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Weil es nicht selten ist, daß ich angerufen werde, ohne daß sich jemand meldet, merke ich mir jetzt, wann das vorkommt. So kann ich am ehesten den "Täter" oder "Übeltäter" ausfindig machen. Am 13.06. ist es wieder passiert. Das Telefon klingelte um halb neun Uhr abends. Ich nahm schon nach dem ersten Klingeln den Hörer ab, meldete mich mit "Ja?" und hörte nichts. Ich wartete einige Sekunden, und als ich dann immer noch nichts hörte, legte ich auf.
Lara hat Saara erzählt, daß Rafa oft bei Nadine anruft. Sollte Rafa aus Versehen meine Nummer gewählt haben?
Was im Einzelnen zwischen Rafa und Nadine passiert, scheint Lara nicht zu wissen. Sie betrachtet Nadine nicht mehr als ihre Freundin. Kürzlich hat Lara bei Rafa angerufen, weil er ihr noch vierzig Mark schuldet. Er meinte, das Geld werde sie "irgendwann noch" kriegen.
Als Rafa mit Greta Schluß gemacht hat, soll er ihr ins Gesicht gesagt haben, es sei Schluß. Greta soll das peinlich gewesen sein, weshalb sie es zunächst verschwieg. Also wurde die Trennung erst einige Tage später bekannt.
Ivco und Rafa haben die Sängerin Tessa angeblich immer noch nicht wiedergefunden. Sie waren in Bad N. und stellten fest, daß das Haus, in dem sie gewohnt hat, leergeräumt war. Zwei Kerle, die vorbeikamen, teilten Ivco und Rafa mit, die Sängerin sei mit ihrer Mutter weggezogen.
Ich frage mich, weshalb Rafa so eifrig nach der Sängerin sucht. Fühlt er sich schuldig, weil er sie so schlecht behandelt hat? Will er etwas gutmachen? Oder will er sich beweisen, daß er es auch noch ein zehntes Mal schafft, mit ihr zusammenzukommen?
Ich frage mich auch, weshalb die Nordsee für Rafa eine solche Bedeutung hat. Im letzten Sommer war Rafa mit Saara und deren Freundin Aurora mit dem Auto unterwegs. Die Nacht war um, und die Mädchen wollten schlafen gehen. Da verrannte Rafa sich in die Idee, gleich noch an die Nordsee zu fahren. Er schaffte es aber nicht, Saara und Aurora zu überreden; es wurde also nichts.
Constri, Rikka und Sadia finden übereinstimmend, ich würde gestreßt aussehen. Rikka empfahl mir, ich solle mich mehr ausruhen, um meine Gesundheit nicht zu gefährden. Ich habe von mir nicht den Eindruck, daß ich zuviel arbeite; im Gegenteil. Es kommt mir vor, als wenn ich rein gar nichts tue und weder etwas schaffe noch etwas verdiene. Die Geldsorgen werden nicht weniger und die Zukunftssorgen auch nicht.
Sator hat sich inzwischen von Jeanna getrennt und nähert sich wieder Siddra an. Dieses Mal wollen Sator und Siddra es "langsam angehen lassen".
Vor etwa drei Wochen ist Siddra von Malda vor den Kopf gestoßen worden. Wahrscheinlich hat Ivo Fechtner Malda gegen Siddra aufgestachelt. Vielleicht bringt er Malda dazu, ihre Freundschaften zu zerbrechen, damit er sie ganz für sich alleine hat. Das Ergebnis ist eine Abhängigkeitsbeziehung voller Aggressionen.
Ich frage mich, was man mit solchen Leuten wie Ivo Fechtner machen soll, die alles um sich herum vergiften. Ich glaube, im Fall Fechtner genügt es, Abstand zu halten. Er isoliert sich durch sein Verhalten selbst, und je zurückgezogener er lebt, desto weniger Menschen haben unter seinen Intrigen zu leiden. Die Wochenenden soll Ivo Fechtner mittlerweile bevorzugt daheim verbringen. Malda hält ihm die Stange und rechtfertigt das damit, daß man schließlich die ganze Woche über gearbeitet habe; da könne man eben samstags nicht mehr ausgehen. Mir soll es recht sein.
Kyra hat versprochen, zu Constris Geburtstag eine Torte mitzubringen. Der ungezogene Derek mußte die aus Polen stammende Kyra sofort ärgern:
"Eine Polentorte - mit Mercedes-Stern drauf!"
Folter bekam auf der Feier von Constri die Erlaubnis, sich ein Stück von der Torte mitzunehmen. Das bezog Brinkus gleich in doppelter Weise auf sich. Er steckte zwei riesenhafte Stücke ein - unverpackt in die Jackentasche. Er hat das so weggestopft, daß es nicht mehr wie Torte aussah. Constri stand vor dem leeren Kuchenteller und meinte, das sei ihr eine Lehre.
"Der hat doch wirklich eine Penner-Mentalität!" schimpfte sie. "Nächstes Mal kommt der nicht!"
Lara hat immer stärker den Verdacht, daß Rafa nur deshalb mit Nadine zusammen ist, um ihr, Lara, eins auszuwischen. Bevor Nadine mit Rafa ein Verhältnis anfing, soll sie ihm erzählt haben, Lara würde ihr dauernd von ihm vorschwärmen. Das könnte ihn gereizt haben, Lara mit Nadine zu ärgern.
Inzwischen hat Lara nur noch selten Kontakt zu Rafa und Nadine. Sie hat einen Brief an Rafa verfaßt, in dem sie ihm vorwirft, sie andauernd "'runtergemacht" zu haben. Sie habe das Gefühl, er habe sie nur ausgenutzt.
"Ich dachte, ich wäre deine beste Freundin", schrieb sie. "Findest du, es ist ein Zeichen von Freundschaft, sich einfach nicht mehr zu melden?"
Lara hat ihren Brief am Mittwoch bei Rafa in den Kasten geworfen. Er war nicht daheim; sonst hätte sie ihm den Brief persönlich gegeben. Rafa war bei Greta, um ihr Geld zu geben, das er ihr schuldete. Inzwischen hat er Schulden bei Nadine.
Als Rafa an einem Mittwoch wieder im "Zone" war, soll Greta ihn anschließend in SHG. abgesetzt haben. Sie sollen nicht gemeinsam übernachtet haben.
Lisette gegenüber soll Greta abgestritten haben, mit Kappa etwas gehabt zu haben, nachdem sie neulich im "Elizium" mit ihm knutschte. Sie erklärte, sie sei bei sich daheim wieder aus dem Taxi ausgestiegen, ohne Kappa. Den Auftritt habe sie nur inszeniert, um Rafa eifersüchtig zu machen.
Lara ist von der Sängerin Tessa beeindruckt, weil diese die Szene und die Gegend verlassen hat, ohne sich von Rafa zu verabschieden oder ihm ihre neue Adresse zu nennen. Lara würde sich gern ein Beispiel an der Sängerin nehmen. Sie scheint nicht auf den Gedanken zu kommen, daß die Sängerin aus Hilflosigkeit so gehandelt haben könnte. Ich vermute, daß die Sängerin keinen anderen Weg sah, um sich aus der Abhängigkeit von Rafa zu lösen. Wenn sie sich verabschiedet hätte, hätte Rafa sie vielleicht dazu überreden können, ein zehntes Verhältnis mit ihm anzufangen.
Saara weiß von Lara, daß es eine kleine Auseinandersetzung gegeben hat, als Rafa sich für seinen Auftritt in der "Halle" als Frau verkleiden wollte. Er hatte sich von Lara und dem Transvestiten schon alles zusammengeliehen, da fehlte ihm noch eine Strumpfhose.
"Muttchen, gib' mir mal eine Strumpfhose", verlangte Rafa.
"Kostet zwei Mark", sagte die Mutter kühl.
Rafa maulte. Seine Mutter blieb hart. Zähneknirschend war er schließlich mit dem Handel einverstanden. Da setzte die Mutter noch eins drauf:
"Zwei Mark fünfzig, oder du kriegst gar nichts mehr."
Da mußte Rafa zwei Mark fünfzig bezahlen.
Ende Juni rief Malda mich an, um sicherzustellen, daß ich noch mit ihr zu tun haben will. Sie hofft auch, es sich mit Siddra nicht endgültig verdorben zu haben. Ob Malda mit Marcia und Daphne noch redet, weiß ich nicht.

In einem Traum gingen viele Leute in der abendlichen Dunkelheit von der Stadtbahnhaltestelle nach Hause. Dicht hinter Constri und mir gingen grobschlächtige, dicke Leute, darunter ein Mann, den ich als widerlich empfand. Er wirkte auf mich lärmend und aufdringlich. Ein unscheinbares, kleines, spinnengliedriges, falbhaariges Frauenzimmer in schäbiger Versandhausgarderobe umkreiste Constri und mich. Im Laufen rief es uns zu:
"He, ich glaube, da kann Sie jemand nicht leiden!"
Sie meinte den lärmenden Dicken, mit dem sie sich während ihres Gerennes unterhielt. Sie schien ihn sehr zu schätzen. Der Dicke redete auf Constri und mich ein und versuchte, uns den Weg zu versperren. Constri und ich drohten mit der Polizei. Das kleine Frauenzimmer stachelte den Dicken gegen uns hoch.
"Herr Bergmann!" rief sie immer wieder. "Herr Bergmann!"
Constri und ich wußten jetzt, wie er hieß, und wir konnten die Klingelschilder absuchen, an denen wir vorbeikamen. Wir fanden sogar ein Schild, auf dem "Bergmann" stand. Die Adresse wollten wir der Polizei gleich sagen. Der Dicke versuchte, mich daran zu hindern, meine Haustür zu erreichen. Constri lief voraus, um sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen. Ich konnte mich befreien und lief mit Constri zum Haus. Ein Haufen Leute stand schon davor und gaffte. Constri und ich schoben mit vereinten Kräften die Haustür ins Schloß. Unser Verfolger hatte das Nachsehen.

Ich weiß nicht, ob ich mich jemals in meinem Leben wieder sicher fühlen werde. Nicht einmal tagsüber gehe ich vor die Tür, ohne einen wichtigen Grund zu haben. Ich würde ohne Begleitung keine Spaziergänge unternehmen, es sei denn, um mich herum wären viele harmlos wirkende Ausflügler.

In einem Traum klingelte das Telefon. Ich nahm ab. Rafa sagte:
"Na?"
Ich erzählte ihm, wie froh ich war, wieder mit ihm sprechen zu können.

Als Sadia in F. ihre zweite Hochzeit feierte, waren auch Constri und ich eingeladen. Die Feier fand in einer Mehrzweckhalle statt. Dort ging es zu wie in einem überdimensionalen Schnellimbiß. Hunderte von Gästen erhielten Döner und Pommes frites. Sadia und ihr Kasim wurden mit brennenden Puppenlichten empfangen, die über ihre Köpfe gehalten wurden. Vor der Saalbühne behängte man das Paar mit Schmuck und mit Schnüren voller Geldscheine. Eine eigentliche Trauungszeremonie gab es nicht, auch eine standesamtliche Trauung war wegen fehlender Papiere nicht möglich. Kasims Papiere befinden sich immer noch im wilden Kurdistan. Sadia sieht das jedoch gelassen, denn für Kasims Familie gelten die beiden als rechtmäßig verheiratet; die Ehe wird akzeptiert.
Während Constri und ich in F. waren, war Clarice im "Elizium". Greta soll Kappa überallhin gefolgt sein, und sie soll sich viel auf seinem Schoß aufgehalten haben. Genna soll nicht im "Elizium" gewesen sein.

In einem Traum warnte mich ein Mädchen vor Greta Hesse. Sie zeigte auf Greta und sagte:
"Wenn du die kennst, halte dich bloß fern von der!"

In einem anderen Traum tanzte ich im "Elizium" mit lauter Industrial-Fans zu "Stimulation" von Ars Moriendi. Als ich genauer hinhörte, sagte die verzerrte Stimme des Sängers nicht mehr "Stimulation", sondern "W.E". Und der Sänger war Rafa.

Heißt das am Ende, daß Rafa gern Industrial-Musik machen würde? Oder heißt das sogar, daß er sie eines Tages machen wird?

In einem anderen Traum war die Psychiatrie in der Hochschule renoviert worden, in den Farben Pink und Blaulila. Eine Schwester trug ein ausgeschnittenes silbernes Glitzerkleidchen. Ich freute mich, denn anscheinend war es für die Beschäftigten in der Psychiatrie erlaubt, sich schön zu machen. Ich konnte also auch in Kleidern dort arbeiten, die ich selbst gern trug.

Malda rief mich Anfang Juli an und erzählte, sie habe mich im Traum getroffen.

Malda träumte auch, ihr habe ein gutaussehender Verehrer einen zweiten Verlobungsring über den ersten gestülpt und ihr versprochen:
"So lange ich Arbeit habe, werde ich für dich sorgen."

Das tat ihr wohl, denn Ivo Fechtner will eben dies nicht für sie tun.
Ich erzählte Malda von Sadias weißem Brautkleid mit Reifrock, Spitzenoberteil und langem Schleier. Da seufzte sie nur:
"Hör' bloß auf ..."
Malda wünscht sich eine prunkvolle Hochzeit, doch Ivo Fechtner hält nichts davon.
Weil Rafa im Rahmen eines Sommerfestivals in L. auftreten wird, soll Toro ihn angerufen und scheinheilig gefragt haben:
"Ich will mit euch nach L.; hast du nicht einen Bus gemietet?"
"Nein", erwiderte Rafa, "und unser Auto ist voll. Was willst du überhaupt in L.?"
"Na, da tritt W.E auf, meine Lieblingsband - da darf ich doch nicht fehlen!"
Er mußte aber fehlen, denn ihn fuhr keiner. Übrigens soll Toro in L. nichts anderes vorgehabt haben, als Rafa mit Tomaten zu bewerfen.

Saara hat geträumt, ihre ältere Schwester Mariana würde auf sie zukommen und ihr erzählen, sie habe Rafa und Anwar draußen auf der Straße gesehen; sie seien gleich da.

Lillien lud zu ihrer Geburtstagsfeier auch Saara und mich ein. Wir trafen dort Revco, der sich neuerdings in den "Katakomben" als DJ versuchen will. Revco war früher ebenfalls mit dem Sockenschuß bekannt und hat heute immer noch keine schlechte Meinung von ihm. Vor drei Jahren, um die Zeit, als der Sockenschuß bereits im "Elizium" Hausverbot hatte, kam Revco frühmorgens in die "Halle". Der Sockenschuß flehte ihn um Schutz und Hilfe an.
"Cyrus und Rafa und Kappa haben mich 'rausgeworfen", klagte er. "Elektro-Betty sagt, ich hätte sie vergewaltigt."
Das muß der Morgen gewesen sein, als Rafa den Sockenschuß verdroschen hat. Freilich habe ich weder gesagt, der Sockenschuß habe mich vergewaltigt, noch hat der Sockenschuß je so etwas getan. Ich bezweifle ohnehin, daß der schmächtige Sockenschuß es geschafft hätte, mich zu vergewaltigen. Telgart pflegt über den Sockenschuß zu sagen:
"Ob man den besiegt, war nie eine Frage der Körperkraft."
Revco konnte dem Sockenschuß bei seinem Problem nicht helfen. Gegen das Hausverbot war nichts mehr zu machen.
Revco wollte mir immer noch nicht das Geheimnis verraten, welches er mir vor über zwei Jahren hat verkaufen wollen. Er hatte mir damals angeboten, mir ein Geheimnis über Rafas Vater zu sagen, wenn ich ihm dafür alles sagen würde, was ich über Rafa wußte. Ich lehnte diesen Handel ab.
Revco wollte mir auch nicht verraten, wer im "Elizium" alles schon über mich gelästert hat. Er nannte schließlich sich selbst und Talon. Ich zog den Schluß, daß Inya auch über mich lästert, weil sie Talons Freundin ist.
Revco und Talon haben vor allem über meinen Tanzstil gelästert. Revco behauptet, diesen Tanzstil nachahmen zu können. Saara hat bei sich daheim schon versucht, meinen Tanzstil nachzuahmen, ist aber gescheitert.
Revco behauptet, jetzt nicht mehr über mich zu lästern. Er erzählte, seine Leute würden im "Elizium" zu ihm sagen:
"E-Betty ist da!"
- und ihn erwartungsvoll angucken, als rechneten sie damit, daß er die Augen verdreht. Er enttäusche ihre Erwartungen jedoch.
Revco will auch schon öfters den Satz gehört haben:
"E-Betty kannste vergessen, die hat mit dem Rafa zu tun."
Revco kannte Rafa angeblich schon, als dessen Vater noch lebte. Er will Rafa sogar in H. im "Glitter" und im "Base" getroffen haben. Das muß spätestens 1986 gewesen sein, denn das "Glitter" hat 1986 geschlossen. Zehn Jahre ist das her. Rafa war damals erst fünfzehn Jahre alt.
Rafa soll Revco erzählt haben, sein Vater sei auf dem Weg zum Krankenhaus gestorben, gerade vor dem Friedhof. Mir hat Rafa erzählt, sein Vater sei zu Hause gestorben.
Eine besonders komische Szene erlebte Revco vor längerer Zeit im "Elizium". Rafa stand drei Frauen gegenüber, die alle schon etwas mit ihm gehabt hatten und alle wütend auf ihn waren. Rafa wollte sich aus der unangenehmen Lage herauswinden, indem er die Flucht nach vorn wagte und einen übergreifenden Friedensschluß versuchte:
"Ich kann nichts dafür - ich liebe euch alle!"
Revco prustete sein Bier über den Tresen.
"Du brauchst wohl einen Psychiater hoch drei", will Revco neulich zu Greta gesagt haben, als er erfuhr, daß sie mit Rafa ein Verhältnis hatte.
Greta hat Revco einen Liebesbrief geschrieben, während sie mit Rafa noch zusammen war.
Revco will auch schon mit Greta geschlafen haben, "im Suff". Andere sollen dabei zugesehen haben. Greta soll es immer ohne Kondom machen. Als ich das hörte, war ich wieder nahe daran, die Wände hochzugehen. Mir fällt einfach nicht ein, wie ich verhindern kann, daß Rafa sich tagtäglich in Lebensgefahr begibt.
Einmal wurde Revco schlecht, als er die Gelegenheit hatte, Rafa beim häuslichen Frühstück zu beobachten. Rafa baute vor sich auf: Heringsalat, Nutella, Marmelade, Käse, Vitamalz, Kakao, Tee und Bier. Irgendeine Art von Brot muß auch noch dabeigewesen sein. Rafa aß und trank alles mehr oder weniger durcheinander. Er soll gefuttert haben wie ein Scheunendrescher.
Letztens ist Revco bei einem Konzert von Rafa gewesen, das dieser im Ruhrgebiet gab. Angeblich war das Konzert schlecht besucht und insgesamt flau.
Revco hat auch das Konzert gesehen, das Rafa im Februar 1994 in der "Halle" gab. Dieses Konzert begann mit einem gesampelten Gong. Revco wollte Rafa verprügeln, weil er in diesem Gong sein eigenes, gestohlenes Sample heraushörte. Ivco soll Revco aber zurückgehalten haben.
Kappa soll bei seiner "Nachtlicht"-Hausverbots-Aktion im Spätsommer 1994 auch Revco entfernt haben. Revco erzählte, er habe sich damals als Frau verkleidet und sei unerkannt wieder ins "Nachtlicht" gekommen. Er habe dem DJ eine Kassette mit selbstgemachter Musik gegeben. Die sei gleich gespielt worden, und die Leute hätten sogar dazu getanzt.
Einmal will Revco in der "Halle" beobachtet haben, wie Genna neben Kappa stand, der bei einer anderen die Hände unterm Pullover hatte. Genna soll nichts unternommen haben.
Saara hat über Cyrus gehört, daß er es einem Mädchen namens Saskia in der Damentoilette der "Halle" von hinten besorgt hat. Berit und ihre Freundin Xandra haben über die Kabinenwand geguckt und es gesehen. Cyrus soll zu dieser Zeit keineswegs von seiner Freundin getrennt gewesen sein.
Saara hat gehört, daß Kappa seit vier Wochen von Genna getrennt ist. Er soll behaupten, drei Frauen auf einmal zu lieben: seine "Exex" Meret, seine "Ex" Genna und Greta. Er soll mit Greta schlafen, sie aber nicht als seine Freundin bezeichnen. Dementsprechend geht Greta meistens ohne Kappa aus.



Am Samstag verhandelte ich im "Elizium" mit Xentrix, so daß er immerhin "Untermensch" von :wumpscut:, "Stimulation" von Ars Moriendi, "Bondage" von Call und "Hurt" von Die Form spielte. Zwischendurch, gegen zwei Uhr, lief jedoch für längere Zeit Wave aus den Achtzigern. Ich ging in den Vorraum und unterhielt mich mit Clarice und einigen anderen Leuten. Neue Gäste kamen. Einer von ihnen war stämmig und trug eine Hose mit Kuhmuster. Er hielt sich mir abgewandt und redete mit Dolf. Rafa war also nach seinem Konzert in L. noch ins "Elizium" gekommen. Als er eben im Tanzraum verschwunden war und Dolf ihm folgte, rief ich Clarice zu:
"Die Idioten sind wieder da! Die Idioten sind wieder da!"
"Wer ist da?"
"Er gehört dir, Clarice, er gehört dir! Mach' ihn fertig!"
Clarice begriff. Sie stürmte los, um sich Rafa vorzunehmen. Ich ging zum Podest und wartete ab. Clarice erstattete mir alsbald Bericht.
"Er ist abgehauen!" rief sie aufgebracht. "Er hat mich gar nicht ausreden lassen!"
Sie war von hinten auf ihn zugegangen und hatte ihm recht hart mit ihrem Fächer auf die Schulter geklopft. Rafa hatte sich umgedreht und sie angestarrt wie ein Gespenst. Dann hatte er die Flucht nach vorn gewagt. Mit gespielter Wiedersehensfreude schlang er die Arme um sie und fragte:
"Wie geht's?"
"Gut", antwortete sie mit unbewegter Miene. "Kannst du dich eigentlich noch an unser letztes Gespräch erinnern?"
"Ja."
"Kannst du dich eigentlich auch noch daran erinnern, was ich über Unehrlichkeit gesagt habe?"
"Ja."
"Ich finde es nämlich nicht so toll, wenn jemand unehrlich zu mir ist."
"Ich war nie unehrlich", behauptete Rafa.
Clarice setzte zu einer Standpauke an. Rafa bekam große, starre Telleraugen. Er fiel Clarice ins Wort und stieß hastig hervor, er habe einen Riesenkrach mit Saara; außerdem sei er zu alt für solche Kindereien und müsse unbedingt erstmal was trinken gehen. Während er davonrannte, rief er:
"Glaub', was du willst! Glaub', was du willst!"
Anscheinend sprach sich schnell herum, daß Rafa im "Elizium" war. Ein Mädchen mit Lackleggins, Stöckelstiefeln und toupierter Mähne ging eilig auf die Tanzfläche und ahmte den Tanzstil der Sängerin nach. Sie trug sogar jene Übermengen an Armreifen, für die die Sängerin bekannt war, und sie ließ diese Armreifen ebenso scheppern, wie die Sängerin das gemacht hat.
Saara entdeckte, daß Rafa mit Nadine gekommen war. Es schien ihm unangenehm zu sein. Die meiste Zeit saß er mit Nadine hinter der Säule bei der Bar, wo ich ihn nicht oder nur halb sehen konnte. Saara ging mit Lisette zur Bar. Sie konnte nicht beobachten, daß Rafa und Nadine Zärtlichkeiten austauschten. Die beiden sollen aber dauernd zu Saara und Lisette herübergeschaut haben.
Im Vorbeigehen konnte ich kurz einen Blick auf Nadine werfen. Sie wirkte sehr unscheinbar. Sie war so zurechtgemacht wie viele andere Mädchen in der Szene, mit gelockten, schwarz gefärbten Haaren, einer engen schwarzen Hose und einem billig aussehenden schwarzen Oberteil. Geschminkt war sie fast gar nicht. Das ist, so dachte ich, eben eine aus der Zielgruppe von Rafa. Sie hat wenig Austrahlung. Sie ist unbedarft und formbar.
Rafa war für mein Empfinden etwas konfus gekleidet. Zu seiner Kuhhose trug er ein schwarzweißes Hemd mit einem großflächigen, geschnörkelten Muster und darüber ein schwarzes Sakko. Die Haare trug er kurz und offen. Er hatte Lackdocs an. Es heißt, er habe solche schweren Schuhe früher gar nicht gemocht.
Rafa verließ seinen Platz an der Säule nur, um auf der Galerie mit Xentrix zu sprechen. Bei diesen Gängen nahm er Dolf mit. Als ich zwischendurch auch zu Xentrix kam, um ihn an meine Musikwünsche zu erinnern, verzog dieser das Gesicht und sagte zu mir:
"Guck' mal, was Rafa und Dolf wieder hören wollen!"
Er hob eine CD hoch, die von einer infantilen Techno-NDW-Sängerin namens "Blümchen" stammte. Das Stück hieß "Piep piep kleiner Satellit" oder so ähnlich.
Rafa und Dolf tanzten nicht eher, als bis ihr Musikwunsch gespielt wurde.
"So, und zu dem folgenden Stück bin ich von Rafa und Dolf genötigt worden", entschuldigte sich Xentrix durchs Mikrophon.
Es erklang eine Art Techno-Pop-Rhythmus. Eine gepitchte Babystimme erzählte von dem kleinen Satelliten. Rafa und Dolf mußten alleine tanzen. Ich stand mit Lessa in der ersten Reihe. Wir lästerten und kicherten. Rafa hatte seine gelbe Brille aufgesetzt, wie zum Schutz. Wenn ihn das Gelästere der Leute traf, so ließ er sich das nicht anmerken.
Als das Stück zuende war, begann ein anderes, das ich ebenso seicht fand. Wieder tanzten Rafa und Dolf allein.
"Mensch, der Rafa, ist der toll!" rief Lessa. "Der ist ja echt toll!"
"Am liebsten würde ich ihn ja verdreschen", sagte ich, als Clarice dazukam. "Aber ich kann es ja nicht."
"Schisser", urteilte Clarice.
"Ach, für mich ist er einfach nur krank", meinte ich. "Der hat nicht nur eine Schraube locker. Der hat mehrere Schrauben locker. Und die festzuziehen ..."
"Na, ich wünsch' dir schon mal viel Spaß."
"Den werde ich haben", seufzte ich.
Damian erzählte mir später, daß der Auftritt von Rafa und Dolf im "Elizium" als regelrechte Sensation erlebt wurde. Als das Stück von Blümchen begann, dachten die Leute, die im Vorraum saßen, Xentrix sei durchgedreht. Clarice bat:
"Kann mal einer nachgucken, ob wer tanzt?"
Jemand ging nachschauen und kam mit den Worten zurück:
"Rafa und Dolfi tanzen!"
Damian stürmte mit den anderen los, um sich das anzusehen.
Vor drei Jahren gehörte es noch zum gewohnten Bild, wenn Rafa auf die Tanzfläche ging. Niemand kümmerte sich darum. Heute zerreißt man sich das Maul. Was ist es vor allem, das als so provokant peinlich erlebt wird?
Rafa scheint es darauf anzulegen, ausgelacht zu werden. Auch Clarice glaubt:
"Der wollte das."
Ich überlege hin und her, weshalb Rafa, der solche Angst vor Zurückweisung hat, die Zurückweisung mit Macht herausfordert.
"Er will dich antesten", vermutet Clarice.
Das hieße vielleicht, Rafa möchte feststellen, ob ich ihn auch dann noch liebe, wenn alle anderen ihn ablehnen.
Als das zweite Stück zuende war, verließ Rafa mit seinen Begleitern das "Elizium". Er war kaum länger als eine Stunde dageblieben. Sein Verhalten paßt in das Schema, dem er folgt, wenn er eine Freundin hat und mir in einem Tanzladen begegnet. Er hält sich dann die meiste Zeit in einem Winkel nahe der Theke auf, vor meinen Blicken verborgen. Und er bleibt nicht lange. Er scheint die Situation nicht ertragen zu können. Ich glaube, daß er sich schämt.
Am Morgen habe ich Folgendes geträumt:

Rafa und seine Komplizen hatten einen Schatz geraubt, der Millionen wert war. Sie versteckten ihn im winterlichen Gebirge. Es war dort draußen aber so kalt, daß die Komplizen ausstiegen und Rafa mit dem Schatz allein zurückließen. Nicht einmal Dolf und Anwar wollten bei ihm bleiben. Rafa aber harrte in der Kälte aus. Um keinen Preis wollte er den Schatz aufgeben. Sein eiserner Wille half ihm, am Leben zu bleiben. Er hielt sich Dienerinnen, die nichts von seinem Verbrechen wußten. Er verkroch sich in einer Höhle und kam nur hervor, um seinen Dienerinnen Geschenke zu machen und Anweisungen zu geben. Die Dienerinnen nörgelten, denn Rafa hatte kaum Zeit für sie, und die Geschenke, die er ihnen machte, waren sinnloser Luxus. Er schenkte ihnen Tickets für Kreuzfahrten und Theateraufführungen, wohin sie ohne ihn gehen mußten. Die Mädchen wollten diese Geschenke oft gar nicht haben; Rafa drängte sie ihnen regelrecht auf, ohne sie danach zu fragen, was sie wirklich von ihm wollten. Rafa bezahlte die Geschenke von dem Schatz. Die Mädchen mußten diesen Schatz nach und nach in Geld umtauschen. Rafa gab ihnen dazu einen Pullover mit, den er in einem Fach zwischen zwei Zaunpfählen aufbewahrte. In einem Ärmel des Pullovers war der Schatz versteckt; das merkten die Mädchen aber nicht. Sie mußten den Pullover an Leute aus der Unterwelt weitergeben, und diese schickten ihn mitsamt dem eingewechselten Geld an Rafa zurück.
Weil die Dienerinnen unzufrieden waren, klagten sie viel und erzählten ihren Bekannten von dem seltsamen Gebieter, der draußen in der Kälte lebte und sich fast nie um sie kümmerte. Dadurch führten sie die Polizei unbewußt auf die Spur des Übeltäters. Der Pullover wurde gefunden, der Schatz ebenfalls und schließlich auch Rafas Schlupfwinkel. Es begann eine lange Jagd. Rafa wurde zwischen schneebedeckten Tannen hindurchgehetzt, bis er auf eine freie Ebene kam, nahe der Hochschule. Dort stellte man ihn. Rafa war fast erfroren. Er mußte in der Hochschule behandelt werden. Ich hatte von den Ereignissen gehört und ging, um nach ihm zu sehen.
"Die Haare sind warm", stellte ich fest, "der Kopf ist warm ... der Mund ist warm ..."
Rafa küßte mich auf den Mund. Es schien, als wollte er gar nicht mehr damit aufhören. Es gefiel mir so, daß ich es nicht beschreiben kann. Dennoch bremste ich ihn schließlich, weil ich mich vergewissern wollte, daß für ihn keine Lebensgefahr mehr bestand. Rafa war sehr geschwächt, doch es sah so aus, als würde er überleben. Er wollte zum Friseur und bat mich, ihn hinzubringen. Ich tat es, denn es gibt einen Friseur in der Hochschule. Auf dem Weg verabredete sich Rafa mit mir. Als ich ihn beim Friseur ablieferte, hatte ich immer noch Sorge um ihn. Ich befürchtete, Rafa nicht genügend unter Aufsicht zu halten. Allerdings sagte ich mir auch, daß er nicht allein war und daß man für ihn im Ernstfall rasch Hilfe holen konnte.

In diesem Traum hatte Rafa etwas angestellt, das ihn in Lebensgefahr brachte. Er mußte durch "höhere Gewalten" gegen seinen Willen gerettet werden.
Die Kälte, in die Rafa sich zurückgezogen hat, kann versinnbildlichen, daß er sich laufend Feinde schafft und sich dadurch in einer Sackgasse festfährt. Durch sein Verbrechen grenzte er sich aus der Gesellschaft aus. Freunde hatte er in dem Traum nicht, nur Komplizen. Selbst diese wollten am Ende nichts mehr mit ihm zu tun haben, weil ihnen das Klima zu ungemütlich wurde. Rafas Dienerinnen, seine wechselnden Freundinnen, waren ebenfalls unzufrieden, denn er scheuchte sie nur herum und vernachlässigte sie. Das wurde ihm zum Verhängnis und führte gleichzeitig zu seiner Rettung. Ich selbst mußte gar nicht viel tun. Es genügte, daß ich Rafa beobachten ließ und mir Bericht erstatten ließ. Ich trat erst auf den Plan, als Rafa gefangen war und sich nicht mehr gegen mich wehren konnte. Seltsamerweise wollte er sich auch gar nicht mehr wehren. Er hängte sich geradezu an mich.
Wenn der Traum die Wahrheit vermittelt, sorgt Rafa durch sein eigenes Verhalten dafür, daß er gezwungen wird, sein Leben zu ändern. Die Frauen, mit denen er spielt, wenden sich gegen ihn, und dadurch gerät er in die Falle. Diese Falle muß ich nicht selbst aufstellen. Es sind andere da, die Rafa für mich aufspüren und mir übergeben.
Ich frage mich, ob Rafa eines Nachts wieder in die "Katakomben" geht. Sazar dürfte nicht besonders gut auf Rafa zu sprechen sein. Sazar war vier Monate lang mit Nadine zusammen, ehe sie etwas mit Anwar anfing. Jetzt hat Rafa sie bekommen, doch es soll schon bröckeln. Nadine hat zu Lara gesagt, Rafa müsse nur noch einen einzigen Fehler machen, und es sei Schluß. Demzufolge hat er Nadine schon ziemlich schlecht behandelt, und sie wartet nur noch auf den Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt. Eine von Rafas Sünden war übrigens, daß er Nadine vorlog, mit Harriet kein Verhältnis gehabt zu haben.
Nadine will die Freundschaft mit Lara wieder aufnehmen. Lara meinte, wenn sie wieder zu einer Art Freundschaft mit Nadine bereit sein sollte, müßte ihr auch mit Greta ein Neubeginn gelingen. Sie versucht also, den Kontakt zu Greta aufzufrischen. Den Kontakt zu Rafa möchte Lara endgültig lösen. Sie hat ihn angerufen und mit ihm gestritten. Rafa meinte schließlich:
"Das Gespräch bringt nichts mehr."
Und er legte auf. Lara rief ihn gleich noch einmal an.
"Ich kriege noch vierzig Mark von dir und die Videokassetten", sagte sie. "Ich komme morgen um fünfzehn Uhr zu dir, und wenn du nicht da bist, passiert was."
Rafa war zu der angesetzten Zeit daheim. Er hatte aber nur einen Fünfzigmarkschein, und Lara konnte nicht herausgeben. Also gingen sie zur Tankstelle und wechselten das Geld.
"Wir können ja noch eine Tasse Tee trinken", schlug Rafa vor.
"Das kann ich auch mit Ivco", erwiderte Lara und fuhr weg.
Rafa scheint sich alle Mädchen auf einmal warmhalten zu wollen. Wenn eine wegen einer anderen wütend auf ihn ist, paßt ihm das gar nicht, und er umwirbt sie so lange, bis sie ihm vergibt. Rafa geht dabei so weit, mit den Mädchen reihum Beziehungen zu unterhalten. Neulich soll Rafa durch den Ort gefahren sein, in dem die Sängerin Tessa jetzt lebt; offenbar hat er ihre Adresse herausgefunden. Rafa soll das Haus der Sängerin nicht betreten haben; ob er sich mit ihr getroffen hat, ist fraglich.
Ich gehe davon aus, daß Rafa erneut versuchen wird, ein Verhältnis mit der Sängerin zu beginnen. Saara glaubt nicht, daß ihm dies gelingen wird. Sie hat über die Sängerin gehört, daß sie ganz früher Punk war, dann Nazi wurde, später in die Gothic-Szene kam und jetzt in der Techno-Szene ist. Jedesmal, wenn die Sängerin die Szene wechselte, brach sie alle Brücken hinter sich ab. Mit ihren Freundinnen aus der Gothic-Szene soll sie nichts mehr zu tun haben. Demnach dürfte sie auch mit Rafa nichts mehr zu tun haben wollen.
Wahrscheinlich wird Rafa keine Ruhe geben, bis die Sängerin einen festen Platz in seinem Harem einnimmt. Sie soll ständig verfügbar sein, ebenso wie die anderen Haremsdamen. Außerdem sollen die Haremsdamen nicht untereinander streiten, weil ihr Herr und Gebieter dann schlechte Laune bekommt.
Saara, Lara und Lisette werden in der letzten Zeit häufiger anonym angerufen. Das Telefon klingelt, und wenn sie den Hörer abnehmen, legt am anderen Ende der Leitung jemand auf. Ich habe ebenfalls stumme Anrufe bekommen, die ich notiert habe; die letzten beiden bekam ich Ende Mai und Mitte Juni. Lara hat zwei solcher Anrufe bekommen, und zwar frühmorgens, vor Tau und Tag. Lisette bekommt die Anrufe dienstags, gegen fünf Uhr früh, wenn Rafa nach seinem Treffen mit Anwar schlafen geht. Saara hat vorletzte Woche an drei Tagen hintereinander um neun Uhr morgens Anrufe bekommen. Am vergangenen Samstag bekam sie einen Anruf um drei Uhr nachmittags, am Sonntag einen im Laufe des Tages und am Montag gleich drei, und zwar morgens um acht Uhr, mittags um halb eins und nachmittags um zwei. Ich habe Saara gebeten, eine Liste anzulegen mit allen Anrufen, die sie bekommt und von denen sie erfährt.
Saara hat Lara gefragt, was Rafa ihr über den Tod seines Vaters erzählt hat. Rafa beschrieb es ihr so, daß sein Vater allein zu Hause war, als er starb. Rafa kam nach dieser Version heim und fand seinen Vater tot im Sessel sitzend. Zwei Stunden später kam die Mutter und fiel in Ohnmacht. Woran der Vater gestorben war, erfuhr niemand, weil die Mutter eine Obduktion ablehnte.
Inzwischen glaube ich nicht mehr daran, daß ich von Rafa das versprochene Plakat für seinen Auftritt in der "Windmühle" jemals bekommen werde. Ich habe ein Foto von dem Plakat als Kopie an die Wand gehängt, freilich nur den Ausschnitt, auf dem Rafa zu sehen ist.
Laut Saara soll Nadine mit Lara fast nie über Rafa sprechen. Neulich soll Lara von Nadine angerufen worden sein. Nadine verriet Lara erst nach einer Viertelstunde, daß Rafa neben ihr saß. Lara ließ sich Rafa geben und schimpfte ihn aus. Rafa erzählte ihr, daß er mit Nadine am nächsten Freitag in die "Halle" kommen werde. Lara war verwirrt, denn Rafa hatte den falschen Tag genannt. Die nächste Tanznacht findet an einem Samstag statt.
Angeblich soll Rafa deshalb kaum noch ausgehen, weil Nadine dazu keine Lust hat. Das glaube ich nicht unbedingt, weil ich mir nicht vorstellen kann, daß Rafa sich so sehr nach einer seiner Freundinnen richtet. Ich vermute eher, daß Rafa sich allgemein mehr und mehr aus der Szenewelt zurückziehen will und nach Rechtfertigungen sucht.
Am Samstagabend habe ich zusammen mit Carl eine Spruchfolge entwickelt. Sie lautet:
"Die Banane ist ein Statussymbol, weil sie den Stand anzeigt.
Bananen werden aus Guatemala eingeführt.
Es gibt Guatemala und Guatelackierer.
Guatelackierer heißen so, weil sie guat lackieren.
Die haben gut lecken!"
Im "Elizium" wurde Clarice von Lisette rechts und links auf die Wange und dann auf den Mund geküßt.
"Du hast Rafa fertiggemacht - dafür kriegst du noch einen Blumenstrauß von mir", versprach sie.
Außer Lisette waren es noch viele andere, die Clarice zur Heldin erklärten.
Mit der Zeit werden es immer mehr, die auf Rafa eine Wut haben. Wie soll er sich da noch irgendwo zeigen können?
Saara kam erst gegen Morgen aus der "Halle" herüber, zusammen mit Daphne und Marcia. Ich erfuhr, daß Rafa Nadine mit in die "Halle" gebracht und hinterm DJ-Pult "abgestellt" hatte. Er war fast durchgehend mit Auflegen beschäftigt. Nadine setzte sich nicht einmal hin; sie stand nur hinter Rafa, immer auf einem Fleck, unbeachtet von ihm. Stundenlang soll sie so dagestanden haben, mit saurer Miene.
"Was findet der an der?" fragte sich Aimée.
Saara meint, Nadine sei viel zu schüchtern, um sich zu vergnügen und Leute kennenzulernen. Daß Lara in der "Halle" war, nützte Nadine auch nichts, denn die wollte nicht mit ihr reden. Rafa soll jedoch bei Lara um gut Wetter gebeten haben. Er versuchte, sie zu umarmen. Sie aber streckte ihm nur kühl die Hand hin.
Einmal beobachtete Saara, wie Rafa sich mit Nadine auf den Weg zu den Toiletten machte. Als Rafa entdeckte, daß Saara ihm und Nadine zusah, hielt er an und griff Nadines Hand.
Rafa wollte wahrscheinlich klarstellen, daß er und Nadine immer noch ein Paar waren.
Saara berichtete auch, daß Kappa in der "Halle" Ärger bekommen hat mit "Kiere" Kierolaiczyk, einem tätowierten Skinhead. Kiere ist berüchtigt wegen seiner Gewaltbereitschaft. Er soll seine Verflossenen zusammendreschen und auch seine Noch-Freundinnen tätlich angreifen.
Als Kappa eine Techno-Version des Deutschlandliedes spielte, bekam er viele Buh-Rufe zu hören. Er sagte durch Mikrophon:
"Ihr habt doch alle keine Ahnung; ihr kennt ja eh nur die dritte Strophe."
Kiere rief ihm irgendwelche Sprüche zu. Kappa kam zu ihm herunter, und zwischen den beiden begann eine handgreifliche Auseinandersetzung. Biergläser flogen durch die Luft. Eine Schlägerei brandete auf.
"Können wir mal ein paar Ordner haben?" fragte Rafa durchs Mikrophon.
Im Gang zu den Toiletten wurde Kappa dann von Kiere angerempelt. Kappa rief wutentbrannt:
"Hau ab, du Nazi!"
Kiere schlug ihn mehrmals ins Gesicht, bis er blutete. Kappa haute zurück. Kiere blutete auch und rief:
"Deutschland!"
Die Polizei kam. Kiere und Kappa wurden weggebracht. Rafa beruhigte das Publikum:
"Kappa geht es gut; ihr braucht euch keine Sorgen zu machen."
"Wer macht sich schon Sorgen um Kappa?" fragte jemand.
Kappa kam schon bald zurück, mit geschwollener Nase, und stellte sich wieder ans DJ-Pult. Saara war in großer Sorge um ihn gewesen. Kappa behauptete ihr gegenüber, er habe Kiere zusammengeschlagen, und der sei jetzt im Krankenhaus. Das glaubte Saara ihm aber nicht. Inzwischen soll Kiere überall Hausverbot haben.
Zoë wirkte nicht übermäßig erstaunt, als ich ihr erzählte, daß Kappa von einem Skinhead namens Kierolaiczyk Dresche bekommen hat.
"Kierolaiczyk?" fragte sie nach. "Da gab es mal zwei von. Der eine ist tot; ich glaube, der Große."
Damian hat sogar gehört, daß es mal drei gab und daß zwei von denen tot sind.
Während Saara kurz mit Kappa sprach und sich nach seinem Befinden erkundigte, kam Rafa eilig heran, ohne daß es dafür einen erkennbaren Grund gab. Etwas später ließ Rafa Saara ausrufen. Er bat sie, an die Theke zu kommen, wo Kappa stand, ganz allein. Saara hörte das allerdings nicht, weil sie mit anderen Leuten schwatzte. Irgendwer erzählte es ihr nachher.
Rafa schaute oft zu Saara herüber. Wenn sie auf der Tanzfläche war, kam es häufiger vor, daß er ihr mit dem Scheinwerfer ins Gesicht blinkte. Man könnte daraus schließen, daß er immer noch etwas mit ihr anfangen will. Mir fällt ein, daß Rafa einmal zu Saara gesagt hat, ihr Sternzeichen - Jungfrau - passe bestens zu seinem Sternzeichen - Steinbock. Mein Sternzeichen hingegen - Wassermann - bezeichnete er als "tödlich".
Velvet bekam von Rafa ein Bier ausgegeben, weil sie ihm kürzlich eine Kassette geschickt hat. Er ging dazu aber nicht mit ihr an die Bar. Er gab ihr das Bier oben am Pult. Velvet soll inzwischen wieder völlig hingerissen sein von Rafa.
Als das "Elizium" schloß, setzten Daphne, Saara und ich uns noch auf einen Kaffee ins "Nachtbarhaus". Daphne erzählte von ihren Erlebnissen mit Rafa, den sie meistens mit Schimpfwörtern betitelt. Als sie Rafa zum ersten Mal sah, hatte sie das unerklärliche Bedürfnis, "ihm eins in die Fresse zu hauen". Sie beschreibt ihr Verhältnis zu ihm mit dem Wort "Haßliebe".
"Mir fehlt der Haß", erzählte ich. "Als Rafa mir zum ersten Mal aufgefallen ist und ich mit ihm getanzt habe, habe ich nur gedacht, den will ich jetzt umarmen."
Im vergangenen Jahr bekam Rafa an seinem Geburtstag Besuch von einem ganzen Trupp Verehrerinnen. Daphne, Velvet und ihre Kameradinnen hatten kurzfristig den Einfall, Rafa zu gratulieren und ihm Kuchen zu bringen. Rafa soll etwa zehn Gäste gehabt haben, unter ihnen die Sängerin. Rafa soll die Geschenke seiner Verehrerinnen nicht besonders gewürdigt haben. Als sie sich verabschiedeten, haute er Daphne auf den Hintern.
Einmal brachten die Mädchen für Kappa ein paar Spielsachen mit ins "Exil". Kappa freute sich sehr. Für Rafa hatten sie auch Spielsachen dabei. Dieser aber sagte ohne große Rührung:
"Oh - für mich?"
- und legte die Sachen beiseite.
Daphne stellte sich die Frage, weshalb sie und die anderen sich überhaupt um Rafa bemühten.
"Rafa gibt den Frauen das Gefühl, daß sie etwas Besonderes sind", war ihr Ergebnis.
Deshalb fällt es ihm auch leicht, Mädchen für sich zu gewinnen, denen es an persönlicher Ausstrahlung und Selbstwertgefühl mangelt. Rafa und die Mädchen nutzen sich dann gegenseitig aus, um sich Selbstbestätigung zu verschaffen.
Rafa hat einmal zu Daphne gesagt, er sei nicht gut für ihre Gesundheit. Damit wollte er sie wohl entmutigen.
"Es ist komisch - je schlechter mich ein Mann behandelt, desto mehr fahre ich auf ihn ab", meinte Daphne.
"Für mich stimmt das nicht", entgegnete ich. "Für mich stimmt es, wenn man sagt, daß ich die Herausforderung suche, die auf mich zugeschnitten ist, eine Herausforderung, die nicht nur im Grad zu mir paßt, sondern auch in der Art. Man kann sagen, es ist die richtige Aufgabe für mich."
"Ein Mann als Aufgabe?" zweifelte Daphne. "Also, höchstens zu einem gewissen Teil."
"Für mich ist es die Aufgabe."
"Und wenn es zur Selbstzerstörung führt?"
"Bei mir tut es das ja nicht. Es baut mich auf. Ich wachse daran. Ich lerne mich erst selber kennen. Ich lerne Seiten von mir kennen, von denen ich früher nichts geahnt habe."
"Aber doch nicht nur wegen Rafa."
"Doch, genau nur wegen ihm", versicherte ich. "Das ist alles erst, seit ich ihn kenne."
"Ist merkwürdig, daß ich immer nur Frauen kennenlerne, die von irgendwelchen Männern nicht loskommen."
"'Loskommen', der Begriff schließt ein, daß man sich von jemandem lösen will", meinte ich. "'Loskommen' hat etwas mit Kampf zu tun. Aber wenn da gar kein Kampf ist ...?"
Daß es sich für mich lohnt, bei Rafa zu bleiben, hat mir neulich der Traum gesagt, in dem er mich geküßt hat. Es hat Sinn, daß ich mich um Rafa kümmere und mir über ihn Gedanken mache.
Wenn ich die Leute so höre, scheint das Beziehungsleben von Rafa eher ungewöhnlich zu sein. Offenbar verliebt er sich nicht einmal dann, wenn er ein Verhältnis anfängt. Alles ist Berechnung. Wahrscheinlich besteht Sex für Rafa lediglich aus Design und Technik; es ist eine Art "Paarungsästhetik" oder "Liebeskunst". Tiefe Gefühle dürfen nicht im Spiel sein. Sie könnten Rafa in Abhängigkeiten verwickeln. Daraus ergibt sich, daß Rafa Angst davor hat, mit mir ins Bett zu gehen.
Ich vermute, Rafas Baggerei dient letztlich der Herstellung von Feindschaften. Jedes Mädchen, das sich auf ihn einläßt, entwickelt später eine Abneigung gegen ihn, die freilich mit Bewunderung vermischt sein kann. Diese vermischten Empfindungen sind es, welche Daphne als "Haßliebe" bezeichnet. Nach meinem Denkansatz gibt es eine echte "Haß-Liebe" gar nicht. Wenn man jemanden liebt, kann man ihn nicht hassen, und umgekehrt. Demzufolge müßten die Mädchen, die Rafa hassen, ihn niemals geliebt haben. Sie verehren ihn lediglich. Und ich, die ich ihn liebe, habe ihn niemals gehaßt. Ich bin wütend auf ihn, aber ich lehne ihn nicht ab.
Daß Rafa sich Feinde schafft, dient meiner Ansicht nach der Erhaltung seines Selbstbildes vom nicht liebenswerten Menschen. Mit der Zeit werden es immer mehr Feinde. Rafa macht sich die Jungen ebenfalls zum Feind, indem er ihnen die Mädchen ausspannt, sie gegeneinander ins Feld schickt oder einfach unzuverlässig ist. Wer "schwört" noch auf Rafa, und wie lange noch? Wann will ihn niemand mehr sehen? Wann wird er auch von Dolf und Anwar zurückgewiesen? Sind am Ende nur noch die Fans von seiner Musik übrig, und bleiben sie auch nur deshalb seine Fans, weil sie mit ihm nicht näher zu tun haben?
Clarice hat das Portrait von Rafa in ihr Fotoalbum geklebt, das Constri auf meiner Geburtstagsfeier von ihm gemacht hat. Clarice hat die Albumseite wie einen Steckbrief gestaltet.
"WANTED!" steht über dem Foto und darunter der folgende Text:

Name: Rafa
(dämlicher) Spitzname: Honey
Besondere Kennzeichen: Kuhleggins, starrer Blick, oft mehrmals auf den Knien zu finden, überdimensionale Schleimspur ...!
Gesucht wegen: Jene Schleimspur brachte sämtliche Frauen und Männer zu Fall ...

... dem muß Einhalt geboten werden, sämtliche Informationen sind an Hetty weiterzuleiten!

Die Entwicklungen bei Rafa und mir haben gegenläufige Tendenzen. Ich vergrößere meinen Freundeskreis, Rafa vergrößert seinen Feindeskreis. Aus diesem immer größer werdenden Mißverhältnis ergibt sich auch eine immer größer werdende Spannung. Ich frage mich, welche Gefühle in Rafa entstehen, wenn er sein eigenes Umfeld mit meinem vergleicht.
Aimée würde gern zu einem von Rafas Konzerten mitfahren. Er soll aber jedesmal darauf bestehen, Nadine mitzunehmen. Sie hat gerade Zeit, weil sie Schulferien hat.
Velvet hat neulich ihr Zimmer renoviert. Sie rief bei Rafa an und fragte ihn:
"Hast du mal fünf Minuten Zeit für mich?"
"Zwei", schränkte er ein.
Velvet ließ sich von ihm ein paar Ratschläge geben. Es soll bei sachlichen Themen geblieben sein.
Saara hat gehört, daß Rafa nach der letzten Veranstaltung in der "Halle" mit Nadine zu Kappa gefahren ist und bei ihm übernachtet hat. Vor der Tanzveranstaltung soll er auch schon mit Nadine bei Kappa gewesen sein und etwas getrunken haben.
Als Rafa schon nicht mehr in der "Halle" war, hat Saara gehört, daß er wieder einmal mit offenem Hosenstall herumgelaufen ist. Wahrscheinlich ist das die Hose, an der der Knopf fehlt. Rafa hat ihn immer noch nicht angenäht, und Nadine hat sich auch nicht darum gekümmert.
Laut Saaras Berichten ist Kappa neuerdings mit einer gewissen Sabrina zusammen, die als besonders rechtsgerichtet gilt. Das wirkt umso seltsamer, als Kappa sich gerade erst in der "Halle" mit einem Rechtsradikalen geschlagen hat.
Als Lara Mitte Juli Geburtstag hatte, wurde sie von Rafa angerufen. Er fragte, ob er vorbeikommen dürfe. Die Situation zwischen ihm und ihr passe ihm nicht. Er wünsche eine Aussprache. Lara brach mit ihrem Vorsatz, Rafa zu meiden, und lud ihn ein. Rafa kam und brachte Nadine mit, obwohl Lara Nadine in der "Halle" zu verstehen gegeben hatte, daß sie von ihr nicht besucht werden möchte. Eine Aussprache zwischen Rafa und Lara fand nicht statt. Rafa soll sehr kalt und arrogant gewirkt haben. Zwei anwesende Sozialpädagoginnen urteilten später über Rafa, er sei ausgesprochen egoistisch, dabei unsicher und müsse sich ständig aufspielen. Das paßt zu meinem Eindruck, daß Rafa ein gestörtes Selbstwertgefühl hat.
Saara und ich haben schon bei vielen Leuten beobachtet, daß sie anderen die schlechten Eigenschaften anhängen, die sie selbst haben. Vielleicht werde ich deshalb von Rafa als egoistisch bezeichnet. Saara sieht den Grund für ein solches Verhalten darin, daß diese Menschen von ihren schlechten Eigenschaften ablenken wollen, indem sie sie anderen zuschieben. Gleichzeitig übertragen sie auch ihr schlechtes Gewissen auf die anderen.
Als Rafa bei Laras Geburtstagsfeier war, fragte er sie vor ihren Gästen, ob Lara denn am Samstag noch mit Saara telefoniert hätte. Die Angelegenheit mit Saara scheint ihn nach wie vor zu beschäftigen.
Was Lara betrifft, so scheint Rafa sich immer wieder dessen versichern zu wollen, daß er mit ihr spielen kann, wie es ihm beliebt. Er machte einen neuen Annäherungsversuch, und Lara ging sogleich darauf ein. Nun konnte er sie wieder enttäuschen, indem er ihr die kalte Schulter zeigte.
Bei "Klangwerk" liefen außer den vielen industriellen auch minimalistische und technoide Stücke wie "TenFour" von Joey Beltram und das Kraftwerk-Cover "Ruckzuck" von den Technocrats. Darien tanzte fast die ganze Zeit mit mir, aber reden konnte ich mit ihm erst nach einigen Stunden, kurz bevor er ging. Eher war es nicht möglich, weil wir beide viel zu beschäftigt waren mit Tanzen.
Ich seufze in Gedanken, wenn ich mir vorstelle, endlich einmal mit Rafa zu Industrial zu tanzen. Die schrägen Ausdruckstänze, die ich mit Darien veranstalte, kann ich mit Rafa nicht machen, weil er Industrialmusik ablehnt und weil er sich nicht traut, beim Tanzen aus sich herauszugehen.

In einem Traum sagte jemand zu mir, ich sei wunderschön.
"Stimmt", antwortete ich in einem sachlichen Tonfall.

Vielleicht würde ich in Wirklichkeit ebenso antworten. Dennoch fällt es mir schwer, Lob zuzulassen - und Eigenlob erst recht. Auf irgendeine Art wird vielen Menschen in der Erziehung vermittelt, daß es sich nicht gehört, von sich selbst begeistert zu sein und sich daran zu freuen, wenn sich andere für einen begeistern.

In einem Traum kam Xentrix auf mich zu und flocht mir ein Zöpfchen ins Haar. Ich hatte von ihm den Eindruck, daß er sich für mich begeisterte.

Ende Juli war ich in den "Katakomben". Dort erschien leider auch der Sockenschuß. Er setzte sich in die Nähe meiner Bekannten, als ich gerade nicht dort war. Viridiana hat den Sockenschuß mißbilligend beobachtet.
"Was war denn das für ein komischer Typ?" fragte sie später. "Der hat so gestunken."
Auch Lillien fiel der Sockenschuß auf. Sie gab ihm den Spitznamen "Renfield", angelehnt an die Figur des Irren aus "Dracula".
Als Constri Bier holte, saß der Sockenschuß an der Theke und gaffte sie an.
Mit Hoffi und Merle ging ich frühmorgens noch ins "Nachtbarhaus". Hoffi kann erzählen wie ein Buch, auch wenn ihm das Reden wegen seines Sprachfehlers etwas schwerfällt. Hoffi berichtete, er sei am letzten Dienstag von Rafa angerufen worden. Rafa habe ihn gefragt, ob er nicht mitkommen wolle zu seinem Auftritt nach WR. Nach dem Konzert sollte dort noch eine Party stattfinden. Hoffi fragte ihn, ob denn seine Freundin auch mitkäme. Rafa soll nur erwidert haben:
"Freundin - was ist das?"
Gerüchten zufolge soll Rafa sich schon vor etwa zwei Wochen von Nadine getrennt haben; das hieße, daß die Trennung spätestens nach dem Besuch von Rafa und Nadine bei Lara stattgefunden haben müßte. Rafa soll die Trennung folgendermaßen begründet haben:
"Nadine ist bescheuert, aber sie f...t gut. Ich habe meinen Spaß gehabt."
Was an diesen Gerüchten stimmt, bleibt freilich offen.
Hoffi erzählte, in MD. sei Rafa bei einem Konzert ausgebuht worden, "weil ihn da viele nicht mögen".
"Auf der Bühne ist Rafa ein Kasper", meinte Hoffi, "und Dolf ist immer der Coole."
Hoffi glaubt, Rafa hat vor allem ein Problem mit den Frauen. Als ich die Vermutung äußerte, daß Rafa deshalb mit den Frauen Probleme hat, weil er mit sich selber Probleme hat, meinte Hoffi:
"Der braucht einen festen Halt."
Dem konnte ich nur zustimmen.
Nach Hoffis Äußerungen soll übrigens die Strafpredigt, die Rafa im "Elizium" von Clarice bekam, in der Szene als historischer Ereignis aufgefaßt werden, nach dem Motto:
"Endlich gibt's ihm mal jemand!"
Es war noch nicht sechs Uhr, als ich in der Frühe nach Hause kam. Jemand hatte in der Zeit nach Mitternacht etwas auf meinem Anrufbeantworter hinterlassen. Ich hörte das Gerät ab. Für etwa zwei Sekunden war Stille, dann erklang eine Melodie, wie man sie als Wartemusik in Telefonanlagen findet. Nach der ersten Hälfte des Liedes war es wieder still; nur im Hintergrund hörte man ein Raunen wie von einer weiblichen Stimme. Dann wurde aufgelegt.
Am selben Tage, dem 27.07., bekam ich um halb elf Uhr abends noch einen seltsamen Anruf. Als ich mich meldete, hörte ich dieselbe Melodie, die mein Anrufbeantworter am Morgen aufgenommen hatte; allerdings wurde sie mir dieses Mal ganz vorgespielt.
"Ach, jetzt weiß ich ja, wo es herkommt", sagte ich.
Nach dem Ende der Melodie wurde die Verbindung unterbrochen.
Am Donnerstag, dem 01.08. wurde mittags zwischen elf und ein Uhr auf meinem Anrufbeantworter wieder eine seltsame "Nachricht" hinterlassen. Ungefähr drei Minuten lang war ein seichtes Discolied zu hören. Dann setzte eine mir unbekannte Frauenstimme zum Sprechen an, und die Verbindung wurde unterbrochen.
Saara hat sich diese Aufnahme angehört; sie sagte mir, bei dem Lied handle es sich um "Roses of red" von der Kelly Familiy, das einzige Stück dieser Band, welches Rafa mit einer gewissen Regelmäßigkeit in der "Halle" spielt. Soweit ich weiß, ist Rafa auch der einzige DJ der Szene, der etwas von der Kelly Family zu spielen wagt.
Aimée berichtete, mit den Kindern der Kelly Family sei sie Anfang der Neunziger Jahre befreundet gewesen, als diese in einem Kanalhafen in H.-Nord vorübergehend logierten. Sie seien wie ihre Geschwister gewesen, und sie habe dort familiäre Geborgenheit gefunden, die ihr daheim gefehlt habe.
Ich erinnere mich noch, damals zwei der Kelly-Kinder in merkwürdigen Kostümen in der Nähe des CITICEN gesehen zu haben. Sie sangen irgendein Lied. Daß es sich um Kinder der Kelly Family handelte, wußte ich damals nicht. Im Nachhinein wird es mir jetzt klar.
Am 02.08. klingelte kurz vor halb sechs Uhr nachmittags das Telefon. Als ich nach dem dritten Klingeln den Hörer abnahm, wurde am anderen Ende der Leitung aufgelegt.
Saara hat mir übrigens berichtet, daß sie neuerdings nicht mehr mit anonymen Anrufen bombardiert wird. Es könnte sein, daß Rafa sie als "Opfer" verlassen hat und zu mir übergeht.
Velvet hat kürzlich bei Rafa angerufen und ihn gefragt, ob er mit ihr und Daphne in einen Pub gehen wolle, zum Bingo-Abend. Rafa lehnte dies mit der Begründung ab, er habe weder Geld noch Zeit für eine Fahrt nach H.
Als ich am Dienstag, dem 06.08. spätabends nach Hause kam, hatte U.W. auf meinen Anrufbeantworter gesprochen. Er bat mich um eine Bestätigung dafür, daß das "P.O.X." früher "Glitter" hieß. Im Hintergrund hörte man mehrere Männerstimmen, darunter die von Brinkus. Die Leute schienen betrunken und guter Dinge zu sein.
Zehn Minuten vor Mitternacht klingelte das Telefon, und ein anonymer Anrufer hauchte viermal in den Hörer.
Genau um Mitternacht rief ich bei U.W. an und sagte auf seinen Anrufbeantworter, daß das mit dem "Glitter" richtig sei.
Zehn Minuten nach Mitternacht klingelte wieder das Telefon, und ein anonymer Anrufer raunte mit verstellter Stimme:
"Baby, ich bin gleich bei dir, mach' dich fertig, o.k.?"
Diese Stimme und diese Wortwahl konnte ich nicht Rafa zurechnen, eher U.W.
Gegen halb eins klingelte es an der Tür. Ich fragte durchs Fenster, wer draußen sei, und jemand rief:
"Taxi!"
Ich erklärte, daß ich nichts bestellt hätte und daß es sich um einen üblen Scherz handeln müßte.
Am nächsten Tag bestätigten mir Ortfried und U.W., daß sie mit dem schwer alkoholkranken Jaranek und dem rechtsradikalen Schläger Jojo Prodnik ein Saufgelage veranstaltet hatten. U.W. behauptete, er sei so betrunken gewesen, daß er sich nicht mehr daran erinnern könne, auf meinen Anrufbeantworter gesprochen zu haben. Brinkus und U.W. stritten beide ab, zu wissen, auf wen die Telefonstreiche zurückgingen.

Saara hat geträumt, ich hätte mit Kappa herumgeknutscht, um Rafa eifersüchtig zu machen. Rafa sei wütend geworden und habe gerufen:
"He, Kappa, bist du bescheuert? Ich will doch Hetty haben!"
Dann fing er in seiner Wut mit Saara etwas an.

Es gilt als aussichtsreich, einen Mann zu gewinnen, indem man ihm vorspielt, man könne auch mit einem anderen glücklich werden. Aber das ist nicht meine Art. Ich will Rafa nichts vorspielen. So widersprüchlich und uneindeutig Rafa sich verhält, so verläßlich und eindeutig will ich mich verhalten.



Am Freitag kam ich mit Zoë in "Halle 1" und traf dort auch Saara und Aimée. Die Bühne, wo früher das DJ-Pult war, ist jetzt eine Art Aussichtsplattform mit Theke. Wenn ich nicht tanzte, stand ich mit Saara und Aimée dort oben an einem Tisch, und wir fächelten uns Kühlung zu. Rafa stand gute zehn Meter entfernt auf einem neu errichteten Podest und legte an Kappas Statt auf. Kappa war beschäftigt mit seiner neuen Freundin Sabrina. Rafa knutschte mit niemandem herum, hatte aber trotzdem noch immer eine Freundin. Das konnte man daran erkennen, daß er in Nadines Begleitung von Podest herunter- und kurze Zeit danach wieder hinaufstieg. Er hielt nicht ihre Hand; trotzdem war ich mir sicher, daß er sich nicht von ihr getrennt hatte. Sein ganzes Verhalten sprach dafür. Er hatte sich hinter dem Pult regelrecht verschanzt und redete nur mit den Leuten, die zu ihm hinaufkamen oder ihn ans Geländer winkten. Um Nadine kümmerte er sich nach dem kurzen Marsch überhaupt nicht mehr. Sie saß regungslos in der hintersten Ecke des Podests, von der Beobachtungsplattform aus unsichtbar.
"Warum ist Rafa eigentlich noch mit Nadine zusammen?" fragte ich Hoffi. "Die ist doch so bescheuert."
Hoffi schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, rannte hoch zum Pult und fragte Rafa. Ich sah Rafa wild gestikulieren und in eine Ecke flüchten. Hoffi berichtete, Rafa habe ihn mit den Worten abgewimmelt, er werde nachher mit ihm darüber reden.
Auf Saara wollte Rafa anscheinend gar nicht mehr angesprochen werden. Berit erkundigte sich bei ihm danach, ob er sie schon gesehen hätte. Unwirsch antwortete Rafa, mit Saara habe er so gut wie nichts mehr zu tun.
Nach einiger Zeit sprach ich Hoffi noch einmal auf Nadine an. Hoffi schlug auf den Tisch, rannte wieder zum Pult und fragte Rafa. Der wich erneut aus.
Rafa spielte sein neues Lieblingslied "Piep piep kleiner Satellit" von Blümchen, dann aber immerhin "Infra red combat" von Frontline Assembly, "Firestarter" von Prodigy und "Bloodmoney" von Dive. Als "Bloodmoney" lief, haute jemand mittendrin auf ein elektronisches Schlagzeug, und man hörte Rafas Stimme durchs Mikrophon:
"Eins ..."
Ich fragte mich, ob Rafa mit der Anlage ein Problem hatte.
Lara ging in Lackdessous und tanzte betont aufreizend. Saara erzählte mir, daß Lara sich so verhielt, um Rafa zu ärgern. Ich glaube, sie erreichte eher, daß er sich über sie amüsierte.
Rafa setzte kurz nach unserem Erscheinen die Schutzbrille mit den gelben Gläsern auf. Er hatte das schwarzweiß gemusterte Hemd an, einen schwarzen Anorak und die enge schwarze Hose. Er rauchte wieder sehr viel und bewegte sich hektisch und quirlig.
Als das Stück von Blümchen kam, stand ich unten, gegenüber vom Pult. Mitten im Stück sah ich Rafa in einer Wolke aus Kunstnebel vom Podest steigen und in meine Richtung gehen; er machte aber auf halbem Wege kehrt und stieg wieder nach oben. Ich fand keine Erklärung dafür.
Gegem Morgen redete ich ein weiteres Mal mit Hoffi darüber, was denn nun zwischen Rafa und Nadine sei. Hoffi schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und ging los, um Rafa zu fragen. Statt einer Antwort holte Rafa Nadine aus ihrem Eckchen und umrundete mit ihr die Tanzfläche, als wollte er dadurch alle Zweifel beseitigen. Nadine trottete neben ihm her, ohne ihn zu berühren. Weil sie Hackenschuhe trug, war sie größer als er. Sie wirkte etwas unbeholfen. Ihre Haare hingen schwarz und glatt herunter. Sie trug ein kurzes schwarzes Kleid mit Halbärmeln.
Aimée lief den beiden nach. Sie wollte Rafa fragen, ob sie mit zu einem Konzert nach C. fahren könne. Entnervt und übellaunig wimmelte er Aimée ab:
"Ich habe jetzt keine Zeit; ruf' mich mal an."
Zu den Konzerten können immer nur vier Leute fahren, weil Stens Auto so klein ist. Meistens fahren Sten, Rafa, Dolf und Nadine. Nadine durfte auch schon mit auf die Bühne und für Sten ein ausgestecktes Keyboard spielen. Das macht Aimée wütend, ist sie doch die Freundin von Sten, nicht Nadine.
Ich sah Rafa und Nadine den Tanzsaal verlassen. Sie kamen aber bald zurück und holten ihre Sachen vom Podest. Dann machten sie sich erneut auf den Weg zum Ausgang. Ich stand wieder unten und sah ihnen über die Tanzfläche hinweg zu. Rafa stockte und gesellte sich zu den Tanzenden. Nadine wartete auf ihn. Ich beobachtete, wie Rafa herumhüpfte und die Beine anwinkelte.
"Für Rafa ist anscheinend alles in bester Ordnung", dachte ich. "Und wo soll ich hin mit der Wut auf ihn? Mit der Wut darüber, daß er alles verleugnet, was sich zwischen uns entwickelt hat? Die Wut soll ihn treffen, aber es soll auch einen Sinn machen, für mich wie für ihn."
Rafa könnte sagen:
"Ich habe meinen Spaß, und du hast deine Gefühle. Fragt sich nur, wer besser dasteht."
Nach seiner Ansicht lohnen sich Gefühle nicht. Man schadet sich selbst, wenn man sie nicht verleugnet und verdrängt.
Nach meiner Ansicht schadet man sich eben dann, wenn man seine Gefühle verleugnet und verdrängt. Das habe ich Rafa aber noch nicht vermitteln können.
Das Lied war zuende. Rafa ging an mir vorbei zu Nadine; er kam mir nahe auf einen Schritt; wie das aber zu werten ist, weiß ich nicht. Ich sah ihm nicht in die Augen, und ich glaube, er mir auch nicht.
Rafa und Nadine verschwanden endgültig. Ich fuhr mit Zoë, Saara und Aimée zum "Nachtbarhaus", wo wir beim Morgenkaffee noch ein Weilchen konferierten. Saara vertraute uns an, daß sie in der "Halle" Gelegenheit hatte, Kappa auszuschimpfen. Sie und Kappa klärten zudem ein Mißverständnis. Jeder der beiden hatte fälschlicherweise gedacht, der jeweils andere wolle nichts mehr von ihm wissen.
Was das Reden über andere Leute betrifft, so sind Saara und ich der Meinung, daß dies notwendig ist, weil man sonst nichts loswerden kann, sich nicht austauschen kann und sich nicht gegenseitig helfen kann. Auch Lästern ist, so denken wir, nicht immer nur zerstörerisch. Es gibt einem auch die Gelegenheit, sich Luft zu machen.
Ich stelle mir die Frage, ob Rafas beständiges Ausweichen und seine Fluchtbereitschaft darauf hindeuten, daß ihn etwas überfordert.
Rafa will sich unangenehmen Situationen entziehen. Immer dann, wenn er um Erklärungen für sein Verhalten gebeten wird, läuft er fort. Immer dann, wenn er sich zu etwas bekennen oder sich auf etwas festlegen soll, flüchtet er. Was ist für ihn daran so schlimm? Weshalb will Rafa keine verbindlichen Aussagen machen? Ist Nadine nur dazu da, ihn vor unangenehmen Fragen zu schützen? Sie selbst wird solche Fragen wahrscheinlich nicht stellen. Ich glaube nicht, daß ihr Fragen in den Sinn kommen, die sich mit Rafas Innenleben befassen.
Rafa flüchtet vor Verbindlichkeiten, Bindungen, Festlegung, Abhängigkeit, Verantwortung, Endgültigkeit ... kurz, vor allem, was ihn hält und festhält. Er möchte anscheinend in einem luftleeren Raum leben, in der Schwebe, ohne Mitte, ohne Boden. Gleichzeitig klagt er über einen Mangel an Geborgenheit. Geborgenheit bedeutet aber, daß man Bindungen zuläßt und Kontrolle abgibt.
Rafa fürchtet sich wahrscheinlich davor, die Kontrolle über seine Gefühle zu verlieren. Er will immer alles bestimmen können. Er will unangreifbar sein. Es scheint ihm immer wieder Vergnügen zu bereiten, vorzuführen, daß er auf niemanden angewiesen ist und nichts braucht, womit er sich nicht jederzeit nach Belieben selbst versorgen kann.

In einem Traum war ich zusammen mit einem sehr jungen Mädchen in einem Forschungslabor der Hochschule eingesperrt. Man wollte Versuche mit uns machen. Uns war ein Aufenthaltsraum zur Verfügung gestellt worden. Wir setzten durch, daß wir auch in das benachbarte Zimmer gehen durften. Dann planten wir unsere Flucht. Wir erzählten den Wärtern, die in unserem Aufenthaltsraum saßen, wir würden jetzt ins Nebenzimmer gehen. Das wollten wir aber nur betreten, um unsere Sachen herauszuholen. Leider saß Lisette in dem Zimmer, und die sollte nichts von unserem Vorhaben erfahren. Also mußten wir die Sachen zurücklassen. Unbemerkt entschlüpften wir durch eine Rauhglastür und flüchteten in die Kellergänge. Die waren nun viel verzweigter, als sie es in Wirklichkeit sind, und es gab auch mehrere Kellergeschosse. Tiefgaragen befanden sich dort unten, Waschräume, Zugänge zu Schächten der Untergrundbahn und Aufzüge, über die man ein Kongreßzentrum erreichte. Wir fühlten uns in dem Kongreßzentrum zu unsicher und suchten nach einem Weg zurück in den Keller. Die Aufzüge füllten sich im Erdgeschoß, und wir wollten uns den Leuten nicht aussetzen, weil uns jemand hätte erkennen können. Also liefen wir nach draußen und wateten durch einen flachen Teich in einen Schacht. Dort ging es tatsächlich wieder in den Keller. Wir eilten durch ein dunkelrot und weiß gekacheltes Labyrinth. Hinter uns waren gleichmäßige Schritte zu hören. Obwohl wir um viele Ecken gingen und in viele Abzweigungen, verhallten die Schritte nicht. Wir befürchteten, daß uns jemand verfolgte. Schließlich wachte ich auf.

Sicher hat diesem Traum als Grundlage gedient, daß ich kürzlich den staunenden Telgart durch die "Katakomben" der Hochschule geführt habe. Doch die Abgründe, die hier gezeigt wurden, stehen im Traum sinnbildlich für seelische Abgründe.
Wenn ich von Verfolgung träume, bedeutet das in der Regel, daß mich etwas überfordert. Das ist im wirklichen Leben auch so. Ich sehe mich verpflichtet, gleichzeitig mehrere Aufgaben zu bewältigen, deren jede für sich genommen meine ganze Kraft oder zumindest den Großteil meiner Kraft beansprucht. Ich weiß, daß ich das nicht leisten kann, und habe deswegen Schuldgefühle. Es sind die Schuldgefühle, die mich belasten.
Noch habe ich keinen Ausweg gefunden. Doch ich habe Helfer gefunden und Freunde; dafür steht das junge Mädchen, das mich treu begleitet. Ich muß nicht allein durch die Dunkelheit gehen.
Am Abend des 11.08. klingelte gegen zehn vor neun einmal das Telefon; dann war Stille. Was ich davon jetzt wieder halten soll, weiß ich nicht.
In der Nacht habe ich Folgendes geträumt:

Food and telephone at 5 a.m.
Es war nachts, und ich aß gerade etwas, als das Telefon klingelte. Von dem Schreck wachte ich auf.

Das Telefon klingelt neuerdings oft, zu jeder Zeit oder Unzeit, und es meldet sich keineswegs immer jemand. Manchmal bekomme ich nur Melodien oder Stimmfetzen zu hören, manchmal auch gar nichts.
Am 13.08. - einem Dienstagmorgen - klingelte früh um zehn nach zwei das Telefon. Ich war sofort wach und nahm schon nach den ersten Klingeln den Hörer ab.
"Ja?" meldete ich mich.
Der Anrufer schwieg; nur ein sehr leises Atmen verriet, daß jemand am Apparat war. Im Hintergrund hörte ich eine Männerstimme eine Arie schmettern, dramatisch und tragisch gefärbt. Wahrscheinlich lief eine CD, oder das Radio war eingeschaltet. Über diese klassische Musik legten sich noch andere, eigentümliche Klänge. In ungleichmäßigen Abständen schien jemand mit einem Löffel gegen ein wassergefülltes Glas zu schlagen, so daß ein helles, schwingendes Klirren entstand.
"Ja", sagte ich, als hätte jemand mit mir geredet.
Nach etwa einer Viertelminute wurde die Verbindung unterbrochen. Fünf Minuten später klingelte das Telefon schon wieder.
"Ja?" sagte ich noch einmal.
Ich hörte dasselbe wie beim ersten Mal. Mit leiser, nüchterner Stimme faßte ich meine Eindrücke in Worte:
"Was ist das? Wie wird das hergestellt? Das klingt, wie wenn man ein Glas mit Wasser anstößt. Das eine ist vom Band, das andere nicht. Das eine ist eine Oper ... Arie ... oder sowas ..."
Der Anrufer ließ sich nicht zum Sprechen verleiten. Nach etwa einer Minute legte er auf. Fünf vor halb drei rief er dann noch einmal an.
"Ja?" sagte ich.
Die Arie endete und lief aus im Orchester. Der Löffel wurde nur noch selten an das Glas geschlagen. Der Anrufer schwieg zäh und beharrlich, über drei Minuten lang. Bisweilen konnte ich hören, wie in dem Zimmer etwas geschlossen, geöffnet, gelegt, verschoben oder abgestellt wurde. Es schien aber kein weiterer Mensch da zu sein; der hätte wohl den Mund nicht gehalten. Ich kuschelte mich ins Bett und wartete ab, bis der Anrufer auflegte.
Rafa hat mir erzählt, daß er sich an jedem Montagabend mit Anwar trifft. Da wird dann wohl auch getrunken, und wenn es tief in der Nacht ist und Anwar nach Hause geht, kann Rafa auf allerlei merkwürdige Einfälle kommen. Reden darf er mit mir nicht, weil er eine Freundin hat, und deshalb könnte er jetzt wortlos mit mir telefonieren.
Am selben Tag um sieben Uhr abends klingelte einmal das Telefon. Ich nahm gleich den Hörer ab; da herrschte aber Stille, als sei die Verbindung schon vorher unterbrochen worden.
Aimée hat nach dem Wochenende ihren Sten gefragt, ob Rafa und Nadine denn noch zusammen seien.
"Wer will das denn wissen?" fragte Sten zurück. "Will Saara das wissen?"
Aimée verneinte.
"Wer denn?" bohrte Sten. "Los, sag', wer will das wissen?"
"Na, Hetty."
"Dann gehe ich jetzt zu Rafa und sage: 'Hetty liebt dich!'"
"Mensch, das weiß der doch längst! Der weiß alles!"
"Ich mach's trotzdem."
Sten gab Aimée nicht die gewünschte Auskunft. Es scheint, als wenn er in Rafas Auftrag herumforscht. Die Jungen sprechen sich demnach auf ähnliche Weise untereinander ab wie wir Mädchen.
Was die Fahrt nach C. betrifft, sollte Aimée zunächst nicht mitfahren, sondern Stens Bandkollege Morten. Im September sollte Aimée zu einem Konzert in KS. mitfahren. Beide Male sollte Nadine nicht mitfahren. Es ergab sich im Laufe der Woche, daß Sten sich mehr oder weniger endgültig mit Morten zerstritt. Dolf und Sten telefonierten deswegen miteinander, und Dolf fragte, ob Aimée Lust hätte, nun doch mit nach C. zu kommen. Aimée hatte Lust. Sie sollte nun Nadines Aufgabe übernehmen und weiß geschminkt auf einem ausgesteckten Keyboard herumklimpern. Sie bekam schreckliches Lampenfieber.
Daß Dolf Aimée einplanen wollte, hatte den Hintergrund, daß mit Nadine nicht mehr gerechnet werden konnte. Nadine hat augenscheinlich Schwierigkeiten mit ihren Eltern. Die Eltern sollen sehr streng sein. Deshalb soll Nadine auch so ein schüchternes und unselbständiges Geschöpf sein. In der Schule soll sie versagt haben und jetzt versuchen, das Fachabitur zu schaffen. Den Eltern soll es nicht gefallen, daß Nadine dauernd mit Rafa auf Reisen geht, weil sie darin eine Gefahr für ihren schulischen Erfolg sehen.
In der Nacht zum Samstag wollen Rafa, Dolf, Aimée und Sten aufbrechen. Zuerst soll es nach K. gehen, wo Rafa und Dolf Musikinstrumente kaufen wollen. Am Samstagabend gibt es dann in C. den Auftritt. Es wird im Hotel übernachtet. Die Rückreise soll im Laufe des Sonntags stattfinden.

In einem Traum fuhr ich mit Rafa in einem Kleintransporter durch die Gegend. Wir alberten nur herum und machten Unsinn. Rafa verkleidete sich als Penner und fragte in einem noblen Kaufhaus nach Wein. Er wurde hinausgeworfen. Stolz schritt ich an seiner Seite von dannen, wußte ich doch, daß er kein Penner war.
Ich fragte mich, ob ich an so einer Reise auch dann Spaß hätte, wenn ich sie nicht mit Rafa unternehmen würde. Nein, ohne ihn hätte ich dieser Tour nichts abgewonnen, da war ich sicher. Nur wegen Rafa fühlte ich mich lebendig und geborgen.

Constri hat mir einen Traum aufgeschrieben, den sie Mitte August hatte. Der Text lautet folgendermaßen:

Die einsame Hochzeit
Heute heiratet Hetty. Wir sitzen zusammen hinten im Auto. Mama und Wilf fahren uns zum Ort der Feier, an dem auch die Trauung stattfinden soll. Hetty hat sich besonders hübsch frisiert und geschminkt. Ich mache ihr Komplimente. Sie trägt ein weißes langes Kleid mit viel Spitze. Es sieht recht gut aus. Für ein noch schöneres reichte Hettys Geld nicht; auch die Schuhe sind ein angemessen aussehender Kompromiß. Es liegt daran, daß Hetty lieber ganz schnell heiraten wollte, als noch mehr Geld zusammenzusparen.
Die Hochzeit findet ohne Rafa, den Bräutigam, statt. Ich glaube, er weiß nicht mal davon. Hetty hat einen Trick herausgefunden, wie sie ihn trotzdem heiraten kann. Dazu hat sie ihn erst entmündigen lassen und gibt jetzt den Gästen gegenüber vor, er sei krank oder verhindert.
Die Trauungszeremonie ist kurz; nun ist Hetty verheiratet. Alle Hochzeitsgäste stellen sich im Kreis auf und stoßen mit Sekt an. Vorher umarme ich noch Hetty, die leicht lächelnd so allein dasteht.
"Trotzdem wünsche ich dir alles Gute für deine Ehe", sage ich, und das kommt von Herzen.
Dann stoßen alle an, aber seltsamerweise gewollt so, daß die Gläser dabei zerklirren. Sie trinken aus den Gläsern, ich auch, aber mir ist unbehaglich wegen der Scherben in meinem Mund. Auf dem Boden ist nun ein riesiger Kreis aus Sekt und Scherben, auf dem alle mit ihren Schuhen herumknirschen; ich versuche es auch, aber mir ist unbehaglich.
Alle gehen in einen anderen Raum. Hetty erzählt mir aufgeregt, Wilf habe ihr so viele teure Schmuckstücke geschenkt; ob sie die jetzt schon alle ummachen müsse? Ich sage ihr, welchen Zeitpunkt ich für geeignet halte.
Mir gehen viele Gedanken durch den Kopf. Ob Hetty eine Hochzeitsannonce aufgegeben hat? Aber dann erfährt er ja, daß sie ihn heiratet. Sie bindet sich auf ewig an ihn, er sich gar nicht. Wie wird er reagieren, wenn er von der Hochzeit erfährt? Was ist, wenn Hetty sich mal scheiden lassen will? Dann hat sie den ganzen Ärger mit den daraus entstehenden Verpflichtungen auch noch am Hals ...
Was Hetty da getrickst hat, ist einmalig in der Geschichte. Sicher werden sich die Klatschblätter auf sie stürzen. Das wird ihr bestimmt nicht recht sein. Sicher wird Hetty viele Nachahmer finden.
In dem anderen Raum setzen sich alle Gäste in einen Kreis. Auf einem Sofa schläft Kyra. Ich überlege erst, ob ich sie wecken und mich zu ihr setzen soll, ziehe es dann aber vor, mir einen Stuhl zu nehmen und mich woanders hinzusetzen, solange noch Stühle da sind. Ich will mich nicht an die Leute klammern.
Ein großer Videobeam ist am Kopfende des Kreises. Da wird jetzt der Film gezeigt, den Leute aus BI., die mit Hetty befreundet sind, extra für Hetty zur Hochzeit gedreht haben. Darüber hat sie sich sehr gefreut. Eigentlich hätte ich ihr sowas schenken müssen, denke ich. Ob mein Geschenk wohl toll genug ist?
Der Film zeigt Rafa, gespielt von einem Freund aus BI., als eine Art Robin Hood mit seinen Gefährten, der auf romantische Weise das Burgfräulein Hetty kennenlernt und erobert. In einer Szene strömen alle zu Hetty und Rafa hin, um zu feiern. Doch in der nächsten Szene ist Hetty ganz allein abends oder nachts in einer Stadt und ruft nach einem Taxi.
Der Traum wurde unterbrochen mitten im Film.
Beherrscht ist der Traum von einem melancholischen Gefühl. Es könnte alles so schön sein, aber das Wichtigste fehlt; deshalb ist es nicht richtig echt. Die einsame Braut tut mir so leid. Sie wirkt etwas verklärt und scheint auf diese Weise die Feier zu genießen. Mir fehlt auch eine richtige Zeremonie, mit Pfarrer und Standesbeamten. Das sage ich im Traum auch an einer Stelle.

An dem Samstag, als Rafa in C. das Konzert gab, hatten wir abends bei Constri ein Treffen, an dem auch Lessa teilnahm. Sie ist bei Simon ausgezogen, dem sie vorwirft, sie geschlagen und einen Teil ihrer Sachen zerstört zu haben. Lessa möchte einen neuen Lebensabschnitt beginnen, und passend dazu hat sie sich die Haare abgeschnitten und blau gefärbt.
Schon vor Monaten habe ich im "Exil" einen Streit von Lessa und Simon beobachtet. Ich hatte von Lessa nicht den Eindruck, daß sie in der Lage ist, Konflikte freundschaftlich und kompromißbereit zu lösen. Sie ließ sich leicht provozieren, deutete Simons Äußerungen bevorzugt gegen sich und machte ihm überwiegend Vorwürfe, anstatt nach Möglichkeiten für gegenseitiges Verständnis zu suchen.
Bei Constri gab es Wodka mit schwarzen Beeren und Pfannkuchen mit Blaubeeren. Sogar Carl hatte gute Laune. Er weiß einen Weg, um sich wenigstens vorübergehend von seinem Ärger mit Saverio zu erleichtern. Er hat entdeckt, daß es ihm trotz seiner Gefühle für Saverio möglich ist, sich bei einem anderen Mann körperliches Vergnügen zu suchen. Auf dieser Suche ist er jetzt.
Nachts gingen wir ins "Elizium". Luie legte auf, und die Musik war das wesentliche Ereignis.

In einem Traum am Sonntagmorgen erschien der Sockenschuß in meiner Wohnung. Er hatte sich wohl hereingeschmuggelt, als Gäste die Wohnung betraten, und war geblieben, als sie wieder gingen. Der Sockenschuß kam in mein Zimmer und erzählte, daß er immer noch auf mich hoffe. Ich ging nicht darauf ein. Ich gab ihm lediglich zu verstehen, daß ich keine Zeit hätte, mit ihm zu sprechen. Er tat schließlich so, als würde er schmollen, und sagte:
"Dann gehe ich eben wieder."
Das war mir nur recht.
"Ja", sagte ich, "ist gut."
Er verließ mein Zimmer und schloß die Tür. Ich lauschte und wartete darauf, daß er weiterging zur Wohnungstür und diese auch hinter sich schloß. Das geschah aber nicht. Ich schaute nach und sah den Sockenschuß vor meinem Fernseher sitzen, den er eingeschaltet hatte. Er guckte Fußball.
"Du wolltest doch weg?" erinnerte ich ihn.
"Äh - ja ..."
"Na gut, dann geh' jetzt aber auch mal weg", drängte ich. "Du hast gesagt, du gehst; dann geh'. Ich zähle jetzt: Eins ... zwei ... drei ..."
Endlich ging er. Ich war erleichtert und überlegte, wie ich verhindern konnte, daß er wiederkam.
Das Telefon klingelte. Der Anrufer sagte nicht seinen Namen, redete aber mit mir. Dem Klang seiner Stimme und seinen Äußerungen nach zu urteilen, war es Rafa.
Im weiteren Verlauf des Traumes fand ich mich in einer Stadtbahn sitzen. Rafa saß mir gegenüber. Neben mir saß eine ehemalige Freundin von ihm, wahrscheinlich Luisa. Rafa hatte sich auf groteske Art zu seinem Nachteil verändert. Er war so häßlich geworden, wie er gar nicht werden konnte, weil ihm einige Anlagen dazu fehlen und weil nicht genügend Zeit vergangen war seit unserer letzten Begegnung. Er war alt und aufgedunsen, hatte schütteres, strohiges, rötliches, angegrautes Haar, gerötete Haut mit Sommersprossen, schlechte Zähne und ein eingefallenes Gesicht. Nur seine Augen waren noch so, wie ich sie kannte. Ich hätte sonst auch nicht gemerkt, daß er es wirklich war.
"Er hat schon so niedlich ausgesehen", dachte ich. "Was ist nur mit ihm passiert? Man muß halt schauen, was man davon wieder richten kann."
Für Rafa stand inzwischen fest, daß er zu mir zog. Er meinte allerdings, er wisse noch nicht, in welches Zimmer er ziehen solle. Treu wollte er mir inzwischen sein, weil das die Bedingung für seinen Einzug war.
"Ja, die Treue ... keine Mädchen mehr ...", sagte er vor sich hin, als wollte er schweren Herzens von seinem Junggesellendasein Abschied nehmen.
Dann veränderte er seine Stimme, daß sie klang wie die eines Schwulen, und setzte hinzu:
"... ja, und eines Tages stelle ich fest, daß ich schwul bin."
Er grinste, als würde er sich darüber freuen, daß er mir schon wieder eine Hoffnung zerstören konnte. Als Rafa ausgestiegen war, meinte das Mädchen, das neben mir saß:
"Ach, das glaube ich gar nicht, daß der das durchhält mit Treue und so."
"Wenn ihn überhaupt noch eine will", ergänzte ich in Gedanken.
Allerdings hatte ich den Verdacht, daß außer mir niemandem auffiel, wie häßlich Rafa geworden war. Für die anderen schien das sein gewohnter Zustand zu sein. Mich verwunderte das sehr. Sahen die Leute ihn denn gar nicht? Hatten sie ihn nie genau angeschaut?
"Ja, damals", erzählte ich dem Mädchen, "damals ... ich hatte Rafa einmal gesehen und ihn später nicht mehr erkannt. Er lief immer im 'Elizium' herum, und ich wußte nicht, daß er es war. Und dann gab es eine Zeit, da wußte ich, wie er aussieht und sich bewegt und all das. Da habe ich ihn immer erkannt. Und jetzt habe ich das Gefühl, es kommt eine Zeit, in der ich ihn nicht mehr erkenne."

Die häßliche Fassade ist vielleicht der Haß, der ihn entstellt. Sie paßt aber nicht zu ihm und gehört auch nicht zu ihm. Er hat die Fassade um sich herumgebaut wie eine Isolierschicht.
Aimée berichtete von dem Konzert in C. Als Aimée und Sten nachts gegen drei Uhr Dolf in Wn. abholten, berichtete er, daß soeben seine Mutter verstorben sei. Sie hatte Krebs. Im vergangenen Dezember hatte man noch Hoffnung gehabt, doch die hatte sich zerschlagen. Dolf fuhr trotz des Todesfalles mit nach C., weil er durch die Reise abgelenkt werden konnte von dem traurigen Ereignis.
Gegen vier Uhr kamen die drei nach SHG. Nadine war bei Rafa, und sie blieb auch dort, als Rafa mit den anderen wegfuhr.
Rafa übte im Auto den Text eines seiner neuen Stücke, "Wo kommen all die Geister her?". Er ließ das Stück etwa sechsmal ohne Vocals laufen und sang dazu. Aimée findet "Wo kommen all die Geister her?" sehr schwungvoll, und sie meint, es könnte ein Hit werden.
Die Discothek in C., wo die Konzerte stattfanden, soll sehr gut besucht gewesen sein. Das Publikum in C. soll laut Aimée keinen Geschmack haben und kindisch und zurückgeblieben sein. Die Leute sollen Aimée angegafft haben wie einen Marsmenschen, als sie den mittlerweile klassischen Szene-Tanz "ein paar Schritte vor - ein paar Schritte zurück" tanzte. Sten gab die Vorband. Als er auftrat, riefen die Leute:
"W.E! W.E!"
Es sollen auch welche dabeigewesen sein, die Rafa und Dolf hinterherfahren und kein Konzert versäumen. Zwei Fans hatten sich wie Rafa und Dolf verkleidet, mit schwarzen Sakkos und weißen Hemden. Sie kauften am Stand Poster von Rafa und Dolf und fragten Aimée:
"Wo sind die eigentlich?"
"Die müssen hier irgendwo 'rumlaufen", gab sie Auskunft. "Ich würde die aber jetzt nicht ansprechen; die sind völlig entnervt. Wenn ihr die ansprechen wollt, dann lieber nach dem Konzert."
Als das Konzert vorbei war, rannten die beiden Fans gleich zur Bühne und ließen sich Autogramme geben. Danach ging Rafa zu Aimée an den CD-Stand und kritzelte ihr mit dem Edding "Ra..." auf den Arm. Aimée wurde wütend. Rafa leckte ihren Arm ab und versuchte, mit seinem Handschuh die schwarze Farbe wegzureiben. Er trug nicht mehr die zerlöcherten Handschuhe von früher, dafür aber sehr rauhe. Das Reiben kniff und ziepte. Aimée wurde noch wütender.
Einmal soll Rafa von hinten auf Aimée zugeschlichen sein und sie umarmt haben, als wollte er sie gar nicht mehr loslassen. Dabei soll er gesagt haben:
"Mein Schätzchen."
Sie merkte, daß es nicht ihr Sten war, und wehrte ihn ab.
"Ach, nein, stimmt ja, du bist ja gar nicht mein Schätzchen", verbesserte er sich. "Nadine ist ja mein Schätzchen. Aber du bist unser Maskottchen."
"Warum bin ich euer Maskottchen?"
"Weil du so knuddelig und niedlich bist. Du und Sten, ihr seid voll das süße, knuddelige Paar; umarmt euch mal; das ist immer so süß, wenn ihr euch umarmt."
Aimée bat Rafa, etwas weniger Süßholz zu raspeln. Ihr war dieses Geschwätz unangenehm.
Einmal schimpfte Sten Aimée aus. Sie fragte ihn, ob er sie auch so anfahren würde, wenn sie Nadine wäre. Er bejahte.
Rafa meinte, wenn er mitbekäme, wie Sten Nadine anschnauzen würde, würde Sten von ihm eine fangen. Seiner Verflossenen gegenüber verhielt Rafa sich nicht so ritterlich. Er lästerte munter über Greta:
"Das ist eine blöde kleine Schlampe."
"Hat sie dir nicht immer schön Nudeln gekocht?" fragte Aimée.
"Woher weißt du denn das jetzt schon wieder?"
"Von Lara."
"Du kennst Lara?"
"Nicht persönlich."
"Wer kennt denn Lara?"
"Saara."
"Ah, langsam schließt sich der Kreis."
"Ja, und, hat dir Greta immer schön Nudeln gekocht?"
"Die konnte überhaupt nicht kochen!" schimpfte Rafa. "Die hat einmal damit angefangen, und als ich gesehen habe, was die da gemacht hat, habe ich lieber selbst gekocht. Was die gekocht hat, hat geschmeckt wie Sch..."
Dolf lästerte über Saara:
"Saara, das billigste Internet der Welt."
Als Rafa und Aimée schon ziemlich viel getrunken hatten, gingen sie miteinander einen dunklen Weg hinunter. Das Gespräch kam auch auf mich.
"Die soll sich echt einen anderen suchen", sagte Rafa. "Die bildet sich immer noch ein, mich irgendwann kriegen zu können. Dabei hat das alles keinen Sinn. Das ist nur bescheuert. Die sollte sich nicht so wegwerfen. Die hebt sich nur für mich auf."
"Wie alt ist Hetty denn?" fragte Aimée.
"Achtundzwanzig, glaube ich."
Er müßte es längst besser wissen.
"Aber sag' Hetty nicht, was ich über sie gesagt habe", bat Rafa Aimée. "Ich will ihr nicht die Illusionen nehmen. Die soll ruhig ihren Traum weiterleben. Die soll ruhig weiter ihren Rafa-Film gucken."
Rafa schien einen Keil zwischen Aimée und Sten treiben zu wollen. Er behauptete, Sten hätte ihm etwas über Aimée erzählt, das er ihr aber nicht weitersagen könne; es wäre "zu negativ".
"Über dich habe ich auch schon was gehört", erwiderte Aimée.
"Ja, ja", sagte Rafa, "daß ich mit jeder Frau f...e, die ich kriegen kann. Daß ich ein A...loch bin, weiß ich selber."
Rafa lästerte über Sten:
"Der kann heute gar kein Groupie mit aufs Zimmer nehmen, weil du dabei bist."
"He, nerv' mich nicht immer mit Sten", wurde Aimée ärgerlich, "sonst nerve ich dich jetzt mit Hetty."
"Hör' auf mit Hetty!" wehrte Rafa wütend ab. "Ich kann diese Frau nicht mehr sehen! Ich hasse diese Frau!"
"Warum rufst du dann immer bei ihr an?"
"Ich habe schon seit einer Ewigkeit nicht mehr bei Hetty angerufen. Das letzte Mal ging es um Tessa."
Das stimmt nicht mit den Tatsachen überein.
Rafa erzählte auch von seinen Übernachtungsbesuchen bei mir:
"Als Hetty sich hingelegt und geschlafen hat, bin ich aufgestanden und habe weiter in den CD's und Videos rumgewühlt."
Das kann ebensowenig stimmen.
Vielleicht tut Rafa so, als würde er alles vergessen, um die Tatsachen in seinem Sinne zu verdrehen.
Was mich betraf, haute Dolf in dieselbe Kerbe wie Rafa.
"Die soll sich endlich einen anderen suchen", sagte Dolf. "Die spult bloß einen Film ab. Die wird Rafa nie kriegen."
Rafa und Dolf waren allerdings nicht immer einer Meinung. Sie stritten sich heftig über die Gestaltung eines Kassettencovers. Wieviel Bedeutung einem solchen Streit beizumessen ist, kann ich freilich nicht beurteilen.
Auf der Rückfahrt rief Rafa Nadine von einer Tankstelle aus an und telefonierte zwanzig Minuten lang mit ihr. Rafas Blick fiel auf die Reste vom Edding, die er Aimée hatte wegwischen wollen. Er fragte sie:
"Was hast du denn da für ein Geschmiere auf dem Arm?"
"Das hat mir ein gewisser Rafa da draufgeschmiert", gab Aimée zurück.
"Wieso, welcher Rafa?" stellte er sich dumm.
"Guck' mal in den Spiegel", forderte sie ihn auf.
"Wieso, woher soll ich denn wissen, wer dir am Stand was auf den Arm kritzelt?"
"So, woher weißt du denn auf einmal, daß das am Stand war?"
Rafa wußte nichts zu erwidern.
Auf dem Weg nach SHG. holte Rafa sich gleich wieder Nadine mit nach Hause.
Insgesamt hat Rafa auf der Fahrt allerlei getan, um mich zu entmutigen. Rafa glaubt vielleicht, daß ich ihn für viel besser halte, als er ist, und daß ich ihn unkritisch verehre. Er kann sich wahrscheinlich nicht vorstellen, daß ich ihn liebe und keinesfalls zu ihm aufblicke.
Es ist Rafa sehr darum bestellt, daß man ihn nicht mit mir in Verbindung bringt. Vielleicht erzählt er den Leuten, daß er nichts mit mir zu tun haben will, damit er eines Tages selbst daran glaubt. Er will alles, was zwischen ihm und mir stattgefunden hat und stattfindet, verdrängen und vergessen.
Vielleicht ist es Rafa peinlich, etwas für mich zu empfinden und an mich gebunden zu sein, weil es ihn verletzbar macht. Rafa könnte sich dafür hassen, daß er etwas für mich empfindet, und er will jeden Verdacht von sich lenken, daß es so sein könnte.
Rafas Haß gegen mich steht im Widerspruch zu seinen Annäherungsversuchen. Clarice glaubt, Rafas lebhafte Abwehrhaltung gegen mich kann eine Abwehr gegen seine Gefühle für mich sein. Er merkt, daß ich durch diese Gefühle Macht über ihn habe und daß er mir in gewisser Hinsicht ausgeliefert ist. Clarice kennt diese Abwehr gegen Bindungen von sich selbst. Sie hat sich auch erst innerlich gewehrt, als sie sich in Damian verliebt hat. Das äußerte sich unter anderem in Aggressionen gegen Männer. Inzwischen hat Clarice sich auf ihre Verliebtheit eingelassen, zu Damians und ihrer Erleichterung.
Clarice vermutet, daß Rafas Aggressionen gegen mich dadurch noch verstärkt werden, daß ich ihm keine sachlich nachvollziehbaren Gründe für diese Aggressionen liefere. Ich gebe Rafa keine Gelegenheit, mich zurückzuweisen, weil ich nicht auf ihn zugehe. Er muß selbst auf mich zugehen, um mich zurückweisen zu können, und er muß die Unwahrheit sagen, um seinen Haß zu begründen.
Rafa fühlt sich vielleicht auch deshalb von mir angegriffen, weil ich nicht in sein Lebenskonzept passe. Ich gefährde sein Selbstbild und stelle seinen Lebensstil infrage. Ich stelle diejenigen seiner Eigenschaften in den Vordergrund, die er ablehnt. Die Eigenschaften oder Neigungen, die er fördert, übersehe oder bekämpfe ich. Dementsprechend passe ich auch nicht zu seinen Kumpanen, weshalb ich diesen wiederum nicht passe.
Ich denke darüber nach, daß Rafa zu vielen Mädchen sagt "Ich liebe dich", ohne das wirklich zu meinen. Wenn er nun einem Mädchen glaubhaft machen will, daß er es wirklich liebt, wie soll er das dann sagen?
Es könnte sein, daß echte Liebe in Rafas Leben gar nicht vorgesehen ist. Er wirft mit dem Wort "Liebe" um sich, weil es für ihn bedeutungslos ist.
Am Dienstagmorgen, früh am 20.08. gegen zwanzig vor zwei, ging es mit den ungeklärten Anrufen weiter. Bei allen Anrufen, die jetzt kamen, meldete ich mich unverändert mit:
"Ja?"
Ansonsten verhielt ich mich still.
Die ersten vier Anrufe kamen sehr dicht hintereinander; sie fanden alle innerhalb von zwölf Minuten statt, und die Pausen dazwischen dauerten kaum länger als eine Minute. Beim ersten Anruf hörte ich Teile der Fernsehserie "Star Trek - The next Generation" und dann ein Rülpsen. Der Hörer wurde aufgelegt. Beim zweiten Anruf lief immer noch die Serie. Ich hörte außerdem irgendwelche Geräusche, die ich nicht zuordnen konnte, denen ich aber entnahm, daß sich mehrere Leute im Zimmer aufhielten. Beim dritten Anruf hörte ich die Titelmelodie der Serie und dann die Fernsehwerbung. Im Hintergrund wurde gekichert. Man hörte, wie eine Flasche in einen Kasten gestellt wurde. Ich vermutete, daß gerade ein Besäufnis stattfand. Beim vierten Anruf lief im Fernseher ein eindeutiger Film. Der Anrufer versuchte mehrmals angestrengt, in den Hörer zu rülpsen und gab gurgelnde und schmatzende Geräusche von sich. Ich wurde wütend und hörte nur noch zu, um endgültig zu entscheiden, ob ich die Telefonate als Belästigung werten und entsprechend behandeln sollte. Die Anrufe bekamen einen ordinären Anstrich, den sie vorher nicht hatten. Sie verloren die Eigenschaft einer harmlosen Kontaktaufnahme und wurden zum Angriff.
Kurz vor zwei Uhr kam der längste Anruf, der etwa fünf Minuten dauerte. Mehrere Leute bliesen auf Flaschenhälsen und entlockten ihnen Töne. Aus dem Hintergrund kam das unterdrückte Kichern eines Mädchens, wobei mir Nadine einfiel. Sie dürfte kindisch genug sein, um solche Scherze mitzumachen. Die Leute schlugen alle irgendwelche Gegenstände aneinander, Löffel gegen Flaschen, Flaschen auf Tischplatten und anderes. Dieses Gehämmer erinnerte sehr an die Albereien auf einem Kindergeburtstag.
Der Fernseher lief immer noch, allerdings konnte ich nichts Besonderes heraushören. Etwa fünfmal kam aus geringer Entfernung das blechbüchsenhaft verzerrte, leiernde Sample einer Männerstimme:
"Wenn du mich nicht in Ruhe läßt, töte ich dich."
Das schien von den Anrufern abgespielt zu werden, weil es zeitlich gesteuert wirkte.
In der Folge wurde auf dem Telefonhörer herumgeklopft und herumgekratzt. Am Ende des Anrufs erklang noch dreimal dicht am Hörer das Sample:
"Wenn du mich nicht in Ruhe läßt, töte ich dich."
Damit waren die Anrufe nicht nur als Obszönitäten, sondern auch als Drohungen einzuordnen. Ich hatte genügend Gründe beisammen, um die Polizei einzuschalten.
Wen soll ich nicht in Ruhe gelassen haben? Ich bin es doch, die nicht in Ruhe gelassen wird. Ich bin es doch, die nachts mit Anrufen belästigt wird.
Der sechste Anruf kam fünf vor drei Uhr. Man hörte zuerst wieder das Pusten auf einem Flaschenhals und andere merkwürdige Geräusche. Dann hörte man nur noch einen der Anrufer, der sich bemühte, möglichst pornografisch zu atmen. Ich beendete zum ersten Mal einen dieser Anrufe selbst. Ich legte auf und zog den Stecker aus der Wand. Kurz danach ging draußen im Treppenflur das Licht an, ohne daß man eine Tür schlagen oder Menschen gehen hörte. Dies geschah gleich noch ein zweites Mal. In mir regte sich der Verdacht, daß vor der Haustür jemand lauerte und das Licht von außen anschaltete. Freilich mußte das nicht mit den Anrufen im Zusammenhang stehen.
Ich liste auf, was an den Anrufen zu Rafa passen könnte. Es paßt zu ihm, daß die Anrufe nachts stattfinden. Es paßt zu ihm, daß sie in der Nacht zum Dienstag stattfinden, weil er sich am Montagabend mit Anwar trifft. Es paßt zu Rafa, daß er seine Annäherungen periodisch wiederholt. Es paßt zu ihm, daß er sich mitten in der Woche betrinkt. Auch weiß ich von ihm, daß er seine Bierkisten bei sich im Zimmer aufbewahrt. Es paßt also, wenn man eine Flasche in eine Bierkiste fallen hört. Es paßt auch zu Rafa, daß er Mädchen an den montäglichen Treffen teilnehmen läßt; in diesem Fall wäre das Nadine. Es paßt gleichermaßen zu Rafa, zu seinen Kumpanen und zu Nadine, kindische Scherze anzuregen oder mitzumachen. Es paßt zu Rafa, daß er mitten in der Nacht nebenbei den Fernseher laufen läßt. Es paßt auch zu ihm, "Star Trek" laufen zu lassen; sein Interesse für diese Serie hat er mir gegenüber schon selbst geäußert.
Die Drohungen in einem der Anrufe passen nicht zu Rafa. Das Ordinäre in den Anrufen paßt auch nicht zu Rafa. Er stülpt sich allerdings manchmal ein ordinäres Gehabe über, um abstoßend zu wirken. Es kann auch sein, daß es zum Schluß Rafas Kumpane waren, die mich in ordinärer Weise belästigt haben.
Das Ordinäre ist es, was mich wütend macht. Das Ordinäre ist es auch, womit man mich wirksam verscheuchen kann.
Ich frage mich, ob es irgendetwas gibt, vor dem Rafa zurückschreckt, irgendetwas, das er nicht tun würde, um mich loszuwerden. Ich frage mich, ob es in Rafa überhaupt irgendeine Art von Grenzen gibt. Schließlich kann ich nicht mit einem potentiellen Verbrecher zusammenleben. Umso wichtiger ist es, daß ich eine Fangschaltung anlegen lasse und herausfinde, ob die Anrufe wirklich auf Rafa zurückgehen. Leider fällt mir nicht ein, wer es sonst sein könnte. Am Ende kommt es noch so weit, daß ich den Mann vor Gericht bringen muß, den ich liebe. Ich würde das übrigens ohne Zögern tun, wenn Rafas Verbrechen schwer genug wäre. Ein jeder soll das bekommen, was er sich verdient hat, unabhängig von meinen Gefühlen für ihn.
Wenn Rafa sich schon gegen mich entschieden hat, dann soll er wenigstens Abstand von mir halten und sich zufriedengeben mit dem, was er sich ausgesucht hat. Wenn er mich schon haßt, dann soll er mich wenigstens in Ruhe lassen.
Eine Fangschaltung würde Rafas Möglichkeiten beschränken, mich anonym anzurufen. Einer mehr hält ihn in der Zange, die Polizei nämlich.
Wer nur sollte es sonst noch sein? Lädt der Sockenschuß regelmäßig am Montagabend zum Besäufnis? Lassen Jaranek und Jojo Prodnik neuerdings Mädchen an ihren Besäufnissen teilnehmen? Sind irgendwelche Nachbarn von mir regelmäßig nachts und wochentags zu kindischen Streichen aufgelegt? All dies ist so unwahrscheinlich ...
Vielleicht ist es nicht verkehrt, daß Lessa für ein paar Tage in dem freien Zimmer wohnt. Ich fühle mich sicherer, wenn noch jemand da ist außer Bisat und mir.

Am Morgen träumte ich, ich würde nachts in einem gläsernen Haus sitzen. Gardinen gab es nicht. Ich konnte auch die Lichter nicht löschen, weil die Schalter nicht funktionierten. Jeder konnte mich sehen. Ich wurde belagert von einem Mädchen, dessen geheime Erfindung ich in einem Kästchen aufbewahrte. Im Haus gegenüber bewirtete meine Mutter das Mädchen und mich. Meine Mutter sah krank aus, als müsse sie bald sterben, so wie Dolfs Mutter. Ich fragte sie nach ihrem Befinden, und sie antwortete, das sei gut. Als ich wieder in meine Wohnung ging, ging das Mädchen mit. Es wurde immer aufdringlicher, und ich ließ es wegschaffen. Ich war nun allein in der Wohnung. Auf einmal hörte ich, wie jemand versuchte, das Schloß an meiner Wohnungstür aufzubrechen. In der Tür befand sich ein kreisrundes Loch, und durch dieses konnte ich sehen, daß ein skandinavisch blonder Hüne mit einem Markstück das Schloß bearbeitete. Er schaute mich mit seinen opfergierigen Augen an. Er sagte aber nichts. Ich hielt den Schlüssel von innen im Schloß fest und rief die Polizei. Der Hüne versuchte es an einem zweiten Schloß in der Tür. Ich entdeckte über diesem Schloß noch ein größeres Loch. Die Polizei ließ auf sich warten. Der Hüne warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen die Tür, daß die Scharniere krachten. Ich stemmte mich dagegen. Inzwischen wachte ich langsam auf, weil ich mir keinen Rat mehr wußte. Ich konnte die Ereignisse zunehmend willentlich steuern und meine Vorstellungskraft bewußt einsetzen. Ich wickelte die Tür wie eine Decke um den Einbrecher herum und machte ihn bewegungsunfähig. Dann drückte ich den Hünen zu Boden, kniete mich auf ihn und würgte ihn. In meiner Wut schlug ich ihm auch den Kopf auf den Boden. Der Hüne sagte immer noch nichts.

Auf Bertines Geburtstagsfeier kam das Gespräch darauf, wie man seine Kinder nennen könnte.
"Früher wollte ich mein Kind so nennen, wie ich es jetzt nicht mehr nennen kann - Rafa", erzählte ein Mädchen.
Ich war mir nicht sicher, ob das Mädchen gar keine Kinder bekommen kann oder ob es Rafa nicht mag und deshalb kein Kind nach ihm benennen will. Das Letztere halte ich für wahrscheinlicher.
Seit Lessa bei mir ist, gibt es am Wochenende vor dem Weggehen kleinere Treffen, auf denen Wodka Black Sun getrunken und viel herumgealbert wird:
"Was ist der Unterschied zwischen einer Blondine und einem Tetrapak? - Tetrapak, irgendwie clever."
... oder ...
"Was ist eine Blondine beim Joggen? - Dumm gelaufen."
Außerdem gibt es noch die Geschichte von Bummi Fröhlich. Einmal habe ich Carl erzählt, daß wir von früher ein Kinderbuch haben, das mit den Worten anfängt:
"Ich bin Bummi - Bummi Fröhlich!"
Carl fragte verständnislos:
"Gummi Fröhlich?"
Wir haben aus dem Namen noch "Bums mich fröhlich" gemacht und "Fummel fröhlich".
Einmal habe ich zu Carl gesagt:
"Du hast wohl den A... offen."
Da hat er gesagt:
"Mein A... ist offen für jedermann."
Als einmal der Satz "Nomen est omen" fiel, sagte Carl:
"Nomen läßt Omen grüßen."
Carl hat einmal auch gesagt:
"Ich glaube nicht an Gott, aber an Götterspeise; die gibt's nämlich."
Als in einem Film jemand sagte: "Dem werde ich ein Halleluja blasen!", fragte Lessa:
"Oh, wie bläst man denn ein Halleluja?"
Constri und Lessa wollen eine Quizsendung für den Wetterkanal gestalten, mit dem Titel "Wetter daß ...". Als Preis kann man eine Sonnenbank gewinnen oder eine Tüte Hagelkörner.
Lessa gab eine Geschichte zum Besten, die sich entweder wirklich zugetragen hat oder die sie sich einfach nur gut ausgedacht hat. Sie handelt von Simons Mutter Edda, bei der laut Lessa eine psychische Erkrankung bestehen soll:

Edda und die Enten
Lessas Mutter arbeitet in einem Geschenkeladen. Eines Tages kam Edda in diesen Laden. Lessas Mutter stand hinter der Kasse und hoffte zitternd, daß Edda sie nicht erkannte, weil sie sich mit ihr überworfen hat. Ihre Hoffnung erfüllte sich. Edda kam mit zwei gelbschnäbeligen Plüschenten zur Kasse, kaufte das Pärchen und verließ den Laden. Lessas Mutter atmete auf. Fünf Minuten später kam Edda wieder zurück, stellte das Entenpärchen auf den Kassiertisch und erzählte:
"Also, ich war vorgestern schon mal hier und habe diese zwei Enten gekauft. Die haben meinen Töchtern aber gar nicht gefallen, und jetzt wollte ich Sie fragen, ob ich die Enten umtauschen kann."
Edda hat keine Töchter, stattdessen zwei Söhne.
"Wenn Sie den Bon noch haben, ist das kein Problem", sagte Lessas Mutter. "Wollen Sie das Geld wiederhaben, oder wollen Sie sich etwas anderes aussuchen?"
Edda wollte sich etwas anderes aussuchen. Sie ging durch den Laden und kam nach einer Weile mit einem Entenpärchen zurück, das dem vorher gekauften aufs Haar glich.
"Das sind schöne Plüschtiere", sagte sie freudestrahlend. "Die werden meinen Töchtern bestimmt gefallen."
"Bestimmt", sagte Lessas Mutter. "Das bleibt dann auch vom Preis her gleich."
Also nahm Edda die Enten mit. Fünf Minuten später kam sie schon wieder in den Laden, stellte ihre Enten auf den Kassiertisch und erzählte:
"Ich war vorgestern schon mal hier und habe diese zwei Enten gekauft; das war aber bei einer Kollegin von Ihnen. Jetzt haben die Enten meinen Töchtern so gefallen, daß die beiden Freundinnen von meinen Töchtern auch solche Enten haben wollen."
Edda kaufte also noch ein Entenpärchen. Niemand weiß, was sie mit ihren vier Enten angestellt hat.

Es gibt eine neue Fernsehwerbung, die besonders anspruchsvoll ist:
"Sie sind im Zeichen der Waage geboren", sagt ein Mann aus dem Off. "Deshalb wollen wir Ihnen ein Geschenk machen. Haben Sie Lust, 20.000 DM zu gewinnen? Dazu müssen Sie nur das Wort erraten, das hier unvollständig ist. Es ist eine Eigenschaft Ihres Sternzeichens."
Auf dem Bildschirm erscheint die Buchstabenfolge "INT_LLIG_NT".
Lessa hat das Sternzeichen Waage. Sie fühlt sich entsprechend geschmeichelt.
Ende August erzählte Luca im "Elizium", er habe sich von Marilene verabschiedet.
"Aber du warst doch ein ganzes Jahr mit der zusammen", wandte ich ein.
"Kennst du Marilene?" fragte Luca.
"Ich kenne Marilene", sagte Luc mit wissendem Blick.
"Na also", meinte Luca.
"Ja, aber warum warst du dann ein ganzes Jahr lang mit der zusammen?" wollte ich wissen.
"Na, ich habe halt diesen pädagogischen Ehrgeiz", erklärte Luca. "Ich habe immer gedacht, eines Tages rafft sie es noch. Aber jetzt habe ich es aufgegeben."
Was Marilene nicht begriffen hat, weiß ich leider nicht. Daß es aber einige Dinge gibt, die sie nicht begreift, kann ich mir schon vorstellen. Marilene scheint nur für ihre äußere Verblendung zu leben, und sie scheint zu glauben, daß diese Verpackung sie über alle anderen Menschen stellt. Es heißt, daß Velvet Marilene deswegen vergöttert.
Xentrix hatte gute Laune und spielte die schräge Version von Lard von "They're comin' to take me away", einem Lied über das Irrenhaus. Die Tremolo-Stimme von Jello Biafra paßt hervorragend dazu.
Am Freitag wurde die Tanzfläche in den "Katakomben" erst voll, nachdem Macro Sazar am DJ-Pult abgelöst hatte. Greta und Lara waren in den "Katakomben"; sie scheinen sich wieder so gut zu vertragen wie vor den Ereignissen mit Rafa. Der Sockenschuß geisterte zu später Stunde ebenfalls dort herum, verhielt sich aber unauffällig.
Inzwischen ist bei mir eine Fangschaltung installiert und wartet auf den unbekannten Telefon-Terroristen. Am 22.08., kurz vor der Installation, klingelte um 21.30 das Telefon einmal; ich nahm ab, es war aber nur das Freizeichen zu hören. Am 31.08. klingelte auch gegen 21.30 einmal das Telefon. Ich nahm ab, und am anderen Ende der Leitung wurde aufgelegt. Diesen Anruf habe ich deshalb noch nicht durch Tastendruck "gefangen", weil ich auf einen noch typischeren, noch eindeutigeren warte.
Leider kenne ich niemanden, der einem Menschen so unbedingt die Treue hält wie ich dem Rafa. Auch Carl, der in Saverio verliebt ist, genießt die Zärtlichkeiten, die er mit anderen Männern austauscht. Es gibt für mich kein Vorbild. Es gibt niemanden, der mir aus eigener Erfahrung raten kann.
Am 03.09., früh an einem Dienstagmorgen, klingelte um viertel nach eins das Telefon.
"Ja?" meldete ich mich.
"Hallo, hier ist Jens", sagte der Anrufer mit einer glatten, jungenhaften, etwas blökenden Stimme, die mich an Rafas Kumpan Anwar denken ließ. "Ist Carl da?"
"Nein, der ist nicht da."
"Wo ist der denn?"
"Der ist ausgezogen."
"Ach, der ist ausgezogen? Wo ist der denn jetzt?"
"Wer bist du eigentlich?"
"Ich bin ein Freund von Carl", behauptete der Anrufer. "Ich war mal mit dem zusammen."
"Ach, und wann war das ungefähr?"
"So vor ... einem halben Jahr."
"Ah, so."
Ich wählte die Fangziffer.
"Ich glaube dir kein Wort", bedauerte ich. "Wenn es abends um zehn wäre, vielleicht, aber nicht nachts um eins. Ich werde nicht nachts um eins angerufen, und Carl wird auch nicht nachts um eins angerufen."
"Woher weißt du denn das?"
"Ich kenne Carl um Einiges besser als du."
"Hast du eine Ahnung, wie gut Carl und ich uns kennen."
"Ich sage dir, Carl wird sich über die Geschichte halb totlachen. Da ist kein Wort von wahr."
"Wieso, ich wollte echt nur mal wieder bei Carl anrufen und mich ein bißchen mit ihm unterhalten."
"Sowas macht man aber nicht nachts um eins."
"Das tut mir leid, daß ich dich geweckt habe, wirklich. Aber wo du schon einmal wach bist, kannst du mir vielleicht weiterhelfen?"
"Worum geht es denn?"
"Wenn du Carl kennst, kennst du auch Saverio?"
"Ja, sicher kenne ich Saverio."
"Oh, du kennst ja ganz schön viele Leute."
"Ja."
"Kennst du vielleicht auch den DJ vom 'Nachtlicht'?"
"Welchen? Da gab es doch mehrere."
"Na, so ein Dunkelhaariger, ein maskuliner Typ."
"Wie heißt der denn?"
"Das weiß ich nicht."
"Also, wenn du den Namen nicht weißt ... Da gibt es nämlich mehrere Dunkelhaarige."
"Der macht, glaube ich, auch Musik oder so."
"Ja, und was ist mit dem?"
"Ja, ich wollte dich fragen, ob du vielleicht die Nummer von dem hast und ob du mir die geben kannst."
"Warum willst du von dem die Nummer haben?"
"Ja, weil ich den nett finde und weil ich den gerne kennenlernen würde."
"Die Nummer gebe ich nicht 'raus."
"Ah, du kennst den also", folgerte der Anrufer.
"Ich kenne die 'Nachtlicht'-DJ's", verallgemeinerte ich. "Aber ich weiß nicht, welchen du meinst."
"Wie gesagt, den Namen weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß der irgendwie so eine Gruppe hat, oder so."
"Also, den kannst du schon auf irgendeine Art kennenlernen, dazu brauchst du mich nicht. Da gibt es genug Möglichkeiten."
"Wieso, welche denn?"
"Du mußt nur dahin gehen, wo der ist, und den ansprechen."
"Wo ist der denn?"
"Das wirst du schon herausfinden."
"Nein, echt, wo ist der denn?"
"Wenn du den schon so lange kennenlernen willst, warum hast du ihn denn nicht im 'Nachtlicht' angesprochen?"
"Kennst du das Wort 'Scham'?"
"Ja, davon hast du ziemlich wenig."
"Nein, ich meine nicht 'Charme', ich meine 'Scham', S-C-H-A-M. Ich habe den DJ nicht angesprochen, weil ich Scham hatte."
"Wenn du Scham hättest, dann würdest du nicht nachts um eins bei mir anrufen."
"Ich geb' zu, ich habe ein oder zwei Bier getrunken."
"Eben."
"Und, gibst du mir die Nummer?"
"Nein."
"Gibst du nicht 'raus?"
"Nein."
"Kor-rekt", lobte der Anrufer. "Kann ich dann wenigstens deinen Namen haben, damit ich weiß, bei wem ich mich entschuldigen kann?"
"Wieso, du weißt doch, wer ich bin."
"Nein, ich weiß nur, Carl hat mal in einer WG gewohnt, und davon habe ich die Nummer."
"Wenn du mich nicht kennst, dann weißt du auch nicht, was ich für ein Verhältnis zu Carl habe. Und du kannst auch nicht behaupten, daß du ihn besser kennst als ich."
"Stimmt. Du bist ein aufgewecktes Kind, sogar nachts um eins. Ja, wie ist es, kann ich deinen Namen haben?"
"Nein."
"Komm', ich sage dir auch, wer ich bin. Ich heiße Jens Borrmann, wohne in HF. und gehe manchmal ins 'Zone'. Ist dir das genug?"
"Wie lange wart ihr eigentlich zusammen, du und Carl?"
"Ja - nun, es war nicht gerade ein One-Night-Stand ... sagen wir, wir kannten uns ein bißchen."
"Und wie lange ungefähr?"
"He, ich brauche dir nicht mehr zu sagen. Du sagst mir ja auch nichts."
"Stimmt, ich sage dir nichts."
"Kannst du mir denn vielleicht die Nummer von Carl geben?"
"Nein, ich will nicht, daß du den jetzt auch nachts um eins aus dem Bett klingelst."
"Ich sagte schon, ich bitte um Entschuldigung dafür, daß ich dich geweckt habe. Und du kannst mir glauben, ich wollte wirklich nur gerne mal wieder mit Carl sprechen."
"Es ist die Uhrzeit", meinte ich. "Um diese Zeit ruft niemand an, der jemanden lange nicht mehr gesehen hat. Das ist einfach eine Frage der Höflichkeit. Irgendwann muß man nämlich auch mal schlafen. Außerdem ist es Dienstag früh; das sagt alles."
"Wieso, was sagt das?"
"Das tut jetzt nichts zur Sache."
"Was ist mit Dienstag früh?"
"Ich lege meine Karten nicht auf den Tisch. Du legst deine ja auch nicht auf den Tisch. Das ist eine einzige Lügengeschichte. Da ist kein Wort von wahr."
"Nein, wirklich, ich hatte nur gedacht, du könntest mir vielleicht helfen."
"Was willst du überhaupt? Was ist dein Problem?"
"Ich wollte dich fragen, ob ich über dich an den DJ vom 'Nachtlicht' herankommen kann."
"Wie so denn ausgerechnet über mich?"
"Du kennst doch alle."
"Ja, ich kenne alle."
"Eben deshalb wollte ich dich fragen, ob du mir vielleicht die Nummer von dem DJ geben kannst."
"Nein, die gebe ich nicht 'raus."
"Warum nicht?"
"Weil ich nicht bei üblen Scherzen mitspiele."
"Kor-rekt."
"Wie kommst du eigentlich auf den 'Nachtlicht'-DJ? Was hat der mit Carl zu tun?"
"Na, ich dachte mir, der kann mir vielleicht helfen, an den DJ 'ranzukommen."
"Wenn du Carl treffen willst, geh' doch am Samstag ins 'Elizium', da hält der sich nämlich meistens auf."
"'Elizium'? Ist das in H.?"
"Na hallo, wenn du die Vorwahl von H. kennst, mußt du auch das 'Elizium' kennen."
"Wieso, das hat doch nichts miteinander zu tun. Außerdem ist H. auch nicht unbedingt die Weltstadt."
Bei diesem Gespräch war der Anrufer sehr wahrscheinlich nicht allein. Man hörte Stimmen und leise Geräusche aus dem Hintergrund. Allerdings konnte ich keine weiblichen Stimmen und kein Gekicher heraushören.
Vielleicht hat es den Anrufer verwirrt, als er erkennen mußte, daß ich ebensowenig allein war. Während des Gesprächs war Lessa wach geworden und kam im Nachtkleidchen ins Zimmer spaziert. Sie lauschte und machte stumme Gesten. Als ich sie ansprach, hatte es der Anrufer plötzlich sehr eilig. Er bat nochmals um Entschuldigung, verabschiedete sich und legte auf.

Nach diesem Anruf habe ich geträumt, Rafa würde mehr und mehr die Widerstände gegen mich verlieren. Dolf schien jedoch die vertraute Rolle behalten zu haben. Wenn er zugegen war, wurde er von Rafa gelobt und bestätigt, und wenn er sich entfernte, gab Rafa nichts mehr auf Dolfs Meinung. Er behandelte Dolf wie einen Diener.
"Dolf!" rief er im Befehlston. "Herkommen!"
Dolf folgte auch stets.

Um acht Uhr früh klingelte das Telefon genau einmal; bevor ich abnehmen konnte, war Stille.
Am 04.09. klingelte abends um zwanzig vor elf das Telefon. Als ich abnahm, wurde aufgelegt.
Carl hat schallend gelacht, als ich ihm die Geschichten von diesem gewissen Jens Borrmann erzählt habe. Er kennt niemanden, der so heißt.
Am 06.09. klingelte wieder einmal nachts um viertel nach eins das Telefon. Ich meldete mich mit "Ja?" und bekam eine Instrumentalversion von "Roses of red" von der Kelly Family zu hören. Ich drückte die Fangziffer. Das Stück wurde zwischenzeitlich ausgeblendet, und stattdessen wurde ein Gedröhne eingeregelt, das aus dem Radio stammen konnte. Es war deutsche Schnulzenmusik, vermischt mit irgendeiner Art von Lärm. Schließlich erklang wieder "Roses of red". Es geschah übrigens auch, daß der Anrufer kurz und wie spielerisch den Hörer zuhielt. Die Verbindung wurde nach etwa sieben Minuten vom Anrufer unterbrochen. Ich zog den Telefonstecker heraus, um ruhig weiterschlafen zu können.
Saara hat erzählt, daß Anwar noch zu Hause wohnt und daß Benedict Anwars Cousin ist. Ich bin gespannt, ob mir die Telekom den Anschluß von Anwars Familie nennt.
Am Samstag war ich nicht in der "Halle", sondern im "Elizium". Saara war in der "Halle" und berichtete, dort habe eine Depeche Mode Party stattgefunden. Rafa und Kappa sollen schwer betrunken gewesen sein. Kappa soll noch um Einiges stärker berauscht gewirkt haben als Rafa. Er soll herumgetorkelt sein und Sätze ins Mikrophon gegröhlt haben wie:
"Ich bin drogensüchtig und voller Alkohol!"
Als Rafa eine Durchsage machen wollte, soll Kappa ihn zärtlich berührt haben.
"Ou, Mensch, laß' das, ich will hier was sagen!" soll Rafa unwirsch geworden sein, und er soll Kappa mit spitzen Fingern weggeschubst haben.
Rafa hatte die Haare hochgestellt und roten Lippenstift aufgelegt. Er trug ein weißes Hemd und einen Anzug. Kappa trug roten Samt. In einem dunklen Eckchen der Bühne wurde Kappa von Rafa vollständig in Klopapier eingewickelt. Dann ging Rafa mit der "Mumie" ins Scheinwerferlicht und sagte durchs Mikrophon:
"So, und wer 'raufkommt und mir sagt, wer das ist, kriegt einen Preis."
Ein Mädchen erriet es und packte Kappa aus. Es bekam je eine Autogrammkarte von Kappa und Rafa, worüber es ein wenig enttäuscht gewesen sein soll; es hatte wohl mehr erwartet.
Rafa und Kappa sollen viel herumgealbert haben.
"Du dicke, breite Schwuchtel", wurde Rafa von Kappa betitelt.
Einmal sangen die beiden im Duett einen Schlager aus den Siebzigern, "Butterfly, jeder Tag mit dir war schön" oder so ähnlich. Als die Kandidaten für den "Dave Dancing"-Tanzwettbewerb auf die Bühne kamen, störte Rafa, indem er dauernd ins Mikrophon quasselte.
Hoffi ist als ewiger Depeche Mode-Fan Stammkandidat des "Dave Dancing", bei dem es darum geht, Dave Gahans Tanzstil nachzuahmen. Gewissermaßen ist Hoffi bereits auf den zweiten Platz abonniert.
Nach dem Tanzwettbewerb gab Rafa bekannt:
"So, nach dem 'Dave Dancing' jetzt das 'Kelly Dancing'."
Es meldete sich aber nur Hoffi, und so konnte der Kelly-Tanzwettbewerb nicht stattfinden.
Als Rafa "Roses of red" von der Kelly Family spielte, soll sich die Tanzfläche augenblicklich geleert haben.
"Ich sehe hier schon den Andrang", bemerkte Rafa. "Deshalb ist es wohl besser, ich spiele jetzt erstmal die Kelly Family."
Er spielte ein Stück von Depeche Mode. Solche falschen Titelansagen kamen öfter vor, meist im Zusammenhang mit der Kelly Family.
Rafa kam zwischendurch von der Bühne herunter und redete mit verschiedenen Leuten. Zickzackförmig und langsam bewegte er sich auf Saara zu. Als er schon sehr dicht herangekommen war, sprach er erst einmal mit Tonia. Er klagte darüber, daß er gar so viel Streß habe.
"Aber wenn du in der Nähe bist, geht es mir immer gut", schmeichelte er.
"Und wenn ich mit der Hand aushole?" fragte sie.
"Mit der Hand?" gab er sich verständnislos.
"Wohl eher mit der Faust", erwiderte Tonia.
Saara redete unterdessen mit Lara und kehrte Rafa und Tonia den Rücken zu. Lara konnte das Gespräch beobachten. Sie sah, wie Nadine herankam und sich Rafa zuwandte. Dieser entschuldigte sich für einen Augenblick bei Tonia:
"Wir können uns gleich weiter unterhalten. Meine Freundin will mich kurz sprechen."
Dann soll es zwischen Rafa und Nadine einen heftigen Streit gegeben haben. Anschließend wurden Rafa und Nadine nicht mehr zusammen gesehen.
Nach dem Streit begrüßte Rafa die überraschte Saara:
"Hallo, Saara."
Sie kicherte etwas verunsichert und grüßte:
"Hallo, Rafa."
"Und, wie geit's?" fragte er.
"Was - wie?"
"Wie geit's dir denn?"
"Oh, nicht so toll."
"Warum?"
"Ich bin sehr krank."
"Ach, hast du Erkältung oder sowas?"
"Ja, Erkältung ... Schnupfen ..."
"Huch!" rief er und wich zurück.
Als Saara und Tonia die Köpfe zusammensteckten, fragte Rafa streng:
"He, was tuschelt ihr da?"
Tonia meinte, Rafa könne Saara einen ausgeben, da diese Geburtstag gehabt habe.
"Wann denn?" fragte Rafa.
"Am Montag", antwortete Saara.
"Perso!" verlangte Rafa, der ihr nicht glauben wollte.
Sie hatte ihren Personalausweis nicht dabei. Er bedauerte:
"Tja, Pech gehabt."
Dann marschierte er wieder davon.
Übrigens wird Lara in letzter Zeit auffällig oft von Rafa angerufen und gefragt, ob sie mit ihm ins "Zone" oder in die "Windmühle" fahren will. Es sieht so aus, als wenn Rafa eine Fahrgelegenheit sucht, unabhängig von Nadine. Lara hat Rafa seine Wünsche bislang noch nicht wieder erfüllt. Sie möchte ihn auch nicht zu dem Festival begleiten, bei dem er gemeinsam mit Kappa und Sten in WR. auftritt.
Auch Revco soll auf der Depeche Mode Party in der "Halle" gewesen sein. Er soll mit Greta Hand in Hand gegangen sein. Rafa soll Greta nicht beachtet haben.
Zu Velvet sagte Rafa, sie sei immer so nett zu ihm; wie er sie denn belohnen könne?
Sie schlug ihm vor, ihr einen auszugeben.
"Heute muß ich alles selber bezahlen", zierte er sich und vertröstete Velvet auf später:
"Ich komme nachher nochmal."
Das tat er aber nicht.
Velvet war noch in der "Halle", als Saara schon fort war. Sie beobachtete, wie Rafa mit einem ausgepackten Kondom in der Hand auf Tharya zuging und sie bat, ihm die Hand zu geben. Sie lehnte das ab. Daphne tat ihm diesen Gefallen und bekam das Kondom. Rafa gab ihr auch noch ein eingepacktes dazu. Später wollte er dann das eingepackte Kondom wiederhaben.
"Du hast es mir geschenkt", erwiderte sie, "jetzt behalte ich es."
Rafa holte den inzwischen sinnlos betrunkenen Kappa zur Hilfe. Dieser lallte müde und ohne Erfolg:
"Gggib' ihm ddas wwieder."
Rafa soll ebenfalls erheblich betrunken gewesen sein, doch soll er sich nach wie vor gänzlich in der Gewalt gehabt haben; den Rauschzustand soll er nurmehr zur Schau stellen. So und nicht anders kenne ich es von ihm. Er weiß immer, was er tut, führt jedoch den Alkohol gern als Alibi an für etwas, dessen er sich schämt.
Velvet will Rafa mit Kappa in der Damentoilette erwischt haben. Rafa soll mit Kappa sogleich die Flucht ergriffen haben.
Nadine war zu dieser Zeit wahrscheinlich bereits fort. Rafa machte sich an eine Freundin von Sabrina heran, ein unförmiges Mädchen mit schwarz gefärbten Haaren. Das Mädchen soll links und rechts eine blondierte Strähne haben und einen Pony tragen. Rafa gab ihr Sekt aus und fuhr mit ihr, Kappa und Sabrina gemeinsam weg.
Saara hat später von Lara gehört, daß Nadine nach ihrem Streit mit Rafa die "Halle" zwar verlassen hat, aber noch nicht gleich heimgefahren ist:
"Draußen sah ich Naddi allein im Auto sitzen, während der Meister sich mit seinen Damen amüsierte."
Lessa wollte Rafa zu ihrem Geburtstag einladen und rief ihn an. Die Mutter meldete sich. Lessa fragte, ob Rafa da sei.
"Mal gucken", sagte die Mutter. "Wer ist denn da?"
"Lessa."
Die Mutter rief ihn:
"Rafa!"
"Ja?"
"Telefon!"
"Wer ist denn da?"
"Lessa."
"Lessa ...?"
Er kam an den Apparat.
"Ich bin Lessa", stelle sie sich ihm vor. "Und du kennst mich nicht."
Rafa wirkte erstaunt und verunsichert. Lessa nannte ihm einige Leute und fragte ihn, ob er die kenne:
"Sasch, sagt dir das was?"
"Ja-ha."
"Und Andras?"
"Andras?"
"Ja, der hat immer die Haare so hoch."
"Ja, natürlich, den kenne ich auch."
"Das ist schön", meinte Lessa, "das ist nämlich mein Freund."
"So, dein Freund ...? Ah-ha ...?"
"Um mal auf den Punkt zu kommen, ich habe die vielen Bilder von dir an der Wand gesehen, und ich war ganz überwältigt."
"Ah-ja?"
"Und dann habe ich auch ein paar Stücke von deiner Gruppe gehört, und die haben mir voll gefallen."
"Ah-ha?"
"Und jetzt wollte ich dich fragen, ob du am 27. schon was vorhast."
"Ob ich dann schon was vorhabe?"
"Ja, und ich wollte fragen, ob du vielleicht Lust hast, am 27. zu meiner Geburtstagsparty in Hettys Wohnung zu kommen", lud sie ihn ein. "Hetty, die kennst du doch auch, ne?"
"Ja-ha ... Was machst du denn in Hettys Wohnung?"
"Ich wohne hier zur Zeit."
"Du wohnst da?"
"Ja, aber keine Angst, Hetty ist nicht da. Ich rufe aus eigener Initiative an."
"Grüß' Hetty mal ganz lieb von mir", bat Rafa sogleich.
"Warum machst du das denn nicht selber?" fragte Lessa. "Ich meine, ruf' sie doch mal an, oder sprich' sie an. Wir sind doch immer samstags im 'Elizium'."
"Ach, jetzt habe ich dich gerade an der Strippe; da kannst du das doch erstmal machen."
Lessa wiederholte ihre Einladung.
"Der 27., was ist das für ein Wochentag?" fragte Rafa.
"Freitag."
"Oh, Freitag ist ganz schlecht", bedauerte er. "Warum muß das am Freitag sein? Da habe ich überhaupt keine Zeit."
"Schade, ich hätte dich gerne dagehabt; ich wollte nämlich gern wissen, wer der Typ ist, der sich auf den Fotos so präsentiert."
"Warum hast du mich denn nicht mal angesprochen?"
"Ach, als du letztens in der 'Halle' aufgelegt hast, war ich da nicht."
"Wenn du mich irgendwo siehst - egal, wo -, sprich' mich unbedingt an", bat Rafa. "Es ist nämlich voll eigenartig, mit einer Person zu sprechen, die man noch nie in seinem Leben gesehen hat."
Lessa versicherte, sie werde ihn ansprechen.
"Ja, dann bedanke ich mich nochmal ganz herzlich für die Einladung, auch wenn ich sie nicht annehmen kann, weil ich keine Zeit habe", sagte Rafa wohlerzogen. "Und vergiß' nicht, Hetty zu grüßen."
"Das tue ich."
"Ja, dann mach's mal gut."
"Du auch."
"Tschüß, Lessa."
"Tschüß, Rafa."
Kein Wort mehr davon, daß er mich haßt.
Saara hat mir erzählt, daß Rafa und Anwar sich nicht nur montags, sondern auch gern freitags treffen, sogar schon vom Nachmittag an und bis in die Nacht. Vielleicht hat Rafa deshalb freitags keine Zeit.
Saara hat auch erzählt, daß sie sich mit Rafa im letzten Winter einen Scherz erlaubt hat. Kurz nach meiner Geburtstagsparty telefonierte sie mit ihm und teilte ihm beiläufig mit, daß sie zu mir ziehen werde. Er wirkte recht überrascht. Saara sagte ihm nach einer Weile, daß es nur ein Scherz war. Er meinte daraufhin, sie solle ruhig zu mir ziehen. Er drängte sie regelrecht. Schließlich aber verbesserte er sich:
"Stimmt, du kannst gar nicht zu Hetty ziehen; das Zimmer hält sie doch für mich frei."
Bis zum April hatte Rafa wieder vergessen, daß das Zimmer leer war. Er kokettiert mit dem Gedanken an das freie Zimmer. Die Vorstellung, dort einzuziehen, scheint ihn zu beschäftigen.
Es mag befremdlich auf Rafa wirken, daß das Zimmer inzwischen doch vergeben ist. Und noch befremdlicher mag es auf ihn wirken, daß Lessa ihn selbst einlädt, sie dort zu besuchen. Es kann sein, daß Rafa diese Geschichte nicht glaubt.
Am Freitag gab es eine Veranstaltung im "Rohbau" und eine in den "Katakomben". Von der Musik in den "Katakomben" versprach ich mir mehr und wurde dort auch nicht enttäuscht. Unter anderen lief "He's disabled" von Death in June, mein Lieblingsstück dieser Band.
"Er ist behindert", singt Douglas P. und meint Jesus Christus.
Wenn ich an Jesus Christus denke, fällt mir nicht in erster Linie die historische Figur ein, sondern unser selbsternannter "Messias" Rafa.
Der Sockenschuß war schon wieder in den "Katakomben". Lessa sagte mir, daß er mich angaffte.
U.W. kam später auch in die "Katakomben" und erzählte, daß er Rafa im "Rohbau" gesehen hatte, in einer Uniformjacke mit roten Aufschlägen. Gegen Morgen waren wir noch kurz im "Rohbau", weil es in den "Katakomben" leer geworden war. Rafa war nicht mehr dort.
Saara hat inzwischen gehört, daß Kappa sich auf jener Tanznacht im "Rohbau" fürchterlich betrunken haben soll, noch fürchterlicher als sonst. Er soll sich heftig übergeben haben und zusammengeklappt sein, so daß Rafa ihn hinaustragen mußte.



Am Samstag war Lessa eher als ich im "Elizium". Unmittelbar vor ihr stieg Rafa die Treppe zum DJ hinauf. Lessa wußte noch nicht, daß er es war; sie dachte nur:
"Was hat der denn für eine geile Jacke an ..."
Das war wieder die Uniformjacke mit den roten Aufschlägen.
Rafa ging zu dem Stuhl beim DJ-Pult, wo Lessas Sachen lagen. Er nahm die Sachen herunter, legte sie auf einen Tisch und setzte sich. Kurze Zeit danach stand er wieder auf. Lessa legte ihre Sachen zurück auf den Stuhl.
"Sorry", entschuldigte sich Rafa.
Er setzte sich mit Dolf an einen anderen Tisch, von dem aus man die Treppe überblicken konnte.
Beatrice kam und fragte Lessa:
"He, hast du Rafa schon gesehen?"
"Ach - ist der das doch?" fragte Lessa erstaunt.
"Ja, natürlich."
Lessa sah, daß ich kam. Sie stellte sich oben an die Treppe und rief mich. Ich mußte allerdings erst einmal zu "Bondage" von Call und "Intense Blue" von Die Form tanzen, ehe ich etwas anderes besorgen konnte.
"Oh, jetzt tanzt die erst", seufzte Lessa.
Rafa soll sie angeschaut und gelächelt haben. Er konnte sich wohl denken, wer sie war, zumal sie von Andras gedrückt und geknuddelt wurde. Er fand bestätigt, daß Lessa wirklich Andras' Freundin ist.
Als Andras sich für kurze Zeit entfernte, hockte Lessa sich zu Rafa und reichte ihm die Hand mit den Worten:
"So, darf ich mich vorstellen? Ich bin Lessa."
Rafa drehte seinen Stuhl zu ihr und begrüßte sie gleichfalls:
"Ja, hallo, ich bin Rafa."
"Ja, das weiß ich ja jetzt schon."
Bei Rafa saß Nadine, die giftige Blicke zu Lessa herüberwarf. Sie verhielt sich wie eine übelgelaunte Wärterin. Lessa erzählte Rafa, daß sie gehofft hatte, ihn schon am Vortag im "Rohbau" zu treffen, daß er aber schon gegangen war, als sie kam. Rafa erkundigte sich danach, um welche Uhrzeit sie in den "Rohbau" gekommen sei. Dann wollte er wissen:
"Wer war denn da noch im 'Rohbau'?"
"Da haben nur noch so ein paar vollgesoffene Leichen 'rumgetanzt", antwortete Lessa.
Rafa fragte genau nach, mit welchen Leuten sie in den "Rohbau" ging. Als Lessa auswich und ihn zappeln ließ, stellte er ihr diese Frage noch einmal. Genüßlich langsam zählte Lessa auf:
"Na ... mit Andras ... und ... Sasa ... und ... Hetty ..."
Jetzt, als mein Name fiel, lächelte Rafa zufrieden:
"Ah, mit Hetty."
Lessa ging zu mir hinunter und erzählte, daß Rafa oben saß und daß sie ihn bereits angesprochen hatte. Ich ging nach dem Tanzen auch hinauf und ließ mir von Lessa die Einzelheiten berichten. Währenddessen schaute ich vorsichtig zu Rafa hinüber. Seine Haare waren wieder ziemlich kurz, und er trug sein schwarzweiß gemustertes Lieblingstuch als Stirnband. Leider war er mangelhaft rasiert. Unter der Jacke hatte er ein weißes Spitzenhemd an, und dazu trug er die enge schwarze Hose. Er unterhielt sich lebhaft mit Dolf. Wenn Rafa mich beobachtete, dann heimlich oder nur aus den Augenwinkeln.
"Adrenalin Rush" von LeŠther Strip begann, und ich eilte zur Tanzfläche. Lessa bekam mit, wie Xentrix stöhnte:
"Heetty ...!"
"Schnauze, Xentrix!" fuhr Cyrus ihn an. "Das ist die geilste Frau dieser Welt!"
"Ja, ja, Cyrus, und was isse noch?"
"Die geilste Frau dieser Welt."
"Hast ja recht", pflichtete Xentrix ihm bei.
Cyrus soll sich über die Brüstung gebeugt und mir verzückt beim Tanzen zugeschaut haben.
Rafa hatte die Szene anscheinend verfolgt. Er guckte schräg an Lessa vorbei und beobachtete den hingerissenen Cyrus. Dann soll er Lessa mit einem entgeisterten Blick angesehen haben.
Als ich wieder hochging zu Lessa, hatte Rafa sich umgesetzt. Er saß an einem Tisch neben der Treppe, von dem aus man eine gute Sicht auf die Tanzfläche hat. Rafas und mein Blick begegneten sich kurz, und wie vom Blitz getroffen schaute Rafa weg.
Dolf saß Rafa gegenüber. Bei Dolf saß dessen Freundin, und neben ihr, über Eck mit Rafa, saß Nadine. Ihre langen glatten Haare hingen offen herunter. Sie war ungeschminkt und trug eine schlichte Hose und einen schlichten Pullover. Während Dolfs Freundin sich nah bei Dolf hielt und mit ihm flüsterte und Zärtlichkeiten austauschte, schien Nadine sorgsam auf einen großzügigen Abstand zu Rafa zu achten. Sie hatte ihren Stuhl vom Tisch abgerückt und saß kerzengerade, reglos und schweigend da. Sie lächelte nicht einmal; sie preßte nur die Lippen aufeinander. Rafa kümmerte sich fast gar nicht um sie. Er behandelte sie wie einen Gegenstand. Nur selten redete er ein paar Sätze mit ihr. Nadine sprach auch fast nie mit den anderen Leuten am Tisch. Wenn sie ihre Haltung änderte, dann nur, um für einen Augenblick den Kopf auf die Arme zu legen.
Ich setzte mich an einen Tisch, von dem aus ich Rafa beobachten konnte, und redete mit allen, die da waren oder vorbeikamen. Rafa bat Cyrus um ein Stück von der 80er-Pop-Band Real Life.
"Rafa, willst du tanzen?" rief Cyrus vom Pult her.
"Ja!" kam es von Rafa.
Als May sich näherte, sprach Rafa sie an und schlug ihr vor, zu seinem Auftritt in WR. zu kommen. Das sei "am Rand vom Harz", und Kappa werde ebenfalls auftreten. Rafa winkte Cyrus auch noch an den Tisch und unterhielt sich mit ihm. Cyrus nahm für diese Zeit auf Dolfs Stuhl Platz; Dolf war gerade nicht zugegen.
Lessa hatte Rafas Version von "Ganz in Weiß" mitgenommen und wünschte sich den Titel. Sie erzählte Rafa, daß dieser Musikwunsch nicht von mir gekommen sei, sondern von ihr.
"Ist in Ordnung", meinte Rafa.
Alsdann sagte Lessa, daß es ihr unangenehm sei, sich in seiner Anwesenheit ein Stück von ihm zu wünschen.
"Ist schon in Ordnung", meinte er auch hierzu.
Lessa hatte das Gefühl, von Nadines Blicken zersägt zu werden.
Als Lessa mir von dem kurzen Gespräch mit Rafa erzählte, fiel ihr auf, daß Rafa sie beobachtete. Wenn sie ihn beim Schauen erwischte, drehte er sich weg und tat, als sei nichts gewesen. Ich lächelte vorsichtig zu ihm herüber, sah ihm aber nicht offen in die Augen.
Lessa und ich hatten den Eindruck, daß Rafa sehr aufgeregt und hektisch war. Er klapperte mit Bierdeckeln auf dem Tisch herum und redete laut und viel.
Cyrus spielte ein Stück von Rafa, aber noch nicht "Ganz in Weiß", sondern "W.O.L.F.". Rafa und Dolf tanzten nicht; sie tanzen seit Langem nicht mehr zu ihrer eigenen Musik. Allerdings trug Dolf ein Sweatshirt mit dem Schriftzug "W.E" auf dem Rücken.
"Space Cowboys" von Sigue Sigue Sputnik begann, und ich tanzte. Rafa kam mit Dolf zur Tanzfläche und wartete auf seinen Musikwunsch von Real Life. Der kam auch, und nun konnte ich Rafa beim Tanzen zusehen. Revco dankte mir dafür, daß ich die kleine blondierte Kaja auf ihn aufmerksam gemacht hatte, in die er verliebt ist. Er legte den Arm um mich und drückte mich. Rafa konnte es sehen, und ich fragte mich, ob Revco aus Berechnung handelte.
Nach dem Tanzen ging Rafa kurz an die Bar und kam dann wieder nach oben. Er rief zu Cyrus hinüber, das Stück von Real Life solle ruhig öfter laufen, das sei nämlich geil.
Während ich mich in der Toilette nachschminkte, verließ Rafa das "Elizium" und nahm Nadine mit. Dolf und seine Freundin blieben noch etwas länger. Sie stellten sich in den Seitengang. Dolfs und meine Blicke trafen sich öfter wie zufällig. Das erregte in mir den Verdacht, daß Dolf mich beobachtete.
"Ganz in Weiß" wurde zu so später Stunde gespielt, daß weder Rafa noch Dolf es mitbekamen.
Rafa war noch vor drei Uhr fortgegangen. Er hatte mich nicht angesprochen. Er war nicht quer durchs "Elizium" gestürmt. Er hatte fast nur auf seinem Stuhl gesessen, und er hatte sich vorwiegend an die Leute gehalten, die mit ihm gekommen waren. Dieses Mosaik entspricht dem Verhaltensmuster, das Rafa zeigt, wenn er mit einer Freundin unterwegs ist und mir begegnet. Demnach ist Nadine nach wie vor seine Freundin.
Carl war nicht mitgekommen ins "Elizium". Wie zum Ausgleich war Saverio mir gegenüber besonders zutraulich. Er erzählte mir, daß er und Tinus neuerdings von einem sadomasochistischen Kulturkreis gefördert werden. Sie hoffen, dadurch die Gelegenheit zu einem ersten Auftritt zu bekommen.
Saverio bat mich, ihn anzurufen und mit ihm ein kurzes privates Treffen zu vereinbaren. Er möchte mir nämlich das Tape, das er mir verkauft hat, gegen ein neu digitalisiertes eintauschen. Ich sagte ihm, daß mir seine Musik gefällt, insbesondere ein ruhiges, melancholisch getöntes Ambient-Industrial-Stück. Saverio nennt dieses Stück "297-005".
Die beiden "doppelten Portionen" Edna und May wackelten bekunstpelzt und einträchtig auf ihren Pfennigabsätzen durch den Tanzraum. Revco erzählte mir, daß Edna früher einmal hübsch und schlank gewesen sei. Ich fragte ihn, ob er wisse, wie Saverio mit Ednas körperlicher Veränderung zurechtkommt. Revco hat sich das auch schon gefragt, aber Saverio noch nicht darauf angesprochen. Er meinte, das werde er demnächst einmal tun.
Revco sah ungewöhnlich schlicht aus. Er war weder geschminkt, noch hatte er sich die Haare hochgestellt. Er behauptete, sich auch innerlich verändert zu haben.
In Lessas Auftrag fragte ich Andras, ob er glaube, daß Lessa ihm treu sein könnte.
"Nein", erwiderte er, "ich kann es ja auch nicht."
"Was muß geschehen, damit du an die Treue deiner Frau glaubst?" fragte ich weiter.
"Treue gibt es gar nicht", war Andras überzeugt. "Der Mensch ist ein Triebtier."
"Ich bin Rafa auch treu, obwohl wir gar nicht zusammen sind."
"Du solltest dir mal einen Mann suchen, der dich glücklich macht."
"Rafa ist der Einzige, der mich glücklich machen kann, weil er der Einzige ist, für den ich etwas empfinde", erwiderte ich. "Ich bin ihm nicht deshalb treu, weil es meinen Prinzipien entspricht, sondern weil ich gar nicht anders kann, als ihm treu zu sein."
"Es gibt einmal die seelische und einmal die körperliche Beziehung zu einem Menschen", meinte Andras, "und die sind voneinander getrennt."
"Bei mir ist das nicht getrennt. Bei mir gehört das untrennbar zusammen. Ich bin durch und durch echt. Bei mir gibt es nichts Gespieltes."
"Ich sage nur, Rafa kann froh sein, daß er dich hat."
"Das habe ich ihm auch schon gesagt. Er glaubt mir aber nicht, daß ich ihm treu bin."
"Geh' mal in den Ruhrpott", schlug Andras vor, "da laufen Dutzende 'rum von der Sorte wie Rafa."
"Ich war schon im Ruhrpott, und mir waren alle egal. Es gibt viele hübsche Kerle, aber ich empfinde nichts für die."
"Ich rede hier nicht vom Aussehen, sondern vom Charakter."
"Ja, auch vom Charakter her sind die mir egal."
"Du weißt, daß Rafa einer ist, der jede Zweite ins Bett zieht."
"Ja, das tut er."
Andras sprach Lessa auf die Treue an. Er versicherte auch ihr, daß es Treue nicht gebe. Später dann sagte er zu Lessa, sie dürfe seine Frau sein und ihm treu sein.
"He, ich denke, du meinst, es gibt keine Treue", erwiderte sie.
"Stimmt", nickte Andras.
Elsa kam auch noch ins "Elizium", und ich berichtete ihr, daß Rafa dagewesen war. Außerdem erzählte ich ihr, daß ich letztens am Telefon wieder einmal "Roses of red" von der Kelly Family anhören durfte und daß Rafa ebenjenes Stück einen Tag später in der "Halle" spielte und dauernd die Kelly Family erwähnte.
"Eure Beziehung - obwohl, eigentlich ist es gar keine Beziehung - finde ich ganz schön spannend", meinte Elsa.
Die grünhaarige Chantal tanzte verliebt mit ihrem Seraf herum. Es wirkte fröhlich und ausgelassen. Auch dann, wenn die beiden für sich tanzten und durchs "Elizium" liefen, wirkten sie von innen heraus glücklich. Ich glaubte nicht daran, jemals mit Rafa so ausgelassen herumturteln zu können und mich einfach nur an ihm freuen zu dürfen. Ich wurde sehr traurig.

Am Morgen habe ich geträumt, ich sei auswärts zu Besuch gewesen und wollte wieder heimfahren. Es dunkelte schon. Mit einem langhaarigen Mädchen ging ich zur Bahnhaltestelle. Die Bahn stand bereits da. Die Tür des letzten Wagens war geöffnet.
"Das ist ein Gepäckwagen", sagte das Mädchen und lief weiter nach vorn.
Die Schiebetüren des Gepäckwagens wollten sich eben schließen, da schob ich sie noch einmal auseinander und sprang ins Innere. Ich landete auf einem Bretterboden. Am Türgriff richtete ich mich auf. Die Bahn fuhr an, trotzdem blieb die Tür offen. Das Mädchen rannte neben der Bahn her und rief mir zu:
"Ich schaffe es nicht! Komm' gut nach Hause!"
Ich ging in den nächsten Wagen, wo es Bänke gab. Ein kleines Mädchen verlangte, daß ich mit ihm ein Spiel spielte. Ich fühlte mich belästigt und schickte es weg.
Die Endhaltestelle hieß "H.-Nord". Alle stiegen aus in die winterliche Einsamkeit. Der Bahnsteig war mit Schranken abgesperrt. Die Leute kletterten darüber, denn nur so konnte man zu dem Bahnsteig kommen, von dem aus es weiterging. Dort wurde erst einmal gewartet, in Schnee und Eis. Gelegentlich kamen Bahnen, doch die konnte man nicht nehmen, denn es waren Dienstwagen oder Kurvenschmierwagen. Nach etwa einer halben Stunde fuhr hinter uns ein Zug ein, an dem nicht stand, woher er kam und wohin er fuhr. Die Leute schauten nach. Die Zugtüren öffneten sich und schlossen sich gleich wieder. Die Lämpchen leuchteten aber noch an den Türöffnern. Ein mandeläugiges Mädchen drückte auf einen Türöffner. Die Tür blieb geschlossen.
"Abfahrt!" rief der Schaffner auf dem Bahnsteig.
Der Zug fuhr an.
"Ich muß nach H.-List!" rief das Mädchen.
"Nichts mehr!" rief der Schaffner. "Abfahrt! Letzter Termin!"
"Ist die letzte Straßenbahn auch schon weg?" fragte ich den Schaffner.
"Ja, da fährt keine mehr", war die Antwort.
"Ich habe kein Geld für ein Taxi", sagte ich und weinte fast.
Ich drehte mich um und entdeckte, daß der Zug noch einmal stehengeblieben war. Im letzten Wagen gab es zwei kleine offene Türen, die in schmale Nischen führten. Ich wollte dort einsteigen, denn es genügte mir, in einer Nische eingeklemmt zu fahren, wenn ich nur nach Hause kam. Bevor ich aber hinrennen konnte, wachte ich auf.

Dienstag früh, am 17.09., klingelte um 1.15 das Telefon ein halbes Mal, das heißt, das Klingeln riß mitten in der Tonfolge ab. Um 2.42 klingelte das Telefon genau einmal.

Ein Traum, den ich in diesen Stunden hatte, deutete an, daß diese Telefonate von Rafa ausgingen und geplant waren als Annäherung an mich.

Am Abend berichtete mir Saara am Telefon, daß Rafa und Nadine getrennt seien. Saara hatte es von Aimée, die hatte es von Sten, und der hatte es von Dolf. Aller Wahrscheinlichkeit nach haben Rafa und Nadine sich gleich nach dem Wochenende getrennt.
Am 19.09. kam Lessa nach Hause, als ich noch nicht da war. Das Telefon klingelte einmal, und als Lessa abnahm, war die Verbindung bereits unterbrochen. Dies geschah noch vier weitere Male. Bei den letzten drei Malen nahm Lessa gar nicht mehr ab. Sie schrieb nur die Zeiten auf, zu denen es passierte. Das soll um 15.35, 16.15, 16.27, 17.03 und 17.12 gewesen sein.
Am Samstagnachmittag fuhren Constri und ich nach HH. Wir besuchten Darien und Heyro, um mit ihnen Wodka zu trinken und um ins Internet und in das Bildbearbeitungsprogramm Adobe Photoshop hineinzuschauen. Die Wohnung von Darien und Heyro ist verziert mit selbstgebauten Stahlmöbeln, Stahlplatten, Kunststoffschläuchen und Neonröhren. Die Wände sind so gestrichen, daß es ein bißchen aussieht wie Beton. Darien mag Beton, wie ich, und er mag Baustellen, High-Tech-Stil und moderne Stahl- und Glaspaläste, wie ich. Einmal hat Darien sich in einer Mönchskutte vor einer Fabrikanlage fotografieren lassen. Das Bild haben wir eingescannt und bearbeitet, und ich habe es auf Diskette mitgenommen.
Constri und ich denken, daß wir mit Darien und Heyro allerlei künstlerische Projekte machen können. Die beiden scheinen auch Lust dazu zu haben.
Nachts gingen Darien, Heyro, Constri und ich zu "Klangwerk". Wir tanzten fast ununterbrochen, ausgenommen Heyro, der selten tanzt.
Lessa war in jener Samstagnacht im "Elizium". Als sie kam, fand sie Nadine oben auf der Galerie allein an einem Tisch sitzen, eine Kaffeetasse vor sich. An dem Tisch stand noch ein zweiter, leerer Stuhl. Frech schnappte Lessa sich den Stuhl und schleifte ihn weg.
"Der Stuhl ist besetzt", sagte Nadine.
Lessa kümmerte sich nicht darum.
"He, ich sagte, der Stuhl ist besetzt", wiederholte Nadine.
"He, hast du nicht gehört?" fragte Janssen zynisch. "Der Stuhl ist besetzt!"
Lessa zog den Stuhl weiter und entgegnete kalt:
"Nein, das habe ich nicht gehört."
"Sag' mal, du kommst dir wohl auch besonders toll vor?" fauchte Nadine. "Wir hatten uns doch letztes Mal schon gesehen?"
"Also, wenn du irgendwie mit der Situation nicht klarkommst, kannst du ja auch gehen", schlug Lessa vor.
"Ja, das tue ich auch jetzt", sagte Nadine.
Sogleich griff sie sich ihre Sachen, ließ die halbvolle Kaffeetasse stehen und ging. Lessa schlich ihr nach bis zur Außentür. Nadine ging alleine fort.
Saara hat später von Lara gehört, daß Rafa in der Samstagnacht auch im "Elizium" war. Der Stuhl, den Lessa von Nadines Tisch wegzog, war seiner. Er saß nur deshalb nicht da, weil er an der Bar eine Runde ausgeben wollte. Einige Leute sollen beobachtet haben, wie Rafa vor Nadine das "Elizium" verließ und Nadine ihm wütend nachfolgte.
Was Rafas Verhalten gegenüber seinen Freundinnen betrifft, tun mir die Freundinnen leid. Und ich bin mir sicher, daß sie allesamt mit einem anderen Mann glücklicher werden als mit Rafa. Bei keiner seiner Freundinnen habe ich den Eindruck, daß für sie Rafa der einzige Mann ist, in den sie sich verlieben könnte. Wenn ich ihnen Rafa wegnehmen könnte, würde ich sie wahrscheinlich nicht um den Inhalt ihres Daseins bringen.
Saara hat Sten am Sonntag gesehen. Dieser war in der Freitagnacht mit Rafa in KS. zum Konzert. Sten berichtete, daß Nadine nicht mitgekommen ist nach KS. Statt ihrer fuhr Dolfs Freundin mit. Sten will Rafa gefragt haben, ob er denn nun von Nadine getrennt sei oder nicht. Rafa soll geantwortet haben, er sei immer noch mit Nadine zusammen. Das widerspricht der Aussage, die Dolf einige Tage zuvor gemacht hat. Demnach könnte man diesen Leuten nichts glauben, und das dürfte Rafa auch ganz recht sein. Verwirrungen sucht und fördert er; sie bilden einen Schutz vor unangenehmen Wahrheiten.
Saara hat von Lara gehört, daß Nadine dem Rafa nach KS. hinterhergefahren ist. In Stens Auto war kein Platz für sie, also fuhr sie in ihrem eigenen Auto hin, alleine.
Am 25.09. klingelte nachmittags um fünf nach drei das Telefon. Lessa war allein. Sie nahm nach dem zweiten Klingeln den Hörer ab und meldete sich:
"Ja?"
Der Anrufer schwieg.
"Hallo?" sagte Lessa nach einer Weile.
Der Anrufer atmete einmal hörbar.
"Hallo?" sagte Lessa wieder.
Es wurde aufgelegt.
Zu Lessas zwanzigstem Geburtstag gab es eine Mitternachtsparty mit Kerzen, Sekt und Kaffee. Saara kam auch und brachte ein Buch mit, das Velvet ihr gegeben hatte. Es handelt sich um eine Art Poesiealbum, in das ausgewählte Freunde hineinschreiben dürfen. Saara hatte keine Lust, hineinzuschreiben. Deshalb gab sie es mir, damit ich es durchlas und mich amüsierte. In dem Buch gibt es immer wieder Anspielungen auf Rafa. Velvet muß sich lange Zeit ernsthaft Hoffnungen auf ihn gemacht haben. Ihre Freunde - oder die, die sich so nannten - wünschten Velvet unter anderem, "daß du nie wieder wegen einer A...krampe wie Rafa leiden mußt".
Velvets Schwester schrieb:
"In jedem Fall wünsche ich mir für Dich, daß Du herausfindest, wie Dein Leben sein soll; Gruft oder nicht; Beruf; Kinder; R. oder nicht oder was."
Ein Junge schrieb:
"Beim W.E Konzert hast du dann mir beigestanden, als ich von Gott (Denn R..... darf ich ja nicht sagen) erfahren hatte, was ich an diesem Abend noch machen sollte (Nein, Einzelheiten lasse ich lieber aus!)."
Velvet selbst schrieb neben den Flyer für Rafas Auftritt am 28.04.1994 in HI.:
"... große, große, GROßE (!) Peinlichkeiten ...".
Es wird über dieses Konzert erzählt, es sei so lang gewesen, daß keiner mehr weiter zuhören wollte.
Velvet schrieb außerdem in einer Zwischenbemerkung:
"Wen anbeten, wenn da nicht Rafalein wäre?"
Am Morgen habe ich Folgendes geträumt:

In einer größeren Gruppe waren wir nachts an einer Tankstelle. Rafa war auch dabei, hielt sich aber umringt von seinen Leuten und fern von mir. Ein schokoladenfarbiger Prinz aus dem Morgenland spielte sich vor uns gewaltig auf. Währenddessen verlor er seine Brieftasche, und ein schwarzer Hund fraß seine Papiere und sein Bargeld. Als das offenbar wurde, mußte der Prinz sein überhebliches Verhalten ändern.
"Du bist jetzt abhängig von uns", führte ich ihm vor Augen, "weil wir die Einzigen sind, die du hier kennst und die dir weiterhelfen können. Du bist darauf angewiesen, dir uns zu Freunden zu machen."

Aimée erzählte, daß sie im Probenraum von Rafa und Sten war. Dort wurden mit Zinnia Gesangsaufnahmen gemacht. Zinnia hauchte ins Mikrophon:
"F... mit mir!"
Sten kam Aimée lachend entgegen und sagte:
"Wenn mein pralles Ding nun in dir steckt!"
"He, das ist mein Text!" protestierte Rafa. "Ich lasse mir von dir nicht meinen Text klauen!"
Bislang hat Rafa nur "saubere" Texte gemacht. Die Obszönitäten, die er neuerdings einbaut, sollen vielleicht dazu dienen, irgendwen zu "schocken". Vielleicht will er ekelhaft wirken.
Im Gegensatz zu diesem Image steht Rafas Coverversion von den "Moorsoldaten", die er inzwischen bei allen Auftritten vorträgt. Dieses ernste Stück beißt sich mit den obszönen Liedchen wie Rosa mit Orange.
Es beruhigt mich allerdings, daß Rafa wieder Zinnia eingesetzt hat. Nadine sollte nicht singen. Sie saß während der Aufnahmen wie gewöhnlich schweigend herum. Aimée wurde von ihr nicht einmal begrüßt.
Sten soll zu Aimée gesagt haben, Rafa habe sich zwischendurch noch gar nicht von Nadine getrennt; die Sache mit der angeblichen Trennung sei nur eine Vermutung von Dolf gewesen.
Rafa soll über Nadine sagen:
"Sie hat nichts im Kopf, aber sie ist gut im Bett."
Rafa scheint vermitteln zu wollen, daß für ihn in einer Beziehung nur Sex zählt und sonst nichts. Jemand wie ich wird dadurch entmutigt. Eben dies könnte Rafas Absicht sein.
Laut Aimée soll Rafa immer mit Nadine im Bett liegen, wenn sie bei ihm ist. Wahrscheinlich sehen sie fern. Sie schlagen die Zeit tot, und wenn es zu langweilig wird, schläft er mit ihr.
Rafas Mutter soll laut Aimée ihren jüngsten Sohn verhätscheln. Sie soll ihm morgens Kaffee kochen, und wenn Rafa Tee will, macht sie ihm den auch noch. Und sie soll ihm Kekse backen, von denen die Gäste nicht zu viele essen dürfen; es müssen genügend für Rafa übrigbleiben.
Ich gebe zu, es kann Spaß machen, für einen Menschen zu sorgen. Bei Rafas Mutter besteht allerdings die Gefahr, daß sie sich an ihren Sohn klammert, mehr, als für beide gut ist. Die Mutter hat keinen Mann mehr, dem sie ihre Fürsorge schenken kann, und Rafa soll nun eine Art Ausgleich bieten.

In einem Traum ging ich mit Lessa in eine Bäckerei. Rafa hatte sein eigenes Stück Tresen und verkaufte dort. Das, was er anbot, gefiel mir von allem am besten. Ich wollte es haben, konnte aber nicht mit Rafa sprechen und es ihm abkaufen.
Draußen vorm Laden sah ich, daß die Bäckerei zwei Namen hatte. Unter jedem stand "Chef:" und der Name des jeweiligen Inhabers.
"Chef: Rafa Dawyne", las ich die altmodischen Metallbuchstaben.

Rafa hatte sich den Kundenstamm seines Partners zunutze gemacht und darauf seine eigene Firma aufgebaut. Es sieht ihm ähnlich, mit geringem Risiko und umso mehr persönlichem Einsatz vorzugehen.
Rafa scheint gegenwärtig vor allem sein musikalisches Fortkommen im Kopf zu haben und alles übrige hintenanzustellen. Laut Aimée sollen in der nächsten Zeit viele Konzerte stattfinden, das vorläufig letzte am ersten Weihnachtstag.
Übrigens sollen Rafa und Dolf planen, vor dem Veranstaltungszentrum "Mute" Kassetten mit Rafas Musik zu verteilen, um das Mainstream-Publikum auf Rafas Band aufmerksam zu machen.

In einem Traum kam ich nach längerer Abwesenheit wieder in meine Wohnung und mußte viel aufräumen. Ich stellte fest, daß Rafa noch Sachen bei mir hatte, einen Topfschwamm und eine Dose Haarlack. Sadia rief von mir aus bei Rafa an und sorgte auf diese Weise für eine telefonische Verbindung. Ich erzählte Rafa, ich hätte aufzuräumen in meiner Wohnung, denn es gäbe einen Umzug. Rafa fragte, ob ich wegzöge.
"Ja", antwortete ich, "weit weg."
"Das ist eine große Wohnung", meinte Rafa. "Da mußt du viel schleppen."
"Du willst mir aber nicht beim Umzug helfen ...?"
"Nein, das kann ich nicht."
"Er ist bestimmt noch mit Nadine zusammen", dachte ich. "Da kann er mir natürlich nicht helfen."
Ich erzählte Rafa von dem Topfschwamm. Er erklärte mir, was das Besondere an dem Topfschwamm war und meinte, ich könnte den ruhig behalten. Dann erzählte ich, daß die Dose Haarlack noch fast voll war. Rafa sagte dazu nichts weiter.
"Du willst mir also nicht beim Umzug helfen", sprach ich ihn noch einmal darauf an.
Er verneinte auch jetzt. Er könne das nicht; es sei ihm unmöglich.
Es entstand eine Pause, ohne daß die Verbindung unterbrochen war. Während dieser Pause wachte ich auf.

In einem anderen Traum suchte ich in meinem Chemiebuch vergebens nach der Ordnungszahl von Platin. Das Periodensystem der Elemente war zum Teil überdruckt mit Text und Bildern.
Ich hatte gehofft, mich durch die Lösung der Aufgabe befreien zu können. Ich war gefangen auf dem Speicher einer Burg, als Teil einer Filmhandlung. Ein harmlos wirkender blonder Ritter fragte mich schüchtern, ob ich wohl mit ihm zusammengehen wollte. Ich zögerte. Ein fies aussehender dunkelhaariger Ritter rief mir zu:
"Komm' her!"
"Nein", erwiderte ich.
Die beiden Ritter duellierten sich. Bevor das Duell begann, dachte ich bei mir:
"Wenn sie beide sterben, habe ich nicht das Problem, daß ich mich für den Überlebenden entscheiden muß."
Der Blonde sagte unruhig:
"Irgendwer wünscht mir den Tod."
"Also, ich wünsche dir nicht den Tod", versicherte ich ihm eilig.
Der Blonde wurde verletzt, gewann aber das Duell. Er sang ein Stück, das hörte sich an wie eines von Trisomie 21, melancholisch-verloren.
Ich sah ein Bild von einer Kirche und einem Pfarrhaus, wo eine befreundete Familie früher gewohnt hat. Wie fern war diese Idylle von meinen unsicheren Leben.

Vor einiger Zeit habe ich geträumt von einer anderen Melodie, die sich nach Trisomie 21 anhörte. In diesem Traum folgte ein Mörder einem Hochzeitszug nach, unwissend, daß er gleich der Polizei in die Falle gehen würde. Sein Schicksal war besiegelt, die Strafe wartete auf ihn.

Ein weiterer Traum handelte von einer Mörderin, die aus Eifersucht tötete und lange unentdeckt blieb. Ich leistete einen wesentlichen Beitrag zur Aufklärung der Verbrechen, obwohl ich die Täterin gar nicht in Verdacht hatte. Mehrere hübsche, ritterliche Kerle dienten mir und schützten mich. Ich machte mich wagemutig an einem Bild von Louis Corinth zu schaffen, das in einem hohen, weiten Prachtbau hing. Ich hatte vor, auf eine Veränderung aufmerksam zu machen, aus der sich ein Hinweis ergab auf den Mörder. Das gelang. Ich wurde auf eine Empore gebracht unter feine Gesellschaft; es war so weit oben, daß man abstürzen konnte. Jemand warf mir mein Täschchen zu, das ich verloren hatte. Die Mörderin stand vorn, und als sie mich mit dem Täschchen sah, fühlte sie sich entlarvt. Sie mußte alles gestehen. Ein fescher Kerl im weißen Jackett fuhr in einem Cabrio langsam an ihr vorbei und erschoß sie. Sie sollte unerwartet sterben, um ihrem Tod nicht ins Auge sehen zu müssen.

Anfang Oktober gab es ein Treffen bei Onno und Revil. Rikka wollte Onno durch die Blume erklären, daß er seine Haare auch anders hätte frisieren können. Ich bekam das mit und rief über den Tisch:
"Onno, deine Frisur sieht absolut daneben aus."
"Genau das wollte ich ihm die ganze Zeit sagen", kicherte Rikka.
"Ich habe sie aber doch gekämmt", wandte Onno ein.
"Ja, aber falschrum", erwiderte ich.
"Wenn ich sie aus dem Gesicht kämme, brechen sie ab", meinte Onno, der vielleicht unter Geheimratsecken leidet.
"Wenn du eine Dauerwelle 'reinmachen läßt, brechen sie erst recht ab", hielt Rikka dagegen.
"Eine Pudelstützwelle", sagte ich. "Ein Fellmützchen."
"He, das ist Natur", sagte Onno. "Ihr anderen habt alle Spray drin."
"Ich nicht", sagte Revil.
"Er hat die Haare nur richtigrum gekämmt", sagte ich.
"Dauerwelle - Natur?" fragte Carl.
So spielten wir "Alle auf Onno". Onno meinte, er sei viel zu reif, um sich von den Albereien angegriffen zu fühlen. Wir erklärten, daß wir ihn wirklich nur ein bißchen necken wollten.
Revil und Grace erzählten mir, daß sie Ende August in der "Windmühle" waren. Es war kaum jemand da, aber Ace, Kappa und Rafa waren alle drei da. Nadine soll schweigend neben Rafa gesessen haben. Revil erzählte, daß er sie ansprach und daß sie dann ein wenig geredet habe.
Nach Mitternacht fuhren Carl und ich ins "Elizium". Ich trug schwarze Spitze. Unter dem Spitzenoberteil hatte ich nur ein schwarzes Bustier an. Der Rock war aus Taft, aber ich möchte auch noch einen aus Spitze haben.
Saverio erzählte mir viel über Musik; er berichtete, demnächst würde ein zweites Tape erscheinen von Tinus und ihm. Außerdem meinte er, das Album der Deutsch-Katholischen Feindschaft sei auf der CD schneller eingespielt als auf der Vinyl-Ausgabe.
So zutraulich, wie Saverio zu mir war, war er zu Carl nicht. Wenigstens zog er ihn am Zopf und gab ihm einen Werbezettel für sein Tape.
Mit Aimée und Saara hatte ich am Sonntag Telefonkonferenz. Aimée und Sten waren in der vergangenen Nacht von halb elf bis ein Uhr in der "Halle" gewesen, während ich im "Elizium" war. In der "Halle" soll es recht leer gewesen sein. Rafa begrüßte Aimée mit Handkuß. Als sie leidend guckte, fragte er, was los sei. Sie klagte über Kopfweh. Galant streichelte er ihr das Genick.
Rafa soll häufig durchs Mikrophon gesagt haben, in dem Bus nach WR. seien noch Plätze frei. Aimée fühlte sich dadurch genervt.
Aimée, Beatrice und Rikka finden, daß Rafa in der "Halle" furchtbar schlampig herumlief. Er soll sehr nachlässig gekleidet gewesen sein und sehr ungepflegt gewirkt haben. Er soll die Brille mit den gelben Gläsern getragen haben.
Daß Rafa sich so gehen läßt, weckt in mir den Verdacht, daß er sich in irgendeiner Krise befindet. Man könnte freilich auch sagen, er ist bestimmt nur faul. Aber ich kenne es von ihm, daß auch die kleinsten, scheinbar nebensächlichen Details eine Bedeutung haben.
Wie es aussieht, wird Rafa sich bis an sein Lebensende mit Nadines versorgen, während er an Alkohol, Zigaretten und vielleicht AIDS vor sich hinstirbt. Und ich muß zusehen und kann nichts tun, um sein und mein Schicksal zu wenden.
Daphne soll Rafa ein Kondom geschenkt haben, weil sie ihm dasjenige, das er bei der Depeche Mode Party von ihr wiederhaben wollte, nicht gegeben hatte.
Nadine trug ein Kleid und hatte sich eine Freundin mit in die "Halle" gebracht. Nadine soll ungewöhnlich gut gelaunt gewesen sein; sie lächelte und wirkte lebhafter als sonst. Das könnte an der Freundin gelegen haben, die ihr Gesellschaft leistete. Für eine Weile stand Rafa bei den Mädchen.
Einmal sah Aimée etwas Verdächtiges. Rafa raunte Sten zu:
"Kannst du schweigen?"
Dann zeigte er auf Nadines Freundin und streckte den Daumen nach oben.
Wenn Aimées Vermutung stimmt, hat Rafa die Freundin, die Nadines Laune verbessert, bereits dazu benutzt, Nadine zu hintergehen.
Lara findet Nadines Freundin ziemlich arrogant. Nadine und die Freundin sollen in der "Halle" dauernd zu Lara herübergeguckt haben.
Lara meint, Nadine sei ebenfalls arrogant geworden. Immer mehr Leute sollen Nadine ablehnen. Dolfs Freundin Magda soll Nadine auf deren Bitten widerwillig ihre Nummer gegeben haben. Als Nadine bei ihr anrief, wimmelte sie sie ab.
Am 09.10. klingelte gegen halb elf Uhr vormittags das Telefon. Lessa nahm ab. Am anderen Ende der Leitung wurde aufgelegt.
Aimée hat erzählt, daß Rafa am 09.10. ohne Nadine im Studio war und von Sten nach Hause gefahren wurde. Rafa soll stets ohne Dolf im Studio sein.
Rafa und Dolf sollen übrigens geäußert haben, daß es sich nicht mehr lohne, in H. wegzugehen; im "Elizium" liefe eh immer nur dieselbe Musik. Der wahre Grund dafür, daß den beiden die Lust am "Elizium" vergangen ist, wird wahrscheinlich ein anderer sein. Zumindest Rafa hat dafür gesorgt, daß man ihn im "Elizium" gar nicht mehr unbedingt sehen will.
Nichtsdestoweniger will Rafa Ende November ein Konzert in H. geben, im "Untergang".



Am Freitag zog ich für die "Katakomben" wieder die Sachen aus schwarzer Spitze an. Saara ist inzwischen etwas modemutiger geworden. Sie trug ein kurzes Hosenröckchen und hatte sich die blonde Mähne hochgebunden.
Als wir zur Straßenbahn gingen, entdeckte ich in Saaras Hand ein Bündelchen trockene Spaghetti. Die hatte sie sich als Wegzehrung mitgenommen. Offenbar ist sie von Lessa und mir angesteckt worden. Ich knabbere seit Jahren trockene Spaghetti, und Lessa hat sich das inzwischen ebenfalls angewöhnt.
Vor den "Katakomben" trafen wir Daphne und Tharya. Sie fragten Saara, ob sie mitkäme nach WR. Saara verneinte.
"He, der Meister hat das befohlen", gab Daphne zu bedenken, "und wenn der Meister das befiehlt, mußt du das machen."
Daphne und Tharya klärten uns darüber auf, daß heute nacht "jeder" in den "Katakomben" sei, "jeder, den man nicht sehen möchte". Damit konnte Rafa gemeint sein. Als ich in den überfüllten Tanzraum kam, sah ich ihn auch gleich. Er lief nicht mehr so schlampig herum wie in der "Halle". Er hatte ein weißes Hemd mit schwarzem Binder an und eine Uniformjacke mit dem Logo seiner Band auf dem Ärmel. Sein Haar war ordentlich gekürzt und auf die Seite gestrichen; leider nur war Rafa nicht ordentlich rasiert.
Lessa und ich stellten uns nebeneinander im Gedränge. Rafa kam sogleich auf uns zu.
"So, jetzt spreche ich dich einfach mal ganz dreist an", sagte er zu Lessa und gab ihr einen Flyer für das Festival in WR.
Dann wandte er sich mir zu und reichte mir ebenfalls einen Flyer:
"So, und Frau Hetty kriegt auch einen."
Er erzählte Lessa, daß im Bus noch Plätze frei seien.
"Und ich fände es schön, wenn ihr beide mitkämt", setzte er hinzu. "Ihr müßt euch aber nicht sofort entscheiden. Ruft einfach nochmal durch."
Er beschrieb, wie die Fahrt im Einzelnen ablaufen soll; daß man sich vorher am Zentralen Omnibusbahnhof treffen werde und im Bus "voll Party machen" und "auch saufen" könne und so weiter.
"Das kannst du dann auch deiner kleinen Freundin erklären", sagte er abschließend und wies auf mich.
"Das kannst du ihr auch selber erklären", meinte Lessa.
"Ach, das verstehst du jetzt nicht", erwiderte Rafa und entfernte sich.
Während er mit Lessa gesprochen hatte, hatte er sich vorgebeugt, und ich hatte die Gelegenheit ergriffen, ihn mit einem Finger zart am Hals entlangzustreichen. Sten konnte das sehen. Ich gab ihm die Hand zur Begrüßung.
"Das muß er über sich ergehen lassen", erklärte ich Sten mit einem Seitenblick auf Rafa. "Er ist selber schuld, wenn er immer wieder den gleichen Fehler macht. Und er ist selber schuld, wenn ich nicht nach WR. mitkomme. Er weiß genau, welche Bedingung erfüllt sein muß, wenn ich mitkommen soll. Er weiß, daß er vorher seine Freundin abstoßen muß. Er soll also nicht denken, daß ich mitkomme. Er wird sich bis dahin nicht von Nadine trennen, denn er könnte es nicht bequemer haben als mit ihr. Sie ist genau das, was er will. Also braucht er sich nicht die Hoffnung zu machen, daß ich nach WR. mitkomme."
"Aber das ist doch seine Entscheidung, mit wem er zusammen ist", erwiderte Sten.
"Und es ist meine Entscheidung, unter welchen Bedingungen ich nach WR. mitkomme", ergänzte ich.
"Das stimmt", nickte Sten, "aber ich verstehe nicht, weshalb du solche Bedingungen stellst. Du hast doch mit Rafa weiter gar nichts zu tun."
"Hast du eine Ahnung", seufzte ich. "Wir kennen uns immerhin seit dreieinhalb Jahren."
"Das hat doch nicht viel zu bedeuten, wie lange man sich kennt. In drei Jahren muß doch nicht unbedingt viel passieren."
"Es kann aber viel passieren."
Ich wollte von Sten wissen, ob Rafa immer noch so viel raucht. Sten meinte, so übermäßig viel würde Rafa gar nicht rauchen. Ich erklärte Sten, daß ich mir Sorgen mache um Rafas Gesundheit.
Der Flyer, den Rafa mir gegeben hatte, war bedruckt mit einem Bild von einem Bus, und auf diesem Bus stand zu lesen:
"Elektro-Pop-Festival"
Darunter wurde angekündigt:
"Der Party-Bus fährt ab!!!!!
Am 8.11.96 von H. (Busbahnhof) nach WR.
zum ELEKTRO-POP-FESTIVAL
mit Stigmata / W.E + Special-Guest!!!
danach: Synthie-POP-Party mit verschiedenen DJ's!!!
Bus-Reservierung unter Tel. (hier gab Rafa seine eigene Nummer an)
Busfahrt + Eintritt + Überraschungen für nur 25,- DM"
Rafa scheint in gewisser Weise der Mutter in die Fußstapfen treten zu wollen, die in einem Reisebüro arbeitet.
Rafa hatte sich nach dem Gespräch mit Lessa an einen Pooltisch neben der Tanzfläche gelehnt. Nadine trottete ihm nach. Lessa tanzte und konnte die beiden beobachten. Sie kam zu dem niederschmetternden Urteil, daß Nadine ein Vollmondgesicht und einen Kinderschmollmund hat und außerdem ein Hinterteil wie ein Brauereipferd. Nadine hatte aber auch nichts getan, um ihr Äußeres zu verschönern. Sie trug einen dicken Pullover und eine helle Hose aus einem groben Stoff. Ihre Haare waren mit einem einfachen Gummi zusammengebunden. Sie war auch heute nicht geschminkt.
Während Lessa tanzte, winkte sie Rafa zu, und er winkte zurück. Nadine sah das und schrie Rafa an. Er schrie sie ebenfalls an. Als die beiden mit dem Schreien fertig waren, begannen sie zu knutschen. Nadine strich Rafa über die Wange, aber nicht zart, sondern patschig und grob. Mitten im Küssen hielt Nadine inne und schrie wieder auf Rafa ein. Er rülpste ihr ins Gesicht. Da wurde weitergeschrien, bis Rafa schließlich den Tanzraum verließ. Nadine folgte ihm in einem gewissen Abstand. Als ich den Barraum durchquerte, fand ich Rafa am Tresen sitzen. Im Vorbeigehen strich ich ihm mit einem Finger am Rücken entlang.
Wieder im Tanzraum, unterhielt ich mich mit zwei Leuten aus HB. Rafa stand wenige Meter von uns entfernt und redete mit einem fremden Mädchen. Nadine saß an einem Tisch vor der Tanzfläche und guckte grimmig. Sie redete mit niemandem; sie rauchte nur. Ich erklärte den Leuten aus HB., daß ich Rafa beobachtete und daß er dieses wußte und mich ebenfalls beobachtete. Rafa ging mit forschen Schritten auf uns zu.
"Entschuldigung, darf ich mal kurz stören?" fragte er in Richtung meiner Gesprächspartner. "Ich muß jetzt mal kurz stören, ja?"
Dann wandte er sich an mich.
"Also, wie isses denn nun?" fragte er ungeduldig. "Wollt ihr denn nun mitkommen?"
"Du kennst die Bedingung", erwiderte ich.
"Was hat denn das damit zu tun?" fragte Rafa ein wenig matt.
"Das habe ich dir schon oft erklärt", entgegnete ich ruhig.
Rafa entfernte sich achselzuckend. Währenddessen strich ich ihm noch kurz über den Arm.
Clarice kam auf mich zu und erzählte, daß sie Rafa ein wenig angerempelt hatte und daß er sie darauf mit großen Telleraugen angeguckt und ihr einen von seinen Flyern gegeben hatte.
Saara setzte sich an Nadines Tisch. Rafa lächelte Saara zu und wollte mit ihr anstoßen, redete aber nicht mit ihr.
Sazar legte auf, und die Musik war für mich nicht besonders tanzbar. Als ich endlich einmal tanzen konnte, zu einem Lied von Apoptygma Berzerk, soll Rafa Nadine umarmt und über ihre Schulter nach mir geschaut haben. Das berichtete Lessa.
Saara sprach mit Sten, der bei ihr kniete. Ich stellte mich hinter ihren Stuhl. Sten drohte mir mit dem Finger. Ich wollte wissen, was los sei, und er sagte nur:
"Böse Elektro-Betty."
"Warum denn 'böse'?" fragte ich. "Ich bin doch immer lieb."
"Ach, war doch nur ein Spruch."
Rafa kam in meine Nähe und unterhielt sich wild gestikulierend mit einem fremden Mädchen. Er stellte sich so, daß er andauernd mit seinem Arm, seiner Schulter und seinem Rücken an mir entlangstreifte. Ich strich die Zeigefinger aneinander, was soviel wie "Runde gewonnen!" heißt, und warf Lessa bedeutungsvolle Blicke zu. Ich mußte sehr viel kichern. Rafa schien es in seinem Innern wärmer und wärmer zu werden. Für ein gutes Weilchen scheuerte er sich an meinem engen Spitzenoberteil. Dann ging er mit dem fremden Mädchen an eine Bar in der Nähe und redete dort weiter mit ihr. Zwischendurch kamen noch andere Mädchen dazu und auch Kappa. Nadine stellte sich in geringer Entfernung auf und starrte Rafa an. Er ging schließlich weg. Sie packte ihn am Arm.
"Dein Blick sagt alles", fauchte er. "Fahr' doch nach Hause!"
Rafa und Nadine setzten sich an den Tisch, nicht nebeneinander, sondern einander gegenüber. Sten setzte sich neben Rafa und sprach mit ihm. Lessa nahm sich das fremde Mädchen vor. Dieses Mädchen heißt Shelley und war von Rafa gerade erst kennengelernt worden. Als Lessa mir Shelley vorstellte, kam ich rasch mit ihr ins Gespräch. Lessa ließ uns kurz allein. Sie ging zu Rafa und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Er drehte sich etwas erstaunt um.
"Ich wollte dir nur sagen, daß ich auf jeden Fall mit nach WR. komme", gab Lessa ihren Entschluß kund.
"Ach, das ist ja schön", freute sich Rafa, "das finde ich ja echt toll. Aber - wie machen wir das?"
"Wie machen wir was?"
"Ach ... also, wenn ich mich wirklich absolut auf dich verlassen kann, bist du einfach am 08.11. um 15.45 am ZOB und gibst mir das Geld", legte Rafa fest. "Dann mußt du nicht im Voraus bezahlen. Dein Platz bleibt auch auf jeden Fall reserviert. Warum interessiert dich das eigentlich, mitzukommen?"
"Weil ich dir versprochen habe, zu einem von deinen Konzerten zu kommen und weil ich es mir nicht entgehen lassen kann, diese schlechte Band zu sehen."
"Ah, ja."
Nadine warf Lessa haßerfüllte Blicke zu, als Rafa so überaus freundlich mit Lessa sprach.
Shelley kommt aus HD. und wohnt seit einer Woche in H. Die hiesige Club-Szene ist ihr noch fremd. Shelley findet die Geschichte von Rafa und mir ziemlich spannend. Wie meine Bekannten aus HB. findet sie, daß Rafa ein hübscher Kerl ist, es auch weiß und sich herzeigen kann.
"Er sieht charmant aus", urteilte Lessa, "und er nutzt das gezielt und macht eine Show davon. Daß er dauernd baggert, ist wirklich unübersehbar. Aber ansonsten ist er richtig nett."
Nadine starrte zu Shelley, Lessa und mir herüber. Rafa lief quer über die Tanzfläche, setzte sich kurz neben Nadine und sprang gleich wieder auf, um im Barraum zu verschwinden.
"Er entzieht sich der Situation", erklärte ich Shelley. "Zwischen zwei Frauen in einem Raum, das wird ihm zuviel. Er muß jetzt erst einmal saufen."
Saara und Sten verabschiedeten sich. Sten reichte mir die Hand.
"Tschüß", sagte er und setzte nach einer Pause hinzu:
"... und, Elektro-Betty, sei nicht immer so ..."
"Wie soll ich nicht sein?" fragte ich sanft.
"Ach, das fällt mir jetzt nicht ein, wie ich das sagen soll."
"Du meinst wohl 'konsequent'", vermutete ich. "Du möchtest wohl, daß ich nicht so konsequent bin. Aber das kannst du vergessen. Ich bin immer konsequent. Ich bleibe auch konsequent."
"Ja, bleib' das mal", sagte Sten. "Ich liebe dich."
Als Saara und Sten die "Katakomben" verließen, rannte Rafa auf der Treppe an ihnen vorbei und rief Sten zu:
"Wo ist Nadine?"
Lessa setzte sich auf Rafas leeren Stuhl, Nadine gegenüber. Nadine fragte mürrisch:
"Haste mal Feuer?"
"Nein, habe ich nicht", antwortete Lessa ebenso mürrisch.
Nadine rauchte eine Zigarette nach der anderen, ohne ein Feuerzeug bei sich zu haben. Sie hatte sich ihre Zigaretten zunächst an einem Kerzenleuchter angezündet. Inzwischen waren die Kerzen allerdings gelöscht worden, weil die Felljacke eines Mädchens Feuer gefangen hatte. Rafa kam gelegentlich vorbei und hielt Nadine ein brennendes Feuerzeug hin. Nun war er aber gerade nicht in der Nähe, und Nadine mußte sich anders behelfen.
"Jeanny" von Falco begann. Rafa stürmte herbei und tanzte, in der rechten Hand das Bierglas, in der linken die Zigarette.
"Du hattest recht - er hat sich Bier geholt", bemerkte Shelley.
Rafa hielt es nicht lange auf der Tanzfläche aus. Er lehnte sich an den Pooltisch und betrachtete Lessa. Sie lächelte. Da schoß er auf sie zu, setzte sich schwungvoll neben sie und sagte:
"Also, wenn du mich so lieb anlächelst, dann kann ich nicht anders, dann muß ich mich mit dir unterhalten."
Er schaute ihr tief in die Augen. Sie fragte, was denn los sei, und er antwortete:
"Nichts."
"Ich habe gehört, du sollst in der 'Halle' so voll daneben ausgesehen haben", erzählte sie.
"Warum daneben?" fragte er.
"Ja, mit verfilzten Haaren, zerlöcherter Hose und zerlöcherten Schuhen ..."
"Du hast in deiner Strumpfhose auch Löcher", entgegnete er.
Sie bestätigte das, hatte sie sich doch kunstvoll die Netzstrumpfhose zerrissen, die sie über einer ebenfalls kaputten blaugewürfelten Strumpfhose trug.
"Heute siehst du aber wieder richtig schick aus", lobte sie ihn alsdann.
"Ja, heute war mir auch danach", meinte er. "Du siehst heute aber auch schick aus."
"Ja, ich sehe immer schick aus", erwiderte sie keck. "Ich bin überhaupt viel zu schön für diese Welt."
Rafa ging ans DJ-Pult und äußerte einen Musikwunsch. Der wurde bald gespielt; es war "Eisbär" von Grauzone. Rafa stellte sich auf der Tanzfläche so, daß er mir das Gesicht zuwandte. Er tanzte hingebungsvoll; es ähnelte einer Schau. Shelley, Lessa und ich sahen ihm zu und tuschelten und kicherten. Nach dem Stück sagte Rafa zu Lessa:
"Ja, ja, drei Weiber auf einem Haufen!"
Lessa setzte sich wieder an Nadines Tisch. Ich tanzte zu dem mittelalterlichen "Palästina-Lied" in der Version von Qntal. Rafa redete einige Worte mit Nadine, kniete sich dann zu Lessa und fragte diese:
"Wo ist denn deine nette Freundin Hetty?"
"Die tanzt da vorne", sagte Lessa und zeigte auf mich.
Rafa stand auf und beobachtete mich. Nach einer Weile fragte er Nadine:
"Gehen wir?"
"Mh", machte sie.
Sie stand auf und trottete hinter Rafa her. Er kehrte noch einmal um und gab Lessa die Hand. Er wollte ihre Hand gar nicht mehr loslassen.
"Rafa, wir gehen!" rief Nadine böse.
"Ja, ja!" rief er und folgte ihr.
Was den Sockenschuß betrifft, so war der schon wieder in den "Katakomben", wurde allerdings von mir nicht weiter beachtet. Dafür haben andere Leute ihn unter Beobachtung genommen. Saara ließ ihn sich von Lessa zeigen und meinte, sie sei erstaunt über seine Häßlichkeit. Lessa stellte fest, daß der Sockenschuß mich häufig begaffte. Als er schon seinen Mantel angezogen hatte und im Gehen war, drehte er sich noch einmal kurz um und sah mich tanzen. Sogleich zog er den Mantel wieder aus und tanzte ebenfalls.
Am Morgen habe ich Folgendes geträumt:

Rafa war wieder mit der Sängerin Tessa zusammen. Ich begegnetete den beiden in einem Veranstaltungszentrum. Ich wollte das Weite suchen, doch Rafa packte mich und zwang mich, mit ihm zu sprechen. Ich wiederholte stur, daß ich "das Dreckschwein", wie ich die Sängerin nannte, nicht duldete. Rafa wollte trotzdem immer weiter mit mir reden. Er unternahm Schlichtungsversuche. Ich weigerte mich, mit der Sängerin irgendeine Art von Frieden zu schließen. Die Sängerin begann, mit erhobenem Zeigefinger auf mich einzureden. Sie meinte, die Bezeichnung "Dreckschwein" führe nicht zu einer Verständigung. Ich sagte Rafa, daß es gar nicht meine Absicht sei, mich mit der Sängerin zu verständigen oder mich mit ihm über die Sängerin zu verständigen. Er solle mich nur in Ruhe lassen, solange er mit der Sängerin zusammen sei. Das sei mein ganzes Begehren.

Am frühen Abend rief Lessa bei Rafa an.
"Ja, bitte?" meldete er sich.
"Ja, hallo, hier ist Lessa", sagte sie, "ich wollte mal wissen, wer noch so alles mitfährt zu deinem supertollen Auftritt da."
"Du kommst wirklich mit?" staunte er. "Du bist ja brav."
"Ich bin immer brav."
Rafa erzählte, es würden ziemlich viele Leute mitfahren, von denen sie auch einige kennen würde. Ihr Platz sei aber reserviert; er habe sie schon in die Liste eingetragen.
Als Lessa ihn fragte, was er am Abend vorhabe, antwortete er, er würde früh zu Bett gehen, da er am anderen Morgen früh aufstehen müsse. Er war dann auch nicht im "Elizium".
Xentrix ist am 10.10. dreißig geworden. Er ulkte viel herum und mimte das Kind. Er hüpfte zu Depeche Mode und sagte:
"Jetzt muß ich nur noch stottern, dann bin ich Hoffi! D-das's g-gemein, ne?"
Mein Kleid mit dem roten Samtrock und die rote Strumpfhose brachten mir ein Kompliment ein. Ich wurde von einem Industrial-Fan namens Kurt angesprochen:
"Betty, seit wann tanzt du in Rot?"
Ihm gefiel das sehr.
Lessa bekam ebenfalls Komplimente. Seit sie von Simon getrennt ist, macht sie sich immer phantasievoller und aufregender zurecht. Dieses Mal war sie es, die ganz in Spitze ging. Ihre blauen Haare hatte sie auf dem Kopf zu einem Zöpfchen gebunden, weshalb ich sie "Blautürmchen" nannte. Ich dachte mir noch mehr eigenartige Namen aus, Namen für Märchenfiguren - "Rotlichtchen" und "Aschenbecher".
Am Sonntag habe ich von Aimée erfahren, weshalb Rafa so früh aufstehen mußte. Er hatte um zwölf Uhr mittags einen Termin mit Sten im Studio. Aimée ging auch dorthin. Als sie kam, waren nur Sten, Rafa und Zinnia da. Zinnia sprach Rafa auf etwas an, das seine Freundin gesagt habe. Da gab Rafa in überheblichem Ton von sich:
"Meine Freundin hat überhaupt nichts zu sagen. Meine Freundin hat nur das Maul zu halten."
Das Mittagessen sollte ins Studio bestellt werden. Aimée fragte, wie man denn etwas zu essen bestellen konnte in ein Studio, das keine Klingel hatte.
"Warte ab", sagte Rafa, "wir haben da schon unsere Möglichkeiten."
Bald danach klopfte es. Aimée wollte öffnen, doch der Schlüssel klemmte. Nadine brüllte von draußen:
"He, kann hier vielleicht mal jemand aufmachen?"
"Das versuche ich vielleicht gerade!" rief Aimée.
Als die Tür offen war, brüllte Nadine:
"Endlich! Die Pizza ist schon voll kalt geworden!"
Rafa gab ihr einen Dankeschön-Kuß fürs Pizzaholen. Darin erschöpften sich die Zärtlichkeiten zwischen den beiden.
Nadine hatte für sich selbst kein Essen mitgebracht. Zinnia bot ihr an, von ihrem Salat zu essen.
"Nein, ich möchte nichts", dankte Nadine.
"Mädchen, iß", riet Zinnia. "Laß' dich nicht so fertigmachen. Iß, nachher hast du vielleicht Hunger und kannst dann nichts mehr essen."
Nadine nahm aber nichts.
Zinnia hatte einen Verdacht, der ihr als molliges Mädchen nicht fremd sein kann. Zinnia vermutete, daß Rafa Nadine quält, indem er sie mit ihrer plumpen Figur aufzieht. In Wahrheit soll Nadine deswegen nichts gegessen haben, weil sie eine Lebensmittelallergie hat. Dennoch lag Zinnia mit ihrem Verdacht nicht grundsätzlich falsch. Rafa hat ein feines Gespür für die Schwächen anderer Menschen, und er genießt es, sie an ihren wunden Punkten zu verletzen. Ich glaube, er genießt daran vor allem die Tatsache, nicht selbst das Opfer zu sein.
Vielleicht haßt Rafa die Menschen genauso, wie er sich selbst haßt. Vielleicht glaubt er, daß Haß und Herzenskälte der einzige Weg sind, durchs Leben zu kommen, ohne gequält zu werden.
"Quälen oder gequält werden", das könnte sein Lebensmotto sein.
Nadine läßt sich besonders leicht quälen, weil sie ein vermindertes Selbstwertgefühl hat und nicht in der Lage ist, Rafas Verhalten zu durchschauen. Vermutlich wählt Rafa seine Freundinnen nach ihrer Opfertauglichkeit. Ich bin als Opfer untauglich. Ich kann also niemals die Rolle spielen, die er seinen Freundinnen zuweist. Ich passe nicht ins Spiel. Wenn Rafa sich für mich entscheiden würde, wäre er gezwungen, das gesamte System seines Verhaltens zu ändern. Ein sorgsam aufgebautes Gefüge würde zusammenbrechen. Diese Vorstellung erinnert mich an die Tarot-Karte "Der Turm". Vielleicht soll diese Karte eine derartige Veränderung beschwören. Ich wäre dem Schicksal dankbar, wenn das Lügengebäude, in dem Rafa lebt, tatsächlich ein Kartenhaus ist, das schlußendlich einstürzen muß.
Rafa wirkte im Studio wohlgelaunt und ausgelassen. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen. Seine Kleidung wirkte etwas nachlässig, allerdings hatte er seine Haare frisch gewaschen. Er trug die Uniformjacke mit dem Bandlogo, dazu eine Leggins, die er bis unter die Knie hochgezogen hatte, und Socken.
Sten, Aimée, Zinnia und Rafa alberten und lachten viel, Nadine lachte nicht und redete kaum. Meistens saß Nadine mit angezogenen Beinen auf dem Boden und legte hin und wieder den Kopf auf die Knie.
Aimée fühlte sich von Rafa ausgiebig begafft, als wenn er schon wieder mit ihr anbändeln wollte. Daß Rafa bereits eine Freundin hat, wird ihn bekannterweise nicht von solchen Unternehmungen abhalten.
Sten entdeckte, daß die Pizzaschachteln mit Werbung bedruckt waren. Er schlug Rafa vor, auch auf Pizzaschachteln für seine Band zu werben. Rafa meinte, er würde sich nie so erniedrigen.
Für das neue Album sollte Zinnia im Duett mit Rafa "Alle Jahre wieder" singen.
"Ich glaube, das halte ich nicht durch", meinte sie, "da fange ich zwischendrin an zu lachen."
Es wurde dann auch viel gelacht. Rafa verlangte, Zinnia solle "locker" singen und nicht "wie in der Oper". Zinnia konnte das aber nicht. Rafa versuchte schließlich, Aimée zum Singen zu überreden. Die aber weigerte sich standhaft.
"Mensch, du hast die Chance, auf meine CD zu kommen!" warb Rafa.
"Also, da kann ich auch drauf sch...en", erwiderte Aimée ungerührt.
Nadine wurde gar nicht erst in Erwägung gezogen. Sie soll eine merkwürdig gequetschte Stimme haben und lispeln, als hätte sie eine Zahnspange im Mund.
Rafa und Zinnia gaben sich also Mühe, "Alle Jahre wieder" im Stil von Kinderplatten zu singen. Schließlich seufzte Zinnia:
"Wenn meine Mutter zu Weihnachten 'Alle Jahre wieder' singt, haue ich ihr eins in die Fresse."
Die Zeit, um die Nadine heimfahren mußte, stand von Anfang an fest. Gegen Abend, als es darauf zuging, besprach Rafa mit Sten, daß er ihm noch ein paar Samples abmischen wolle. Rafa meinte, am heutigen Tage würde er das nicht mehr schaffen.
"Wieso, du hast doch noch eineinhalb Stunden Zeit", wandte Nadine ein. "Da kannst du doch schon mal anfangen."
"Sag' mal, bist du blöd, oder was!" brüllte Rafa. "Sowas macht man nicht in eineinhalb Stunden, sowas macht man in fünf Stunden!"
"Ich meinte doch nur, du könntest schon mal anfangen."
"Quatsch, ich hör' doch nicht mittendrin auf!"
In der gewohnten üblen Laune fuhr Nadine mit Rafa weg.
Rafas zur Schau getragene Fröhlichkeit hat tiefe Schattenseiten. Er gibt für jedermann den netten, lustigen Gesellen, nur nicht für seine erwählten Opfer. Die Opfer werden von ihm erst umgarnt und dann belogen, betrogen und erniedrigt.
Rafa spielt eine heile Welt vor, in der alle nett zueinander sind, und spielt in Wirklichkeit den einen gegen den anderen aus. Er kommt mit gewinnendem Charme auf die Leute zu und lockt sie mit nach WR., um den Bus zu füllen und genügend Applaus zu haben. Er ist sich nicht zu schade, sich deswegen bei seinen ärgsten Feinden anzubiedern. Wenn er die Leute dann nicht mehr braucht, kümmert er sich auch nicht mehr um sie.
Die Welt, als deren Teil Rafa sich erlebt, ist eine Welt ohne Liebe, Vertrauen, Stetigkeit und Wärme. Das Glück, das errungen werden kann, ist flüchtig und beschränkt sich auf körperliche Befriedigung, Betäubung durch Drogen, Spielereien und Albereien. Die Gefühlsregungen sind ohne Tiefe. Gegen diese pessimistisch-destruktive Weltsicht setze ich eine optimistisch-konstruktive. Rafa spielt mit den schwarzen Figürchen, ich mit den weißen. Wer gewinnt, weiß niemand.
Am Montagabend hat Aimée mit Rafa telefoniert. Sie wollte ihn um Zinnias Nummer bitten. Er meinte, dazu müsse er erst einmal "voll die Umräum-Aktion" machen. Er könne das Telefon nur durch die eine der beiden Türen in seine Zimmer tragen, und das sei schwierig, weil soviel herumstünde. Er schaffte die Sachen beiseite. Das Telefon fiel zu Boden.
"Sch...!" rief er.
Dann fragte er Aimée:
"Bist du noch dran?"
Sie bejahte. Rafa meinte, in seinem Zimmer würde man überhaupt nichts mehr finden. Aimée empfahl ihm, aufzuräumen. Rafa erwiderte beinahe entrüstet:
"Wieso, das ist doch aufgeräumt!"
"Die Logik muß ich jetzt aber nicht verstehen, oder?"
Rafa beschwor seinen Computer, endlich Zinnias Nummer abzubilden, und gab Aimée diese.
Aimée fragte Rafa um Rat wegen der Eifersucht, unter der Sten und sie leiden und die ihre Beziehung gefährdet. Er riet ihr so ähnlich, wie ich ihr auch schon geraten habe. Er empfahl, mit Sten offen über ihrer beider Eifersucht zu sprechen und Kompromisse und Regelungen zu finden, von denen sich keiner eingeengt fühlt und die dennoch vor der Angst vor Seitensprüngen schützen.
Rafa kann sehr verständig sein, wenn es nicht um seine eigenen Gefühle geht.
Im weiteren Verlauf der Unterhaltung erzählte Rafa, er sei gerade ziemlich im Streß, weil gleich seine alten Schulkameraden zu Besuch kämen.
"Ach, es ist ja wieder Montag", bemerkte Aimée, "wo du immer nachts bei Hetty anrufst."
Rafa stritt rundweg ab, bei mir anzurufen.
"Das habe ich doch gar nicht nötig, bei der anzurufen!" verwahrte er sich entrüstet gegen solche Vorwürfe.
Derek hat neulich bei "Stars" durch eine Wand jemanden sagen hören, ich, Hetty, sei doch mit dem Sockenschuß zusammengewesen; da würde es Bilder geben. Ich frage mich, wer diese Bilder gemacht und dann fehlinterpretiert hat. In der Szene sind genügend Leute, die andere umwerben und umarmen, ohne daß im Bett das Geringste abliefe. Das müßte man eigentlich wissen, wenn man die Szene kennt.

Lessa hat geträumt, sie sei mit Saara auf dem Festival in WR. Die beiden wollten sich nur Stens Band Xrossive ansehen und dann durch die Altstadt bummeln. Nun aber traten unter dem Namen "Xrossive" drei Heinos auf, mit blonden Perücken und tiefschwarzen Brillen. Diese Heinos waren Rafa, Kappa und Sten, und sie ergaben auch die Besetzung der beiden weiteren Bands.

Lessa hatte etwas zum Staunen, als ich ihr ein Foto zeigte, das zum Karneval 1986 gemacht wurde, vor über zehn Jahren. Auf diesem Foto sind Constri, ich und ein Bekannter zu sehen, alle drei als Heinos verkleidet. Wir stehen neben einem Spiegel, so daß insgesamt sechs Heinos abgebildet sind. Über uns ist der Schriftzug "HEINO" an die Wand gesprüht.

In einem Traum waren Rafa, einer seiner Bekannten, dessen Freundin und ich in einem Supermarkt. Ich war krank und konnte schlecht gehen. Rafa trug mich zwischen den langen Regalen hindurch und betonte währenddessen immer wieder, daß er mit mir "nichts habe". Vermutlich befürchtete er, daß jemand das denken könnte.
Draußen auf der Straße ging ich wieder selbst. Rafas Bekannter und seine Freundin tuschelten und entfernten sich. Sie hofften vielleicht, daß Rafa und ich endlich zusammenkamen, wenn sie uns alleine ließen.
Rafa ging mit mir in einen kahlen, menschenleeren Garderobenraum. Umringt von Spinden stand da ein Tisch, an den setzten wir uns, dicht nebeneinander. Ich wählte bewußt Gesprächsthemen, die für Rafa nicht verunsichernd waren. Ich wollte verhindern, daß er die Flucht ergriff. Rafa ließ sich auch auf eine längere Unterhaltung mit mir ein und fragte schließlich, ob er uns nicht etwas zu essen besorgen sollte. Ich war einverstanden.

Als dieser Traum endete, waren Rafa und ich noch immer miteinander beschäftigt. Das weist darauf hin, daß die Verbindung zwischen uns nach wie vor besteht und daß ich in seinen Gedanken anwesend bin, wie auch er in meinen.
Am Samstag traf ich Aimée im "Elizium". Sie war mit Sten und Dolf da. Die beiden Herren waren augenscheinlich nur gekommen, um noch mehr Flyer für WR. zu verteilen und für die Fahrt zu werben. Aimée berichtete, Dolf habe sie gebeten, mich unbedingt zum Mitkommen zu überreden. Als Aimée ihm sagte, daß ich wohl nicht mitkommen werde, erwiderte er:
"Natürlich kommt die mit. Die kommt schon wegen Rafa mit."
"Eben, wegen Rafa kommt sie ja nicht mit."
"Die muß mitkommen; es sind noch zehn Plätze frei."
Es wundert mich, daß Dolf etwas versucht, was schon Rafa mißglückt ist. Hat Rafa ihn gebeten, dafür zu sorgen, daß ich mitkomme? Eigentlich müßte er doch wissen, daß die Mühe vergebens ist. Will er es nicht wahrhaben?
Von Sten habe ich den Eindruck, daß er wirklich nicht begreift, wie ernst ich es meine mit der Absage. Er versuchte auch schon wieder, mich zu überreden.
Als die Flyer verteilt waren und die Werbetrommel gerührt war, zog der Troß ab.

In einem Traum sah ich die Sängerin Tessa in einer Schänke sitzen, mit einem neuen Freund. Sie trug das Kleid mit der schwarzen Federboa, das sie auf der Bühne immer getragen hat; das war aber auch die einzige Verbindung zu ihrer Zeit mit Rafa.

Dieser Traum kann als Fortsetzung von dem Traum betrachtet werden, in dem ich neulich Rafa und die Sängerin getroffen habe. Jetzt hatte sie sich schon wieder von ihm gelöst und ging eigene Wege.
Am 24.10. klingelte das Telefon um 9.20 zweimal. Ich nahm ab, und als ich mich mit "Ja?" meldete, wurde am anderen Ende der Leitung aufgelegt.
Dasselbe ereignete sich noch einmal um 10.00.
Lessa und ich haben festgestellt, daß es zwischen Rafa und Andras auffällige Übereinstimmungen gibt. So wehrt auch Andras Lessas Streicheln gelegentlich heftig ab mit Ausrufen wie:
"Oh, Mann, jetzt laß' das doch mal! Jetzt hör' doch mal auf! Oh, Mann, ich hasse das!"
Wenn sie ihn fragt, weshalb er sich nicht streicheln läßt, kommen Äußerungen wie:
"Ich will's halt nicht."
Wenn Lessa sein Verhalten deutet, gibt Andras zynische Bemerkungen von sich wie:
"Was du alles über mich weißt! Du weißt echt besser über mich bescheid als ich selber! Wenn ich mal nicht mit mir klarkomme, muß ich nur dich um Rat fragen!"
All das ist mir von Rafa wohl vertraut. Ich habe deswegen die Vermutung, daß Rafa auf eine ähnliche Art gehemmt und unsicher ist wie Andras. Die Zärtlichkeiten, die ich Rafa entgegenbringe, überfordern ihn.
Es ist so wenig, was zwischen Rafa und mir geschieht, so dürftig und so wenig. Und doch ... ist es weit mehr als das, was in vielen Ehen geschieht. Ich liebe Rafa wirklich, und es gibt so viele Beziehungen, in denen keine Liebe ist. Als meine Eltern noch verheiratet waren, habe ich zwischen ihnen nie eine Spur von Verliebtheit und Begeisterung gesehen. Nie haben sie sich tief in die Augen geschaut, nie sich verstohlen gestreichelt oder leidenschaftlich geküßt. Ich wußte gar nicht, daß es so etwas wie Leidenschaft zwischen Männern und Frauen gibt.
Im Grunde ist zwischen Rafa und mir all das, was zwischen meinen Eltern nie war, und es fehlt all das, was meine Eltern hatten.
Am ersten Novemberwochenende möchte Rafa mit Dolf und Sten zu einem Festival in Belgien fahren. Aimée soll mitkommen, weil Nadine und Magda keine Zeit haben. Dem kann entnommen werden, daß die Beziehung von Rafa und Nadine in unverändertem Gleichmaß weiterbesteht.
Das zweite Novemberwochenende wird für Rafa schwierig werden. Saara berichtete, sie habe über Dolf, Sten und Aimée gehört, daß das Festival in WR. nicht stattfinden kann. Es sind andere Veranstaltungszentren im Gespräch.



Als Lessa und ich Ende Oktober ins "Elizium" kamen, begann gerade "Sundown" von den Overlords. Ich brachte mein Zeug nach oben, so schnell es ging, und tanzte. Währenddessen kam Rafa zur Galerie hinauf, wo meine Sachen lagen.
"Hier, du wolltest doch mitfahren", wandte er sich an Lessa. "Die Fahrt nach WR. fällt aus."
"Und warum?" fragte sie nach.
"Dolf hatte das organisiert", erzählte Rafa, "und das gab da wohl Streß mit den Veranstaltern. Ich weiß auch noch nicht genau, was da abgelaufen ist. Jedenfalls tut es mir leid, und ich wollte dir das nochmal persönlich mitteilen."
"Ach, so - persönlich."
Nadine stand hinter Rafa. Als sie Lessa sah, grüßte sie:
"Hallo."
"Hi", grüßte Lessa ebenfalls.
Lessa hatte den Eindruck, daß Rafa und Nadine heute recht gut miteinander auskamen. Vielleicht riß Rafa sich zusammen.
Ich gab Luie eine Platte mit besonders hartem Techno, "99.9" von Koenig Cylinders. Zu dem Stück tanzte ich fast allein. Lessa beobachtete, wie Rafa sich vor der Bar aufstellte und mir aufmerksam zusah. Als Nadine an ihm vorbeigehen wollte, schob er sie wieder an ihren Platz, und sie blieb brav hinter ihm stehen.
Alles redete davon, wie schick Rafa heute sein sollte, nur ich hatte ihn noch gar nicht entdeckt. Er begegnete mir schließlich oben auf der Galerie, vor dem Tisch, wo ich meine Sachen hatte. Er hatte sich sauber rasiert, auch über den Ohren, war geschminkt und gepudert und trug Kajalstriche. Seine Ohrringe waren Eiserne Kreuze. Die Haare standen himmelhoch, bis auf die toupierte Ponysträhne, die ins Gesicht fiel. Rafa trug ein weißes Hemd mit Kravatte und eine rot schimmernde Satinbinde um die Taille. Dazu hatte er eine weite schwarze Hose an, spitze Stiefel und den langen schwarzen Uniformmantel.
"Für wen oder was macht er sich so schön?" fragte ich mich.
Rafa schwatzte angeregt mit Dorgath. Es war fast nur Rafa zu hören, weil er so viel und laut redete. Rafa hielt einen Vortrag über Musik. Er gab kund, daß er von Rammstein, Grunge, "Gitarrengeschrammel" und "komischen hohen Stimmen" nichts hält. Ich stand neben Damian, mit dem Rücken zu Rafa, und lauschte. Ich mag die Musik auch nicht, über die Rafa lästerte.
Nach einer Weile ging Rafa zum DJ-Pult, wahrscheinlich um sich ein Stück zu wünschen. Dann setzte er sich neben ein Mädchen auf die Treppe. Das Mädchen trug strähnige, offene Haare, einen schlottrigen Baumwollpullover und eine dunkle Hose. Ich vermutete daher, daß es Nadine war. Rafa sprach ein wenig mit dem Mädchen und ging dann allein zur Theke.
Das Stück, zu dem Rafa in dieser Nacht tanzte, war ein Synthi-Pop-Stück. Dieses Mal war ich die Zuschauerin. Ich fand Rafa zum Anbeißen süß, und ich dachte mir:
"Eigentlich gehört es verboten, daß er so herumlaufen darf, denn er reizt mich damit zu Übergriffen."
Rafa kam noch einmal zur Galerie hinauf, als ich dort gerade war. Er brachte das Mädchen von der Treppe mit. Die beiden stellten sich etwas abseits von mir an eine Wand.
"Ist das Mädchen das Brauereipferd?" fragte ich Clarice.
Sie spähte hinüber und gab Auskunft:
"Das ist das Brauereipferd."
"Rafa ist keine halbe Stunde mehr hier", sagte ich voraus.
"Er hat sich aber noch nicht mit Nadine gestritten", gab Clarice zu bedenken.
"Das macht der nachher im Auto", vermutete ich.
Rafa und Nadine gingen kurz nach meiner Vorhersage wieder an die Bar. Luie spielte Industrial, darunter "Launch my Olive" von De Fabriek und "Atmosphere vs. CH4" von Winterkälte. Während ich tanzte, unterhielt sich Clarice kurz mit Rafa. Zuerst hatte er sich gar nicht an sie herangewagt. Er war einen Schritt zurückgetreten, als sie an ihm vorbeiging. Dann schickte er Hoffi vor; der mußte Clarice ansprechen, und währenddessen pirschte Rafa sich langsam auf sie zu und machte große Telleraugen. Sie lobte seine Frisur.
"Ja, gefällt's dir?" fragte Rafa schüchtern.
Er hatte wohl nicht erwartet, daß Clarice mit ihm ganz harmlos über Frisuren plauderte.
"Wir sehen uns ja", sagte Rafa zum Ende des Gesprächs.
Bald darauf verließ er mit Nadine das "Elizium".
Wenn Rafa nicht mit mir sprechen darf und auch nicht DJ ist, hält er sich gewöhnlich nicht länger als zwei Stunden mit mir im selben Tanzsaal auf. Daß er länger als zwei Stunden mit mir in den "Katakomben" war, dürfte daran gelegen haben, daß er Kontakt zu mir aufnahm.
Toro äußerte seine Verachtung für Rafa. Früher sei das noch ein Mensch gewesen, mit dem man sich hätte unterhalten können. Er und Sasch hätten viel mit Rafa unternommen.
"Heute ist Rafa nur noch lächerlich", meinte Toro. "Von den Leuten hier im 'Elizium', die den noch von früher kennen, will den keiner mehr sehen. Trotzdem steht er da wie der Tollste und sagt allen 'Hallo' ... ich sage dir, der merkt das nicht, daß ihn keiner abkann."
Ich beschrieb meine Hypothese:
"Rafa sorgt mit Absicht dafür, daß ihn die Leute nicht mögen."
"Und wozu das?"
"Er kann sich selbst nicht leiden. Er hat einen ausgeprägten Selbsthaß. Und er braucht von anderen die Bestätigung dafür, daß er wirklich mies ist. Sonst stimmt sein Weltbild nicht, und das löst Ängste aus und verunsichert ihn."
"So habe ich das noch gar nicht gesehen", meinte Toro nachdenklich.
Der Auftritt, den Rafa Ende November im "Untergang" haben wird, ist Teil einer NDW-Party unter dem Motto "99 Luftballons". Rafa ist der DJ. Wer mit einem aufgeblasenen Luftballon erscheint, bekommt Rafas neues Album "Tanzpalast 2000" geschenkt. In einem Stadtmagazin wird diese Party eher empfohlen, in einem anderen wird davon abgeraten. Dort ist die Rede von einem "Fegefeuer der Scheußlichkeiten". Ich will nicht zu dieser Party gehen, aber Lessa, Clarice, Saara oder Aimée tun es vielleicht.
Ende Oktober sah Lessa abends den Sockenschuß auf dem Fahrrad an meiner Haustür vorbeifahren. Der Sockenschuß trug am Rücken rot blinkende Anstecker. Vielleicht will er bei aller Schwärze noch irgendwo leuchten.
Allerheiligen sind wir abends zu zwölft über den Friedhof spaziert und haben die Grablichte angeschaut. Susas Kinder hatten sich Gruselmasken aufgesetzt. Wir haben Gruppenfotos gemacht. Susas Tochter war begeistert von Clarices und Damians Verliebtheit. Sie hat mit ihren zehn Jahren auch schon einen Freund und findet den sehr hübsch.
Der Bericht der Telekom über die Fangschaltung enthielt nicht alle markierten Anrufe, dafür einige Artefakte. Unterm Strich liefert er den Beweis dafür, daß jener gewisse Jens Borrmann am 03.09. nachts um 01.16 von einer Telefonzelle in SHG. bei mir anrief, die sich in einer Straße unweit des Hauses von Rafas Familie befindet. Jetzt soll mir einer sagen, wer das in Wirklichkeit war, wenn es nicht Rafa und Anwar waren, die sich nach ihrem allmontäglichen Besäufnis einen Scherz erlauben wollten. Wer in SHG. soll meine Nummer kennen, wenn nicht Rafa, und wer soll Anwar von Carl erzählt haben, wenn nicht Rafa?
Die beiden müssen lange über mich geredet haben, ehe Anwar genug über mich wußte und genügend angestachelt war, um das Gespräch führen zu können.
Saara hat Pläne, wie sie Rafa mit seiner Telefoniererei aufziehen kann. Aimée brennt darauf, mit ihm ein weiteres Mal über die nächtlichen Telefonate zu sprechen. Er wird sich jetzt nicht mehr so einfach herausreden können.
Allerseelen war ich im "Elizium". Xentrix ist von Rafas neuer CD so begeistert, daß er gleich drei Stücke davon spielte. Das erste war ein Stück, in dem Bill Gates ein eindeutiges Angebot gemacht wird. Rafa läßt Zinnia singen:
"Bill Gates, komm f... mit mir."
Xentrix erklärte, Bill Gates sei ein Elektronik-Multi und habe ein solches Stück durchaus verdient.
Das zweite Stück war das Cover von den "Moorsoldaten". Rafa trägt es hymnisch vor und singt den Refrain mit Zinnia im Duett. Untermalt ist das Stück von Military-Drums und orchestralen Klängen.
In dem dritten Stück, dem tragisch getönten "Das muß Liebe sein", verwendet Rafa den Anfangssound von "Ganz in Weiß", und das Lied ist auch ebenso gefühlvoll-romantisch. Claras Freund Gvendal war entzückt, und als ich ihm sagte, von wem das Lied stammt, wunderte er sich sehr. Das hatte er Rafa nicht zugetraut.
Das Album ist ein Konzeptalbum, wie es Rafa im Frühjahr angekündigt hat. Es soll wie eine Radiosendung aufgebaut sein. Dementsprechend wird "Das muß Liebe sein" von einer Suchmeldung unterbrochen, in der Ace nach einer "sechsjährigen Marie-Sophie" fahndet, die "ein weißes Kleidchen mit rosa Schleifchen" anhaben soll.
Gabrielle erzählte, daß Xentrix sich Kinder wünscht. Er hat ein Händchen für Kinder, weil er so lieb und verspielt ist und sich selbst wie ein großes Kind benimmt. Das ist mir auch von Rafa vertraut. Gvendal findet es süß, daß Rafa so kindlich ist.
"Ich finde das auch süß", meinte ich, "ich liebe das sogar an ihm. Aber leider ist Rafa auch insofern kindlich, als er Verantwortung ablehnt und mit den Frauen nur herumspielt wie mit Gegenständen."
Gvendal glaubt, daß Rafa nicht für immer in seiner heilen Scheinwelt leben kann und unweigerlich eines Tages mit seinem Erwachsenendasein konfrontiert wird. Gvendal kann sich aber nicht vorstellen, wie genau der Zusammenbruch der kindlichen Scheinwelt vonstatten gehen könnte.
Auch Gabrielle und Xentrix erfuhren von mir, daß Rafa mit hoher Wahrscheinlichkeit der Telefonübeltäter ist. Es ist gut, wenn sich das schnell herumspricht. Dann wird Rafa hoffentlich irgendwann an die Wand gedrängt und muß gestehen.
Beatrice ist nun, nachdem ihr langjähriger Freund Andras zu Lessa übergewechselt ist, verlobt mit einem DJ aus dem Ruhrgebiet, der sie im "Fall" gesehen und sich in sie verliebt hat. Der DJ heißt Miles, und Beatrice will nach der Hochzeit zu ihm ziehen. Sie kennen sich erst wenige Wochen, haben sich jedoch schon für die Ehe entschieden.
Beatrice war mit Miles im "Elizium". Beide hatten sich viele dünne Kunstzöpfchen anflechten lassen und waren aufregend in Lack gekleidet.
Wolven, der sich als Heide versteht, erzählte, daß er zu Allerheiligen Samhain feiert, eine "Nacht der Toten". Viele christlichen Feiertage liegen zeitgleich mit heidnischen Feiertagen, was in der Christianisierung seinen Ursprung hat. Es ging darum, den Jahresrhythmus der "Bekehrten" nicht zu sehr durcheinanderzubringen, um für die christlichen Feste eine höhere Akzeptanz zu erreichen und durch die christlichen Feste die heidnischen zu verdrängen.
Hennike und Hermine Wilson, die beiden Schwestern, haben sich zerstritten. In der Familie scheint es schon lange schwere Konflikte zu geben. Hennikes derzeitiger Freund Gilles soll auf Hermine losgegangen sein. Das soll Hennike und Gilles im "Elizium" viel Unmut eingetragen haben.
Als ich heimging, schenkte Xentrix mir die Promo-CD von Rafa. Wenn ich das Textheft habe, das bei der Promo leider fehlt, kann ich die Lyrics besser beurteilen. Rafa singt zwar inzwischen häufiger, als daß er schreit oder seine Stimme verzerrt, aber man kann dennoch nicht alles verstehen.
Rafa hat sich musikalisch durchaus weiterentwickelt, wenn man auch immer noch die alten, NDW-lastig-kindlichen Harmonien heraushört. Es gibt nach wie vor leichte Liebeslyrik, außerdem Texte, in denen durchs All geflogen wird und in denen Rafa virtuellen Sex hat oder irgendwen bittet, mit ihm in seine Welt zu fliehen. Die Obszönitäten halten sich in Grenzen und wirken insgesamt eher wie Junggesellenscherze. Auffällig war für mich ein Stück, das vom Telefonieren handelt. Rafa singt davon, "deine Stimme" ganz nah bei sich zu hören; alles andere auf der Welt sei dann ausgeschaltet. Ich frage mich unwillkürlich, wie das mit Rafas nächtlichen Telefonattacken im Zusammenhang steht. Auffällig waren auch Samples aus der Wirtschaftswunderrolle "Rendezvous unterm Nierentisch". Es kann sein, daß Rafa sich dieses Video von mir ausgeliehen hat.

In einem Traum kam ein Gangster in einen Hausflur und wollte meine Sachen rauben. Er riß mir meine Taschen aus den Händen. Ich riß mir die Taschen wieder her und floh durch einen Hinterhof.
"Hilfe!" rief ich laut und rannte in den nächsten Laden.
Dort begegnete mir ein Retter, der mich beschützte. Zuerst war er eifersüchtig, weil er dachte, ich hätte etwas mit dem Gangster. Dann aber setzte er den Gangster außer Gefecht.

Das erinnert mich an Rafa, der mich damals vor dem Sockenschuß gerettet hat. Zuerst war Rafa auch eifersüchtig, weil er dachte, ich hätte etwas mit dem Sockenschuß.

In einem anderem Traum fuhr ein schwarzer Zug an mir vorbei, obwohl ich auf dem Bahnsteig stand. Ich lief dem Zug nach in einen gewaltigen Schacht, einen Erdtunnel.
"Halt!" rief ich. "Ich habe doch gewartet!"
Da hielt der Zug, und der Lokführer stieg aus. Ich fragte diesen, ob ich mir noch schnell etwas Vernünftiges anziehen könnte; ich war nämlich im Nachthemd. Der Lokführer versprach, zu warten. Ich zog mich an und packte mehrere Taschen für die Reise. Dann ging ich wieder in den Schacht hinunter und stieg in den Zug.

Träume, die von Zügen handeln, habe ich meistens dann, wenn Prüfungen bevorstehen. Die Träume teilen mir mit, ob es ein günstiger Zeitpunkt für die Prüfung ist. Dieser Traum sagt mir, daß ich jetzt die Abschlußprüfung schaffen kann, obwohl ich erst sehr spät mit der Vorbereitung angefangen habe. Es geht mir fast immer so, daß ich mich Wochen und Monate mit dem Gefühl quäle, meinen Leistungsanforderungen nicht gerecht werden zu können. Dadurch blockiere ich mich selbst. Ich bin wie gelähmt und kann nicht lernen. Erst dann, wenn die Prüfung ganz nahe ist, überwiegt der Zeitdruck, und ich hetze mich durch den Lernstoff.
Aimée hat inzwischen mit Sten über die Fangschaltung geredet. Sie sprach davon, daß man nachts billiger telefonieren könne, "wie Rafa mit Hetty". Sten grinste. Aimée meinte, da hätte man doch am 03.09. um 1.16 in SHG. von einer Telefonzelle aus bei Hetty angerufen und irgendwelche Anwars nach irgendwelchen "Nachtlicht"-DJ's fragen lassen und nach irgendwelchen Mitbewohnern, die schon längst ausgezogen seien.
"Woher weißt du das denn?" fragte Sten und grinste über das ganze Gesicht, als würde er die Hintergründe schon aus erster Hand kennen.
"Hat Hetty mir erzählt", erwiderte Aimée.
"Und woher weiß die das?"
"Tja."
"Hat die eine Fangschaltung?"
"Tja ..."
Übrigens soll Rafa des öfteren nachts bei Daphne angerufen haben, als er noch Kontakt zu ihr hatte.
"Mensch, ich hab' so viele Freunde, auch weibliche", hat Rafa mir in einem Telefongespräch im Dezember vor zwei Jahren erzählt. "Mit denen telefoniere ich die Nächte durch ..."
Daphne war wohl eine der "vielen Freunde, auch weibliche ".
Aimée berichtete, daß Rafa am Samstag nach Allerseelen in BN. auftrat und nur mit Dolf und Sten hinfuhr, ohne Nadine.

In einem Traum las ich in den Lehrbüchern für die Prüfungsvorbereitung. Zwischendurch teilte mir Clara oder Saara am Telefon mit:
"Schlechte Nachricht. Rafa ist tot."
Er sei ganz plötzlich gestorben, ohne vorherige Krankheit, und aus einer guten, hoffnungsvollen Stimmung heraus. Also hatte er wenigstens nicht gelitten, bevor er starb.
Meine Umwelt konnte mir nicht ansehen, was ich empfand. Ich nahm die Todesnachricht mit unterkühltem Zynismus auf. Wein- und Wutanfälle hätten nichts geändert an der Tatsache, daß mein Leben zerstört war, ohne erst begonnen zu haben. Ich hatte nichts mehr, auf das ich hinleben konnte, kein Ziel, keine Mitte mehr. Mein Leben war sinn- und inhaltslos geworden, weil die Aufgabe fehlte, um derentwillen ich auf der Welt war.
Ich wollte Rafa nachfolgen, aber ich hatte einen Widerwillen gegen den Tod. Es gab kein Leben und kein Sterben für mich. Ich blieb gelassen, weil die Lage ohnehin ausweglos war. Meine Verzweiflung konnte mir keiner glauben.
"So lange kennen Rafa und ich uns schon", dachte ich, "und so wenig Zeit haben wir miteinander verbracht, so selten Zärtlichkeiten ausgetauscht, und das nur, weil er mich nicht an sich herangelassen hat."
Ich hatte ihm so viel schenken wollen, so gut für ihn sorgen wollen, und jetzt war alles vorbei.
Ich traute mich gar nicht, zur Beerdigung zu gehen, weil ich zu Rafa offiziell in keinem Verhältnis stand. Man hätte sich nur gewundert.
Schließlich fing ich an, mir Vorwürfe zu machen. Ich fragte mich, ob ich Rafa nicht doch hätte helfen können. Vergeblich suchte ich nach einem Ausweg. Am Ende kam der Ausweg von selbst zu mir: ich wachte auf.

Jetzt, als ich erkannte, daß ich nur geträumt hatte, weinte ich und konnte es kaum fassen, daß Rafa lebt. Es war mir, als würde mein Leben neu beginnen.
Es gibt nichts, was mir helfen könnte, wenn Rafa tot wäre. Ich kann mir nur helfen, indem ich verhindere, daß er stirbt.
Clara hatte mir in den Tagen vor dem Traum wirklich eine Todesnachricht überbracht. Ihr Vater war unerwartet gestorben. Er soll in ein Urnengrab kommen. Als ich das hörte, fiel mir ein, daß ich wenige Stunden zuvor von einer Beerdigung in einem Urnengrab geträumt hatte.
Claras Vater hat zeitlebens Raubbau an seiner Gesundheit betrieben. Sein Tod war letztlich darauf zurückzuführen, daß er ein absterbendes Bein viel zu spät hatte amputieren lassen. Es kam zur Sepsis, die ihn rasch tötete.
Aimée hat berichtet, daß Rafa Mitte November mit Sten, Dolf und Magda zu einem Auftritt gefahren ist. Nadine hat er schon wieder nicht mitgenommen.

In einem Traum klingelte es nachts gegen halb eins an der Wohnungstür. Ich öffnete. Rafa besuchte mich, und er war allein. Ich nahm ihn mit in mein Zimmer und unterhielt mich kurz mit ihm. Dann bremste ich die aufkommende Vertrautheit:
"So, jetzt muß ich erstmal herausfinden, ob du hierbleiben darfst. Bist du solo?"
"Eh - nein."
"Dann mußt du jetzt gehen", sagte ich freundlich, aber bestimmt.
Ich legte den Arm um Rafa und brachte ihn zur Tür. Er ließ sich schweigend und ohne Widerstand führen. Das erinnerte mich an die hoffnungslose Schicksalsergebenheit eines zum Tode Verurteilten.
"Ich liebe dich", sagte ich langsam und ruhig, "und deshalb darfst du keinen Kontakt zu mir aufnehmen, wenn du nicht solo bist. Am 30. hast du ja deinen Auftritt. Ich würde gerne hingehen, aber ich kann es nicht, weil du nicht solo bist."
Ich öffnete die Tür und streichelte Rafas Schulter.
"Ich liebe dich", wiederholte ich, "aber du kannst hier jetzt nicht bleiben."
Ich schob Rafa ins Treppenhaus und schloß die Tür.

Rafa tat mir so leid, so unendlich leid. Ich will aber nicht vergessen, daß er sich alles, was ich ihm antue, selbst zuzuschreiben hat. Ich kann ihm sein Verhalten nicht ohne Folgen durchgehen lassen.
Die Träume von den Zügen, die ich gerade noch erwischte, haben mir recht geraten. Es war der richtige Zeitpunkt für meine Abschlußprüfung, den Dritten Teil. Ich schaffte eine Eins, und das lag vor allem an meinem Wahlfach Psychiatrie. In diesem Fach konnte ich mit wenig Anstrengung glänzen, weil ich mich in meinem Alltagsleben so viel mit der Materie beschäftige.
Durch diese letzte Prüfung bringe ich es auf einen Studienabschluß mit der Note zwei. Das war mein Ziel, mehr hätte ich nicht geschafft. Nur in mündlichen Prüfungen komme ich auf Einser, weil ich nicht genügend Stoff auswendig lernen kann, um in den schriftlichen "Multiple Choice"-Prüfungen Einser zu erreichen.
Wie sagte noch Lana:
"Du verstehst es, das Wenige, das du weißt, so zu verpacken, daß die Leute glauben, du hast wirklich Ahnung."
In meiner Grundschulzeit habe ich mich schon sehr bildhaft mit dem Gedanken auseinandergesetzt, Medizin zu studieren und den Schwerpunkt auf Psychiatrie zu legen. Allerdings konnte ich damals nicht zu diesen Wünschen stehen und auch nicht über sie reden. Wie sollte das auch aussehen, daß ein Mensch, der erst sechs Jahre alt ist, sich um erwachsene Leute kümmert und sie vor der Selbstvernichtung bewahrt?
Aimée sorgt in ihrem Bekanntenkreis für reichlich Unordnung. Als es ihr nicht gelang, Saara gegen deren Freundin Tonia aufzuhetzen, hetzte sie Tonia gegen Saara auf. Lessa und Saara wurden von Aimée gegen mich aufgehetzt, was bei Lessa mehr Erfolg hatte als bei Saara. Alsdann hetzte Aimée Lessa und mich gegen Saara auf. Lessa nahm das bereitwillig an. Ich bedauerte:
"Was die Leute über mich erzählen, ist mir gleich, denn reden tun wir alle. Entscheidend sind für mich nur die Schlüsselsituationen, die ich mit einem Menschen erlebe. Entscheidend ist für mich, ob mir jemand hilft, wenn ich in Not bin, oder wenn mich jemand gegen Angreifer verteidigt."
Rafa kann ruhig über mich lästern; dies zeigt mir, daß ich in seinen Gedanken bin. Er hat für mich schon vieles getan, was auf Zuneigung hindeutet.
Saara verhält sich auch nicht wie jemand, der mich nicht leiden kann. Sie wirkt sehr anhänglich. Aimée hingegen wirkt auf mich heuchlerisch. Sie scheint sich bei allen beliebt machen zu wollen und alle gegeneinander auszuspielen. Ihre Haltung beschreibt sie so:
"Für mich zählen Ehrlichkeit, Offenheit und Vertrauen."
Über das, was Aimée treibt, habe ich bislang weder mit ihr noch mit Lessa gesprochen. Lessa soll selbst ihre Erfahrungen mit Aimée machen, weil sie mir ohnehin nicht glauben würde. Und was Aimée betrifft, so genügt es mir, wenn ich es schaffe, einen ausreichenden Sicherheitsabstand einzuhalten.
Saara und Aimée berichteten unabhängig voneinander, daß Rafa sich Ende Oktober von Nadine getrennt habe, nur um bei einem Auftritt in K. mit einer fanatischen Verehrerin zusammenzukommen. Diese neue Freundin soll in K. leben und Rafa zu allen Konzerten hinterherreisen. Sie soll Ende zwanzig sein und lange, schwarze, durchgestufte Haare haben. Für sie soll Rafa "die große Liebe" sein. Ihm soll sie eher gleichgültig sein. Wahrscheinlich wird die Freundin auch zu dem Konzert kommen, das Rafa Ende November im "Untergang" gibt.
Rafas Album ist jetzt erschienen. Es liegt ein Aufkleber bei, der das aufrecht gestellte "S" der "Sachsenring"-Automobilwerke zeigt. Dieses aufrecht gestellte "S" gleicht einer Welle. Es symbolisiert ebenso Rafas Identifikation mit einem Radiosender wie seine Begeisterung für den Trabant-DDR-Stil. Im Coverbooklet gibt es zwei Fotos von Rafa zu sehen, sogar eines ohne Sonnenbrille, auf dem er schelmisch um die Ecke guckt, zwischen seinen langen Ponysträhnen hindurch. Rafa sieht lockerer, lebendiger und weniger künstlich aus als auf seinen bisherigen Coverfotos.
Zinnia ist jetzt aufgeführt als festes Bandmitglied; allerdings ist sie nicht abgebildet. Statt ihrer sieht man ein schlankeres, dekorativeres Mädchen, von dem ich gehört habe, es sei die Freundin von Ivco. Das Mädchen ist gekleidet im Stil der Fünfziger. Es hat die Haare aufgesteckt und trägt ein Corsagenkleid mit einem kurzen, weiten Rock und dazu lange Handschuhe.
Auf der CD und im Textheftchen mischen sich wieder einmal Zukunftsvisionen mit 50er-Jahre-Design. Vergangenheit und Zukunft sind großartig, nur von der Gegenwart hält Rafa nicht viel. Weit weg möchte er, möglichst zu anderen Planeten, offenbar, weil er im Hier und Jetzt nicht zurechtkommt ("Irgendwo in einer anderen Welt wird irgendwer uns doch verstehen").
Saara erzählte, Rafa habe einmal mit Lara sehr gestritten, weil diese die "Star Trek"-Serie nicht mag.
"Das handelt von der Zukunft, und die Zukunft ist das einzig Wichtige!" soll Rafa sich erhitzt haben. "Die Zukunft ist viel wichtiger als die Gegenwart!"
Rafa fügt in seinem Textheft allen anderssprachigen Wörtern, wie etwa "live", die Übersetzung hinzu. Das wirkt auf mich unpassend, wenn nicht lächerlich.
Der Titel des Liedes "Schweben, Fliegen und Fallen" läßt mich denken an das Wort "Fliegenfallen". Das Bild einer Venus-Fliegenfalle, die gerade eine Fliege verspeist, diente Rafa früher als Bandlogo. Er betonte, daß auch die Venusfalle ein Lebewesen sei und sich ernähren müsse. Den Fliegen fühlt Rafa sich nahe; er pflegte seine Bilder mit einer Fliege zu unterzeichnen, dem Symbol für ihn selbst.
Ein Mann, der in einer Venusfalle zugrundegeht, ist auf sie "hereingefallen". Dementsprechend schreibt Rafa in seinem Text:
"Sagst du zu mir: 'Ich liebe dich!'
Doch diesem Frieden traue ich nicht."
Er und seine Angebetete "fliegen hoch ... doch fallen tief!"
An einer Stelle hat Rafa ganz ordentlich gemogelt. Er, der ungezogene Junge, singt:
"Die Illusion ist fast perfekt,
wenn mein pralles Ding nun in dir steckt."
Im Textheftchen steht aber:
"Die Illusion ist fast perfekt.
Was so alles im Computer steckt!"
Es muß kindersicher sein. Vielleicht ist es Rafa aber auch einfach nur peinlich, Obszönitäten schwarz auf weiß ins Textheft zu schreiben.
"Bill Gates komm f... mit mir", ist dort zu lesen.
Rafa mystifiziert außerdem ein altes Telefon, das Modell W-48, welches zwei Seelen miteinander verbindet:
"Empfangsbereit! Deine Nummer ist programmiert.
Ich wähle sie an! Ein Satellit wird anvisiert.
All mein Gefühl dringt jetzt durch das All zu dir.
So wunderbar! Deine Stimme ganz nah bei mir.
Für Dich und mich ist die Verbindung hergestellt.
Durch das Telephon erobern wir die ganze Welt.
Ich sehe dich nicht, nur die Stimme dringt in mein Ohr,
ganz körperlos, und den Rest stelle ich mir vor.
Ich höre Dich! Und alles andere verschwindet um mich.
Ich spreche zu Dir! Und Du bist ganz nah bei mir."
Wenn das Stück je auf mich gemünzt sein sollte, würde Rafa das keinesfalls zugeben.
In dem Stück "Flucht in meine Welt" bittet Rafa irgendwen darum, gemeinsam mit ihm vor der Wirklichkeit zu fliehen.
"Ich bin allein auf dieser Welt", klagt Rafa, "niemand ist da, der zu mir steht. Niemand begreift, was wirklich zählt. Komm', gehe mit mir auf diesem Weg!"
Allerdings gibt es auch Leute, die die Flucht vereiteln wollen.
"Ich glaube, SIE holen uns!" ahnt Rafa.
Es folgt ein Dialog, der hörspielhaft in Szene gesetzt wurde. Zwei Ärzte, "A1" und "A2", unterhalten sich über zwei Wahnsinnige. "A1" wird von einer Frau gesprochen, vielleicht Zinnia; "A2" übernimmt ein gewisser "Dr. med. Joh". Rafa könnte sich den Dialog selbst ausgedacht haben, weil er die Sprecher eingeteilt hat. Der Dialog läuft folgendermaßen ab:

A1: "Schnallt sie beide auf den Bahren fest!"
A2: "EEG beider Personen anormal. Passen Sie auf, sie könnten gefährlich sein!"
A1: "Beruhigungsmittel aufziehen, schnell! 10 ml Deacepharm. So halten Sie ihn doch fest!"
A2: "Sicherheitspersonal bitte sofort auf Station 6!"
A1: "Da, er hat sich losgerissen, er will fliehen! Los, hinterher!"

Rafa setzt sich hier mit Medizin auseinander, insbesondere mit der Psychiatrie, und wesentlich ist für ihn das Thema des Weglaufen-Wollens und Eingefangen-Werdens.
In Wirklichkeit sagt man in der Psychiatrie nicht "festschnallen", somdern "fixieren", und man fixiert auch nicht auf "Bahren", sondern auf Betten. Bahren gibt es nur für Tote. Für den Krankentransport verwendet man Tragen. Auf einer Trage werden Patienten nur fixiert, wenn sich die Notwendigkeit ergibt, bevor sie im Krankenhaus angekommen sind.
Das EEG wird nicht verwendet, um den augenblicklichen seelischen Zustand eines Menschen zu überwachen. Es gehört zur Anfalls- und Herddiagnostik.
Das Wort "anormal" gibt es nicht; es gibt nur "anomal" oder "abnorm". Ein Medikament namens "Deacepharm" gibt es gleichfalls nicht; es gibt aber Diazepam. Vielleicht hat Rafa den Medikamentennamen absichtlich verändert, um einen Verfremdungseffekt zu erreichen.
Übrigens gibt man Diazepam in i.v.-Dosierungen von 5 mg oder 10 mg, und die machen keine 10 ml aus, sondern wesentlich weniger, damit sie handhabbar sind.
In der hiesigen Psychiatrie gibt es kein Sicherheitspersonal. Wenn Patienten aggressiv sind, löst man Alarm aus, und die Kollegen anderer Stationen kommen dem Personal zur Hilfe. Im schlimmsten Fall bittet man die Polizei um Amtshilfe, was nur sehr selten vorkommt.
Wenn ein Patient sich aus der Fixierung befreit, heißt das noch lange nicht, daß er von der Station flüchten kann. In der Regel wird auf geschlossenen Stationen fixiert. Man sagt gewöhnlich auch nicht "fliehen", sondern "abhauen". Und der Ruf "Los, hinterher!" ist nicht erforderlich, da es selbstverständlich ist. In der Arbeitswelt kommt man mit wesentlich weniger Worten aus, als Arztserien glauben machen. Es gibt hausinterne Formeln, wie sie auch in anderen Berufszweigen verwendet werden, um den Arbeitsablauf pragmatischer zu gestalten.
Da hätte ich Rafa noch Tips geben können ...
Was mir übrigens noch einfällt, ist, daß ich Rafa von meinem PJ-Block auf Station 6 erzählt habe. Ich glaube allerdings nicht, daß Rafa sich daran noch erinnert.
Es gibt im Booklet mehrere Liedtexte, die Weltuntergang, Tod, Schmerz, Qual und Abschied zum Thema haben, und immer wieder ist auch von einer einzigen, wahren Liebe die Rede. Diese Liebe ist aber gerade das, was Rafa ablehnt.
In der Liste "Dank und Gruß" hat Rafa mich auch dieses Mal nicht aufgeführt; stattdessen grüßt er seine frisch getrennte Freundin Nadine Tressner, die er hier als "Nadine Stressner" bezeichnet, vielleicht weil er mit ihr soviel Streit hatte. Und noch vor ihr grüßt Rafa seine neue Freundin aus K., "Manon M". Wenigstens hat Rafa darauf verzichtet, die Sängerin Tessa zu grüßen. Das hätte mir auch noch gefehlt.
Ein Bekenntnis zu mir käme für Rafa wahrscheinlich einem seelischen Offenbarungseid gleich.
Schweben, fliegen und fallen ... was Rafa nicht kann, ist, sich wirklich einmal fallenzulassen. Er will immer die vollständige Kontrolle über sich behalten.
Die Musik, die er macht, wirkt gleichfalls recht kontrolliert. Einfach dahinfließende Klänge, Stimmungen, die sich selbst erklären, das gibt es bei Rafa nicht. In seiner Musik kann man nicht versinken. Sie ist zu plakativ, zu fassadenhaft. Sie untermalt die Lyrik, darf aber nicht selbst entfesselt sein, nicht einfach nur sein. In der Musik will Rafa Gefühle vermitteln, aber ohne sich zu zeigen.
Nach Rafas Konzert im "Untergang" kamen Lessa und Aimée spätnachts in "Elizium". Aimée berichtete von dem Konzert kaum etwas. Lessa wollte mir gar nichts davon erzählen. Ich hatte den Verdacht, daß sie sich mittlerweile für Rafa interessiert. Inzwischen habe ich Lessa hinausgeworfen, weil sie kein Geld mehr für die Miete hat. Sie kann bei Andras kostenlos wohnen. Solange sie mit Simon zusammen war, arbeitete sie als Verkäuferin in einer Boutique und verdiente genügend Geld zum Leben. Kaum war sie von ihm getrennt, warf sie den Job hin und gab alles Geld aus, das sie noch hatte. Anspruch auf Arbeitslosengeld hat sie in dem Dreivierteljahr als Verkäuferin nicht erwerben können. Alle Möglichkeiten, wieder einen Job anzunehmen oder eine Ausbildung zu machen, ließ sie ungenutzt. Nun beantragt sie Sozialhilfe.
Lessa hat erzählt, daß sie schon in der Schulzeit keine Lust hatte und kaum etwas tat. Viele ihrer Freundinnen habe sie nur deshalb vergrault, weil sie sie attraktiv fand und als Konkurrentinnen erlebte. Sie scheint sich damit ziemlich einsam gemacht zu haben. Im "Elizium" ist sie zwar Stammgast, doch kaum einer kennt sie. Als sie kurz vor ihrem zwanzigsten Geburtstag frühere Freundinnen anrief, erlebte ich mit, wie eine nach der anderen sie abwimmelte und mit ihr nichts zu tun haben wollte. Als ich mit Lessa durch die Stadt ging und wir auf einer Rolltreppe ein Mädchen sahen, das sie von früher kannte, wollte Lessa winken, doch das Mädchen tat so, als hätte es sie nicht gesehen.
"Wie übel muß sie ihren Freundinnen mitgespielt haben", denke ich im Nachhinein.
Bei Andras geht es beengt zu. Beatrice lebt noch dort, bis sie zu Miles zieht. Lessa ist seit Jahren mit Beatrice befreundet. Im Sommer machte sie sich an Beatrices Freund Andras heran, mit Erfolg. Das Verhältnis zwischen Beatrice und Lessa hat sich entspannt, als Beatrice mit Miles zusammenkam.
Im "Elizium" traf ich auch Dana, ein Mädchen mit meterlangen dunklen Haaren. Sie stammt aus Jugoslawien, und dort wird auf dem Lande der Wert eines Mädchens noch danach bemessen, ob sie Jungfrau ist. Wohl aus Protest sorgte Dana dafür, daß sie schon mit zwölf Jahren keine Jungfrau mehr war. Sie ist nicht mehr "versiegelt" und hat das Gefühl, ihren Geist dadurch befreit zu haben.
Hierzulande gilt Jungfräulichkeit als Makel, um dessen Beseitigung sich jedes Mädchen kurz nach der Pubertät zu kümmern hat. Hier wie dort kann eine Frau nicht unbehelligt selbst über ihr Liebesleben entscheiden. Die Gesellschaft kontrolliert die Privatsphäre des einzelnen.
Im Vorraum zur Damentoilette sprach mich ein fremdes Mädchen an. Es wollte wissen, wo ich meine Schuhe herhätte. Es sei erst seit Kurzem in der Szene und wolle sich so verrückt wie möglich zurechtmachen. Die schwarze Tracht bringt das Mädchen in Konflikt mit seinen behütenden Eltern und führt deshalb zu einer wohl nicht unerwünschten Abgrenzung.
Neunzehn Jahre ist das Mädchen alt, und es wohnt in SHG. Es hat schon den einen oder anderen Freund gehabt, doch zur Zeit hat es "von den Männern die Schnauze voll".
"Allerdings gibt es da einen", erzählte es, "ich weiß nicht, ob du den kennst - Rafa Devlin oder so ähnlich ..."
"Rafa Dawyne heißt der", berichtigte ich und nickte. "Ja, den kenne ich."
"Also, den finde ich irgendwie unheimlich faszinierend ... aber nicht, weil der Musiker ist oder so; das ist es nicht."
"Nein, das hat damit auch nichts zu tun. Die Ausstrahlung ist es, das Auftreten, die Persönlichkeit."
"Ja, genau. Der hat sowas Fesselndes an sich. Erst sagt er, er will nichts von sich erzählen, und dann redet und redet er."
"Das stimmt, der redet wie ein Buch. Hat er dich schon zum Kaffee eingeladen? Das macht er nämlich gerne."
"Nein, das hat er noch nicht. So viel haben wir noch nicht miteinander zu tun gehabt. Trotzdem, schon beim ersten Sehen hat der mich voll fasziniert."
"Probier' ihn doch mal aus", schlug ich vor.
"Ach, weißt du, ich habe von dem gehört, daß der die Mädchen immer nur so für eine Nacht und so ..."
"Das stimmt auch", bestätigte ich.
"Ja, und ich möchte nicht eine von vielen sein."
"Das wärst du dann aber."
"Eben, das weiß ich, und deshalb will ich mit dem nichts anfangen", hatte das Mädchen entschieden.
"Das würde ich dir auch nicht empfehlen", meinte ich. "Der ist überhaupt nicht imstande, eine richtige Beziehung zu haben. Such' dir jemanden, der dich liebt."
"Das will ich auch. Ich meine, wenn ich wirklich nur etwas für eine Nacht haben wollte ..."
"... dann würdest du den Rafa kriegen, klar; das schafft jede."
Seit sie Rafa kennt, steht sie auf Jungens mit schwarz geschminkten Augen. Ich sagte ihr, in der Szene werde sie noch viel von diesem Zeug finden.
Vielleicht gehört das Mädchen zu denjenigen, die wohl wissen, daß Rafa sie nicht liebt, die eines Tages aber doch seinem Charme erliegen.
Es ist ein hinterhältiger Trick von Rafa, daß er erst so tut, als sei er ganz schüchtern und wage nicht, über sich zu sprechen, und dann öffnet er sich und redet doch, und das jeweilige Mädchen glaubt, gerade zu ihr hätte Rafa ein ganz besonderes Vertrauen.
Rafa ist eine Mädchenfalle, und ich kann verstehen, daß er seine Begabung, die Frauen anzuziehen, gerne ausnutzen möchte. Es ist schmeichelhaft für ihn, wenn die Frauen in Scharen zu ihm hinschwärmen. Die Kehrseite dieses Vergnügens ist, daß Rafa sich dadurch zur Jahrmarktsattraktion macht und seinerseits von aller Welt benutzbar wird. Seine Privatsphäre ist vergleichbar mit der einer öffentlichen Toilette. Dadurch liegen ganz andere Fähigkeiten brach, die Rafa wohl gerne verdrängen möchte. Es sind all die Fähigkeiten, die sich nur in einer stetigen, von Liebe getragenen Beziehung entfalten können.
Rafa gibt dem oberflächlichen, unverbindlichen Vergnügen den Vorrang. Schwere und Tiefe meidet er. Das läßt sich auch aus seinen Liedtexten ersehen, in denen er seinen Wunsch beschreibt, zu schweben und zu fliegen, möglichst weit weg, möglichst zu anderen Planeten. Rafa kommt offenbar gut mit dem Verzicht auf tiefe Gefühle zurecht, und es scheint ihn auch nicht besonders zu stören, daß sein leichtsinniges Leben einen frühen Tod zur Folge haben kann. Der Gedanke an das Sterben belastet ihn weniger als der Gedanke an die Offenbarung tiefer Empfindungen.
Toro wollte mir in der Morgenfrühe unbedingt noch ein Getränk ausgeben, und er überedete den Barkeeper erfolgreich, obwohl dieser schon die Stühle hochstellte und die Musik nicht mehr lief. Toro verneigte sich in Verehrung für meinen Berufsstand. Ich entgegnete, daß die Ärzte gar nicht so heilig seien. Toro meinte, an den Ärzten sei jedenfalls die Tatsache außergewöhnlich, daß sie über so viele Dinge bescheid wüßten und sich soviel merken könnten.
Saara übermittelte mir in den folgenden Tagen Einzelheiten von Rafas Auftritt. Sie hatte mit Lara und Velvet gesprochen. Das "Untergang" sei gut besucht gewesen. Anfangs soll ein DJ gefehlt haben, worauf man eine ganze CD von Nena einfach nur durchlaufen ließ.
Es war versprochen worden, daß die Gäste, die mit einem aufgeblasenen Luftballon kamen, eine CD von Rafa erhielten. Velvet brachte einen Luftballon mit, bekam aber nur eine Kassette mit vier Liedern darauf.
Daß Rafas neue Freundin Manon ihm überallhin folgt, könnte damit zusammenhängen, daß sie nichts anderes zu tun hat. Sie soll eine "Null-Bock-Type" sein und keine Lust zum Arbeiten haben.
Lara berichtete übereinstimmend mit Velvet, daß Manon im "Untergang" eine Sonnenbrille trug und in einem schlampigen weißen Kleid steckte, das wohl den 50er-Jahre-Stil imitieren sollte. Vielleicht hat Rafa das Mädchen gebeten, in diesem Stil zu erscheinen, und sie hatte ein schlechtes Händchen bewiesen. Laut Lara und Velvet soll Manon nicht nur trampelig, sondern regelrecht unförmig sein und so häßlich, daß Nadine neben ihr wie ein Model wirkt.
Eine Kollegin von Lillien war nicht wegen Rafas Konzert, sondern nur wegen der NDW-Party im "Untergang". Sie ärgerte es umso mehr, daß zeitweise gar kein DJ da war. Wie Rafas Band hieß, wußte sie nicht. Sie fand den Auftritt "schlecht".
Clara war auch im "Untergang". Sie meinte, das Konzert habe sich unangenehm in die Länge gezogen. Zinnia hätte eigentlich singen sollen, doch ihr Mikrophon sei kaputt gewesen. Vorne im Publikum soll ein Winzling gestanden haben, der Rafa in vulgärer Weise anschrie. Rafa entgegnete, wenn es ihm nicht gefiele, hätte er nicht zu kommen brauchen.
Rafa hatte aber auch Fans da, aus dem Osten. Die Mädchen fingen an, schrill zu kreischen, als das Konzert begann.
Über Manon sagte Clara:
"Sie sah schon etwas merkwürdig aus. Jedenfalls, was ich von der gesehen habe, hat mir gereicht."
Manon soll gelegentlich auf die Bühne gekommen sein und auch für längere Zeit das DJ-Pult übernommen haben. Sie soll viel im Backstage gesessen haben, anscheinend stolz darauf, so "wichtig" zu sein. Daß Rafa Manon geküßt hätte oder sonst zärtlich zu ihr gewesen wäre, hat Clara nicht beobachtet.
Rafa war nach dem Konzert ebenfalls zeitweise am DJ-Pult. Er mußte sich gelegentliche Buh-Rufe gefallen lassen, denn viele seiner NDW-CD's hakten. Das ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, wie Rafa mit seinen CD's umgeht. Wahrscheinlich hört er diese CD's zu Hause andauernd.

In einem Traum hatte Rafa sein Verhalten grundsätzlich geändert und war zu einem Retter der Menschheit geworden. Er wurde deswegen von seinen Widersachern gefangengenommen. Heimlich befreite er sich und nahm Kontakt zu einer Helferin auf, einem blonden Mädchen. Er behandelte das Mädchen eher wie eine Schwester und machte keine Annäherungsversuche. Er schien das Mädchen sehr gern zu haben; er sagte, wenn ihr etwas zustieße, ginge es ihm "auch eher schlecht", und das heißt in seiner Sprache, daß es einer Katastrophe gleichkäme.
Gemeinsam mit dem Mädchen löste er ein Buchstabenrätsel. Es wurde gesagt, daß Rafa eine Frau liebte und sich nach ihr sehnte; wer das aber war, erfuhr ich nicht.
Rafa gab dem blonden Mädchen Aufträge. Dann setzte er sich in einen offenen Gepäckwagen und tat, als sei er angekettet, damit seine Widersacher nicht mißtrauisch wurden. Auf dem Gleis gegenüber stand noch ein anderer offener Gepäckwagen, in dem saß sein Sohn angekettet. Es war ein niedlicher kleiner blonder Junge. Freudestrahlend rief er nach seinem Vater. Rafa beruhigte ihn und bat um Geduld.

Constri und Kyra drehen zur Zeit in der Blue Box der Fachhochschule mit mir einen experimentellen Kurzfilm. Sie haben sich eigenwillige Effekte ausgedacht. Sie filmen in einen Spiegel, über dem eine blaue Folie hängt. Dadurch wirken die silbernen Tanzkleider reptilienhaft-unwirklich. Das Oberteil und die Ärmlinge sind aus elastischem, weiß-silbrigem Glitzerstoff gemacht und leuchten im Schwarzlicht, was freilich für den Film ohne Bedeutung ist. Das Oberteil hat einen Stehkragen und ist vorne nicht geschlossen. Über den offenen Schlitz greifen Riemchen mit Schnallen. Zu dem Tutu aus dunkelgrauem Taft trug ich eine Schärpe aus dem gleichen Stoff.
Mit Saara habe ich nach Jahren wieder einen Spaziergang im Stadtwald gemacht. Danach hatten wir Apfelstrudel in einem feinen Ausflugsrestaurant. Die Tischdekoration aßen wir auch noch. Das waren Äpfel und Nüsse.
Saara bemerkte, daß Rafa sich seit Langem an keinem Montagabend mehr bei ihr gemeldet hat. Dabei schien es ihm Spaß zu machen, sie bei seinen montäglichen Treffen mit Anwar dabeizuhaben. Saara erinnert sich noch an einen solchen Montag im Februar. Rafa und Anwar kamen nach H. und gingen mit Saara ins "RAPsody". Rafa nahm Saara einen Schuh weg und schenkte ihn irgendeinem Mädchen. Dann nahm er sich den Schuh wieder und lief damit quer durchs "RAPsody". Saara rannte hinter dem Übeltäter her.
An einem Abend waren Rafa und Anwar bei Saara, und Rafa inszenierte Wetten und Denksportaufgaben. Saaras fünfzehnjährige Schwester Danielle wurde eingeladen, daran teilzunehmen. Während Rafa die Spielchen veranstaltete, warf Danielle ihm einen Teddybären an den Kopf.
Am Freitag kam Berit mit jener Yasmin ins "Elizium", die den Rafa so sehr verehren soll. Sie ist nicht vom Schicksal begünstigt. Sie ist klein, hat einen dicken Hintern, kurze, dicke Beine und ein unhübsches Gesicht, und sie trägt kurze, dauergewellte Haare. Ihre Kleider sind schlicht und eher burschikos.
Saverio kam auf mich zu, schenkte mir einen Schokoladentaler zum Nikolaus und erzählte ausführlich von seiner musikalischen Arbeit. Wir führten ein theoretisches Gespräch über Industrial und Post-Industrial. Carl wurde von Saverio nicht angesprochen, dafür aber gleichfalls mit einem Schokoladentaler bedacht.
Am Samstag war Lessa nicht im "Elizium". Sasch meinte lapidar, das sei das "Lessa-Syndrom". Wenn sie so weitermache, habe sie bald alle Leute durch und sei mit allen verstritten.
Lara hat Saara erzählt, daß Nadine neuerdings anonyme Drohanrufe bekommt. Eine Frauenstimme sagt hämisch:
"Na, Nadine, hängst du dich jetzt auf? Los, häng' dich doch auf!"
Nadine soll ihre neue Geheimnummer nur an Rafa und Sten weitergegeben haben, und es ist bekannt, daß Aimée Stens private Aufzeichnungen liest. Vielleicht ist auch Manon die Täterin.

In einem Traum bekam ich einen besonders zynischen Drohbrief. Er war an eine "Leiche" meines Namens adressiert. Der Täter hatte mit blauem Füllfederhalter geschrieben. Die Schrift war designerhaft, jedoch war es sicher nicht Rafas Schrift.
Ich öffnete den Brief und zog eine Broschüre heraus mit dem Titel:
"Die Kriminalpolizei rät: Verhalten bei Drohbriefen"
Außerdem gab es da noch einen Zettel mit den eigentlichen Text des Briefes, doch bevor ich den auseinanderfalten und lesen konnte, wachte ich auf.




Mitte Dezember waren Zoë, Carl und ich abends bei Merle zu Besuch. Elaine pirschte sich scheu an den Türrahmen heran. Wenn man ihr zuwinkte und sie einlud, hereinzukommen, wich sie gleich wieder zurück und lächelte verlegen. Als sie dann aber lange genug unbeobachtet war, wagte sie sich doch ins Wohnzimmer und kuschelte sich zwischen Zoë und Merle aufs Sofa.
Spätnachts gingen Zoë, Carl und ich in die "Halle" hinüber. Oben am Pult standen Kappa, Cyrus, Rafa und Sten. Nur Kappa und Cyrus hatten ihre Freundinnen mitgebracht. Rafa übernahm kurz nach meinem Erscheinen das Pult, und er behielt diesen Platz auch für den größten Teil der übrigen Zeit. Verschiedene Leute bestätigten, daß Manon, Rafas Freundin, nicht in der "Halle" sei. Irgendwer meinte sogar, Manon sei überhaupt nicht Rafas Freundin, sondern sie sei im "Untergang" auf dem Konzert "nur so dabei" gewesen.
Rafa spielte die Tanzstückchen "Born slippy" von Underworld und "Firestarter" von Prodigy. Ich trug das Silberkostüm mit den Schnallen und nadelspitze Ballerinen mit Bändern wie bei richtigen Ballettschuhen. Ich fand Rafa wieder sehr niedlich, mit Stirnband und Uniformjacke. Er unternahm hin und wieder kurze Rundgänge durch die "Halle". Er machte viele Ankündigungen und auch einige Sprüche. So meinte er etwa, jetzt käme richtiger EBM, und dann spielte er "Piep piep kleiner Satellit" von Blümchen. Rafa spielte außerdem die "Suchmeldung" von seiner CD, in der nach einer gewissen Marie-Sophie gefahndet wird. Und es kam sein Stück "Telephon W 48".
Kappa wies darauf hin, daß es die Tanznächte in der "Halle" entgegen der Gerüchte auch im nächsten Jahr noch geben soll; die nächste New Wave Night sei am 04.01.
"04.01., das ist schön", bemerkte Rafa, "da ist auch bald mein Geburtstag."
Ich bezweifle, daß ich die Gelegenheit haben werde, Rafa auch dieses Mal an seinem Geburtstag zu besuchen.
Als ich mich zwischen Bar und Zeltplane stellte, um mich in der Heizungsluft aufzuwärmen, sah ich Rafa unweit von mir mit Yasmin plaudern. Er entdeckte mich und ging mit schnellen, entschlossenen Schritten an mir vorbei, so schnell, daß Yasmin zurückblieb. Betont nett und heiter rief er mir zu:
"Morgen!"
Ich haschte nach seiner Schulter, doch er wich aus, so daß ich ihn kaum streifte. Yasmin trottete dem Davoneilenden hinterher, in sich gekehrt, mit einem verklärten Lächeln im Gesicht. Da hatte er ihr wohl schon Hoffnungen gemacht.
Carl berichtete später, daß Rafa ihn ebenfalls grüßte; er rief ihm zu:
"'n Abend!"
Wie bei mir strebte Rafa gleich weiter und gab Carl nicht die Gelegenheit, ein paar Worte mit ihm zu wechseln.
Durch Mikrophon kündigte Rafa ein Stück von De/Vison an, zu dem er auch tanzte. Es war das einzige Mal, daß er auf die Tanzfläche kam. Ich verließ mein warmes Eckchen, um ihm zuzuschauen. Rafa hielt sich so theatralisch und bewegte sich so gekünstelt, daß ich dafür nur das Wort "Getue" fand. Zwischendurch nahm Rafa sich die Zeit, irgendein Mädchen mit inniger Umarmung zu begrüßen. Ansonsten kümmerte er sich nicht weiter um das Mädchen, und ich sah es später auch nicht mehr in seiner Nähe.
Rafa warf beim Tanzen häufig den Kopf zurück, als wären ihm die Ponysträhnen im Weg. Rafa macht diese energische, schleudernde Bewegung gern. Es sieht für mich so aus, als wollte er damit Unsicherheit überspielen:
"Ich habe alles im Blick, ich habe alles unter mir, ich habe alles unter Kontrolle."
Wenn ich Rafa übers Haar streiche, kehre ich diese Geste sozusagen um:
"Ich beschütze dich, du kannst mir vertrauen."
Wahrscheinlich kann er es deshalb auch nicht leiden. Er hat sich vielleicht selbst verboten, sich Geborgenheit zu wünschen, weil er nicht mehr daran glaubt, daß er sich wirklich einmal bei irgendwem zu Recht geborgen und sicher fühlen kann. Es geht um eine Art Zensur.
Als ich wieder in meiner beheizten Ecke stand, kam Sten heran. Ich fragte ihn:
"Sag' mal, warum ist eigentlich die Freundin von Rafa heute nicht da?"
"Aa-ch - hat der 'ne Freundin?"
"Also, zumindest erzählt man sich das."
"Immer dieser Klatsch! Ich hasse Klatsch!"
Sten meinte, er wisse nichts über Rafas Liebschaften, da dieser ein eigenständiges Leben führe; wenn er aber etwas von einer Freundin wüßte, so würde er es nicht weitererzählen, eben weil er den Klatsch so hasse. Man könne die Leute ja auch selbst fragen, wenn man etwas über sie wissen wolle. Ich stimmte ihm hierin zu, erklärte ihm dann aber, daß ich Rafa gar nicht selbst fragen könne:
"Ich habe ihm versprochen, niemals von mir aus auf ihn zuzugehen, weil ich nicht will, daß er sich von mir belästigt fühlt. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schlimm das ist, belästigt zu werden. Ich will Rafa nicht belästigen, und ich will ihm nicht hinterherlaufen. Ich habe Achtung vor ihm, und ich habe Achtung vor mir selbst."
Inzwischen war Rafa wieder heruntergekommen und holte sich Zigaretten, dicht bei uns am Automaten. Er ging nicht auf Sten und mich zu. Stattdessen ging Sten zu ihm. Die beiden marschierten hinters Pult und steckten die Köpfe zusammen.
Kurz nach drei Uhr verabschiedete sich Rafa durchs Mikrophon und wünschte den Gästen artig ein frohes Weihnachtsfest. Dann verließen Rafa und Sten Arm in Arm die "Halle".

In einem Traum sah ich Rafa, wie er schlafend auf dem Rücken lag, ruhig und voller Vertrauen, wie Elaine schlafend auf Merles Sofa gelegen hat. Ich kniete an seinem Kopfende und dachte daran, daß ich ihn schon so gemalt habe, wie er jetzt vor mir lag.

Saara hat von Lara gehört, daß Rafa sich bereits vor dem letzten Abend in der "Halle" von Manon getrennt hat. Er war also ungebunden, als ich ihn dort sah.
"Rafa dreht aber schon wieder kräftig am Rad", erzählte Saara. "In der 'Halle' hat er Viktoria angemacht. Erst hat er sie gefragt:
'Wo ist Lara?'
Er hat wohl eine Fahrgelegenheit gesucht. Viktoria hat ihm gesagt:
'Lara ist eben vor fünf Minuten gefahren.'
Da hat er Viktoria gefragt:
'Willst du nicht bei mir schlafen?'
Natürlich hat er ihr das nur angeboten, weil er wollte, daß sie ihn nach Hause fährt. Viktoria hat abgelehnt, weil sie schon geahnt hat, daß das nur wieder sowas für eine Nacht wird."

In einem Traum bekam ich eine Postkarte mit lauter unverständlichen Worten in verschiedenen Handschriften darauf. Das einzige Lesbare war "SHG.". Es war geschrieben in Rafas Schrift.

Die Rezensionen für Rafas Album sind nicht nur schmeichelhaft. Unter anderem wird es dargestellt als verspätetes NDW-Album, das für eine feste Anhängerschar gemacht ist. Es wird vorgeschlagen, eine Hitparaden-Sendung zu Ehren des deutschen Schlagers zu moderieren, an der neben Roland Kaiser und Patrick Lindner auch W.E teilnehmen sollen.
Eine Werbung des Labels zeigt Rafa, der mit dem Mädchen tanzt, das wahrscheinlich Ivcos Freundin ist. Darüber steht "Schrille Nacht".
Weihnachten ist für mich eine freudlose Routineangelegenheit. Es wird viel versprochen, das in meinem Leben nicht stattfindet.
Siddra ist wieder mit Sator zusammen, nach langem Hin und Her. Die beiden sind ineinander verliebt, können sich jedoch nie endgültig füreinander entscheiden. Sator versucht zwischendurch immer wieder, mit ebenso zuverlässigen wie langweiligen Frauen sein Glück zu finden. Siddra sucht immer wieder nach einem noch aufregenderen Kerl und muß feststellen, daß die, die sie für aufregend hält, es meistens beim näheren Hinsehen gar nicht sind.
Andras hat eine sehr hübsche, frisch gebaute Eineinhalb-Zimmer-Wohnung gemietet, mit Blick auf einen der großen Stadtfriedhöfe. Lessa mußte sich eine andere Bleibe suchen und lebt jetzt in einer Sozialwohnung in einem Plattenbau, der zu einer der größten "Ghettosiedlungen" von H. gehört.
In einem neu eingerichteten Friedhofscafé, das sich im selben Haus wie die Wohnung von Andras befindet, kehrten Lessa und ich ein. Lessa trägt nun statt blauen Haaren und blau-schwarzer Garderobe knallrote Haare und rot-schwarze Garderobe. Bei ihr hat kaum etwas Bestand.
Wie Lessa berichtete, hat Beatrice in W. Miles geheiratet und lebt jetzt bei ihm. Die Hochzeit soll ganz und gar nicht so verlaufen sein, wie Beatrice gehofft hatte. Von all ihren Freunden und Bekannten war nur ein eher flüchtig bekanntes Pärchen unter den Gästen. Auch Lessa kam nicht zu der Hochzeit.
Vor einiger Zeit will Lessa bei Rafa angerufen haben, um mit ihm über seine anonymen Telefonate zu reden. Er soll kurz angebunden gewirkt haben und sehr ungehalten.
"Ich sehe keinen Anlaß, bei Hetty anzurufen", soll er behauptet haben. "Ich will nichts von der. Aber die ist so krank im Kopf, daß die das wohl nie begreift."
"Weißt du, wer Jens Borrmann ist?"
"Ja, ich weiß wer Jens Borrmann ist."
"Und, wer ist es?"
"Ich will darüber jetzt nicht sprechen."
Rafa scheint sich von mir sehr angegriffen zu fühlen, obwohl ich zu ihm keinen Kontakt aufnehme.
"Die soll mich endlich in Ruhe lassen", soll er gestöhnt haben. "Alle Leute sprechen mich darauf an, daß die mich gut findet. Ich frage mich, wie ich die wieder loswerde. Mit einem Kumpel zusammen habe ich schon überlegt, gerichtlich gegen die vorzugehen, weil die soviel über mich 'rumerzählt."
Wenn Lessa nicht gelogen hat, ist das, was ich vorhatte, offenbar eingetreten. Indem ich die Geschichte von der Fangschaltung als Skandälchen verkaufte und in den öffentlichen Tratschkreislauf brachte, wollte ich erreichen, daß Rafa von allen Seiten auf sein widersprüchliches Verhalten hingewiesen wird. Er sollte immer wieder die Frage zu hören bekommen, weshalb er anonym bei mir anruft, wenn er doch gar nichts von mir will. Er, der sich nie auf etwas festlegen will, sollte zu einer Stellungnahme gezwungen werden. Er sollte sich zu Gefühlsregungen äußern müssen, die ihm peinlich sind. Daß Rafa dadurch sehr wütend auf mich wird, ist nachvollziehbar, und ich habe auch nichts anderes erwartet.
Velvet soll inzwischen einen festen Freund haben und Rafa nur noch als Kumpel wollen, mit dem man verrückte Sachen machen kann. Anfang Januar rief Velvet in Saaras Beisein Anwar an, nachdem sie Rafa nicht erreicht hatte. Anwar unterhielt sich auch mit Saara. Er soll furchtbar nett gewesen sein, und er soll eine Wiederaufnahme der montäglichen Treffen in H. vorgeschlagen haben. Er wolle sich demnächst melden. Er habe auch gemeint, Saara könne zu Rafas Geburtstagsfeier kommen.



Am Samstag legten Rafa und Kappa gemeinsam in "Halle 1" auf. Sie hatten sich beide die Haare hochgestellt und waren kunstvoll geschminkt. Rafa trug eine lange schwarze Uniformjacke, vorne schräg angeschnitten, tailliert und mit Schößchen. Die Jacke hatte Schulterklappen, glitzernde Borten an den Säumen und auf dem Ärmel das neue Emblem von Rafas Band, die hochgestellte "Sachsenring"-Welle. Ich hatte schwarze Spitze an.
Rafa verließ fast nie seinen Platz am Pult. Ein Mädchen fiel mir auf, das unten davor stand. Es hatte eine lange, schwarz gefärbte Dauerwellenmähne. Das Gesicht wirkte auf mich leer und grob. Das Mädchen steckte in einem kurzen, ausgeschnittenen Lackkleid, schwarz mit einem weißen Kragen. Daß sie in der kalten "Halle 1" nicht fror, verdankte sie, so lästerte ich im Stillen, wahrscheinlich ihrer Polsterung.
Angestrengt mit den Armen rudernd, ging das Mädchen zielstrebig hinauf ans Pult, als sei dort ihr Zuhause. Sie redete mit Kappa und Sten und setzte sich vorübergehend auch auf einen der Stühle. Rafa schien ihr auszuweichen; jedenfalls kümmerte er sich kaum um sie. All das erregte in mir den Verdacht, daß Rafa mit dem Mädchen zusammen ist.
Velvet sprach Rafa auf ihr gestriges Telefonat mit Anwar an. Rafa wußte von diesem Telefonat noch nichts.
Merle und Zoë tanzten fröhlich. Merle hatte für Elaine einen Babysitter besorgt. Die Silvesterfeier bei mir hat die zweijährige Elaine schon mitfeiern können.
Hoffi schwärmte davon, wie toll Rafa zu Silvester in L. gesungen habe. Ich wollte Hoffi nicht noch einmal nach Rafas derzeitigen Liaisons fragen, weil ich mir davon keine verwertbaren Auskünfte versprach. Kappa gab die Bühne frei für Rafa, der, begleitet von Kichern, eine Playback-Show zu "Strangers in the Night" lieferte. Ich fand es schade, daß Rafa nicht selbst sang. Man konnte ihn noch nicht einmal richtig sehen, weil er einen grellen Scheinwerfer im Rücken hatte.
Rafa wirkte ziemlich betrunken und aufgedreht. Er machte häufig Ansagen. Einmal versprach er mit schwerer Zunge, eine CD zu putzen, die hakte. Einmal kündigte er ein Stück von Second Decay mit den Worten an, das sei ein ganz superschickes Lied, jetzt sein Lieblingslied, und alle sollten dazu tanzen. Für solche Aufforderungen bin ich taub, wenn mir das Stück nicht tanzbar erscheint.
Einmal stellte Rafa drei Stücke zur Auswahl, "eins von Second Decay, eins für Hoffi oder eins für mich". Dasjenige Stück wollte er spielen, für das am meisten geklatscht wurde. Für Second Decay klatschte keiner, für Hoffi klatschten Hoffi und ein paar Depeche Mode-Fans, für Rafa klatschte Merle.
"Also, würd' ich sagen, nehmen wir das ... für Hoffi", entschied Rafa.
Saara hatte ihren Silvesterflirt mitgebracht, Kenneth. In meiner Lästerlaune betitelte ich ihn als "gelglatten Schickling", sagte das aber niemandem. Kenneth hielt mich für ein "jüngeres Semester"; er schätzte mich auf einundzwanzig, sechs Jahre jünger als er selbst.
"Merkt er es nicht, oder ist das Licht zu schwach?" fragte ich mich.
Wenn es wirklich so ist, daß die Schätzungen bei einundzwanzig Jahren liegen, habe ich inzwischen neun Jahre gut. Vielleicht ist auch mein biologisches Alter niedriger als das tatsächliche, was bedeuten würde, daß ich eine höhere Lebenserwartung habe als andere.
Merle fand Rafas Ablehnung gegen mich unbegreiflich. Sie ging hinters Pult und fragte Rafa, ob er nicht Lust hätte, an der Bar etwas mit ihr zu trinken. Ihr Gedanke war, daß ich dann auch mit ihm sprechen konnte.
"Hat Hetty dich hergeschickt?" fragte Rafa mißtrauisch.
"Nein, ich bin aus freien Stücken hier", erwiderte Merle wahrheitsgemäß.
Rafa meinte, er müsse jetzt noch auflegen, aber in einer halben Stunde würde er herunterkommen. Als diese Zeit um war, kam er wirklich, aber nicht zu Merle und mir. Er schnappte sich Magdas Hand und ging mit dieser an einen Tisch in meiner Nähe. Merle fragte Rafa, was nun sei, und er strebte wieder fort mit der Entschuldigung, er wolle sich von einem Mädchen die Adresse geben lassen, das keinen Zettel habe. Ich sah Rafa danach mit Yasmin und dem Mädchen im Lackkleid mit dem weißen Kragen an einer Säule stehen.
Yasmin und dieses fremde Mädchen schienen sich dem "Star" Rafa alle beide zu Füßen zu werfen und sich untereinander auch noch prächtig zu verstehen. Wenn das fremde Mädchen nicht oben bei Rafa war, tanzte sie unten vorm Pult mit Yasmin. Ich bat Saara, über Yasmin herauszufinden, ob das fremde Mädchen mit Rafa zusammen war. Saara begann ein Gespräch mit Yasmin und erzählte, sie habe den Rafa ganz gern, wolle aber keine Beziehung mit ihm anfangen.
"Im Gegensatz zu mir", erwiderte Yasmin.
Sie hat Pläne mit ihm, genau wie viele andere auch. Ich verabscheue es, eine von diesen vielen anderen zu sein. Ich suche nach einem Weg, mich von diesen abzugrenzen, ohne meine Liebe zu Rafa zu verleugnen.
Was macht mich anders als die anderen?
Zum einen vermeide ich die gängigen Methoden der Annäherung wie Anrufe oder Briefchen. Außerdem stehe ich fürs Bett nicht ohne Weiteres zur Verfügung. Ich setze Rafa insofern Grenzen, als ich ihn zurückweise, wenn er ein Verhältnis hat. Ich lasse mir von ihm nichts befehlen und gehe nicht auf Provokationen ein. Meine Liebe ist ohne Bedingungen. Ich hasse Rafa nicht und gebe ihn auch nicht auf. Ich vermeide den Kontakt mit Rivalinnen. Ich unterhalte keine "Ersatzbeziehungen" mit Männern, die ich eigentlich gar nicht will. Ich gehe nicht zu Rafas Konzerten, es sei denn, er bittet mich darum und ist ungebunden - oder er tritt im Rahmen von Parties auf, bei denen ich mich auch ohne sein Erscheinen amüsiert hätte. Ich verehre seine Musik nicht. Sein Gehabe beeindruckt mich nicht; es geht mir um ihn als Mensch. Ich will Rafa nicht, um mich wichtig zu fühlen. Ich lege keinen Wert darauf, in Backstage-Räumen zu sitzen oder hinter ausgesteckten Keyboards zu stehen.
Saara sprach Yasmin auf das fremde schwarzhaarige Mädchen an. Yasmin wußte, daß es Manon war, Rafas Freundin aus K. Allerdings hatte Yasmin noch nicht davon reden hören, daß Rafa mit Manon zusammen sei. Niemand schien so recht zu wissen, wie das Verhältnis von Manon und Rafa aussah, vielleicht nicht einmal Rafa selbst.
Einmal kam Rafa zum Tanzen herunter. Es lief "Damned to cry" von Visage, und ich tanzte auch. Rafa wechselte oft seinen Platz auf der Tanzfläche, als würde ihm irgendetwas nicht passen. Schließlich blieb er mir gegenüber, allerdings mit einem sehr großen Abstand.
Rafa tanzte wie eine "Varieté-Schwuchtel", was vermutlich seine derzeitige Masche ist. Er wiegte sich in den Hüften, warf die Beine in die Luft und wirbelte mit den Armen herum. Auf mich wirkte es komisch, theatralisch, kindlich und künstlich.
Gegen drei Uhr wurde es leer in "Halle 1". Merle stieg hinauf zum Pult, um sich einen Musiktitel zu wünschen. Rafa erwiderte, jetzt könne man sich nichts mehr wünschen; er werde außerdem jetzt abhauen. Er übergab das Pult an Kappa und ging zur Bar. Kappa spielte endlich ein Lied, das mich begeisterte; es war "Logic System" von Unit, ein Klassiker der Ära des New Wave und New Romantic. Ich konnte endlich wieder dazu tanzen wie vor elf Jahren im "Glitter".
Rafa gesellte sich zu Daphne und Tharya, immer noch nicht zu mir. Dann ging er nach draußen, kam aber gleich wieder. Als das langsame "The arrival and the reunion" von Dead can dance begann, tanzte ich weiter. Rafa begrüßte Saara mit einer angedeuteten Umarmung und redete ein wenig mit ihr. Er lächelte dabei sehr nett, und mit diesem Lächeln ging er dann auch auf mich zu. Ich hielt im Tanzen inne. Rafa gab mir artig die lederverpackte Pfote und sagte:
"Ich wünsche dir ein frohes neues Jahr."
Ich umschloß seine Hand mit beiden Händen und setzte zum Sprechen an, war aber zu sehr meinen Gefühlen überlassen, um gleich etwas sagen zu wollen oder zu können. Rafa löste sich von mir und strebte weiter, als wollte er sich mir nicht länger auszusetzen.
Saara erzählte mir von ihrem kurzen Gespräch mit Rafa. Wie mir und vielen anderen wünschte er auch Saara "ein frohes neues Jahr".
"Na, bist du gut 'rübergeschlittert?" fragte sie ihn.
"Jaa ..."
Rafa war noch kurze Zeit am Pult. Dann verließ er mit Manon die "Halle" durch eine Seitentür. Sie gingen nebeneinander, nicht Hand in Hand.
In der Woche vor seinem sechsundzwanzigsten Geburtstag hat Rafa sich weder bei Saara noch bei mir gemeldet, und am Samstag, seinem Geburtstag, änderte sich auch nichts. Gegen Abend kamen Lessa und Zoë zu mir, und wir öffneten eine Flasche Wein und klagten gemeinsam über die Männer. Es regte mich fürchterlich auf, daß ich Rafa nicht gratulieren konnte.
Ich werde immer wieder gefragt, ob ein Mensch, der so wenig mit mir zu tun haben will, überhaupt der Richtige für mich sein kann. Ich antworte darauf, daß ich Rafa liebe. Das Nächste, was kommt, ist die Frage, ob diese Liebe denn so gut für mich sein könne, wenn sie ewig unerwidert bleibt. Ich antworte, daß meine Liebe ein Teil von mir ist, den ich mir nicht ausgesucht habe, sondern der einfach vorhanden ist. Nun folgt die Frage, ob es nicht besser sei, sich einer solchen Liebe zu entledigen.
"Wenn ich die Liebe vernichten will, muß ich mich ebenfalls vernichten", ist meine Antwort. "Wenn ich meine Gefühle verleugne, verleugne ich mich selbst, und das kann ich nicht tun, ohne mich zu zerstören."
Nun kommt der Seufzer, es wäre doch zu hoffen, daß die Liebe eines Tages von selbst verschwindet, denn anders wäre sie wohl nicht zu beseitigen.
"Ich habe den Menschen gefunden, den ich gesucht habe", sage ich dann. "Ich kann ihn nicht erreichen, weil er mich ablehnt und ich ihm nicht hinterherlaufe. Das Einzige, was mein Leben noch nennenswert verändern wird, ist der Tod. Vom Tod trennen mich wahrscheinlich noch Jahrzehnte. Diese Jahrzehnte zu überbrücken, ist alles, was ich in diesem Leben noch zu tun habe."
Es gibt kein Ziel. Es gibt eine Sandwüste, es gibt das Nichts, sofern das Nichts eine Gestalt hat.
Trauer ist nicht gefragt. In der Gesellschaft wird Einsatzfreude verlangt, und das habe ich zu leisten, wenn ich im Berufsleben unterkommen will. Durch Schauspielerei und Charme kann ich das Trugbild vermitteln, ich sei ausgeruht, wohlgelaunt und voll einsatzfähig. Ich glaube, meistens habe ich das so hinbekommen, daß ich auf der Arbeit im Institut oder im "Elizium" die gute Laune selber war, obwohl ich nachts geweint habe, statt zu schlafen.
Wer in der Berufswelt überleben will, kann nicht immer ehrlich sein. Wahrscheinlich denkt Rafa in allen Ebenen so, auch im Hinblick auf Beziehungen. Auch sie sind für ihn wahrscheinlich nichts als ein Schlachtfeld.
An seinem Geburtstag war Rafa nicht im "Elizium", und ich hatte auch nichts anderes erwartet. Derek hatte sich gehörig "abgefüllt", und ich sagte dazu:
"Wenn Derek besoffen ist, steht er im Mittelpunkt, denn dann dreht sich alles um ihn."
Saara hat von Velvet erfahren, daß diese getan hat, was ich so gern tun wollte und nicht tun konnte, weil ich Rafa eben nicht hinterherlaufe. Velvet hat Rafa Freitag auf Samstag gleich um Mitternacht an seinem Geburtstag angerufen und ihm gratuliert. Rafa meinte, sie sei die Erste, die ihn zum Gratulieren anriefe. Es sei aber eigentlich noch zu früh, denn er sei erst um ein Uhr herum zur Welt gekommen.
Rafa schien allein zu sein. Er erzählte, er mache gerade Musik.
Velvet hat Rafa übrigens nicht an seinem Geburtstag besucht.
Saara hatte die Idee, Rafa auf meine Geburtstagsparty anzusprechen. Sie rief ihn am Donnerstag an.
"Ja? Dawyne?" meldete sich die Mutter.
Als Saara ihren Namen nannte, holte die Mutter Rafa gleich her:
"Saara für dich!"
Er kam mit einem fröhlichen Pfeifen. Saara gratulierte ihm, und er meinte, das sei ja nett, daß sie anriefe. Er wirkte insgesamt freundlich und eher schweigsam.
"Sag' mal, hast du jetzt eigentlich eine Freundin?" wollte Saara wissen.
"Das sag' ich nicht."
"Wieso denn nicht?"
"Na, ist doch nicht so wichtig."
"Aach, das ist dir gar nicht wichtig, daß du eine Freundin hast?" fragte Saara lauernd. "Na ... ich frage ja auch nur. Du brauchst mir das ja nicht zu sagen, wenn du nicht willst."
Saara wies Rafa darauf hin, daß bald mein Geburtstag sei.
"Ach, ist schon wieder ein Jahr 'rum?" tat er erstaunt. "Wie schnell die Zeit vergeht!"
Saara sagte ihm, ich würde mich sehr freuen, wenn er am 01.02. zu meiner Party käme. Als Ausweichtermin schlug sie ihm vor, am 30.01. zur Mitternachtsfeier zu kommen. Rafa überlegte angestrengt, was für Wochentage das seien und was er da wohl vorhabe, und schließlich meinte er, da habe er gar keine Zeit, da sei "nur Streß". Am 31.01. sei ein Konzert, am 01.02. sei "Halle", und am 15.02. sei dann schon wieder "Halle".
"Und am 18.01.", setzte Saara hinzu.
"Ach, das ist ja schon übermorgen", stellte Rafa fest.
"Ich bin aber nicht da", kündigte Saara an. "Aber Hetty ist da."
"Hm ..."
Saara teilte Rafa mit, daß ich ein Geschenk für ihn habe. Da kam von ihm wieder nur:
"Hm ..."
"Und du hast auch noch Videokassetten von Hetty", setzte Saara hinzu.
"Ach, stimmt ja", tat Rafa, als hätte er das völlig vergessen. "Ach, da hat man dann immer so viel um die Ohren ... da kommt man dann gar nicht dazu, die zurückzugeben ..."
"Und es gibt noch Fotos von dir, von damals, wo wir mit Anwar bei Hetty waren, die kennst du noch nicht."
"Hm ..."
"Na ... dann wünsche ich dir noch einen schönen Abend ..."
"Ja ... übrigens, ich habe keine Freundin."
Rafa beendete das Gespräch mit Saara nur zögernd; es war, als wollte er mit ihr noch etwas besprechen und könnte sich nicht dazu durchringen.

In einem Traum wurde ein Kind zu mir gebracht, das war von Rafa und Viktoria. Viktoria lebte nicht mit Rafa und kümmerte sich weder um ihn noch um das Kind. Das Kind kam sehr offen auf mich zu und schloß sehr schnell Freundschaft mit mir. Es schien mich als Ersatz für die fehlende Mutter zu betrachten.



Am Samstag waren Lessa, Zoë und ich abends bei Merle. Ich hatte mich feingemacht für die "Halle", so daß Merle mich begeistert knipste. Ich trug ein enges schwarzes Kleid mit tiefem Ausschnitt und sehr kurzen Ärmeln. Von der hohen Taille abwärts hängt ein vorne offener Chiffonschleier herunter, der erheblich länger ist als das Kleid selbst. An den Seiten hatte ich das Kleid bis zur Taille geschlitzt, damit ich mich darin bewegen konnte. Als Sichtschutz diente ein kurzes schwarzes Höschen. Ich hatte eine Glitzerstrumpfhose an und die spitzen Ballerinen, und um den Hals trug ich ein Eisernes Kreuz an einem dünnen Lederband. Die Hände hatte ich verziert mit elastischen Ketten aus schwarzen und glitzernden Perlen, und ich trug glitzernden Nagellack und im Haar Glitzerspray.
Als Lessa, Zoë und ich in die "Halle" kamen, lief "Born slippy" von Underworld. Lessa und ich tanzten vorne beim DJ-Pult, das dieses Mal auf dem flachen Bühnenpodest aufgebaut war. Rafa stand neben dem Pult, mit Sten und Dolf. Rafa trug das Haar offen und war nicht geschminkt. Wie meist hatte er ein weißes Hemd und eine schwarze Uniformjacke an.
In einer hinteren Ecke der "Halle" baute sich Sten vor mir auf und fragte mich:
"Na, bin ich auch eingeladen am 01.02.? "
Ich sagte Sten, daß er und Aimée selbstverständlich zu meiner Party kommen könnten, ebenso das Mädchen, das Aimée in die "Halle" mitgebracht hatte. Es heißt India und ist in Aimées Alter.
Sten hat seine Band Xrossive inzwischen umgetauft in "Es", damit jeder weiß, wie der Bandname auszusprechen ist. Ich bekam von Sten auch gleich einen Band-Aufkleber.
Rafa legte in dieser Nacht gar nicht auf und tanzte auch nie. Das Einzige, was er darbot, war, daß er mit Sten auf den Schultern einmal die ganze "Halle" umrundete. Sten ist ein langes, dünnes Gestell und sicher nicht allzu leicht; Rafa schien es aber keine Schwierigkeiten zu machen, ihn zu tragen.
Manon sah ich nicht in der "Halle", dafür Yasmin und Lara. Keine der beiden sah ich mit Rafa sprechen. Vielmehr zog Rafa sich mit einer langhaarigen Blondine für einige Zeit in einen stillen Winkel zurück, auf die Stufen vor dem verschlossenen "Crystal Palace". Ich kam zweimal dort vorbei. Beide Male schien Rafa sehr in das Gespräch mit dem Mädchen vertieft zu sein. Etwas Verdächtiges fiel mir nicht auf. Dennoch genügte der Anblick, um mich wütend zu machen. Es liegt an dem Mißverhältnis, daß Rafa sich bereitwillig oberflächlichen Bekanntschaften zuwendet, verläßliche und ernsthafte Beziehungen jedoch entwertet.
Auf dem hohen Bühnenpodest, wo sonst in der letzten Zeit das DJ-Pult aufgebaut war, gab es jetzt nur einen Ausschank. Dorthin ging ich und stellte mich zu Aimée und India an einen Tisch. Aimée bestätigte mir noch einmal, Rafa sei wirklich solo. Ich erzählte ihr von Rafa und der Blondine.
"Du meinst aber nicht die hier?" fragte Aimée. "Du meinst nicht die, mit der er da vorne steht?"
"Was, der ist hier oben?" staunte ich.
Ich sah mir die etwas gewundene Bar genau an und entdeckte Rafa, der in geringer Entfernung mit dem blonden Mädchen am Tresen stand.
"Doch, das ist das Mädchen", sagte ich zu Aimée.
"Das ist doch Sabrina", erklärte diese. "Die Freundin von Kappa."
Mit der hatte Rafa wahrscheinlich nichts.
Als Macro das DJ-Pult übernahm, ging ich zu ihm hin und fragte ihn, wo er in den letzten Wochen gewesen sei. Er berichtete, er habe sich in HH. aufgehalten.
Mein Gespräch mit Macro wurde gelegentlich dadurch unterbrochen, daß er die CD auswechseln mußte. Ich wartete dann, über eine schwarze Kiste gebeugt, die als Barriere diente. Jemand beugte sich neben mir über diese Kiste, so weit, daß ich sehen konnte, wer es war. Es war Rafa, und er sprach mit Kappa, der zu Macro ans Pult ging. Ich streichelte Rafa mit beiden Händen über den Rücken. Er trug eine schwarze Uniformjacke aus einem weichen, kuscheligen Stoff. Er drehte sich nicht zu mir um, auch nicht, als ich ihm einen Arm um die Taille legte und weiter zu Macro hinsah. Nach einer Weile wand sich Rafa vorsichtig aus der Umarmung, blieb aber dicht bei mir stehen. Ich empfahl Macro, bei Sazar anzurufen, wegen weiterer Termine für die "Katakomben", wo gerade renoviert wird. Dann drehte ich mich und setzte mich auf die schwarze Kiste. Aimée, India und Sten waren Rafa nachgekommen. Aimée gab mir mein Jäckchen, auf das sie aufgepaßt hatte. Ich hielt das Jäckchen auf dem Schoß und blickte hoch zu Rafa. Er sah auch mich an und lächelte. Ich lächelte ebenfalls. Rafa guckte so, wie ich es schon sehr oft erlebt habe, unter anderem im letzten Frühjahr im "Espresso". Dieser bestimmte, unverwechselbare Blick ist ein verliebter Blick, wie er den Frauen bekannt ist von ihren Verehrern. Es ist aber außerdem noch mehr darin, eine seltsame Traurigkeit, Versunkenheit und Nachdenklichkeit.
"Was schaust du?" fragte Rafa schließlich.
"Was schaust du?" fragte ich zurück, und als er nichts antwortete, gratulierte ich ihm endlich:
"Herzlichen Glückwunsch."
"Nachträglich", ergänzte Rafa.
"Nachträglich", nickte ich. "Ich hätte dir so gerne an deinem Geburtstag gratuliert, aber ich konnte dich ja nicht anrufen, weil ich nicht wußte, ob du solo bist. Und du hast mich auch nicht angerufen."
"Muß ich dich dann anrufen?"
"Ich konnte dich doch nicht anrufen", erkläre ich. "Oder - soll ich dich anrufen?"
"Oh, nein!" schreit Rafa und weicht zurück. "Oh, nein, bloß nicht!"
"Siehst du ... und ich wäre auch so gerne an deinem Geburtstag bei dir gewesen, aber du hast mich ja nicht eingeladen."
"Zum Geburtstag lädt man niemals ein", behauptet Rafa, der mich selbst vor vier Jahren schon eingeladen hat.
"Doch, ich lade dazu ein", entgegne ich. "Ich wäre so gerne zu dir gekommen, das war echt mein größter Wunsch, aber ich konnte ja nicht mit dir reden. Und ich hätte dich auch gerne bei mir gehabt, aber du hast ja keine Zeit."
"Also -" Rafa holt tief Luft - "wenn irgendwelche anderen Leute bei mir anrufen und mich zu den Geburtstagen von irgendwelchen anderen Leuten einladen, habe ich grundsätzlich keine Zeit."
"Ich konnte dich doch nicht anrufen, weil ich dich nicht belästigen will", gebe ich zurück. "Du hast nämlich vor ein paar Wochen zu irgendwelchen Leuten gesagt, ich würde dich belästigen, und wenn ich dich anrufe, belästige ich dich ja wirklich."
Ein Junge winkt Rafa zu sich her.
"Moment mal eben", unterbricht mich Rafa.
Er läßt sich von dem Jungen in ein Gespräch verwickeln und plaudert anschließend noch mit verschiedenen Leuten weiter, nur wenige Schritte von mir entfernt. Wenn unsere Blicke sich zufällig begegnen, schaut Rafa gleich wieder weg. Zu einem burschikos gekleideten Mädchen mit langen blonden Haaren und Brille sagt er, man könne dann wohl auch bald aufbrechen. Ich frage Aimée leise, ob Rafa mit diesem Mädchen irgendwelche Absichten hat. Aimée verneint.
Es sieht aus, als wenn Rafa eine Fortsetzung unseres Gesprächs umgehen möchte. Vielleicht ahnt er, welche Frage ich ihm als Nächstes stellen wollte:
"Wie soll ich dich selbst zu meiner Party einladen, wenn du nicht mit mir redest und ich dich auch nicht anrufen darf?"
Ich möchte nicht herumstehen und warten, bis Rafa geht, ohne noch einmal mit mir zu sprechen. Als Macro "Operating Tracks" von Front 242 spielt, tanze ich. Ich tanze auch zu dem nächsten Stück, "Firestarter (empirion mix)" von Prodigy. Danach ist Rafa verschwunden, ebenso Aimée, India, Sten und das blonde Mädchen mit der Brille.
In der Nacht zum 20.01. hörte ich gegen viertel nach zwei einmal das Telefon klingeln und wachte davon auf. Ich war mir nicht sicher, ob es Traum oder Wirklichkeit war. Es war aber das Klingeln meines neuen Fernsprechers, den ich noch nicht lange habe, und wenn es ein Traum gewesen wäre, wäre es wahrscheinlicher, daß ich das Klingeln des alten Apparates gehört hätte.
Laut Aimée ist Rafa am Samstag einige Minuten eher als sie und Sten aus der "Halle" verschwunden. Mit wem Rafa fuhr und wohin genau, ist unklar.
Rafa soll gesagt haben, wenn Sten zu meiner Party ginge, würde er wohl auch hingehen. Ich glaube aber nicht, daß Rafa sich das traut.
Über das Internet habe ich mir Aces Moderation zu Rafas Version der "Moorsoldaten" ausdrucken lassen. Ace fand dieses Stück "anrührend", bemängelte jedoch, daß es wohl "keine W.E-CD ohne Peinlichkeiten" geben könne. Zu diesen Peinlichkeiten zählt Ace die "überflüssige" Coverversion von "Alle Jahre wieder". Mal meinte, endlich habe ihm das einmal gefallen, was Ace so im Radio sage.
Mal ist immer noch wütend auf Dolf, da dieser ihm 1993 die Idee für eine Coverversion von "Ganz in Weiß" abgeluchst haben soll. Ich frage mich, ob Rafa damals gewußt hat, daß Mal das Stück ebenfalls covern wollte.
Laut Mal hat der Chef eines Independent-Labels 1993 von Rafa verlangt, seinen Bandnamen zu ändern, da "Feindsender" ihm "zu sehr nach rechts" klang. Wie das Schicksal es so wollte, gibt es dieses Label inzwischen überhaupt nicht mehr, und Rafa ist längst bei einem anderen Label untergekommen, das ihm Kappa fast zeitgleich vermittelt hat und das sich an "Feindsender" vielleicht gar nicht stören würde. Das hieße, Rafa hat gewissermaßen umsonst seinen Bandnamen geändert.

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