenpapier, ein Poster "Toilette", ein Männchen-Piktogramm für Herrenklos und die Fotoserie "Stuhlgang". Da hat Constri Bezug genommen auf meinen Abscheu vor Toiletten. Sie hat ganz kunstvoll in Schwarzweiß ein Klo fotografiert, dessen Besonderheit ein nur noch zur Hälfte vorhandener Deckel ist. Die Bilder hat Constri in ihrer Reihenfolge so geordnet, daß man einen Gang zur Toilette nachvollziehen kann, ohne daß Menschen und ihre Ausscheidungen zu sehen sind. Am ersten Weihnachtstag öffnete Constri endlich den Brief von der Fachschule für Mediendesign. Sie hatte die Benachrichtigung schon Heiligabend bekommen. Doch sie wollte sich den Heiligabend nicht verderben lassen, falls sie abgelehnt worden war. Der erste Weihnachtstag schien ihr geeigneter "zum Weinen", wie sie sagte. Nun brauchte Constri aber gar nicht zu weinen, denn sie bekommt den Studienplatz. Uns allen fiel ein Stein vom Herzen.
Abends gab es ein Wunschkonzert im Radio. Ace erzählte:
"Gleich ihren kompletten Fanclub mobilisiert haben W.E aus H.; zu dieser Gruppe gingen mit Abstand die meisten Karten ein, und alle haben sich ein und dasselbe Stück gewünscht, nämlich 'Cyberspace'."
Ace nannte eine Liste von Namen, darunter auch Anwar und Ivco - und Toto Dawyne ... bei dem es sich wahrscheinlich um Rafas Bruder handelt.
Ich kann mir richtig vorstellen, wie Rafa herumtelefoniert und Werbung gemacht hat und wie Dolf ihn dabei unterstützt hat. Ich finde das so lächerlich und kindisch, wenn sich eine Lokalberühmtheit ins Wunschkonzert schummelt - und das so offensichtlich, daß es jeder mitbekommt.
Das Stück "Cyberspace" kann man als eine wenig gelungene Kraftwerk-Kopie bezeichnen. Es ist ein harmloses Liedchen über den technischen Fortschritt. Ich empfinde es als unerträgliches Geklimpere. Es kommt mir vor wie Spielzeugmusik aus einer scheinbar heilen Kinderwelt, die zu glatt und zu sauber ist, um echt zu sein. Diese Musik wirkt auf mich verlogen. Ich betrachte sie als Fassade, und ich fühle das Bedürfnis, diese Fassade zu zertrümmern. Ich hatte schon immer einen Abscheu vor Verlogenheit und Scheinheiligkeit. Und gleichfalls abscheulich ist mir die Sängerin, die in dem Stück dauernd "Cyberspace!" quäkt. Ich kann diese Musik nicht hören. Sie ist mir zuwider.
Und Rafa läßt seine Stimme ertrinken im Kitsch. Er kann so scheußliche Sachen machen und doch auch so schöne.
Ende Dezember habe ich Folgendes geträumt:

Ich half bei den Vorbereitungen zu einem Kindergeburtstag. Ein Junge von etwa zehn Jahren war sehr zutraulich und bezog mich in seine Spiele mit ein. Ich bekam Spielzeug und sollte mitmachen. Ich weiß nicht, ob der Junge mich überredete oder ob ich den Einfall hatte; jedenfalls gingen wir schließlich in ein kleines Café. Dieses Café war dunkel eingerichtet und recht schick.
"Ich habe wohl genug Geld, weiß aber doch nicht, was ich trinken soll", dachte ich.
Ich sah an der Bar Leute stehen, ich sah den Barkeeper, und mir fiel nicht ein, was ich trinken wollte. Jemand nannte den Namen eines seltenen alkoholischen Getränks. Da ging ich an eine ganz kleine Bar, hinten in einer Ecke. Sogleich kam eine Kellnerin, und ich fragte sie, ob man das seltene Getränk bekommen könnte. Die Kellnerin antwortete, es sei nicht da, und überhaupt, das gebe es wirklich nur sehr selten.
Ich hörte den New Wave-Klassiker "Noone driving" von John Foxx, das kühl und melancholisch klingt und mich an die Trauer und die Sehnsucht nach Rafa erinnert, die ich in den Achtziger Jahren schon hatte, als ich ihn noch gar nicht kannte. Ich hörte das Stück während des ganzen Traumes.
Ich setzte mich auf eine Bank. Da sagte jemand:
"Dieses Café sieht nicht nur so aus wie unser Wohnzimmer. Es ist unser Wohnzimmer." In der Eßnische vor mir entdeckte ich eine Gruppe Obdachloser, und einer von denen war es, der zum Ausdruck brachte, wie sehr sich die Gruppe in dem Café zu Hause fühlte.
Ich saß noch nicht lange, da kam Rafa wie aus dem Nichts mit raschen Schritten zu meiner Bank und entführte mich. Ich stellte fest, daß ich mein Kleid gar nicht mehr anhatte, sondern nur meinen Body aus schwarzem Seidentrikot und darunter schwarze Shorts. Rafa wollte aber nicht, daß ich mich wieder anzog. Er verlangte, daß ich sofort mitkam und so, wie ich war. Er verließ mit mir das Café. Wir gingen eng nebeneinander, und mir war ganz warm. Rafa trug selbst nicht mehr als Wäsche. Er hatte ein merkwürdig bedrucktes T-Shirt an. Wir redeten unablässig miteinander, doch ich konnte mir fast nichts merken.
Draußen war es warm und sonnig. Rafa und ich folgten einem schmalen Weg durch einen Rasenstreifen und überquerten eine stark befahrene Autostraße. Dann kamen wir auf einen kiesbedeckten Lehmpfad, der im Schatten von Baumwipfeln lag. Rechts war Weg gesäumt von hüfthohen Blumen. Sie hatten feste, gerade Stiele, keine Blätter und sehr große Blüten in kräftigem Rosa. Die Blüten waren ähnlich geformt wie Rosen, jedoch um ein Mehrfaches größer als Rosenblüten. Rafa ging mit mir bis vor einen Hauseingang. Breite Waschbetonstufen führten hinauf zu einer schweren Tür aus dunkel getöntem Glas. Ich hatte meine Tasche nicht mitgenommen auf den Weg, aber ich trug mein Bügeleisen in der Hand. Das stellte ich im Hauseingang ab. Dann schmiegte ich mich an Rafa. Er wehrte sich nicht. So verzichtete ich darauf, ihn zu fragen, ob er mit der Sängerin noch zusammen war. Ich fühlte, daß Rafa sich ordentlich rasiert hatte. Es war so schön, seinen festen, warmen Körper zu fühlen und die mir vertrauten Bewegungen. Rafa schloß beide Arme um mich und zog mich heftig an sich.
"Nun mal richtig", sagte er. "Nun mal locker."
Es wurde immer leidenschaftlicher zwischen uns. Wie wir eben in einer sehr innigen Umarmung standen, öffnete sich die Haustür. Eine Frau im mittleren Alter trat heraus. Sie trug eine Brille und eine blonde Dauerwelle. Sie wirkte wie eine verblühte Tugendwächterin.
"Das sind ja unanständige Spielchen!" fuhr sie uns an. "Was treiben Sie hier eigentlich? Sie haben hier nichts verloren! Verschwinden Sie!"
Rafa und ich suchten das Weite. Ich vergaß in der Eile das Bügeleisen. Wir flüchteten in einen fernen Winkel des Gartens.
"Es ist eben so - es ist nachmittags und nicht vier Uhr nachts", sagte ich zu Rafa. "Wenn es jetzt nachts gewesen wäre, hätten sie uns wohl nicht gesehen in der Dunkelheit."
Ich warf Rafa vor, daß er zu einer unpassenden Zeit zu mir kam und zu einer passenderen nicht erreichbar war. Er kam, wenn es ihm gerade einfiel, und wenn ich wollte, daß er bei mir war, konnte ich ihn mir nicht holen.
Rafa gab mir ein sehr kleines mobiles Telefon in einer Plastiktüte. Dann löste er sich in Luft auf. Von ihm blieb nur eine Stimme am Hörer. Das Telefon ähnelte in Form und Farbe einem quadratischen Betonpflasterstein. Ich hielt mir den kleinen grauen Hörer ans Ohr und sprach weiter mit Rafa. Doch bald hörte ich nur noch seinen Atem, keine Worte mehr. Dann wurde es ganz still; ich hörte nicht einmal den Atem. Die Verbindung war unterbrochen.
In dem Hauseingang stand noch mein Bügeleisen. Mit dem Bügeleisen und dem Telefon ging ich wieder an der Reihe von rosafarbenen Blumen entlang. Ich wollte in dem Café nachschauen, ob Rafa dort war. Die stark befahrene Straße überquerte ich sehr vorsichtig. Auf keinen Fall wollte ich, daß mir etwas zustieß. Es war mir, als wenn ich nicht nur meinetwegen auf meine Unversehrtheit achten mußte, sondern mich auch für Rafa erhalten mußte.
Als ich ins Café zurückkam, hatte ich wieder mein Kleid an. Ich sah mich um. Ich sah verschiedene Leute dasitzen, auch mir bekannte Leute. Rafa war nicht unter ihnen. Ich hatte aber noch nicht das ganze Café abgesucht, als der Wecker klingelte. Ich weiß also nicht, ob Rafa noch zum Vorschein gekommen wäre.

Mal hat erzählt, daß er Mitte Dezember ein Konzert der "Liedertafel Margot Honecker" gesehen hat. Er fand sie zu komisch. Die Liedertafel nimmt die FDJ und die SED auf die Schippe. Aus dem Osten kommen die vier Musikanten in FDJ-Kluft aber nicht. Einer von ihnen soll bei der Industrial-Band Klangkrieg mitwirken. Und der sächselnde Kurt Euler, der eine ganze Kassette mit Propaganda im Stil der früheren DDR besprochen hat, ist in Wahrheit niemand anders als Label-Kopf Uli Rehberg. Rehberg hat sein Alias Euler das eigene Label (Walter Ulbricht Schallfolien AG) fleißig loben lassen.
Dag hat am Telefon erzählt, daß er mit Dara geredet hat. Sie bestritt, mich angegriffen zu haben, versprach jedoch, es nicht mehr zu tun. Übrigens kann Dara nicht die blondierte Remplerin vom vorletzten Mal gewesen sein, weil sie ihre Haare nicht blond trägt. Da muß es noch mehr Bösartige geben.
Sator erzählte am Telefon, daß Rafa an dem Samstag, als ich in Ht. war, mit Dolf ins "Elizium" gekommen ist. Die Sängerin sei nicht dabeigewesen. Rafa soll nur einmal auf die Tanzfläche gegangen sein, mit irgendeiner seiner Schutzbrillen.
Kurz vor Silvester war Laura im "Nachtlicht" und erzählte mir am nächsten Tag davon. Rafa stand am Pult, in seinem T-Shirt mit den vielen Totenschädeln. Er soll fast nur Disco-Stücke und Gitarrenstücke gespielt haben, die nicht zum eigentlichen Independent-Bereich gehören. Die Sängerin hatte sich einen Barhocker mit hinters DJ-Pult genommen und thronte dort oben bei Rafa. Sie hielt einen Drink in der Hand und rauchte, rauchte und rauchte. Gelegentlich wühlte sie in Rafas CD's herum und gab ihm welche, die er auflegen sollte. Wenn er dann ihre Wünsche spielte, tanzte sie. Die Sängerin soll eine kurze Nietenjacke aus Kunstleder getragen haben und dazu das, was Laura als "Gymnastikhose" bezeichnet. Die Farbe in ihren Haaren soll blasser geworden sein. Luc stand eine Zeitlang über das Türchen zum DJ-Pult gebeugt und redete mit der Sängerin.
Es gab zwischen Rafa und der Sängerin nie zärtliche Gesten, nie verliebte Blicke. Die Sängerin saß da wie ein Wachhund und zeigte jedem, was für einen Platz sie einnehmen durfte und was für ein Mann ihr gehörte. Sie scheint von der Arbeit, der Bekanntheit und der Persönlichkeit anderer zu zehren. Dazu paßt, daß sie selbst nicht arbeiten geht.
Laura unterhielt sich mit Rick, dem zur Hälfte der Independent-Vertrieb "IndiRec" gehört. Rafa kam dazu. Er grüßte Rick mit einem Winken und gab ihm ein W.E-Plakat, das dieser in seinem Laden aufhängen sollte. Rafa redete nicht mit Laura, und er wollte auch gleich weiter.
"He, Rafa, komm' mal her!" rief Laura ihm nach.
Sie wollte wissen, ob Fedor am 30.12. im "Nachtlicht" auflegen wird. Rafa verneinte dies. Statt seiner soll DJ Lee aus dem "ZMK" im "Nachtlicht" auflegen.
Laura konnte mit Rafa nur wenige Sätze sprechen, dann lief er wieder weg.
Im "Elizium" gibt es am 30.12. eine Sadomaso-Party. Lolo möchte mit Eta hingehen. Laut Carl soll Eta devote Vorlieben haben. Lolo hat Laura eine Karte für die Sadomaso-Party besorgt. Sie will "zum Gucken" hingehen.

Silvester habe ich geträumt, vor mir würde mein Kater Bisat sitzen, und er würde mich dauernd angreifen, sich in meiner Hand festbeißen und kratzen. Ich führte Buch über die Angriffe. Ich beobachtete Bisat genau. Mir fiel auf, daß er war wie zwei Wesen in einem Körper ein gutes und ein böses, und ich sah immer beide gleichzeitig.
"Ich würde ihn in den Müll schmeißen", riet jemand.
Ich wollte Bisat aber nicht in den Müll werfen. Ich war verantwortlich für ihn. Und ich liebte dieses Geschöpf. Es war ein Wesen, für das ich sorgen mußte und das mir Sorgen machte ...

... und über das ich Buch führe.
Bisat ist ein ruhiges Tier und nicht angriffslustig. Manchmal kommt er in Jagdstimmung und kratzt, wenn man mit ihm spielt; er greift aber nie von sich aus an. Das Tier in dem Traum war eigentlich nicht Bisat. Es war Rafa in der Gestalt von Bisat. Rafa greift mich an, viele raten mir von ihm ab, und er ist wie zwei Wesen in einem.
Zu Silvester hatten wir über zwanzig Gäste. Laura kam als erste, zu früh wie immer. Ich gab ihr etwas zu tun. Sie mußte unter der Flurdecke Fäden spannen und schwarze und weiße Luftschlangen darüberwerfen. Dann bestreute sie noch die Tische mit silbernem Konfetti und violetten Glitzersternchen. Währenddessen berichtete sie von der Sadomaso-Party. Saverio ist dagewesen, und Carl hat sich endlich wieder mit ihm unterhalten können. Zwei Leute haben sich auspeitschen lassen. Ivo Fechtner hat sich und Daria auf die Gästeliste gemogelt und damit Lolo verärgert.
Adi erzählte, daß er sich zum Buddhismus hingezogen fühlt. Er behauptet zur Zeit, Gefühle und Beziehungen seien im Leben nicht wichtig, denn man würde darunter nur leiden. Eins von vielen Beispielen sei das angespannte Verhältnis von seinem Freund Jensen und dessen Frau. Ich glaube, Adi lehnt Beziehungen vor allem deshalb ab, weil es ihm noch nicht gelungen ist, eine geeignete Frau zu finden.
Mit Folter und Rikka tauschten Constri und ich Weihnachtsgeschenke aus. Constri und ich hatten für Rikka ein prachtvolles, bewegliches Skelett aus Straß besorgt, das sie sich gleich ansteckte. Rikka war mit Seth da und Talis mit Ellen, und es kam zu Mißverständnissen und Konflikten. Constri und Folter halfen schlichten. Von Seth habe ich den Eindruck, daß er sich gern der Verantwortung entzieht. Wenn es schwierig wird, neigt er dazu, sich zu verkriechen und zu schmollen.
Um Mitternacht brannten wir viel Feuerwerk ab, und zwei Stunden später brannte der Altpapiercontainer. Unser Feuerwehrmann Steini rief die Kollegen. Die löschten, und Constri und ich lachten. Es sah so verquer aus, wie die Flammen dahinstarben und unter ihnen der Container als ein schwarzes Häuflein zurückblieb. Später schneite es auf das Häuflein. Es ist der erste richtige Schnee in diesem Winter, und gleich zu Beginn des neuen Jahres ist er gekommen.
In der durchsichtigen Traumkugel, die ich in KA. gekauft habe, kann es auch schneien, auf einen kleinen schwarzen Friedhof mit zwei schwarzgewandeten Gothics. Man kann sagen, diese beiden sind Kinder des Winters und führen ein Dasein in Trauer und Kälte, aber sie sind nicht allein.
Anfang Januar stellte ich mir im Einschlafen vor, ich würde Rafa wegschicken, als er mit mir reden wollte. Ich verbot ihm, mit mir zu sprechen, weil er sich noch nicht von seiner Freundin getrennt hatte.

Ich träumte, daß Rafa deshalb sehr wütend auf mich wurde. Zurückweisung verträgt er nicht. Er biß mich in die Hand, ebenso, wie Bisat sich einige Tage zuvor im Traum in meiner Hand verbissen hat. Rafa wirkte tief getroffen.

Ich versuche mir vorzustellen, was für ein Bild Rafa von mir hat. Vielleicht sieht er mich als seelenlosen Computer, der ihn nur anlügt und nur darauf lauert, ihn enttäuschen zu können. Je aufrichtiger ich ihm meine Liebe zeige, desto weniger glaubt er sie und desto mißtrauischer wird er. Je mehr Gefühle sich in ihm regen, desto stärker wird seine Abwehr. Wahrscheinlich glaubt Rafa, daß er mich gar nicht verletzen kann, weil ich in seinen Augen gefühllos bin. Er kann wahrscheinlich gar nicht begreifen, daß ich mich durch seine Bettgeschichten sehr verletzt und angegriffen fühle. Deshalb kann er wahrscheinlich auch nicht begreifen, weshalb ich von ihm verlange, daß er nur noch dann mit mir redet, wenn er keine Freundin hat. Er wird denken, ich verlange das nur, weil ich ihn verletzen will. Er sieht mich als diejenige, die ihn quält; daß er auch mich quält, nimmt er gar nicht wahr, und er glaubt auch gar nicht, daß er mich ernsthaft verletzen könnte.
Wenn ich versuche, ihm diese Zusammenhänge zu erklären, sperrt er sich. Er ist nicht erreichbar dafür. Ich laufe gegen eine Mauer. Er will die Wahrheit nicht wissen.
Meine Aufgabe ist so schwer, daß ich von mir nicht verlangen kann, sie zu bewältigen. Denn vielleicht kostet es mehr als ein Leben.

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