Netvel: "Im Netz" - 27. Kapitel































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An einem sehr warmen Abend war ich mit Saara, Danielle und Klein Gwyneth in einem Eiscafé. Saara und ich hielten abwechselnd das Kind und gaben ihm die Flasche. Saara bot mir "Süße Sprüche" aus Fruchtgummi an und erzählte mir, daß sie "spruchsüchtig" sei; auch während ihres Urlaubs an der Nordsee habe sie immer Sprüche essen müssen.
Bei dem Stichwort "Nordsee" erinnerte sich Saara an den Sommer 1995. Damals kannte sie mich noch nicht. Sie hatte gerade ihre Liaison mit Kappa und war abends mit mehreren Leuten bei ihm zu Besuch. Später fuhr Saara Rafa nach Hause. Auf dem Weg fragte Rafa, ob sie mit ihm an die Nordsee fahren wolle. Das war eben die Frage, die Rafa mir einige Monate zuvor gestellt hatte, woraufhin er zu mir kam und wir wirklich losfuhren. Er schien das jetzt durch diese Frage an Saara ungeschehen machen zu wollen. Saara fuhr mit Rafa auch ein Stück weit in Richtung Nordsee. Unterwegs kamen sie an einem Tierpark vorbei, und Rafa schlug vor, daß man da einsteigen könne. Also kletterten sie über den Zaun und trafen auf der anderen Seite mehrere Vögel. Dabei ließen sie es bewenden; sie kletterten wieder zurück und fuhren zu Rafa nach Hause. Dort lieh Rafa Saara ein Nachthemd, das Kappa im Urlaub in Tunesien gekauft hatte. Als Saara das Nachthemd angezogen hatte, sagte Rafa zu ihr, sie würde wie ein Engel aussehen. Er wollte mit Saara kuscheln und wahrscheinlich auch noch mehr. Saara ließ ihn jedoch nicht an sich heran.
An einem Abend war ich mit Henk in einer Bar. Henk bestellte sich den härtesten Cocktail, den er kannte, "Long Island Ice Tea", was sich harmlos anhört, aber aus fünf Schnäpsen zusammengemixt wird, mit einem Schuß Cola. Man wird schon fast betrunken, wenn man nur daran riecht. Henk ist allerlei gewöhnt, doch diesen Cocktail schaffte er nur zur Hälfte.
Im "Cinnamon" schauten wir uns "Jurassic Park III" an, kurzweiliges "Popcorn-Kino". Henk bedankte sich dafür, daß ich ihn "mal 'rausschleppte".
Als unser Gespräch auf die Band Rosenstolz kam, betonte Henk, daß er die Gruppe nicht allzu gern mag.
"Vielleicht liegt das auch daran, daß ich mit dem Typen mal was hatte", überlegte er.
"Henk .... das war ja mal wieder klar ..."
"Du, da war der sechzehn."
Am Samstag wurde Elaine eingeschult. Merle, Constri, Zoë und ich begleiteten Elaine zum Einschulungsgottesdienst und zur Feier in der Schule. Vor der Kirche stand eine Tafel im Gras mit der Aufschrift "Mein erster Schultag". Wir ließen Elaine dort fotografieren, mit Ranzen auf dem Rücken und Schultüte im Arm. Solche Fotos haben Constri und ich uns bei unserer Einschulung auch gewünscht, aber nicht bekommen.
Auf dem Weg zur Schule kamen wir an einem Oldtimer-Leichenwagen vorbei. Wir fotografierten Elaine vor dem Leichenwagen, sie posierte mit ihrer Schultüte.
"Die einen kommen, die anderen gehen", soll das Bild vermitteln.
Nachmittags war es daheim bei Merle gar nicht mehr feierlich. Die Verwandten, die Elaine nicht zu ihrer Einschulung begleitet hatten - darunter auch Tante und Oma - erschienen nun, setzten sich auf Merles Sofa und betranken sich mit Bier und Wein; die Getränke hatten sie sich zum Teil gleich mitgebracht. Gefragt wurde nicht, ob Elaine das recht war. Ich fand es unangebracht, sich nachmittags auf einem Kinderfest zu betrinken. Elaine zog sich zurück und spielte mit Griseldis im Kinderzimmer.
Nachts im "Radiostern" trat ein Musiker mit seinem Projekt Nebukadnezar auf. Er stellte sich an die Regler und legte auf wie ein DJ, nur daß es sich eigentlich um eine Live-Performance handelte. Die Musik war elektronisch, rhythmisch, nah am Techno und sehr tanzbar. Im Grunde bestand der Beifall für Nebukadnezar darin, daß das Publikum tanzte. Die meisten Gäste schienen nicht zu wissen, daß es sich um einen Live-Auftritt handelte, nichtsdestoweniger kam Nebukadnezar gut an.
Es liefen noch mehr Techno-Stücke, darunter "10 kleine Bassdrums" von Warmduscher.
Am Mittwoch erfuhr ich im "Zone", daß Rafa am vergangenen Mittwoch dort gewesen war, während ich im "Fractal" war.
"So ist das", seufzte ich, "da gehe ich ausnahmesweise mal nicht ins 'Zone', und ausgerechnet dann geht Rafa ins 'Zone' ... und ich sehe ihn doch so selten ..."
Les erzählte, Rafa sei mit Dolf im "Zone" gewesen. Die beiden seien nur kurz zu Les ans DJ-Pult gekommen, um sich den neuen Titel von Human League, der gerade lief, gleich noch einmal zu wünschen. Les erklärte ihnen, daß er einen Titel nicht einfach noch ein zweites Mal spielen könne.
Daß er am letzten Mittwoch drei Stücke von Rafa innerhalb eines kurzen Zeitraums spielte, erklärte Les so:
"Ich spiele immer drei Stücke von W.E, und da habe ich sie eben alle kurz hintereinander gespielt, damit die das auch mitkriegen."
Am Mittwoch darauf war ich mit Cyra im "Fractal". Es gefiel mir ebenso gut wie beim letzten Mal, und ich war die meiste Zeit auf der Tanzfläche. Cyra war mit Denny im "Fractal". Mit ihrem jetzigen Freund laufe es gar nicht, erzählte Cyra niedergeschlagen. Was sie freut, sind die vielen E-Mails, die sie von Hal bekommt.
"Ich will mit Hal nichts anfangen", meinte Cyra. "Erstens ist er Musiker, zweitens ist er nicht mein Typ, und drittens ist mir die Freundschaft mit ihm zu wichtig. Wenn wir zusammenwären, und das ginge auseinander, wäre sehr wahrscheinlich auch die Freundschaft kaputt."
Cyra nimmt an, daß Liaisons zwischen DJ's und Musikern unter einen schlechten Stern stehen.
Am Samstag wurde Elaine eingeschult. Merle, Constri, Zoë und ich begleiteten Elaine zum Einschulungsgottesdienst und zur Feier in der Schule. Vor der Kirche stand eine Tafel im Gras mit der Aufschrift "Mein erster Schultag". Wir ließen Elaine dort fotografieren, mit Ranzen auf dem Rücken und Schultüte im Arm. Solche Fotos haben Constri und ich uns bei unserer Einschulung auch gewünscht, aber nicht bekommen.
Auf dem Weg zur Schule kamen wir an einem Oldtimer-Leichenwagen vorbei. Wir fotografierten Elaine vor dem Leichenwagen, sie posierte mit ihrer Schultüte.
"Die einen kommen, die anderen gehen", soll das Bild vermitteln.
Nachmittags war es daheim bei Merle gar nicht mehr feierlich. Die Verwandten, die Elaine nicht zu ihrer Einschulung begleitet hatten - darunter auch Tante und Oma - erschienen nun, setzten sich auf Merles Sofa und betranken sich mit Bier und Wein; die Getränke hatten sie sich zum Teil gleich mitgebracht. Gefragt wurde nicht, ob Elaine das recht war. Ich fand es unangebracht, sich nachmittags auf einem Kinderfest zu betrinken. Elaine zog sich zurück und spielte mit Griseldis im Kinderzimmer.
Nachts im "Radiostern" trat ein Musiker mit seinem Projekt Nebukadnezar auf. Er stellte sich an die Regler und legte auf wie ein DJ, nur daß es sich eigentlich um eine Live-Performance handelte. Die Musik war elektronisch, rhythmisch, nah am Techno und sehr tanzbar. Im Grunde bestand der Beifall für Nebukadnezar darin, daß das Publikum tanzte. Die meisten Gäste schienen nicht zu wissen, daß es sich um einen Live-Auftritt handelte, nichtsdestoweniger kam Nebukadnezar gut an.
Es liefen noch mehr Techno-Stücke, darunter "10 kleine Bassdrums" von Warmduscher.
Am Mittwoch erfuhr ich im "Zone", daß Rafa am vergangenen Mittwoch dort gewesen war, während ich mit Cyra im "Fractal" war.
"So ist das", seufzte ich, "da gehe ich ausnahmesweise mal nicht ins 'Zone', und ausgerechnet dann geht Rafa ins 'Zone' ... und ich sehe ihn doch so selten ..."
Les erzählte, Rafa sei mit Dolf im "Zone" gewesen. Die beiden seien nur kurz zu Les ans DJ-Pult gekommen, um sich den neuen Titel von Human League, der gerade lief, gleich noch einmal zu wünschen. Les erklärte ihnen, daß er einen Titel nicht einfach noch ein zweites Mal spielen könne.
Daß er am letzten Mittwoch drei Stücke von Rafa innerhalb eines kurzen Zeitraums spielte, erklärte Les so:
"Ich spiele immer drei Stücke von W.E, und da habe ich sie eben alle kurz hintereinander gespielt, damit die das auch mitkriegen."
Sarolyn war am vergangenen Mittwoch ebenfalls im "Zone" und hat Rafa dort gesehen. Rafa habe längere Zeit allein an einer Bar gestanden. Er habe die graue Jacke mit den Schnörkeln angehabt, und sowohl er als auch Dolf hätten keine Brillen getragen. Als Rafa und Dolf an Sarolyn vorbeigegangen seien, habe Rafa sich weggedreht, Dolf habe zu Sarolyn "Hallo" gesagt.
Zoë jobbt bei "Cages & Chains", dem Underground-Modegeschäft, dessen Inhaber mit Sarolyns Schwester verheiratet ist. Zoë hat erzählt, daß Rafa vor Kurzem mit Berenice bei "Cages & Chains" war. Sie suchte sich Schuhe aus. Er gab ihr 100,- DM dazu, und sie sagte:
"Dann bezahle ich die Vierzig."
Wahrscheinlich waren die 100,- DM ein Geburtstagsgeschenk für Berenice.
Ray hat erzählt, daß er kürzlich im "Lost Sounds" ein Gespräch belauscht hat, das Dolf mit einem Bekannten führte. Dolf soll gemeint haben, er stehe voll hinter W.E, doch immer nur dieser C64, das bringe es auch nicht mehr. Er habe Rafa schon Vorschläge gemacht, was für Musik man noch machen könne, doch Rafa habe alles abgelehnt. Er, Dolf, spiele schon mit dem Gedanken, aus der Band auszusteigen und etwas Eigenes zu machen, wenn Rafa auch weiterhin nichts Neues einfalle.
Seit Anfang Juli führe ich einen SMS-Austausch mit einem Verehrer, der mir in Kingston auf dem Klinikparkplatz einen Zettel an die Windschutzscheibe gesteckt hatte mit der Aufschrift:
"Habe dich gesehen und du gehst mir nicht aus dem Kopf. Wenn du magst melde dich doch per SMS."
Darunter stand seine Handynummer. Ich simste dem Verehrer:
"Betr. dein Zettel an meinem Scheibenwischer: Gehörst du zu Kingston oder kommst du nur so aus der Umgebung?"
"Freut mich, daß du dich meldest", antwortete der Verehrer. "Ich heiße Ian und arbeite in Kingston. Du bist Ärztin oder Psychologin?"
"Assistenzärztin. Ich heiße Hetty. Was arbeitest du denn?"
"Bin im Fahrdienst. Freut mich, daß du dich gemeldet hast, habe schon nicht mehr mit gerechnet."
Etwas später simste Ian:
"Hat eben ein bißchen gedauert, mußte mir erst schnell eine Karte besorgen, war leer. Ist doch nicht schlimm, daß ich im Haus arbeite, oder?"
"Nein, natürlich ist das nicht schlimm, ist vielmehr ganz egal. Bist du denn aus der Umgebung, oder kommst du auch von weiter weg, so wie ich?"
"Ich komme aus BS. Wir sind uns schon oft begegnet, ich weiß, wie du aussiehst, aber du kannst dich mir nur vorstellen. Bin 35 J. und blond."
"Ich wohne in H. und bin auch 35."
"Hättest du Lust, dich mal mit mir zu treffen? Mal ganz unverbindlich auf eine Tasse Kaffee."
Unverbindlich - damit war ich einverstanden. Freilich erzählte ich Ian von Rafa, als er sich erkundigte, ob es jemanden in meinem Leben gibt. Ich erklärte ihm, daß ich mit Rafa zwar nicht zusammenkomme, weil er es nicht will, daß es für mich aber keinen anderen Mann gibt. Ian konnte sich damit - wie zu erwarten - schlecht abfinden.
Das Treffen mit Ian kam trotz mehrerer Verabredungen bisher nicht zustande, und das lag nicht an mir, sondern an Ian, der die Verabredungen entweder nicht einhielt oder kurzfristig absagte. Allmählich gewann ich den Eindruck, daß Ian sich nicht traute, sich mit mir zu treffen. Er scheint allgemein den Hürden im Leben gern aus dem Weg zu gehen. Das Schwärmen per SMS scheint ihm hingegen leichtzufallen. In einer SMS schrieb er:
"Habe schon wieder von dir geträumt, in der FSK 18 Version!"
"Kommt öfter vor, daß Männer von mir so ein Zeug träumen", antwortete ich. "Ich nenne das 'Pin-Up-Girl-Phänomen'. Kaum sieht frau gut aus, haben die Männer gleich solche Träume."
"Ist das nicht so, wenn man sich zu jemandem hingezogen fühlt? So geht es mir zumindest. Nur dann kann ich auch so träumen."
Ende August, an Deons Geburtstag, hatte ich folgenden Traum:

Rafa, Henk und ich waren auf einer Veranstaltung in einer Halle, deren rückwärtiges Tor offenstand. Rafa war eifersüchtig wegen meiner engen Freundschaft mit Henk. Ich setzte mich mit Rafa auf eine Bank und erklärte ihm, welche einzigartige Beziehung zwischen Henk und mir besteht. Währenddessen lief Henk in einem hellgrünen Mantel vor uns auf dem Asphalt herum.
"Welche Bedeutung habe ich denn noch?" fragte Rafa.
Ich sagte ihm, daß er im Mittelpunkt meines Lebens steht. Ich zog ihn an mich und streichelte ihn. Rafa wehrte sich nicht, doch war er kurz darauf verschwunden. Ich war erstaunt, daß er sich überhaupt streicheln ließ. Berenice war bei dieser Veranstaltung nicht anwesend.

Henk und ich waren am Abend in BS. im Garten einer Bekannten von Deon. Dort fand Deons Geburtstagfeier statt, eine Grillparty. Ich machte Fotos und gab auch Deon die Kamera, damit er die ersten Bilder machen konnte, auf denen Henk und ich gemeinsam zu sehen waren. Für diese Bilder setzten Henk und ich uns auf eine Gartenbank.
Henk und Deon erfinden immer wieder neue Namen für mich. Sie nennen mich "Miss Sagrotan", "Digital Püppi" und "Kreppelinchen". "Miss Sagrotan" geht auf meinen Wunsch nach Sauberkeit zurück, "Digital Püppi" hat wohl mit meiner Vorliebe für elektronische Musik und Computer zu tun, und "Kreppelinchen" werde ich wohl genannt, weil ich mir wünsche, daß Henk mir die Haare kreppt, dann sitzen sie nämlich besser. Bisher hat er mir leider erst einmal die Haare gekreppt.
Anfang September waren Lisa, Ida, Constri und ich für fünf Tage auf einer Nordseeinsel. Im Wellenbad nahmen wir Ida mit auf die Wasserrutsche und auch mit in die Grotte, in der Wasser von der Decke rieselte. Ida gefiel besonders das runde Becken, in dem ein Wasserstrahl die Schwimmer ringsherum treibt. Mit ihren Schwimmflügeln bewegte sie sich beinahe so sicher wie ein Seepferdchen.
Ida sang viel, vor allem ihre eigene Version von "Im Märzen der Bauer":
"Die Ratten, die Ratten, die dürfen nicht ruh'n."
Sie hatte zwei Puppen mit auf die Reise genommen, die denselben Vornamen hatten und durch ihre Beschaffenheit unterschieden wurden, das waren die "weiche Heidi" und die "harte Heidi".
"So könnten auch zwei unterschiedlich 'harte' Damen in einem Domina-Bordell heißen", wisperte ich Constri zu.
In der Ferienwohnung hatten wir an einem Abend Käseplatte und Sanddornlikör. Constri und ich ließen uns in angeheitertem Zustand von Lisa fotografieren. Wir nannten unseren Zustand "Alkheimer".
Auf der Insel regnete es meistens. Im Inselwald, dem ehemaligen Rollfeld eines Militärflughafens, fanden wir hölzerne Hütten, so klein, daß nur Ida hineingehen konnte. Im vergangenen Jahr habe ich geträumt, ich hätte in jenem Wald 30.000,- DM versteckt. Das Geld fand ich leider nicht.
Am Samstag gab ich meine diesjährige Grillparty. Elaine wollte beim Springen in die Höhe gehoben werden, und weil sie mit ihren sechs Jahren kein leichter Brocken mehr ist, verwies ich sie an Derek. Derek hatte Elaine schon mit "Na, du Gartenzwerg?" begrüßt und erntete ein:
"Bin kein Gartenzwerg! Selber Gartenzwerg!"
Anerkennend meinte er da:
"Hast schon ganz schon viel gelernt in der ersten Klasse!"
"Trinkraupe!" rief Elaine, als Derek seine Bierbüchse hob.
Nun wollte sie, daß er ihr einen Dienst erwies, und sie traute sich nicht, ihn zu fragen. Ich schob sie zu ihm hin, und sie stemmte sich bühnenreif dagegen:
"Neiin! Neiin!"
Als er ihr einen neuen Spruch an den Kopf warf und sie konterte, leitete sie gleich über zu ihrer Frage:
"Derek? Kannst du mit mir hochspringen?"
Von da an belegte sie ihn mit Beschlag. Er mußte sie auch an den Füßen hochziehen und baumeln lassen. Als er schließlich meinte, er sei nun fertig, erwiderte sie:
"Ihr Männer werdet doch ganz stark?"
Als Derek auf einer Ruhepause bestand, fiel Elaine auf die Knie, faltete die Hände und rief:
"Bitte! Ich flehe dich an!"
Mitte September war ich im "Lost Sounds". Saverio bemerkte zu den Ereignissen um den Anschlag auf das World Trade Center:
"Die Amerikaner werden wieder eine Weile 'rumwüten in Turbanland, wie sie das früher schon getan haben. Und weil sie Bin Laden nicht finden werden, werden sie sich andere Leute suchen, die mit drinhängen, so viele, bis das Volk genug hat."
Er glaubt nicht, daß der dritte Weltkrieg droht.
Berit ist sicher, daß es Krieg geben wird. Auch Reesli ist davon überzeugt. Er meinte, er wolle sich jetzt amüsieren, so lange noch Zeit dafür sei. Dane empfahl, kein Buch mehr anzufangen, da man es vielleicht nicht mehr zuendelesen könne. Insgesamt glaubte etwa die Hälfte der Leute, die ich fragte, daß der Krieg noch auf sich warten lasse, wenn er denn überhaupt stattfinde.
"Im Fernsehen wird die Katastrophe immer wieder zur Selbstdarstellung benutzt", meinte Clara. "Alle wissen alles besser."
Talis hat erzählt, daß es im Internet ein Flugzeug gibt, das aufs WTC zufliegt, und dann biegen sich die beiden Türme auseinander, lassen das Flugzeug durch und biegen sich in ihre Ausgangsform zurück.
"Das geht anatomisch nicht", wußte Leander.
Am Telefon erzählte Saverio entrüstet, Ivo Fechtner behaupte, Saverio sei rechtsradikal.
"Ivo bringt das auch, mich mit Rechtsarmverklemmung zu grüßen", berichtete Saverio.
Durch meine Internet-Domain habe ich eine E-Mail-Bekanntschaft gewonnen, Shara aus EM., mit dem ich mich seit einigen Wochen angeregt "elektronisch unterhalte". Shara hat eine Band, die "New Trial" heißt. Eigentlich sollte sie "The Trial" heißen, doch so heißt schon eine andere, die ich selbst noch aus den frühen Neunzigern kenne. Shara hat einige Semester Orientalistik und Islamwissenschaften studiert und ist sehr besorgt wegen der Vorgänge in und um Afghanistan. Er habe nachts schlimme Alpträume. Daß Bin Laden gefunden wird, bezweifelt Shara.
Ted erzählte von Cyan. Cyan hat ein Verhältnis mit Ted, das schon bestand, bevor Cyan seine Frau Catherine kennenlernte. Ted beschreibt sein Verhältnis mit Cyan als "Spiel ohne Gefühle". Cyan ist so eifersüchtig auf Marvin, daß er schon auf Teds Geburtstagsfeier im letzten Jahr zu Constri sagte:
"Ich werde ihm Marvin ausreden. Marvin ist ebenso ein hundertprozentiger Hetero wie ich."
Als Constri das Ted erzählte, meinte Ted:
"Also, wenn Marvin ebenso hetero ist wie Cyan, steht einer Beziehung von Marvin und mir ja nichts mehr im Wege!"
Seit Marvin nicht mehr in Teds Firma arbeitet, haben Ted und Marvin fast keinen Kontakt mehr zueinander, und das liegt vor allem an Marvin, der den Kontakt zu Ted vermeidet.
Ted hat gegenwärtig auch zu Cyan keinen Kontakt. Er möchte Cyans Geburtstag zum Anlaß nehmen, sich wieder bei ihm zu melden.
In Teds Fabrikhalle haben wir Tanzaufnahmen gemacht. Ich erzählte Shara von dem Drehtag:

Der Dreh in der Fabrikhalle war lustig, vor allem das, was wir zum Schluß inszeniert haben (das hatte keinen künstlerischen Anspruch): Wir haben eine sogenannte "Springprozession" nachgeahmt (und keiner durfte lachen). Ein katholischer Kollege hatte mir in der Kantine erzählt, daß es tatsächlich Wallfahrer geben soll, die zu ihrem Wallfahrtsort pilgern, indem sie drei Schritte vorgehen und dann einen zurückspringen.

Shara mailte:

Das alte osmanische Mehter Heer hatte so einen Militärtanz, der recht kompliziert und eigenartig war (witzigerweise sieht der klassische Gruftitanz sehr ähnlich aus - sollte man glatt mal erforschen ;-) - war so ein wiegendes Vor und Zurück der Schritte. Im türkischen Volksmund wird das gerne verar...t, daß man dann sagt, daß das wieder so ein Mehtertanz wird, zwei Schritte vor, drei zurück ;-)

Auf dem größten Stadtfriedhof von H. gab es einen Tag der offenen Tür. Ich ging mit Merle und Elaine hin. Wir nahmen an einer Führung durch das alte Krematorium teil. Für Kinder gab es Maltische, wo sie Gräber und Grabsteine zeichneten. Und es gab einen Stand von einem Steinmetzbetrieb, wo Kinder Schutzbrille und Schürze bekamen und Steine behauen durften. Elaine machte eifrig mit. Es gab auch eine Ausstellung historischer Leichenwagen, und in der Friedhofskapelle wurden Kunstwerke gezeigt zum Thema "Tod und Abschied". Mir gefiel besonders eine Reihe von Piktogrammen, deren jedes eine Etappe im Leben eines Menschen darstellte.
Merle, Elaine und ich besuchten die Gräber von Dominik und von Merles Vater. Beide Gräber waren verwildert. Merle erinnerte sich daran, wie sie an einem kalten Wintertag Jägermeister auf das Grab ihres Vaters gießen wollte, "damit er war Warmes hat, davon hat er doch mehr als von Blumen". Als Merle die Flasche öffnete, griffen ihre Mutter und ihre Schwester danach und nahmen jede einen großen Schluck.
"Für Vater bleibt immer noch genug übrig", meinten sie. "Außerdem hat er im Leben schon genug getrunken."
Anfang Oktober hatte ich folgenden Traum:

Es war spätabends. Mit einem stillen, schüchternen Herrn, der mich verehrte, war ich in meinem Bad. Er saß auf dem Rand der Badewanne. Allmählich verwandelte er sich in Rafa, der immer noch still und schüchtern war. Er meinte, er müsse nach Hause. Im Flur, vor der Badtür, nahm ich Rafa in die Arme und fragte ihn:
"Und, du willst zu deiner Freundin?"
Er bestätigte das.
"Ich bin froh, daß ich nicht so feige bin", sagte ich nachdenklich, ohne von ihm abzulassen. "Ich bin froh, daß ich das nicht nötig habe. - Hast du eigentlich mitbekommen, wie deine Freundin mir fast das Abendkleid zerrissen hat?"
"Wann?" fragte Rafa aufhorchend.
"Im Juli im 'Exil'", erzählte ich. "Das war, als du mir diese schönen Vinylplatten gegeben hast, die ich beim Bingo gewonnen habe. Da bin ich doch erst so spät ins 'Exil' gekommen, erst gegen drei. Und da war auch keiner, den ich kannte und der nicht arbeiten mußte. In dem einen Raum warst du und mußtest arbeiten, und in dem anderen war Kappa und mußte auch arbeiten. Und da habe ich mich erstmal hinter eine Säule gestellt und wollte nachdenken. Ich habe mir gesagt, ich werde schon jemanden finden, mit dem ich mich unterhalten kann. Ich war gut zehn Meter weg vom DJ-Pult und habe dich auch nicht direkt angeguckt; sonst gucke ich dich ja andauernd an, wenn ich dich irgendwo sehe."
"Ach -?"
"Jedenfalls kam auf einmal deine Freundin auf mich zu und hat in einem schrillen, spitzen Ton gerufen:
'Hallo, Hetty!'
Und ich habe mich weggedreht, weil ich mit der nichts zu tun haben will. Und da ist die auf mich losgegangen und hat mir fast das Abendkleid zerrissen ... das hat nur gehalten, weil das so fest verarbeitet war. Und ich habe gedacht, jetzt muß ich etwas tun, ich will mir von der nicht das Abendkleid zerreißen lassen. Da wollte ich ihr eine fenstern, damit sie von mir abläßt. In dem Augenblick gibt sie mir das Minipiano ..."

Der Traum löste sich auf; wie es weiterging, erfuhr ich nicht.
Am Freitag fuhren Claire, Cal und ich nach AC. zum "Maschinenraum"-Festival. Wir hatten uns eine Ferienwohnung in der Innenstadt genommen und mußten nur zehn Minuten bis zu dem Bunker laufen, wo das Festival stattfand. Die Gäste hatten sich schön herausgeputzt; ich sah Phantasie-Kostüme aus Plastik, Lack und Stahl, gepolsterte Westen, Armschienen aus Metall, einen Springbrunnen aus Plastikschläuchen in einem rosafarbenen Kunsthaarzopf, Kleider aus einem Gitter aus schwarzen Gummistreifen, Lackoberteile mit Einsätzen aus stabiler Plastikfolie, Brillen mit wandernden Leuchtpunkten und vieles mehr. Ein Mädchen hatte sich die pinkfarbenen Zöpfe zu Schnecken hochgebunden und mit hellrosa Satinschleifchen verziert. Es trug einen hellrosa Flauschpullover und einen langen schwarzen Trägerrock mit Plastikschließen und Reflektorstreifen.
Etwa die Hälfte der Gäste sprach englisch. Es gab ein großes Merchandize mit vielen Raritäten und Neuerscheinungen, und hinten im Merchandize-Raum legten verschiedene DJ's auf. In der Menge liefen die Musiker herum. Das Lineup umfaßte einen Großteil dessen, was in der Industrieszene Rang und Namen hat, und dazu gab es noch vielversprechende Newcomer.
Die einzige Katastrophe war die Location selber. In dem verdreckten Bunker herrschte eine stickige Enge, die Temperaturen stiegen im Konzertraum auf mehr als dreißig Grad, und die Toiletten waren in einem Zustand, der beinahe die "Un-Klos" im "Jugendheim" in BI. in den Schatten stellte. Was die übrigens angeht, so wurde erzählt, daß es im "Jugendheim" tatsächlich eine "richtige" Toilette geben soll. Man muß dazu eine Treppe hinaufgehen, in einem versteckten Winkel. Davon wisse aber kaum jemand.
Das Besondere an den Latrinen im Bunker von AC. war übrigens, daß in jede Toilettentür ein rundes Loch gesägt war, das ungehinderte Einblicke erlaubte. Die Hälfte der Türen schloß nicht, ein Teil der Toiletten war überschwemmt, in einigen war die Spülung defekt, in anderen gab es erstaunliche Verschmutzungszustände ... und was alles im Waschtrog herumschwamm, entbehrt der Beschreibbarkeit.
Am Samstag sprach mich im Bunker ein großer Blonder mit ausrasierten Haaren an und stellte sich als Cyras Freund vor.
"Wir sind erst seit sieben Wochen zusammen", berichtete er.
"Ach, dann bist du schon wieder ein anderer?" war ich überrascht.
"Huch", kicherte er.
"Na, mit dem vorher war dann wohl im Sommer Schluß ...", vermutete ich. "Das lief wohl nicht."
"Cyra kenne ich schon seit zwei Jahren, vom Sehen", erzählte Cyras neuer Freund, der Trevor heißt. "Sie wirkte immer so unerreichbar."
"Und jetzt hat es gefunkt."
"Ja", freute sich Trevor.
Dirk I. traf ich auf dem Festival auch, wir begrüßten uns kurz. Cyra erzählte mir später, daß Dirk die Toiletten im Bunker ebenfalls mangelhaft fand. Cyra schaute sich ein Konzert von Depeche Mode an und war deshalb nicht bei dem Festival.
Aus dem "Zone" kenne ich ein Mädchen namens Zenza, das kunstvoll geflochtene blaue Haare trägt. Zenza hatte eine belastete Kindheit und zerschneidet sich manchmal die Arme. Sie desinfiziert ihre Arme anschließend und verbindet sie, damit es keine entstellenden Narben gibt. Zenza war mit ihrem Freund Vittorio bei "Maschinenraum". Vittorio habe ich während der drei Tage nur schwer betrunken erlebt.
Zenza erzählte, daß sie sich häufig mit Lysanne trifft, der Freundin von Ace. Lysanne näht die Kostüme für die Damen in Rafas Band. Dolf bringt ihr dazu Original-Schnitte aus den Fünfziger Jahren, und sie muß für geringe Entlohnung, die kaum mehr als eine Aufwandsentschädigung darstellt, die Damen einkleiden. Ich fragte Zenza, warum sie das tut.
"Sie braucht halt die Kohle", meinte Zenza.
Lysanne ist Autodidaktin. Für Zenza hat sie auch schon Ausgehgarderobe genäht.
Im Bunker traf ich Zenza, die ich aus dem "Zone" kenne. Sie trägt kunstvoll geflochtene blaue Haare. Sie hatte eine belastete Kindheit und zerschneidet sich manchmal die Arme. Sie desinfiziert ihre Arme anschließend und verbindet sie, damit es keine entstellenden Narben gibt. Zenza war mit ihrem Freund Vittorio bei "Maschinenraum". Vittorio habe ich während der drei Tage nur schwer betrunken erlebt.
Zenza erzählte, daß sie sich häufig mit Lysanne trifft, der Freundin von Ace. Lysanne näht die Kostüme für die Damen in Rafas Band. Dolf bringt ihr dazu Original-Schnitte aus den Fünfziger Jahren, und sie muß für geringe Entlohnung, die kaum mehr als eine Aufwandsentschädigung darstellt, die Damen einkleiden. Ich fragte Zenza, warum sie das tut.
"Sie braucht halt die Kohle", meinte Zenza.
Lysanne ist Autodidaktin. Für Zenza hat sie auch schon Ausgehgarderobe genäht.
Am Sonntag begann der Krieg in Afghanistan. Im Fernsehen wurde die Homepage eines Islamisten-Verbandes gezeigt, die hatte als Hintergrund-Sound islamische Gebetsgesänge und gleichzeitig Maschinengewehrsalven.
Ich ging erst abends zum Bunker, um mich nicht so lange dem Dreck und der Hitze auszusetzen. Vorher besichtigte ich den Dom und nahm an einer Führung teil. Wir bekamen den Karlsthron gezeigt, der aus Bruchmarmor zusammengeschraubt ist. Der Marmor galt als heilig, deshalb wurde er nicht weiter verziert. Vor einigen Jahrzehnten konnte man für ein paar Groschen noch auf dem über tausend Jahre alten Thron Platz nehmen.
"Heute würde man richtig Ärger kriegen, wenn man sich da draufsetzt", meinte die Führerin.
In AC. gibt es besondere Spezialitäten beim Bäcker, unter anderem Streuselbrötchen. Die finde ich so lecker, daß ich mich frage, wie ich in H. an Streuselbrötchen kommen kann. In BS. gibt es Zimtbrötchen als Spezialität, ebenfalls etwas, das mich begeistert.
Zu Rafas Internet-Präsenz gehört eine Bildergalerie, auf der sich überwiegend Konzertfotos befinden. Weil Rafa bei Konzerten regelmäßig sein Gesicht hinter einer Sonnenbrille versteckt und ein steifes Sakko trägt, gefallen mir diese Aufnahmen nicht besonders. Das letzte Bild in Rafas Galerie ist zugleich das einzige, auf dem er ohne Brille zu sehen ist. Im vergangenen Winter ist es in HD. aufgenommen worden. Rafa steht mit seinen Bandmitgliedern vor eintönig beige-grauen Häuserwänden, historischen Fassaden. Man kann die Kälte beinahe fühlen. Alle tragen schwarze Mäntel und Jacken. Die Bandmitglieder sind nicht für die Bühne zurechtgemacht und wirken deshalb natürlicher. Rafa steht hinter den drei anderen. Er sieht lebendig und echt aus ohne "Bühnenmaske", wie zum Anfassen nah. Ich habe das Bild ausgedruckt, die drei anderen Bandmitglieder weggeschnitten und sie durch graubeige Fassadenteile ersetzt. Mit schwarzem Papier und Kreide habe ich retuschiert und eine Verbindung aus Fotografie und Kunstwerk erstellt, wie ich es mit vielen Bildern von Rafa mache. Es sieht nun so aus, als würde Rafa allein vor den Häuserwänden stehen. In dem Bild rückt er dicht an mich heran, obwohl er in Wahrheit dicht hinter Berenice gestanden hat. Ich habe das Bild unter den Monitor meines Rechners gestellt und muß es immerzu angucken, als wenn ich dadurch erfahren könnte, was ich tun kann, um Rafa zu erreichen. Das ist die wichtige unerledigte Aufgabe meines Lebens. Ich finde keine Ruhe, solange sie nicht bewältigt ist.
An abstrakte schwarzweiße Kunstwerke aus schweren Formen und Linien erinnert mich das Bild. Die Situation ist abstrakt; es geht um eine Aufgabe, die gelöst werden muß, ohne daß der Weg zu sehen ist. Augenscheinlich gibt es keinen Weg, und die Aufgabe besteht darin, ihn dennoch zu finden.
Mit Deon war ich im "Restricted Area" in BS. Cyra erzählte mit leuchtenden Augen, daß sie nach einem Konzert von VNV Nation in HB. gemeinsam mit Hal am DJ-Pult stehen wird. Als ich Cyra von Rafas Bild erzählte, stöhnte sie, von dem solle ich bloß nicht anfangen.
"Ich mag den nicht", sagte sie über Rafa. "Der ist so von oben herab, so arrogant ... ich meine, ich bin auch auf gewisse Weise arrogant, aber er ist dabei auch noch so peinlich ...! - Ach, da fällt mir ein, ich muß noch Dolf anrufen."
"Weshalb mußt du ihn denn anrufen?"
"Die wollen wieder was mit mir machen."
"Ach ...!"
"Na, ich weiß aber noch nicht, aber vielleicht ..."
Als ich Osiris von dem Bild erzählte, auf dem Rafa ohne Sonnenbrille zu sehen ist, war er sehr erstaunt:
"Das gibt es? Rafa ohne Brille?"
Trevor kam im Laufe der Nacht auf mich zu und fragte, ob ich Cyra gesehen hätte.
"Die ist gerade damit beschäftigt, alle zu begrüßen, die sie hier kennt", wußte ich.
"Oh, dann bin ich wohl erstmal abgemeldet", seufzte Trevor.
"Am besten, du suchst dir selber einen Haufen Leute", riet ich.
"Aber ich habe Cyra jetzt mehrere Tage gar nicht gesehen", wandte er ein, "und jetzt könnten wir doch wenigstens hier mal ..."
Cyra sehnt sich einerseits nach einem Freund, der sich viel um sie kümmert, andererseits hat sie selbst fast keine Zeit, um sich um ihn zu kümmern. Am besten ist es wohl, sie hat einen Freund, der auch wenig Zeit hat, dann ist es ausgewogen.
Kurz bevor kein Federweißer mehr zu bekommen war, gab ich eine Party mit Zwiebelkuchen und Federweißer. In mein Party-Gästebuch malte Leander einen "Moses-Bausatz", mit dem man Moses zusammenbauen konnte, und als Titel schrieb er:
"Moses war ein Mehrteiler! (oder doch 'Meerteiler'?)"
Giulietta zeichnete ihre legendären Fische, und das inspirierte andere Gäste, das Szenario eines schwimmenden "Fische-Chores" zu entwerfen, den Gotthilf Fischer im Wasser stehend dirigiert. In der Nähe sieht man Haifischflossen.
"Hilfe Haie Herr Fischer!" ruft ein Badegast.
Die Fische singen:
"Hoch auf dem gelben Meere und Herr Fischer vorn.
Kommen die lieben Haie und fressen ihn gleich auf."
"So, jetzt mal genug hier mit Fischen!" schrieb Revil. "Fisch riecht eklig und schmeckt nicht!"
Giulietta schrieb:
"Kein Mensch hat behauptet, daß Fische gegessen werden sollen!!! Lebendige Fische sind sauber und riechen gut!!!!!"
An einem warmen, strahlend sonnigen Oktobertag war ich mit Giulietta und Constri in BI. Zuerst gingen wir in unserem thailändischen Lieblingsrestaurant essen, die Suppe Tom Yam Gai und andere Köstlichkeiten. Danach sahen wir uns in der Kunsthalle eine Ausstellung über Frauen im Surrealismus an. Ein Bild namens "Die Spitzenprozession" von Paul Delvaux zeigt Frauen in langen, schmalen Spitzenkleidern, die zu einem Triumphbogen schreiten, vom Betrachter weg. Sie halten die Hände vor sich, als würden sie Tabletts tragen. Zwei Frauen, die mich vor dem Bild sahen, meinten, ich würde eigentlich dort hineingehören. Ein paar Schritte weiter, und ich sei in dem Bild versunken.
"Das wußten Sie, nicht?" meinte eine. "Sie haben sich bestimmt für das Bild so angezogen?"
"Nein, das wußte ich nicht."
"Das paßt aber auch genau, diese filigranen Muster und die hohe Taille."
Ich schaute an mir herunter. Ich war ganz in Hellgrau gekleidet. Über dem schmalen, hochgeschlossenen Oberteil trug ich ein sehr kurzes Jäckchen, fein und durchsichtig gestrickt, das vorn mit einer Satinschleife geschlossen wird. Der lange, in der Taille fest geschnürte Rock hat ein zierliches schwarzes Rankenmuster. Verglichen mit den herrschenden Moderichtungen kann diese Garderobe tatsächlich wie eine Kostümierung wirken.
Unten in der Kunsthalle gab es Bücher und Karten. Wir entdeckten Kitschpostkarten mit sakralen Motiven und Tiermotiven. Diese Karten haben eine Plastikbeschichtung, die sie changieren lassen kann und Dreidimensionalität vortäuschen kann, ja sogar zwei Motive auf einer Karte zeigen kann, wenn man sie hin- und herwendet. In den Siebziger Jahren war diese Art vom Kitschpostkarten modern. Für Derek kaufte ich eine Karte mit einer Nonne darauf. Die will ich ihm zum Geburtstag schenken, mit der Aufschrift:
"Herzliche Glückwünsche von Tante Gustl!"
Für Folter kauften wir eine Karte, auf der mit Schleifchen verzierte Königspudel zu sehen sind. Für mich kaufte ich eine Karte, die mal Maria, mal Jesus zeigt, je nachdem, wie man sie wendet.
In der Abendsonne stiegen wir zu der Burg hinauf, die gegenüber der Kunsthalle auf einem Hügel steht, wohl einstmals Teil der Befestigungsanlagen. Wir schauten ins weite Tal, während die Sonne unterging, und ich sagte, es sei so traurig, das ich so viel Schönes nie mit Rafa gemeinsam erleben kann. Ich kann nie mit ihm an einem Herbstabend zu einer Burg hinaufklettern oder an einem Wintertag durch HD. laufen.
"Dein freiwilliges Klosterleben finde ich so selbstzerstörerisch", meinte Constri.
"Ich finde das nicht selbstzerstörerisch", entgegnete ich. "Für mich ist das eine Form von Selbstschutz. Ich bin eben nicht für den Meistbietenden zu haben."
"Bei Rafa habe ich immer das Gefühl, daß es ihm in seinen Texten gar nicht wirklich um die Sachen geht, über die er singt", sagte Constri nachdenklich. "Der sucht nur etwas, womit er die Leute belehren kann."
Shara und ich führten unseren E-Mail-Austausch über Katastrophen und Kriege fort. Ich mailte:

Was mir noch zu den Toten in Manhattan einfällt, das ist, daß es in Ruanda etwa eine Million Tote gegeben hat durch ein Terrorregime, so etwa 1994, und das hat niemanden sonderlich tangiert. War ja auch "nur da irgendwo in Afrika oder so", das ist geografisch und kulturell so weit weg, daß man hier das Gefühl hat, es sei auf einem anderen Planeten passiert und würde einen nicht betreffen, ähnlich wie ein ausgebrannter Ameisenhaufen mit Millionen von toten Insekten. Daß das alles Menschen waren mit ihren persönlichen Schicksalen und Lebensgeschichten, rückt gar nicht an einen heran, zumal die Presseberichterstattung um solche Katastrophen nicht viel Aufhebens macht. Diesen Genoziden fehlt die Medienwirksamkeit, der "Horrorfilm-Effekt".

Shara mailte:

Dabei wäre der sicherlich geboten, hielte man die Kamera drauf.

Ich mailte:

Ich denke, es ist auch ein kollektives Weggucken angesichts der unvorstellbaren Grausamkeiten tagtäglich auf dem afrikanischen Kontinent. Leute, die auf der Straße verhungern, Betriebe, die Probleme kriegen, weil sich dauernd Arbeiter freinehmen, um ihre an AIDS verstorbenen Angehörigen zu begraben, das sind Zustände, die kann man sich hierzulande nicht vorstellen und verdrängt das lieber, aus Unsicherheit und Hilflosigkeit. Dieses Verdrängen ist auch ein Selbstschutz. Keiner kann mal so eben die Welt retten. Man muß sich ein Stück weit abgrenzen.

Shara mailte:

Eine der mich bewegenden Fragen ...

Über soziale Ungerechtigkeit mailte Shara:

Leider ist man hier nicht, was man kann, sondern was man ist. Außerdem wird die Gesellschaft und Wirtschaft auch immer ausbeuterischer, finde ich. Insofern hoffe ich echt auf eine Katharsis, die die Welt schleift und ändert.

Ich mailte zu dem Thema:

Der Traum von einer "Katharsis" erinnert mich an den Wunsch vieler Menschen, mit einem Schlag ins Paradies zurückkehren zu können. Sektengurus und politische Extremisten greifen diese kollektive Sehnsucht gerne auf, wenn sie auf Seelenfang gehen. Bisher haben jedoch alle Veränderungen, die in der Gesellschaft wirklich etwas vorangebracht haben, ganz allmählich und fast unmerklich stattgefunden. Es gibt kein "Patentrezept", es gibt nur viele multifaktorielle Entwicklungen, die sich auf unterschiedliche Weise beeinflussen ... es sei denn, man will nichts konstruieren, sondern nur zerstören. Zerstören war schon immer einfacher, als etwas aufzubauen. Ein Atomschlag wird die Welt auch sofort nachhaltig verändern, aber halt - zum Negativen. Hitler hat auch allen alles versprochen, und das Ergebnis waren über 20 Millionen Tote. Die Sonnentempler haben den sofortigen Einzug ins Paradies versprochen, und das Ergebnis war ein Massenselbstmord.
Nach dem 1. Weltkrieg schrieb Hans Carossa einen Roman über einen Arzt, der dafür sorgt, daß eine alleinstehende Mutter ihr Kind nicht abtreibt. Carossa war der Ansicht, daß nach allen großen Kriegen die Karten neu gemischt würden und daß sie so etwas wären wie eine große "Reinigung der Welt". Alles würde jetzt anders und besser werden, das Kinderkriegen würde sich lohnen. Was Carossa nicht ahnte, war, daß nur wenige Jahre später der größte Massenmord in der Geschichte Zentraleuropas stattfinden würde.
Ich denke, daß Kriege immer ein Super-GAU sind, dem vor allem die Wehrlosen und Unschuldigen zum Opfer fallen. Nicht etwa das Schlechte und Böse wird ausgetrieben, sondern Mitmenschlichkeit und Moral.

Shara philosophiert über die Gesellschaft und ihre Strukturen, und er zeigt eine recht pessimistische Weltsicht. Das erinnert mich an Rafa, der - ebenso wie Shara - noch nicht seine Nische in dieser Welt gefunden hat. Ich mailte an Shara:

Wer weiß, wenn du eines Tages einen Job hast, wo du gut verdienst, sieht die ganze Welt vielleicht auf einmal etwas freundlicher aus. Ich kann mich noch gut daran erinnern, welche Weltuntergangsphantasien ich als Teenager hatte, als meine Zunkunft noch nicht geklärt war und ich nie genügend Geld hatte. Damals hab ich geglaubt, daß man die Welt verbessern kann, indem man das Geld abschafft etc. Meine Schwester Constri und ich haben damals nach dem Heimkommen von der Disco regelmäßig in der Küche morgens um halb vier eine Kanne Kamillentee mit Milch getrunken, und das, was wir da zusammenphilosophiert haben, haben wir mit einem wasserfesten Edding an die Kühlschranktür geschrieben. Zuerst haben wir nur auf die Pinnwand geschrieben und dann darum herum, bis die ganze Kühlschranktür voll war. Meine Mutter fand das recht amüsant. Constri und ich finden das im Nachhinein auch recht amüsant.

Shara erzählte von seiner Kindheit:

Ich habe einiges erlebt. Ich wuchs im westlichen B. auf und bekam mit, wie Menschen an der Mauer erschossen wurden (meine ersten sechs Jahre lebte ich direkt an der Mauer, ich verstand immer nicht, warum die Wachen - auch auf "unserer" Seite - MG's hatten ...), und ich erlebte den Militärputsch in der Türkei und sollte mit 11 dort in den Knast usw. ...
Mit 16 bin ich von zu Hause ausgerissen und nie wieder zurückgekehrt. Mittlerweile sind alle tot.

Ich mailte:

In deiner Kindheit hattest du es wohl auch nicht gerade einfach. Wie war das damals mit dem Ausreißen? Wo dann alle gestorben sind?

Shara mailte:

Ich bin einfach gegangen. Ich komme aus einer ziemlich "hohen" Familie, und mein Vater ist ausgerastet, da meine erste Freundin eine kleine, dicke Iranerin (!) war. Das war dann zuviel für den Adel. Da gab's dann auf's Maul.
Tja, und dann ging ich. Nur war mein Vater so nett, ihrem Vater dann, so Orientale zu Orientale, zu stecken, daß, wenn seine Tochter nicht ihre dreckigen Finger vom Prinzen läßt, sie bald tot ist. Das zog dann natürlich. Es war Schluß, und dann ging's ab. War schon hart, daß das passierte, nachdem ich weg war von zu Hause, das kostete mich damals fast mein Leben.
Bei meinem Vater habe ich quasi seinen Tod zu Hause ermöglicht. Es nervt mich, daß er weg ist, da ich ihn nicht mehr zur Rede stellen kann. Andererseits war es sehr erlösend. Bei meiner Mutter jedoch war es fürchterlich deprimierend, da ich nach seinem Tod gehofft hatte, jetzt blüht sie nochmal auf. Sie hatte knapp 8 Jahre Krebs, und es knallte dann völlig unerwartet.

Shara war zwanzig, als sein Vater starb, und zweiundzwanzig, als seine Mutter starb. Zu seinen beiden Schwestern und seinem Bruder hat Shara keinen Kontakt mehr.
Shara möchte seinen sehr vermögenden Onkel nicht um Geld, Kredite oder Jobvermittlung bitten, da er sich mit dem Onkel nicht versteht.
Shara und ich unterhielten uns über totalitäre Systeme. Shara meint, die Anziehungskraft solcher Systeme liegt in der Einfachheit von scheinbaren Lösungen sozialer Mißstände.
Derek zeigte mir einen Zeitungsausschnitt über einen der jüngsten Skandale. Ein italienischer Winzer hat eine Edition "historischer Weine" im Sortiment, unter denen nicht nur "Mussolini-Wein" und "Stalin-Wein" zu finden sind, sondern auch "Führerwein", verziert mit einem Hitler-Bild. Da der Verkauf dieses Weins in Deutschland sogleich verboten wurde, prügeln sich die Rechtsradikalen und Skandalhungrigen bei ausländischen Händlern um dieses Produkt. Das treibt die Preise gewaltig in die Höhe. Stolz wirbt denn auch ein amerikanischer Händler im Internet:

If you can't live without a bottle of "Führerwein", look no further! We will sell you this unopened 0.75 liter bottle of the historic and tasty stuff for $200.00 delivered to any street address in the USA by Priority Mail. We can't sell it on eBay or it would probably bring $1000.00!

Constri hat die Aufnahmen von Teds Stahlwaage, die mit Kreide beschrieben wird, ähnlich einem Mosaik zu einem experimentellen Kunstwerk zusammengefügt. Man sieht auf neun Bildern die Stahlwaage, und auf jedem schreibe ich einen anderen Vers aus dem Requiem. Zum Schluß sieht man mich auf dem mittleren Bild auf der Stahlwaage liegen und langsam verschwinden. Der Film heißt "9,1". Constri nahm ihn mit zu "Stahlwerk" und gab ihn Rega, der ihn während der Veranstaltung mehrmals mit dem Beam zeigte. Darien findet Constris Arbeit vielversprechend.
Derek kam mit zu "Stahlwerk". Als er mich in meinem durchsichtigen silbergrauen Kostüm aus "Techno-Gewebe" sah, bemerkte er:
"Du siehst ja lustig aus!"
Constri meint, daß das als außergewöhnliches Kompliment zu werten ist.
Ted erzählte am Telefon, durch meinen Online-Roman "Im Netz" fühle er sich an seine eigene Geschichte erinnert. Er staunte darüber, wie detailreich ich unsere damaligen Treffen in Ht. beschrieben habe. Er hat bei Blanca und bei seinen Eltern einige Stunden im Internet die Geschichte gelesen.
"Ausdrucken kann man das nicht, sonst ist der Drucker leer", hatte Ted festgestellt.
Er möchte sich fürs Büro nun doch endlich einen Rechner kaufen. ISDN hat er schon.
Ted stellte durch das Lesen der Geschichte fest, daß zwischen Rafa und mir im Laufe der Jahre doch wesentlich mehr Kontakt bestanden hat, als er angenommen hatte.
"Wenn einer nicht weiß, was wirkliche Liebe ist", sagte Ted, "dann soll er die Geschichte lesen, dann weiß er es."
Anfang Dezember findet eine Gerichtsverhandlung statt, in der entschieden wird, ob Ted seinen Führerschein für einen Monat abgeben muß.
"Ich bin nie zu schnell gefahren", beteuerte Ted. "Das war jetzt das erste Mal."
"Haahaa, alles klar!" lachte ich. "Das wissen wir doch beide, daß du immer mit neunzig durch den Ort rast!"
Ted mußte nun auch lachen.
"Ich bin aber noch nie erwischt worden!" rief er.
Falls man ihm den Führerschein nicht wegnehme und ihn stattdessen zur Zahlung einer Summe von tausend Mark auffordere, sei ihm das eigentlich auch noch zuviel, für so eine "Bagatelle".
"Hast du das Rascheln nicht gehört?" fragte ich. "Du kannst froh sein, wenn du so billig davonkommst!"
"Das hat mein Anwalt auch gesagt."
"Der Richter tippt sich doch an die Stirn, wenn du dann noch am Feilschen bist."
Ich fragte Ted, was denn so schlimm daran sei, wenn er für einen Monat nicht fahren dürfe, wo doch seine Firma im selben Ort sei.
"Das Auto muß man einfach haben", fand Ted. "Ich bin Unternehmer."
"Ein Richter vom Bundesverfassungsgericht fährt immer mit dem Fahrrad zur Arbeit, das habe ich in einer Reportage gesehen."
"Ich - mit dem Fahrrad - wie sieht denn das aus?"
"Siehst du, du bist prestigesüchtig."
Ted kicherte.
"Das Auto ist für mich kein Prestigeobjekt", behauptete er.
"Ein hochgemotzter Honda-Sportwagen ist kein Prestigeobjekt, haha."
"Nein, das ist nur ein für mich gestaltetes Auto, das ist individuell angepaßt."
"He, ich bin auch prestigesüchtig. Mir ist auch nicht egal, was ich fahre. Und ich sage dir, du würdest auch nicht mit einem Fiat punto zur Arbeit fahren."
"Nein!"
"... obwohl das ein Auto ist."
"Also, Fiat punto und Fahrrad ... wo ist da so groß der Unterschied?"
Zu Allerheiligen feierten wir das fünfzehnjährige Jubiläum unseres traditionellen Friedhofsspaziergangs. Der Vollmond schien so hell, daß die Grabsteine und die Zweige der Bäume Schatten warfen. Es gab wieder viele rote Ewigkeitslichtchen zu sehen.
Im griechischen Restaurant waren wir zehn Gäste. Einige Gerichte teilten wir untereinander auf, so daß Teller und Salatblätter hin- und hergereicht wurden. Wir bestellten griechischen Mokka, serviert auf einem Metalltablett an Ketten. Constri und Sarolyn bewarfen sich mit Salz und Pfeffer.
Revil wußte einige aktuelle Witze:
"Wieviele Einwohner hat New York? - Acht Millionen und ein paar Zerquetschte."
... und ...
"Zwei Hochhaustürme unterhalten sich. Sagt der eine:
'Ich glaube, ich habe mich verliebt.'
'Woran merkst du das?'
'Ich habe Flugzeuge im Bauch.'"
In einer Satirezeitschrift gibt es schwarze Flugzeugaufkleber für Bürofensterscheiben, die verhindern sollen, daß ein Flugzeug aus Versehen gegen die Scheibe fliegt.
Am Samstag waren wir in HB. bei Rufus, der in seinen Geburtstag hineinfeierte. Zuerst besuchten wir Folter, der von mir ein Skelett im schwarzen Mantel bekam, das schaurig singen, mit den grünen Augen flackern und die Sense schwenken kann. Das habe ich in L. gekauft. Folter zeigte Constri eine DVD, mit der er Ray ärgern will. Angeblich erzählt Ray immer, daß er die härtesten Horrorfilme kennt und daß alles andere harmlos ist. Auf Folters neuer DVD soll nun ein so widerwärtiges Gemetzel zu sehen sein, daß sogar der abgehärtete Folter nur zehn Minuten davon anschauen konnte.
"Dem zeig' ich mal, was ein wirklich harter Horrorfilm ist", freute sich Folter.
Rufus bekam von Giulietta ein selbstgenähtes Piratenhemd aus edlem schwarzem Leinen, das er gleich anzog.
Das Buffet bei Rufus war wieder einmal ein Ereignis. Er hatte sogar Mandarinen mit schwarzen Kürbisgesichtern bemalt. Leider konnte ich weder essen noch trinken, weil mir schlecht war.
Rowena erzählte, sie liebe Ciril noch immer, auch nachdem sie sich von ihm getrennt hat. Marianna erzählte, daß Ciril nicht nur alkoholkrank, sondern auch seit Jahren schizophren sei und jetzt endlich in stationäre Behandlung gekommen sei. Die Wohnung sei verwahrlost. Ciril sehe nicht ein, weshalb er keinen Alkohol mehr trinken soll.
Sareth und Iolantha wohnen im selben Mietshaus wie Marianna. Ich erzählte Marianna, daß Sareth sich bei mir schon lange nicht mehr gemeldet hat. Auch von Dag habe ich jahrelang nichts mehr gehört. Dag soll nach wie vor abwechselnd Glücksspiel und Alkoholmißbrauch betreiben.
Marianna sollte Sareth und Iolantha von mir grüßen, und Sareth schrieb mir kurz darauf eine E-Mail. Wenn es sich ergibt, möchte er an einem unserer nächsten Treffen in HB. teilnehmen.

In einem Traum stand Rafa in meinem Badezimmer vor mir. Ich wollte ihn umarmen und streicheln. Er wehrte mich ab, als wollte er die Oberhand gewinnen, und sagte:
"Den Kuß hast du dir redlich verdient."
Er umarmte und küßte mich, und ich bemerkte:
"Du küßt sehr gut, Rafa."
Er wirkte etwas abwesend und begann langsam wieder, mich zu meiden.

Ein Traum handelte von einem Haus, ähnlich wie das Haus von Rafas Familie in SHG. Oben wohnten Rafa und Berenice, unten wohnte Rafas Mutter. Rafa und Berenice hielten sich häufig unten auf. An einem Abend verließen alle miteinander das Haus. Ich ging hinten auf den Hof zum Keller hinunter, schloß auf und ging durch die untere Wohnung. Es war eine konventionell eingerichtete Wohnung mit einem großen Fernseher. Das Licht brannte. Ich veränderte nichts, außer daß ich kurz den Fernseher anschaltete; dort lief eine Reportage. Rasch verschwand ich wieder aus der Wohnung. Ich fragte mich nachher, wozu das hatte dienen sollen; Rafa konnte ich dadurch doch nicht erreichen.

Dieser Traum erinnert mich an Rafas Domain, sein "Haus" im Internet. Ich kann durch die "Räume" laufen, erreiche Rafa aber nicht.

In einem weiteren, sehr kurzen Traum sah ich Rafa als blau gewandeten Samurai mit schwarzem Tuch um den Kopf und erhobenem Schwert über die Mattscheibe flimmern.

An Rafas Domain fällt mir auf, daß weder Berenice noch Kitty sich dort jemals zu Wort melden. Von Dolf liest man wenigstens hin und wieder einen Gästebucheintrag.
Fast täglich schreiben die Fans ihre Huldigungen in Rafas Online-Gästebuch. Einer scheint in Rafa den Beherrscher des Universums zu sehen:

Heute, die welt, Morgen, das Sonnesystem!

Ein Fan schrieb in Rafas Gästebuch, seine Freundin und er hätten bei einem von Rafas Konzerten das Glück gehabt, mit dem Sicherheitspersonal ganz dicht an der Band vorbeigehen zu können. Seine Freundin sei in Ohnmacht gefallen, wahrscheinlich wegen Dolf.
Zwischen den Lobgesängen taucht immer wieder die Frage nach dem nächsten Album auf, etwa so:

Es ist mal wieder allerhöchste Zeit, daß die genialste Band Europas ein Album für die sie liebenden Fans herausbringt. Ich bin der Gruppe zu großem Dank für die bisherigen Tonträger verpflichtet, doch das Album ist jetzt echt fällig. Ich habe Verständnis für die Kreativitätszeit, aber bitte, bitte, bitte beeilt euch. P.S: Vinyl wäre der materielle Orgasmus solcher Musik.

Bevor das Album erscheint, veröffentlicht Rafa eine MCD namens "Super 8". Die Titel der MCD hat er in seiner Domain bereits genannt. Ein Titel enthält Rafas Geburtstag; er lautet "11.01. Unendlichkeit". Unter "11" schrieb ich in Rafas Gästebuch:

"11.01. Unendlichkeit". Der 11.01. hat auch für mich eine besondere Bedeutung, weil ich an diesem Tag nie das tun kann, was ich will. Einmal nur hatte ich die Möglichkeit, und das ist über fünf Jahre her.

Ich nahm Bezug auf Rafas Geburtstag im Jahre 1996, den einzigen, an dem ich ihn besuchen konnte. Den Eintrag löschte Rafa sogleich.
Am ersten Mittwoch im November war ich mit Malda im "Zone". Bevor wir nach HF. aufbrachen, erzählte Malda, daß sie im vergangenen Sommer versucht hat, sich umzubringen, weil sie hoffte, dadurch in eine "andere Sphäre zu gelangen, wo ich das finde, was ich hier nicht finde". Sie habe geglaubt, daß sich in jener Sphäre ihre Wünsche erfüllten und ihr Dasein einen Sinn bekam.
Malda verabredete sich mit einer Achtzehnjährigen zum gemeinsamen Selbstmord. Sie telefonierten kurz vorher miteinander und legten fest, daß sie nun eine Flasche Hochprozentiges trinken wollten. Malda nahm überdies hundert Tabletten Rohypnol ein, die sie hinterm Bahnhof gekauft hatte. Von einem meiner Patienten in Ninyats Praxis wußte ich, daß man hinterm Bahnhof fünf Mark für eine Tablette Rohypnol bezahlt. Malda bestätigte das; sie habe für ihren Selbstmord eine Weile sparen müssen. Der Katze wollte sie auch eine Mischung aus Alkohol und Tabletten zu fressen geben, doch das Tier rührte sie nicht an. Malda spülte nun die Tabletten mit dem Hochprozentigen hinunter, schaffte aber nur die halbe Flasche, bis sich alles um sie zu drehen begann und sie ohnmächtig zu Boden sank. Sie hatte vorher einen Abschiedsbrief an Ivo Fechtner geschickt und war davon ausgegangen, daß er ihn erst mehrere Tage später erhalten würde, weil das Wochenende bevorstand. Er bekam den Brief aber schon am Tag nach ihrem Selbstmordversuch und rief die Polizei an. Die brach Maldas Wohnungstür auf und fand Malda bewußtlos im Flur auf dem Boden liegen. Sie hatte sich übergeben und war wie durch ein Wunder nicht erstickt. Malda wurde in der Psychiatrie behandelt und versicherte, sich nichts mehr antun zu wollen, so daß man sie nach fünf Tagen entließ.
Die Achtzehnjährige soll ebenfalls überlebt haben; sie soll nach der Alkoholvergiftung in ihrer Wohnung aufgewacht sein, ohne daß Angehörige oder Bekannte etwas von ihrem Selbstmordversuch erfuhren.
Malda erklärte, es sei dabei geblieben, daß sie sich nichts mehr antun wolle.
Malda ist "mutterseelenallein". Ihren Vater hat sie nie kennengelernt. Ihre jüngere Schwester ist geistig behindert, weil die Mutter während der Schwangerschaft Alkohol getrunken hat, und lebt in einem Behindertenheim. Die Mutter ist vor zwei Jahren an den Folgen ihrer Alkoholkrankheit gestorben. Sie wurde tot in ihrer Wohnung gefunden, in einem Sessel sitzend. Maldas einzige näherstehende Angehörige ist ihre Tante.

Ein Traum handelte von einer großen Mühle. Das Gebäude stand auf freiem Feld, neu, in nüchterner Architektur, angestrahlt von der goldenen Sonne. Dann kam es zu einer Mehlstaubexpolsion. Das Firmenlogo vorn auf dem Gebäude verschwamm, die Wände vibrierten. Durch die Druckwelle der Explosion gingen einige Fenster auf einer geschlossenen Station in Kingston zu Bruch. Ich befürchtete, daß selbstmordgefährdete Patienten durch die Fensteröffnungen entwichen. Berenice stand in meiner Nähe, jedoch ohne mich zu sehen. Sie erzählte am Telefon, wie sehr sie es verurteile, daß man Rafa auf einer geschlossenen Station eingesperrt habe. Das sei ganz gewiß nicht das Richtige für ihn. Rafa war dorthin gekommen, weil er Selbstmordabsichten geäußert hatte.

Die Mühle im Licht der Sonne könnte Rafas Bühnenkarriere versinnbildlichen. Wenn diese gefährdet ist, könnte das bei Rafa zu einem Gefühl schwerer Kränkung führen, vielleicht sogar zu Selbstmordgedanken. Der Traum könnte darauf hinweisen, daß Berenice die Gefahr für Rafa in einem solchen Fall nicht bewußt würde.
Carl hat Edna auf einer schwul-lesbischen Party im "Rohbau" getroffen. Edna scheint sich als lesbisch geoutet zu haben, und sie soll entspannter und zufriedener gewirkt haben als jemals vorher; sie soll sogar gelächelt haben. Ihre Trennung von Saverio war für Edna vermutlich ein Schritt auf ihrem Weg zur Selbstfindung.
Am Mittwoch fuhr ich ins "Zone". Die Straßen glitzerten im Rauhreif, es war aber nicht glatt. Auf der Hinfahrt sah ich eine Sternschnuppe abstürzen.
Durchs Fernsehen hatte ich erfahren, daß im "Zone" ein sechzehnjähriger Junge gefaßt worden war, der ein vierjähriges Mädchen aus einem Krankenhaus entführt und vergewaltigt hatte. Der Täter wurde im "Zone" erkannt und der Polizei übergeben. Les erzählte, daß es vielleicht einen Finderlohn geben werde. Vom "Zone" sei geplant, dieses Geld der Familie des mißbrauchten Kindes zukommen zu lassen.
Im Internet gibt es eine Homepage eines "W.E-SETI-Teams", das sich an der Erforschung außerirdischer Intelligenz beteiligen möchte. Rafa meldet sich auf dieser Homepage zu Wort mit Angabe der Phantasie-E-Mail-Adresse "werdaswohl@ist.de":

... und hier: 4*P3-733; 2*P3-500; 1*P3-600; 1*Duron900; 1*P2-350 ... ok, somit sind wir ja schon bei fast 13 -14 GHZ ... aber wie kommen wir damit auf diesen Schnitt???? Naja, vielleicht melden sich ja endlich mal die anderen anonymen W.E-Cruncher ...

Was auch immer mit "crunchen" gemeint ist, es geht jedenfalls um Computer.
Mitte November schrieb das "W.E-SETI-Team" in Rafas Gästebuch:

Gratulation zu über 30.000 Einträgen in diesem Gästebuch (ist doch 'ne schöne Zahl :-) und DANKE! an die Mitcruncher des W.E-SETI-Teams für mittlerweile sage und schreibe (über) 50.000 (!!) WUs!!! :-) WEITER SO!!! Das W.E-S.T. ist auf dem Weg zur Spitze!!

Unter "11" schrieb ich:

In dem Gästebuch befinden sich ungefähr 140 Einträge (eigene Einträge und gelöschte Einträge wären abzuziehen), betreffend die letzten vier Monate (ab dem 11.06.01 gerechnet). Auch vorher schon lag die Zahl der monatlichen Einträge ins Gästebuch etwa zwischen 30 und 50. Hochgerechnet auf das Jahr 2001 (ab Februar 2001) wären das insgesamt etwa 360 - 400 Gästebucheinträge. Im Januar 2001 war die Domain im Bau, so daß man auf das Gästebuch nicht zugreifen konnte.

Das "W.E-SETI-Team" antwortete:

Okay, okay ... Ich sehe schon, grobe Formfehler werden von der Seitenpolizei sofort geahndet ... ;-) Natürlich waren 30.000 "Ein"schläge ("Hits") auf dieser Seite gemeint! Normalerweise gilt: "Für Form und Schrift haftet der Stift!" ... aber hier?? Vielleicht: "Für die Fehlerkorrektur sorgt des Funkhaus' Tastatur!"

Valerien von Rafas Fanclub schrieb:

Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort ... :-) Greetinx

Ich schrieb unter "11":

Und Selbstkritik wird sofort belohnt. :-) Thanx

Rafa löschte am selben Tag alle diese Einträge, mit Ausnahme der Danksagung des "W.E-SETI-Teams" für angeblich 30.000 Gästebucheinträge. Ich schrieb am nächsten Tag unter "11":

Ist doch nicht so einfach, mit Kritik umzugehen ... und mit der Wahrheit ...

Rafa löschte diesen Eintrag auch sogleich, und das "W.E-SETI-Team" schrieb ein zustimmend-bedauerndes:

;-)

Sogar dieser Eintrag wurde von Rafa sogleich gelöscht, und wutentbrannt schrieb er unter "W.E-Seitenpolizei":

Sehr verehrte Betroffenen! Wir weisen Sie nochmals auf die Betitelung dieser Sektion und dessen Erklärung hin. Dies ist ein Gästebuch und KEINE Diskussionsrunde! Für komplexe Unterhaltungen stehen Ihnen hier "Die Themenbörse" und "Das Gespräch am Puls der Zeit" zur Verfügung, welche u. a. eben genau für solche Themen geschaffen wurden. Falls Sie nicht befugt sind, die Hörerclubsektion zu erreichen, bitten wir Sie, mit solchen Dingen nicht das Gästebuch zu belasten.
Hochachtungsvoll Die Seitenpolizei

Rafa scheint nicht bemerkt zu haben, daß es sich lediglich um die Korrektur eines Flüchtigkeitsfehlers handelte und nicht um eine Diskussion. Er hatte die Korrektur als Angriff gegen seine Person gedeutet. Die Danksagung für die angeblichen 30.000 Gästebucheinträge stand unverändert da, ohne daß Rafa diese korrigierte oder kommentierte.
Rafas Rechtschreibfehler korrigiere ich nur sehr selten, da die Bedeutung dessen, was er mitteilen möchte, in der Regel trotzdem erkennbar ist. Dieses Mal hätte Rafa im zweiten Satz statt "dessen" das Wort "deren" schreiben müssen. Das sagte ich ihm aber nicht.
Am nächsten Tag warf Rafa sein gesamtes Gästebuch aus dem Internet, so daß man es nicht mehr anwählen konnte.
Ich finde Rafas Aggressivität bemerkenswert. Er scheint seine Umwelt überwiegend als feindselig zu erleben; dies betrifft sogar seine eigene Mannschaft. Er hat Mitglieder seines "SETI-Teams" aus dem Gästebuch herauszensiert, weil sie meiner Kritik recht gaben.
Was Rafa zusätzlich aufgeregt haben kann, war der Umstand, daß seine Fans mich ("11") zunächst mit ihm verwechselten.
Rafa scheint sich immer mehr hinter seiner Überheblichkeit zu verbarrikadieren. Ich denke, am Ende steht hier nicht mehr die Explosion, sondern die Implosion. Rafa richtet den Leidensdruck nach innen. Keiner soll wissen, was in ihm vorgeht, keiner, keiner.
Ich vermute, in Rafas Weltsicht gibt es weder Liebe noch Treue noch Verläßlichkeit, deshalb wird all das, was ich ihm entgegenbringe, in den Staub getreten und verwünscht. Zuneigung wird in Feindseligkeit umgedeutet. Liebe wird als Haß verkannt.
Ich denke, Rafa merkt nicht, daß ich ihn liebe, und ich denke, man kann es ihm auch nicht vermitteln. Er wird davon ausgehen, daß ich ihm nur schaden will.
Am Anfang seines Online-Gästebuchs - im Februar dieses Jahres - hat Rafa geschrieben:

Bei eventuell auftretenden Verbesserungsvorschlägen oder von Ihnen erkannten Fehlern konsultieren Sie uns bitte unverzüglich.
Vergessen Sie nicht, daß diese Seite auch von Ihrer Mitarbeit lebt und Aktionen Ihrerseits erforderlich sind, um ein perfektes Produkt noch etwas zu perfektionieren.

Wenn man ihn beim Wort nimmt, wird man - wie im jetzigen Fall - einem Hagel von Aggressionen ausgesetzt. Vielleicht hat Rafa diese Zeilen auch längst vergessen.

In einem Traum führten Rafa und ich ein knisterndes Telefongespräch. Am nächsten Tag erzählte er mir am Telefon, daß er gleich nach dem Gespräch mit Berenice ins Bett gegangen sei.

So kann ich mir das von ihm vorstellen. Er gibt Berenice all das, was er mir nicht geben will, und vielleicht merkt sie, daß es sich eigentlich auch nicht an sie richtet.
Inzwischen steht Rafas Gästebuch wieder im Internet, unverändert, als wäre nichts gewesen.
Im "Lost Sounds" traf ich Ted und Cyan. Ted hat seinen Vorsatz wahrgemacht, sich wieder bei Cyan zu melden. Als Ted am Vortag zu Cyan und dessen Ehefrau Catherine gekommen war, hatte Catherine sich bei Ted ausführlich danach erkundigt, wie zwei Männer das denn so miteinander machen. Ted nannte ihr Beispiele, die sich alle schon in dieser Form zwischen Cyan und ihm abgespielt haben. Währenddessen verstummte Cyan unauffällig. Ted nimmt an, daß Catherine insgeheim längst die Neigung ihres Mannes erkannt hat.
Cyan sagte zu mir, Marvin sei ein "absoluter Hetero". Ich schüttelte den Kopf.
"Aber er hat es doch gesagt", hielt Cyan dagegen. "Und ich kann doch nicht mehr als fragen."
"Man kann sehr wohl mehr als fragen", meinte ich. "Man kann beobachten. Und Beobachtungen sagen oft mehr aus als Worte."
"Ach - du meinst, Marvin schämt sich ...?"
"Ja, das ist so. Der schämt sich. Es ist halt nicht so einfach mit dem Coming out ..."
Cyan erzählte mir, daß er damals, als ich Ted im "Elizium" kennenlernte, versucht habe, Ted und mich zu verkuppeln. Er meinte, zwei so ausgefallene Persönlichkeiten müßten doch gut zueinander passen.
"Ted und ich sind sehr gute Freunde", sagte ich. "Es war ein gutes Werk von dir."
"Also wenigstens gute Freunde ..."
Im "Lost Sounds" gab es mehr Musik für Ted und mich zum Tanzen, als ich angenommen hatte, darunter "Sie sind nicht grün (Suicide Commando Remix)" von Pierrepoint, "Vorschriftsmäßig tot" von A.C. Leuchter und "Sundown" von den Overlords.
Ein Junge namens Amon sprach mich an und fragte mich, aus welchem Stoff mein langer durchsichtiger Rock gemacht sei. Ich sagte ihm, daß es ein feiner Tüll ist und daß ich den Rock in L. gekauft habe, von einer Schneiderin.
"Das habe ich mir gedacht, daß der nicht von der Stange ist", meinte Amon.
"Für Kleider gebe ich immer viel Geld aus", sagte ich.
"Für irgendwas muß Geld ja gut sein."
"Ja, für irgendwas muß es gut sein."
"Einmal habe ich dich auch im Gegenlicht gesehen", erzählte Amon, "und da konnte man sehen, daß der Rock doch ziemlich durchsichtig ist. Und ich bin auch nur ein Mann. - Entschuldige, daß ich so einen Blödsinn rede."
"Das ist kein Blödsinn. Für mich ist das von wichtiger Bedeutung, wie das auf wen wirkt. Ich meine, du weißt ja, dies hier ist ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Jeder will hier eine bestimmte Rolle spielen, und da fragt man sich, ob man mit dieser Rolle auch so 'rüberkommt, wie man sich das ausgerechnet hat. Das ist ein Kostümfest und dient der Selbstdarstellung. Vorhin war ich bei einer Bauchtanz-Veranstaltung, und da hatten die auch lange Röcke an, und ich dachte mir, jetzt ziehe ich auch mal einen langen Rock an."
"Na, Bauchtanz, das ist aber noch eine ganz andere Truppe."
"Das ist richtig."
Clara wollte wissen, weshalb es mir immer nur "einigermaßen" geht und nie "gut".
"Das geht nicht, weil mein größter Wunsch sich nicht erfüllt hat", erklärte ich.
"Und was ist dein größter Wunsch?"
"Mit Rafa eine Familie haben."
"Ohh ... man sollte sein Lebensglück doch nicht von einem Mann abhängig machen."
"Es ist aber. Es ist."
"Na, für dich vielleicht, aber doch nicht für jeden."
Berit hat im Sommer ihre Prüfung bestanden und ist jetzt gelernte Floristin. Sie erzählte mir, daß sie eine Stelle gefunden hat. Der Anfang ihres Berufsalltags wird davon überschattet, daß Berit zwei Wochen vor ihrer Abschlußprüfung von der unheilbaren Krankheit ihrer Schwester erfahren hat. Berits Schwester ist dreiunddreißig Jahre alt, acht Jahre älter als Berit. Sie hatte im Sommer Kopfschmerzen, ein Computertomogramm wurde gemacht, und man entdeckte einen Gehirntumor. Es soll noch nicht sicher sein, wie bösartig der Tumor ist, so daß man noch nicht weiß, ob Berits Schwester in einem halben Jahr oder erst in vier bis fünf Jahren sterben wird. Sie hat Zwillinge, die erst zwei Jahre alt sind und die ihre Mutter nun früh verlieren werden. Berits Schwester ist unzureichend aufgeklärt, weil die Angehörigen das so wollten. Hier betritt man eine schon bekannte juristische Grauzone. Jeder Patient hat das Recht auf lückenlose Aufklärung, doch die Wirklichkeit sieht oft anders aus.
Malda wollte zwischen mir und Ivo Fechtner vermitteln. Sie gab wiederholt ihrem Wunsch Ausdruck, daß Ivo Fechtner und ich uns wieder vertragen.
"Das will ich gar nicht", entgegnete ich. "Ich will nur, daß der mich in Ruhe läßt. Wer über mich solche Lügengeschichten verbreitet, mit dem will ich nichts zu tun haben."
Velvet machte Ted das Angebot, daß er sich mit ihr und ihrem Freund zu einem "Dreier" treffen könnte, am besten noch heute nacht. Ted fand Velvet sehr aufdringlich. Er erzählte mir später, er habe Velvet regelrecht wegschicken müssen, ehe sie aufhörte, ihm ihre Angebote zu unterbreiten.
Am Sonntagnachmittag kam Ted zu mir, auch Constri war da. Wir tranken miteinander Kakao. Ted betonte, sein Auto sei gewiß kein Statussymbol. Er erzählte von seiner Verkehrssünde. So schnell sei er gar nicht gefahren, weil er noch abgebremst habe; ursprünglich sei er innerhalb der Ortschaft, wo siebzig Stundenkilometer erlaubt waren, hundertdreißig Stundenkilometer gefahren. Gelasert habe man ihn dann mit hundertsechs Stundenkilometern.
Ted spielte durch, was er sagen würde, wenn der Richter ihn auf seine Fahrweise anspräche:
"Ich bin vorher noch nie zu schnell gefahren und erwischt worden."
Sein Anwalt soll ihm mitgeteilt haben:
"Ich vertrete dich nur, wenn du vor Gericht den Mund hältst."
Ich bin mir nicht sicher, ob Ted das schafft.
Ted erinnerte sich daran, wie er vor elf Jahren Marvin kennengelernt hat. Marvin war fünfzehn Jahre alt und ging noch zur Schule. Ted arbeitete als Karatelehrer. Marvin hatte Ted schon öfter gesehen und sich gedacht, daß das ein imposanter Typ sei. Dann nahm Marvin Karateunterricht und lernte Ted näher kennen. Marvins Vater bat Ted, sich um "den Kleinen" besonders zu kümmern. Das tat dieser auch, und er verbrachte so viel Zeit mit Marvin, daß Teds andere Freunde sich schon beschwerten, weil sie zu kurz kamen. Zwischen Ted und Marvin hatte es gefunkt. Ted bekam Skrupel, weil Marvin noch so jung war. Es dauerte Jahre, bis er Marvin seine Verliebtheit gestehen konnte.
Mit Lana machte ich einen Ausflug nach Kingston. Ich zeigte ihr den verstaubten Dachboden und die Katakomben des Klinikaltbaus. Wir besichtigten den Dom, tranken Kakao im Domcafé und gingen über Wanderwege durch einen Wald an einem Bach entlang.
Ich erzählte Lana von einer gemauerten Feldscheune am Ortseingang. Dort hängen manchmal Bettlaken, auf die Botschaften gepinselt wurden, Heiratsanträge, Liebesschwüre oder auch ein wehmütiges:
"Es ist vorbei, vorbei, vorbei."
Lana war vor allem begeistert von dem romanischen Dom mit den berühmten Jagdreliefs draußen am Chor. Drinnen gab es ein Gästebuch, Opferlichte zum Anzünden und eine Gebetwand, wo jeder seine Wünsche auf Zettel schreiben und mit Stecknadeln anheften konnte. Ein Kind hatte geschrieben:
"Lieber Gott, ich bitte dich, laß' den VFL WOB. gewinnen und Eintracht BS. absteigen."
Für jeden Fußballfan ist wichtig, daß der "eigene" Verein gewinnt. Was ich dabei vermisse, ist die Suche nach einer Entwicklung, die allen Beteiligten zum Besten dient. Was soll ein Fußballfan antworten, wenn man ihn fragt:
"Was wäre deiner Meinung nach ein dauerhaft wünschenswerter Zustand für alle Fußballvereine?"
Die Sportler hetzen von Sieg zu Sieg, sie dürfen niemals innehalten, sonst kommt unweigerlich der Abstieg. Diese Erlebenswelt ist mir zu düster. Ich spiele lieber nicht auf Konkurrenz, sondern auf einen Gewinn für alle Beteligten. Das führt längerfristig dazu, daß Ruhe und Stabilität einkehren.
Lana und ich kamen während unseres Spaziergangs auch auf alte Zeiten zu sprechen. Ich erzählte ihr von den Türstehern des "Nachtlicht". Lana erzählte zu meiner Überraschung, daß sie Lennart Brehler kennt. Er soll ein strammer Nazi sein, gewalttätig und asozial. Eben das hatte ich 1994 im "Nachtlicht" schon festgestellt.
Abends tranken Lana und ich bei ihr zu Hause Tee. Die kleine Raya sagt mit ihren eindreiviertel Jahren schon Sätze wie:
"Könnte ich das bitte haben?"
Raya ist zutraulich und wirkt fröhlich und lebenslustig. Sie quengelt gezielt, wenn sie etwas haben will oder der Meinung ist, daß ihre Mutter zurück ins Zimmer kommen soll.
"Du bist in der Trotzphase", sagte ich zu Raya. "Du bist gerade dabei, Objektrepräsentanzen aufzubauen."
Lana ist gespannt, wann Raya das Wort "Objektrepräsentanzen" aussprechen kann. "Sentanzen" kann sie schon sagen.
Lana gab mir noch einige "Bakterien" mit, die sie von einem Pharmareferenten bekommen hat. Das sind Aufkleber mit seltsam guckenden Figürchen.
Am nächsten Tag war ich in Kingston bei einem Vortrag über die Lösung komplexer Probleme. Nach einer neuen Studie lassen sich komplexe Probleme am besten bewältigen, wenn man in der Lage ist, sich nach seiner Intuition zu richten und nicht immer nur mühsam alle Eventualitäten durchrechnet.
Die meisten Sinnesreize werden unbewußt aufgenommen und verarbeitet, und die Ergebnisse stehen auch nur unbewußt zur Verfügung.
Nachmitttags fuhr ich mit Marie-Julia zum südöstlichen Stadtrand von BS. Wir stellten den Wagen beim Zentralfriedhof ab und gingen über eine hohe Eisenbahnbrücke. Die Herbstsonne ließ die goldenen Blätter der Birken und die weitverzweigten Gleisanlagen aufleuchten. Ich stellte mir vor, ich würde auf einen der etwa vierzig Meter hohen Laternenmaste klettern, die unter uns im Schotter standen:
"Da würde mir so schwindelig werden!"
Hinter den Schienensträngen lag in einem künstlichen Tal das südliche unfertige Ende der A39. Unter einer Brücke war die Autobahn noch asphaltiert, danach löste sie sich in Sandbergen auf. Im Sand fuhr ein Bagger herum, als wenn nun doch endlich die A39 weitergebaut werden soll.
Marie-Julia stieg neben der Brücke auf einem schmalen Band aus Pflastersteinen die Böschung hinunter. Ich fotografierte die leere Autobahn zwischen Ranken von Heckenrosen hindurch, die Hagebutten trugen. Marie-Julia und ich liefen unten herum auf der unfertigen Straße. Der laufende Verkehr wurde über eine Ausfahrt weggeleitet.
Diese Anschlußstelle war viel leichter zu erreichen als das Südende des Autobahnkreuzes, wo ich im Sommer mit Cyra war. Dafür wirkt das Südende des Autobahnkreuzes verwunschener und verlassener. Auf der Anschlußstelle in BS. waren schon viele vor uns herumgelaufen und hatten die Autobahnbrücke mit Graffiti verunziert.
Marie-Julia und ich gingen in ein Café gegenüber vom Zentralfriedhof, das vorwiegend von Trauerfeiern lebt. Ich erzählte Marie-Julia, daß ich vor fünfzehn Jahren zu Allerheiligen mit Henk und Deon eben hier vor dem Zentralfriedhof gestanden und die roten Ewigkeitslichtchen gesehen habe, daß es jedoch abends keinen Weg mehr hinein gab. Deshalb bin ich im nächsten Jahr mit Constri zu dem kleinen Friedhof in Awb. gegangen, wo es nur einen niedrigen Jägerzaun gibt und das Tor meistens auch nachts geöffnet ist.
Als es dunkelte, trafen sich in dem Friedhofscafé nach und nach die Trauernden, die sich um die Gräber ihrer Angehörigen gekümmert hatten. Sie unterhielten sich miteinander und mit der Kellnerin über die Verstorbenen. Auf diese Weise helfen der Friedhof und die in der Nähe gelegenen Cafés bei der Bewältigung von Verlusten und beim Aufbau neuer Kontakte.
Marie-Julia meinte, das werde schon etwas mit Rafa und mir. Weshalb sie das glaube, wisse sie nicht.
An Shara mailte ich über unfertige Autobahnteilstücke:

Das ist so etwas wie eine fremde Welt, weil man die Strecke erwandert, anstatt nur mit dem Auto dort entlangzufahren.
Wahrscheinlich hat sich meine Vorliebe für Autobahnen auch deshalb entwickelt, weil ich so viel Autobahn fahre. Als ich damals in der Hochschule gearbeitet habe, habe ich eine Vorliebe für Beton und Katakomben entwickelt; das hängt wohl damit zusammen, daß die Hochschule aus Beton besteht und ein weitverzweigtes Netz aus Katakomben hat.
Dennoch - wahrscheinlich sind in mir die Vorlieben für Beton, Stahldesign, graue Baustellenzäune und Industrial-Krach schon von vornherein angelegt.

Im "Zone" erzählte mir einer der Türsteher, daß er und ein Mitarbeiter von der Garderobe es gewesen seien, die den Kinderschänder von HF. erkannt hätten. Nach der Tat seien von der Polizei überall in HF. Phantombilder von dem mutmaßlichen Täter aufgehängt worden, auch im "Zone". Der verdächtigte Jugendliche sei freitags ins "Zone" gekommen, ohne sein Aussehen verändert zu haben. Der Türsteher habe den Jugendlichen angesprochen und ihn mit ins Büro genommen; von dort habe er die Polizei verständigt. Der Jugendliche sei nach Drogen durchsucht worden, habe aber keine bei sich gehabt. Dennoch habe er gezittert und gestammelt wie jemand, der ein schlechtes Gewissen hat. Er habe fast kein Wort herausbekommen. Die Polizei habe ihn mitgenommen, und er habe nicht versucht, zu entwischen. Nach zwei Verhörstagen soll er die Tat gestanden haben. Er soll zur Zeit in der Psychiatrie behandelt werden.
Die Fernsehsender sollen rasch im "Zone" erschienen sein; der Meistbietende habe das Interview bekommen. Ein Vertrag sei aufgesetzt worden. Das Geld - etwa 10.000,- DM - werde das "Zone" an die Familie des Opfers überweisen.
Mit Constri besuchte ich die Vernissage der Meisterschüler für Freie Kunst, zu denen auch Kyra gehört. Kyra war lange krank; inzwischen geht es ihr viel besser. Sie ist glücklich mit ihrem Freund Kim, den sie während ihrer Krankheit kennengelernt hat.
Sasa begrüßte mich, im eleganten schwarzen Hosenanzug. Sie gehört zu den Service-Mitarbeitern der Bank, die die Räume für die Vernissage zur Verfügung stellte. In Sasas Leben scheint Ordnung eingekehrt zu sein. Vorübergehend war sie in Australien bei ihrer Mutter, die vor zehn Jahren wegen ihres Lebensgefährten dorthin gezogen ist, den sie dort kennengelernt hat. Sasas Mutter hat mittlerweile in Australien eine Arbeitserlaubnis und ist berufstätig.
Sasa möchte eine Feier geben, weil sie seit zehn Jahren mit Keith befreundet ist. Zusammen war sie mit ihm nie, aber die Freundschaft hat durch alle Höhen und Tiefen gehalten. Für einige Zeit hatte sie kaum Kontakt zu Keith, weil dieser mit Lyssa zusammen war, einer Bekannten von Violet. Sasa kann sich noch an die Geburtstagsfeier von Violet vor vier Jahren erinnern, wo Lyssa besonders giftig und provokant auftrat; das habe auch ich mitbekommen. Zu jener Zeit soll Lyssa sogar gedroht haben, sie werde Sasa umbringen.
Ende November war ich mit Saara und Danielle im "Exil". Beide trugen schwarz-glitzernde Tops, schwarze Kajalstriche und kesse Steckfrisuren. Saara wagte es unter anderem deshalb, endlich wieder einmal auszugehen, weil Danielle mitkam. Seit Jahren traut Saara sich kaum noch in Discotheken, vielleicht aus Schüchternheit.
Ins "Exil" kam ein Trupp von rabaukenhaft wirkenden Jungs, ausstaffiert im nostalgischen "Rockabilly"-Stil. Das waren Danielles Freund Mike und seine Clique. Alle waren betrunken, weshalb Danielle sich nicht allzu lange mit ihnen befassen wollte.
Mike und Danielle wollen im nächsten Frühjahr heiraten, aber ganz sicher ist sich Danielle noch nicht.
Beatrice war mit Andras im "Exil". Sie möchte Andras heiraten, sobald die Scheidung von Miles erfolgt ist.
"Andras war echt geschockt, als ich Miles geheiratet habe", erzählte Beatrice. "Er hat das immer so abgetan. Er hat gemeint, das sage ich doch eh nur, um ihn zu ärgern. Daß ich Ernst machen würde, damit hat er nicht gerechnet."
Andras habe ihr inzwischen gesagt, weshalb er sie früher betrogen habe.
"Er konnte nicht anders", meinte Beatrice. "Ich habe so geklammert. Er durfte nie alleine weggehen, dann habe ich mich an seine Beine gehängt und geschrien, das könne er mir nicht antun. Und in der Ehe mit Miles habe ich dann gemerkt, wie es ist, wenn jemand an mir klammert. Der war genauso eifersüchtig wie ich, als ich mit Andras zusammen war. Und als ich mich von Miles getrennt habe, war das zwischen Andras und mir viel besser, ohne diese Zwänge."
Als Beatrice im Sommer 1996 mit Miles zusammenkam, kam Lessa mit Andras zusammen. Noch ehe Beatrice und Miles heirateten, war zwischen Lessa und Andras schon wieder Schluß. Lessa soll ihrer Beziehung mit Andras vor allem wegen ihrer eigenen Einsamkeit nachtrauern:
"In der Szene kenne ich fast keinen, aber alle kennen Andras, und so kenne ich dann auch welche."
Lessa hat es sich selbst mit vielen Freunden und Bekannten verscherzt.
"Die hat auch bei uns geklaut", erzählte Beatrice. "Eines Tages waren aus meinem Portemonnaie fünfzig Mark weg. Kurz darauf kam Lessa nach Hause und sagte, sie hätte eben vom Sozialamt fünfzig Mark bekommen."
Beatrice bat sie, zuzugeben, daß sie das Geld aus Beatrices Portemonnaie entwendet hatte. Lessa blieb jedoch bei der Lüge und meinte zur Güte, sie habe Beatrice auch etwas von "McGlutamat" mitgebracht.
"Ist ja toll", meinte da Beatrice, "daß ich für meine fünfzig Mark sogar noch was von 'McGlutamat' kriege."
Lucas war mit Sylvette im "Exil". Er kennt Sylvette schon länger und ist inzwischen mit ihr zusammen. Sylvette sagte mir, sie freue sich, weil Lucas keiner von diesen "Mädchensammlern" sei, die immer mit ihren Bettgeschichten angeben müssen. Ich nickte, weil auch ich Lucas als ehrlichen Menschen einschätze. Seine Schwäche ist die Schusseligkeit; er verliert häufig etwas und vergißt Verabredungen und Versprechen.
Anfang Dezember war ich bei Onno und Ray, wo es eine Party gab. Bertine hatte ihren neuen Freund Brandon mitgebracht, eine gutaussehende Eroberung. Ihre vorherige Beziehung ist vor einigen Wochen wie nebenbei zuendegegangen. Ein halbes Jahr hat sie gehalten.
Onno und Revil haben von dem preiswerten Hotel in L. erzählt, in dem sie zu Pfingsten übernachtet haben. Dort soll es drei Fünfbettzimmer geben und zwei Bäder.
"In dem einem Bad ist Onno, und die übrigen müssen sich das andere Bad teilen", sagte Revil.
Gegen ein Uhr fuhr ich Constri und Derek nach Hause. Im Treppenhaus alberte Derek herum und machte reichlich Lärm. Constri meinte, wenn Derek sich Albernheiten und Frechheiten ausdenke, könne man das in seinem Gesicht sehen.
"Genau, er verdreht dann immer auf so eine bestimmte Art die Augen", wußte ich. "Verdrehte braune Murmeln."
"Hast du gehört, Derek?" neckte ihn Constri. "Verdrehte braune Murmeln."
In einem unnachahmlichen Tonfall rief er:
"Ich tret' dir gleich in den A...!"
Als wir zu meinem Auto kamen, rief Derek:
"He, mach' endlich dein komisches Gefährt funktionsbereit!"
"Ich glaube, du bist nicht mehr funktionsbereit", sagte Constri freundlich.
Als wir im Auto saßen, rief Derek:
"He, gib endlich Gas, Mann!"
"Ich bin aber nicht der Gasmann", entgegnete ich.
Im "Read Only Memory" erzählte Edaín, ihr gehe es sehr gut. Während der gesamten Schwangerschaft sei es ihr gut gegangen. Sie glaube, daß ihr Kind ein Mädchen sei, auch wenn man es im Ultraschall nicht sicher erkennen könne. Es gebe ein Verfahren namens Kinesiologie, durch das man so etwas herausfinden könne.
Edaín fragte mich, wie es mir geht.
"Es kann mir nicht gut gehen", antwortete ich, "weil ich Rafa seit Juli nicht mehr gesehen habe und er immer noch mit seiner Alten zusammen ist."
"Erstmal ist seine 'Alte' seine Freundin", berichtigte Edaín. "Und zweitens liebt Rafa seine Freundin."
"Nein."
"Woher willst du das denn wissen?"
"So, wie ich die erlebt habe, passen sie und Rafa nicht zusammen."
"Darüber hatten wir ja schon mal geredet."
"Ja, das stimmt, ich kann mich gut erinnern."
"Sag' mal, du denkst wirklich immer noch an Rafa?"
"Ja, sicher, das ist doch selbstverständlich."
"Nein, also, das ist doch nicht wahr", staunte Edaín und schüttelte mich etwas. "Mensch, du bist so eine Hübsche, du bist so intelligent, du bist so eine tolle Frau, du kannst doch überall noch jemand anders finden."
"Für mich gibt es nur ihn."
"Aber das kann doch nicht angehen, daß du alleine bleibst, nur weil du nicht von Rafa loskommst."
"Was ich tue, plane ich nicht durch, sondern ich richte mich weitgehend nach meiner Intuition. Deshalb kann ich sagen, ich bin gespannt, was mir noch einfällt. Durch kreative Verarbeitung habe ich schon viele Probleme lösen können."
Edaín kennt meine Internet-Domain bereits. Ich erklärte, der Online-Roman "Im Netz" sei eine Möglichkeit für mich, scheinbar unlösbare Probleme kreativ umzusetzen, auf der Suche nach einer Lösung, die man mit Hilfe des analytischen Verstandes nicht finden könne. Ich erzählte von der Vorlesung über die Lösung komplexer Probleme, die ich im November besucht habe:
"Das Ergebnis der bisherigen Forschung war, daß es sinnvoll ist, sich bei der Lösung komplexer Probleme nach seiner Intuition zu richten."
"Ich habe mich vor Kurzem auch nach meiner Intuition gerichtet", erzählte Edaín. "Ich habe ein Stellenangebot bekommen, das war ein Traumjob, hier in H., das war fast zu gut, um wahr zu sein. Eine innere Stimme hat mir gesagt, ich soll das Angebot nicht annehmen und weiter in Bad H. arbeiten. Dafür habe ich mich dann auch entschieden. Und was war? Zwei Monate später machte die Firma dicht, die mir in H. dieses vielversprechende Angebot gemacht hatte ..."
"Das ist ja schon wie Hellsehen."
"Und sagt dir deine Intuition, daß es richtig ist, weiter auf Rafa zu hoffen?"
"Ja, sicher! Auf jeden Fall!"
"Wie lange kennst du Rafa?"
"Acht Jahre."
"In den letzten acht Jahren hat sich doch für dich nichts bewegt."
"Nein, da hat sich auch nichts bewegt."
"Also, du wirst doch nicht wegen Rafa dein Leben wegwerfen", sagte Edaín betroffen. "Das Leben ist so kurz."
"Das weiß ich."
"Dann geh' los und suche dir jemanden, der dich auch verdient hat."
"Rafa hat mich nicht verdient, aber ich liebe ihn."
"Es gibt unendlich viele Männer, die du auch lieben kannst."
"Nein."
"Doch", war Edaín sicher. "Du blockierst dich nur dafür. Du bist nicht offen dafür."
"Ich kenne viele Männer, die ich hübsch und sympathisch finde, aber ich liebe die nicht."
"Vor Kappa hatte ich mehrere Freunde, und die habe ich alle geliebt. Und ich weiß, wenn ich mit Kappa nicht mehr zusammen wäre, dann würde ich auch wieder jemand anderen finden, den ich lieben kann."
"Ich glaube dir, daß du Kappa wirklich liebst und daß du das Gefühl hast, den besten Partner der Welt zu haben. Ich glaube dir auch, daß du im Falle des Verlusts - daß er etwa stirbt - auch wieder jemanden finden wirst."
Sie nickte.
"Das ist bei dir so, und ich glaube dir das auch", fuhr ich fort. "Das ist bei vielen Menschen so, daß mehrere Partner zu ihnen passen. Bei mir ist es aber nicht so."
"Doch, bei dir ist es auch so. Unendlich viele passen zu einem."
"Nein. Das ist wie ein Gitter mit lauter Stahlstiften, die unterschiedlich weit herausschauen. Dadurch ergibt sich eine Morphologie, eine Oberfläche. Und jetzt stell' dir ein genaues Gegenstück vor. So ist das bei mir und Rafa. Es ist zu spezifisch. Es paßt zu genau, wie ein Puzzleteil in ein Puzzle. Das ist unwiederholbar. Das sind Details, die gibt es in dieser Form kein anderes Mal."
"Rafa ist ein männlicher und hübscher Mann", meinte Edaín. "Er hat viel Ausstrahlung und wirkt imposant. Er will aber nichts von dir wissen, sonst hätte er sich längst wieder bei dir gemeldet. Er interessiert sich ganz einfach nicht dafür, was aus dir wird. Du hast in seinem Leben keinerlei Bedeutung. Wenn mich jemand so mißachten würde, dann würde ich mich nie mehr um den kümmern. Wenn Kappa mich nicht achten würde, wäre ich weg. Und das weiß Kappa.
Rafa befindet sich nicht auf derselben Ebene wie du. Du kannst ihn nicht erreichen, du redest nicht von Mensch zu Mensch mit ihm. Er hat keinerlei Achtung vor deinen Gefühlen. Sonst wäre er doch wenigstens mal auf dich zugegangen und hätte mit dir geredet und dir in aller Deutlichkeit gesagt, daß das mit euch beiden nichts wird. Aber er kümmert sich ja überhaupt nicht um dich."
"Das stimmt, er kümmert sich nicht um mich."
"Und du willst einfach warten und warten, auf etwas, das nie passiert? Ich sehe dich immer nur alleine. Geh' doch mal los und suche dir jemanden, der dich glücklich macht."
"Ich würde nur mit Rafa glücklich werden."
"Das ist Unsinn."
"Nein."
"In Interviews werden manche Sachen geglättet, aber ich habe Rafa und Berenice schon oft privat gesehen, abseits von der Bühne, wo sie sich nicht verstellen müssen und nicht Heile Welt spielen müssen", erzählte Edaín. "Und ich sage dir, Rafa liebt diese Frau."
"Nein."
"Sagst du einfach so - 'nein'. Und ich sage dir - er liebt sie."
"Nein."
"Da kann man dann natürlich nichts mehr dazu sagen, wenn du etwas anderes glauben willst als das, was offensichtlich ist. Du kannst dir das natürlich immer einreden, um besser mit dem Verlust fertigzuwerden."
"Ich denke nicht, daß ich mir das einrede."
"Du steckst in einer Sackgasse fest."
"Rafa steckt beruflich in einer Sackgasse fest. Er will das aber nicht wahrhaben. Was ihm an seiner Wirklichkeit nicht gefällt, denkt er sich weg, und so baut er eine Scheinwelt auf. Sicher, wenn man im Interview Sachen glättet, ist das verständlich. Rafa hat aber darüber hinaus auch ungefragt Sachen erzählt, die weit weg waren von der Realität."
Eine solche "Beugung der Wirklichkeit" hat Edaín bisher bei ihm nicht bemerkt.
"Rafa sagt geradezu, was er denkt", ist Edaíns Eindruck. "Er ist in Ordnung."
Das steht in einem seltsamen Kontrast zu Kappas Meinung über Rafa:
"Der ist so fehlerhaft!"
"Vielleicht fühlst du dich in dem Loch, wo du sitzst, ganz wohl?" vermutete Edaín. "Vielleicht würde es dich verunsichern, wenn du aus dem Loch 'rauskommen würdest?"
"Rafa sitzt wirklich in einem Loch, einem Gefängnis, und er will sein Gefängnis nicht verlassen."
"Trete ich dir zu nahe?"
"Auf keinen Fall. Die Meinung anderer Menschen ist mir sehr wichtig. Und auf deine Meinung gebe ich viel, weil sie auf persönlicher Lebenserfahrung gründet und nicht nur angelesen ist."
"Doch, ich habe viel gelesen", gestand Edaín zu. "Und meine Ehe hat mich verändert. Kappa und ich haben viel geredet. Er hat mir alle Sünden gebeichtet. Ich glaube fest daran, daß er mir treu ist. Wenn er mir doch nicht treu ist, werde ich ihn verlassen. Ich will mich nicht von ihm verletzen lassen."
Ich meinte, wenn man annehme, daß Rafa Berenice wirklich liebe, sei es doch seltsam, daß sie gegen mich einen solchen Haß entwickelt habe. Immerhin habe Berenice im "Exil" versucht, mir das Kleid zu zerreißen.
"Berenice hat dich bestimmt nicht angegriffen", war Edaín überzeugt. "Sie hat dich bestimmt nur an der Schulter gefaßt."
"Oh, da muß ich widersprechen. Sie hat mir in den Ausschnitt gegriffen und so an meinem Kleid gezogen, daß es fast zerrissen ist. Sie war extrem aggressiv."
"Also, wenn ich an Berenices Stelle gewesen wäre, hätte ich einer Rivalin die Hand auf die Schulter gelegt und gesagt:
'Hör' mal zu, da müssen wir was klären.'"
"Ja, du hättest das so gemacht. Aber nicht Berenice."
Edaín meinte, sie habe Berenice nie als aggressiv oder arrogant erlebt.
"Dann ist es doch seltsam, daß sie nur gegen mich so aggressiv ist", meinte ich. "Woher nimmt sie die Energie für eine solche Attacke? Diesen Haß?"
"Vielleicht hat es etwas mit Berenices Selbstwertgefühl zu tun."
"Sicher."
Edaín meinte, es würde sie wütend machen, wenn ein Mann, den sie liebt, sich nie für sie, sondern nur für andere Frauen entscheiden würde.
"Ich bin wütend", nickte ich, "unendlich wütend, ich habe unermeßliche Aggressionen gegen Rafas Verhalten. Ich weiß gar nicht, wohin mit meinen Aggressionen."
"Ach, und trotzdem willst du ihn. Warum?"
"Ich liebe ihn."
"Nein, wirklich, ich denke, du jagst einem Phantom nach."
Kappa spielte "Deine Augen", Rafas Liebeslied für Berenice und Tessa.
"Na, das ist jetzt ja passend ", meinte Edaín.
"Ja", nickte ich. "Das Stück finde ich so widerlich, einfach furchtbar."
Zwei Betrunkene näherten sich. Der eine redete kurz mit Edaín, die ihm bedeutete, daß sie gerade keine Zeit habe. Er zeigte dann auf mich und sagte zu seinem Kameraden:
"He, das ist die Puppe!"
"Weißt du, es kommt auch darauf an, ob du dich auf eine andere Beziehung einläßt", meinte Edaín.
"Ich will gar keine andere Beziehung", entgegnete ich.
"Heute ist Rafa in KS.", erzählte Edaín.
"Ich weiß", sagte ich. "Kein einziges von den Konzerten, die jetzt stattfinden, gibt er in Norddeutschland. Er scheint um H. einen großen Bogen zu machen."
"Er will neues Terrain erschließen. In H. kennt ihn jeder, da ist er x-mal aufgetreten, schon allein durch Kappa."
Ich erkundigte mich, ob Rafa und Kappa noch regelmäßigen Kontakt zueinander haben.
"Kappa und Rafa haben ein sehr enges, vertrautes Verhältnis", erzählte Edaín. "Erst kürzlich war Rafa bei uns."
Edaín unterbrach sich und sagte mit Blick auf ihren Bauch:
"Sie hört uns zu."
"Ja, sie hört uns zu."
"Willst du denn mal Kinder haben?"
"Ja, unbedingt! Auf jeden Fall!"
"Und wieviele?"
"Zwei!"
"'Zwei' - sagst du gleich so sicher und frei heraus. Ich wollte eigentlich noch fünf Jahre warten, ich habe mir gedacht, mit dreißig ist eine gute Zeit. Jetzt sage ich, ein Kind - und dann mal abwarten ... vielleicht noch ein zweites ..."
Ich sagte Edaín, daß ich nur mit Rafa Kinder haben will.
"Und was wäre, wenn du doch mit jemand anderem ein Kind hättest?" erkundigte sie sich.
"Ich würde es akzeptieren", entgegnete ich, "aber es würde nicht geschehen, weil ich nur mit Rafa Kinder hätte."
"Rafa ist aber mit Berenice zusammen."
"Rafa und Berenice haben eine Zweckbeziehung", deutete ich. "Sie fühlt sich an seiner Seite wichtig. Und für ihn ist sie bequem und pflegeleicht. Er findet sie hübsch, sie redet ihm nach dem Mund und findet alles toll, was er macht. Die Beziehung von Rafa und Berenice ist asymmetrisch. Sie blickt zu ihm auf und läßt sich von ihm dirigieren und lenken. Sie durchschaut ihn nicht. Sie kennt seine alltäglichen Verhaltensweisen, aber nicht sein inneres Wesen. Rafa kann sie kontrollieren. Sie ist einfach praktisch. Es gibt für ihn keinen Grund, die Situation zu ändern. Er ist zufrieden."
"Nein, irgendwann genügt sie ihm nicht mehr", vermutete Edaín. "Fünf, sechs Jahre lang mag das gutgehen, aber dann ..."
"So manche Ehe hält unter diesen Bedingungen zwanzig, dreißig Jahre. Ich glaube, Rafa und Berenice bleiben für immer zusammen. Ich gehe davon aus, daß sie heiraten und Kinder haben werden. Ich bin mir da ganz sicher."
"Und du? Was wird aus dir?"
"Ich bleibe alleine. Ich kann alleine bleiben. Ich brauche mich nicht an jemanden zu hängen, bloß um nicht alleine zu sein."
"Ich kann auch alleine sein. Mein wichtigster Mensch bin ich selbst. Aber es ist schön, daß ich Kappa habe. Ich werde oft angebaggert, und dann freue ich mich, daß Kappa um mich herum ist ..."
Auch ich habe den Eindruck, daß Edaín von manchen Männern als "Freiwild" betrachtet wird.
"Solange du immer auf Rafa wartest", überlegte Edaín, "kann er doch immer das Gefühl haben, daß er noch jemanden in der Warteschleife hat. Was wäre, wenn du nicht mehr auf ihn warten würdest und dich von ihm abwenden würdest?"
"Er würde das verdrängen, genauso wie er alles andere verdrängt, was ihn belastet. Er hat mir meine Liebe sowieso nie geglaubt."
"Noch schlimmer."
"Rafa hat immer damit gerechnet, daß ich ihn ohnehin nur enttäusche. Aber ich enttäusche ihn nicht. Ich verleugne meine Gefühle nicht. Ich bin ihm treu, weil ich mir selbst treu bin."
"Also, ich wünsche mir, daß mein Kind auf deiner Hochzeit Blumen streut."
"Das wünsche ich mir auch."
Einer der beiden Betrunkenen näherte sich und rezitierte einen Liedtext, in dem es darum geht, die Schuhspitzen zu küssen.
"Glaubst du mir nicht, daß ich dir die Schuhspitzen küssen würde?" fragte er mich und bückte sich.
Ich winkte ab und teilte ihm mit, daß ich darauf keinen Wert legte.
Ein Junge sprach mich an und erzählte, er habe im "Lost Sounds" mit mir getanzt; ob ich mich denn noch an ihn erinnern würde? Ich konnte mich nicht erinnern und erklärte, daß es mir schwerfällt, mir Gesichter zu merken. Als ich ihn fragte, wie er heißt, behauptete er, sein Name sei "Criterium". Wie er wirklich heißt, wollte er nicht verraten. Er gab mir an der Bar einen aus, da kam Nina des Wegs. Ich stellte die beiden einander vor. Nina gelang es, seinen richtigen Namen herauszubekommen - Sándor heißt er.
"Das ist doch ein Name, den man aussprechen kann", meinte ich.
Immer wieder fragte mich Sándor, ob ich es schlimm fände, daß er nicht aus Deutschland, sondern aus Ungarn stammt.
"Das ist mir völlig egal", entgegnete ich immer wieder. "Insgesamt würde ich es sogar begrüßen, wenn mehr Leute aus fremden Regionen in der Szene wären, auch mal Exoten, wie Japaner."
In BS. besuchte ich Trevor und Cyra. Trevors Wohnung befindet sich gegenüber der städtischen Haftanstalt. Man sieht durchs Wohnzimmerfenster ein hohe Backsteinmauer mit einem Stacheldrahtverhau. Cyra möchte mit Trevor zusammenziehen; vorerst wollen sie in seiner Wohnung leben, gegenüber der Haftanstalt.
Für Trevor hat Cyra einen Adventskalender gebastelt aus vierundzwanzig Päckchen, jedes eingewickelt in Blätter aus der Tageszeitung von WOB. Die Päckchen sind an einer Schnur befestigt und liegen in Trevors Schlafzimmer auf den Dielenbrettern ausgebreitet.
Trevor macht Musik, ein Industrialprojekt namens "Lichtmaschine". Bislang ist er noch nicht aufgetreten. Als ich Cyra später fragte, ob es sie störe, daß er Musiker sei, da sie als DJ doch nur ungern mit einem Musiker zusammen wäre, meinte sie, bei Trevor falle das nicht ins Gewicht, der sei noch kein richtiger Musiker.
Rafa hat inzwischen die MCD "Super 8" veröffentlicht. Die Musik ist wie gewohnt, es sind immer noch die gleichen Beats, die gleichen Melodien, die gleichen Songstrukturen, die gleichen Sounds.
Die CD ist bedruckt mit dem Rund einer Filmrolle, die einzelnen Titel sind außen herumgeschrieben und in Edding-Schrift gehalten, wie die Beschriftung einer Super 8-Filmrolle. Die Rückseite des Covers zeigt das Frontmotiv spiegelverkehrt, wie die Durchsicht eines Filmstreifens. Unter der Titeln befindet sich auch "11.01. Unendlichkeit", ein Stück über den technischen Fortschritt, verbunden mit der Klage, in Wirklichkeit komme man nie vorwärts, sondern bleibe immer auf der Stelle stehen. Rafa erklärt nicht, inwiefern dieses Nicht-Vorwärtskommen mit seinem Geburtstag zusammenhängt. Eine Deutung wäre, daß Rafa jedes Jahr an seinem Geburtstag den Eindruck hat, schon wieder nicht vorangekommen zu sein.
Ein Titel heißt "Tanz eiskalt" und scheint ungefähr das wiederzugeben, was Rafa mir gegenüber empfindet:

Die Welt verändert sich für mich.
Es gibt kein Du, es gibt kein Dich.

Ich reiß' mein Herz aus mir heraus,
und mein Gefühl, das schalt' ich - aus.

Ich denke klar und rational
und bin bereit für jeden Fall.

Die Welt verschwindet ganz um mich.
Ich dreh' mich um und seh' dich - nicht.

In einer Welt aus Trug und Schein
tanzen wir mit uns allein.

Wir stehen starr, ohne Gefühl.
Wir tanzen ...

Ich tanz' und drehe mich herum
auf einer Mauer um mich 'rum.

Ich will mit dir zusammen sein,
doch mein Verstand, der sagt mir: "Nein."

So schließe deine Augen dicht
und sieh die Welt aus meiner Sicht.

Dein Leben ändert sich schon bald,
denn tief in uns sind wir nur kalt.

Zwischen den Textzeilen läßt Rafa Berenice aus dem Hintergrund die folgenden Zeilen singen, die seiner Sichtweise gegenübergestellt werden:

Ich bin allein.
Kannst du mich hör'n?
Komm', schau zu mir.
Manipulation.
Komm', tanz' mit mir.
Ich lieb' nur dich.
Konzentration.
Ich denk' an dich.
Wir werden eins.

Rafa scheint sich nicht vorstellen zu können, daß es wahre Liebe gibt. Er scheint davon auszugehen, daß ich mich schon bald von ihm abwende, so sehr ich auch meine Liebe zu ihm beteuere.
Das "Nein." sagt Rafa in seinem Lied so bestimmt, als wäre er sein eigener Zensor, der verhindern will, daß er Gefühle zuläßt.
Im "Megamarkt" fand ein "10-Jahre-Undead-Festival" statt. Xentrix begrüßte mich, während seine Freundin Enya sich an ihn schmiegte. Mit ihr ist er seit einigen Wochen zusammen. Sie ist eine Blondine, wie Gabrielle.
Unter Xentrix' geöffneter Lederjacke schaute ein T-Shirt mit dem Coverbild des immer noch nicht erschienenen neuen Albums von Rafa hervor, ein Fünfziger-Jahre-Reklamebild von einer Frau, die sich den BH aufhakt.
"Oh - man hat Beziehungen", stellte ich fest und zupfte an dem Reklamebild.
"Ja - muß", sagte Xentrix.
Zenza war mit Lysanne im "Megamarkt". Ich fragte Lysanne, ob sie noch mit Ace zusammen ist.
Sicher sei sie das, erwiderte sie; er gehe nur fast nicht mehr aus.
Zenza hatte angedeutet, daß in Lysannes Leben Suchtmittel eine Rolle spielen. Auch von Ace sei sie gewissermaßen abhängig. Lysanne machte keinen fröhlichen, entspannten Eindruck auf mich; eher wirkte sie verhärmt und niedergeschlagen.
Ace soll seit dem Ende seiner Radiosendung nur noch durch seine Arbeit als DJ Geld verdienen. Lysanne hofft, daß er endlich sein Buch zuende schreibt, einen Roman über sein Leben. Sie sei sicher, daß er immer wieder etwas finde, mit dem er Geld verdienen könne, auch noch im höheren Alter.
Darien traf im "Megamarkt" einen ehemaligen Arbeitskollegen. Der holte für Darien, für mich und für sich Getränke. Die beiden Herren lästerten über den Verlag, wo sie in HH. zuletzt gemeinsam beschäftigt waren. Dann lästerte Darien über seinen jetzigen Arbeitgeber, die Post. Da draußen in HST., wo er jetzt lebe, erfahre man endlich, was Leere sei, wirkliche Leere. Das sei für ihn sehr spannend.
Sofie fragte Darien, was denn aus seiner Freundin in B. geworden sei?
"Die ist in Australien", antwortete Darien ungerührt und kicherte sein verlorenes Kichern.
Sofie wirkte enttäuscht, hatte sie doch gehofft, daß Darien sich mit dem Mädchen dauerhaft verbinden werde.
"Ach ja - Dedis und Mal haben geheiratet", konnte mir Sofie eine frohe Kunde überbringen.
Es war vor einigen Wochen, da kam Sofie von der Arbeit nach Hause und traf Dedis, die gerade Rega die Haare färbte.
"Mittwoch geben Mal und ich im 'Barcode' einen aus", erzählte Dedis.
"Ach, das ist ja schön", freute sich Sofie.
"Mal und ich haben vorhin geheiratet", setzte Dedis hinzu.
"Ach - das ist ja schön, daß ich auch schon davon erfahre", staunte Sofie.
Mal und Dedis haben ohne Zeugen und ohne Feier geheiratet. Dedis lebt nach wie vor mit Sofie zusammen, wenn auch mit Mals Nachnamen. Mal bleibt in seiner Drei-Zimmer-Wohnung, die für ihn allein kaum reicht.
"So würde ich das mit Rafa auch machen", meinte ich, "wenn es mir je vergönnt sein soll. Schnell heiraten, ohne irgendwelches Drumherum. Er würde sich sonst niemals trauen."
"Ach, du willst den immer noch?" wunderte sich Sofie.
"Ja, sicher."
"Aber Mensch, das wird doch nichts."
"Ich will ihn aber, und sonst keinen."
Im Foyer schwärmte Cyra:
"Gerade habe ich kurz mit Dirk I. geredet. Ich kann den so ab ..."
"Er wirkt authentisch", meinte ich. "Sein Charme ist echt und natürlich."
"Ja!"
"Er genießt es zu Recht, hier im Licht der Aufmerksamkeit zu stehen."
"Zenza meint immer, ich soll ihn mir schnappen", erzählte Cyra. "Dabei will ich das doch gar nicht. Der hat doch eine Frau, und ich habe einen Freund."
"Das können sich die Leute oft nicht vorstellen, daß man mit dem anderen Geschlecht einfach nur so befreundet sein kann, ohne Hintergedanken. Aber ich denke, Dirk kann das. Ich glaube, der ist seiner Frau treu."
"Auf jeden Fall! Also, bei dem bin ich mir ausnahmsweise wirklich sicher."
"Und du würdest auch nie auf den Gedanken kommen, deinen Freund zu betrügen."
"Gott, nein."
Dirk kam auf Cyra und mich zu und reichte mir die Hand. Er berichtete, daß noch nicht sicher war, ob er wirklich schon um halb zwei Uhr nachts auf die Bühne konnte.
Dirk hatte dieses Mal ein graues Hemd an, mit aufgesetzten Taschen, ein bißchen im Militaria-Stil, aber dafür noch zu schlicht. Er schien das eine oder andere deutsche Wort zu verstehen, zumindest vom Sinn her. Mimik und Körpersprache sind sehr ausdrucksvoll und haben etwas Unschuldig-Verführerisches. Ein Beispiel ist der Augenaufschlag mit einem ans Kinn gelegten Finger.
Cyra erzählte mir später, daß Dirk beim letzten Mal, als sie ihn traf, kurz mit ihr etwas trinken wollte und von so vielen Leuten umringt wurde, daß daraus nichts wurde.
"Ich glaube, der sucht sich auch aus, mit wem er mehr zu tun hat", meinte sie. "Ich glaube, der beschäftigt sich auch nicht mit jedem gleich viel."
"Wenn jemand - wie wir oder wie Dirk - über einen Mangel an Ausstrahlung nicht klagen kann, wünscht er sich Kontakt zu Leuten, denen es ähnlich geht", meinte ich, "und das, ohne die anderen abwerten zu wollen. Es ist einfach schön, wenn man im anderen etwas findet, daß auch bei einem selbst vorhanden ist."
In der folgenden Nacht kam ich erst um viertel vor drei in den "Radiostern", weil ich mich abends noch hingelegt hatte und zu spät aufgewacht war. Aber gerade um diese Zeit liefen die ausgesuchtesten Stücke. Reesli begrüßte mich, ohne daß ich im Tanzen innehielt, und er lief spielerisch im Kreis um mich herum, immer wieder, als sei er mit einem Schlüssel aufgezogen.
Ein Stück, das an "Disco Buddha" von Monolith erinnerte, hatte Cyra von einem Jungen mit Zopf und Lackhose geschenkt bekommen, der es selbst gemacht hatte. Ich fragte den Jungen nach seinem Projekt. Es heißt "Decibel", und er selber heißt Timon. Er freute sich, als ich ihm sagte, das Stück sei sehr schön, und Cyra habe es auch sehr gefallen.
"Immer wieder treffe ich vielversprechende Musiker, die kaum jemand kennt", erzählte ich. "Gute Musik machen ist eines, aber vermarkten muß man das auch noch."
Rafa berichtet in seiner Domain über den Tod der verstoßenen persischen Kaiserin Soraya. Er gibt seiner Verehrung für die Verstorbene Ausdruck. Rafas Schilderung der Beziehung zwischen Soraya und dem Schah wirkt auf mich beschönigend; er scheint den Schah aus der Verantwortung zu nehmen:
"Aber schon nach sieben Ehejahren müssen sich die Liebenden voneinander trennen, da Soraya dem Kaiser keinen Erben schenken kann."
In Kingston haben wir eine neue Kollegin bekommen, die ich vom Studium her kenne, Undine. Wir waren vor fünfzehn Jahren im selben Anatomie-Kurs. Zu unserer Kursgruppe gehörte auch Selma, ein zierliches Mädchen, dessen Lebenswelt einen harten Kontrast zu meiner eigenen bildete. Damals zog mein Vater aus, und Wilf zog bei uns ein. Er beschimpfte Constri und mich und versuchte, uns zu erziehen, obwohl wir bereits erwachsen waren. Meine Mutter stellte sich hinter Wilf und gegen Constri und mich. Erst warf sie mich hinaus, dann folgte Constri freiwillig nach. Wir lebten vorübergehend in der Wohnung unserer Großmutter, dann suchten wir uns eine eigene, sehr ärmliche Wohnung, und wir fühlten uns im Stich gelassen und verstoßen. Drei Jahre sollten vergehen, bis meiner Mutter bewußt wurde, wieviel wir ihr bedeuteten. Sie setzte durch, daß Wilf uns in Ruhe ließ. Wir treffen unsere Mutter seitdem regelmäßig.
Als vor fünfzehn Jahren bei uns der Haussegen schiefhing, lebte Selma in einer scheinbar heilen Welt. Sie war Einzelkind. Die Mutter wirkte sehr fürsorglich. Im Hause war alles sehr gepflegt und ordentlich. Nichts lag achtlos herum, und die Handtücher im Gästebad hatten alle dasselbe Lila, passend zur Tapete.
Was sich dahinter verbarg, schilderte Undine mir jetzt. Selma hatte eine Eßstörung und nahm nur dann ohne Widerstreben Nahrung zu sich, wenn Gäste zugegen waren. Also nutzte die Mutter die Gelegenheit und bot Selma stets Nahrung an, wenn sie Gäste hatte. Als die Mutter an Krebs starb, zog Selma sofort aus und ließ den Vater allein zurück. Selma war häufiger mit Begleitern unterwegs, die Undine zwielichtig und merkwürdig vorkamen. Vor elf Jahren wurde Selma von einem ihrer Bekannten ermordet.
Beatrice war bei mir zu Besuch. Wir unterhielten uns über Kindesmißbrauch. Anlaß war eine Internetseite, auf der Pädophile in aller Öffentlichkeit für die Anerkennung ihrer Minderheit werben und sich als Gemeinnütziger Verein eintragen lassen wollen, mit Slogans wie:
"Liebe ist das Unschuldigste auf der Welt, ein Gefühl, das die Menschen verbindet. Wir bringen den Kindern unsere Liebe entgegen und werden deshalb überall verfolgt und eingesperrt."
Einige Gründungsmitglieder konnten zur ersten Sitzung des Vereins nicht erscheinen, weil sie in Haft saßen. Die Staatsanwaltschaft sieht jedoch bezüglich des Vereins keinen Handlungsbedarf - vielleicht möchte man diese Adresse nicht verlieren, die ein Forum bietet für alle, die "FKK-Kontakte" zu "heißen Teens (18)" suchen.
"Es gibt so viele Kinderschänder, fast alle unauffällig und sozial angepaßt", sagte ich. "Die Kinder werden fast immer innerhalb der eigenen Familie vergewaltigt, von Vätern, Stiefvätern, Brüdern ..."
Beatrice hob den Finger wie ein Kind, das sich in der Schule meldet.
"Je kaltblütiger und sadistischer ein Verbrecher ist, desto weniger kann man ihn bestrafen", meinte ich. "Diese schwer gestörten Täter sind gefühlsarm und empfinden deshalb eine endlose Langeweile. Sie schänden und morden aus Langeweile, für den Kick. Sie empfinden nichts für andere und auch nichts für sich selbst. Ihr eigenes Leben ist ihnen genauso egal wie das der anderen. Deshalb sind ihnen auch ihre Strafen egal, oder im Gegenteil - die Haft oder die Hinrichtung gibt ihnen noch einen Kick. Du kannst sie also gar nicht wirklich bestrafen, höchstens die Gesellschaft vor ihnen schützen."
Beatrice meinte, daß es den Tätern in der Haft viel zu gut geht.
"Wenn wir sie menschenwürdig unterbringen, tun wir das, um uns nicht mit ihnen auf eine Stufe zu stellen", meinte ich. "Die Strafe trifft diese Leute natürlich nicht. Eine Strafe trifft einen Menschen nur, wenn er in der Lage ist, etwas zu empfinden - Schuld, Scham, Trauer. Eine Strafe bestraft nur diejenigen, die noch in der Lage sind, ihr Unrecht einzusehen und auf einen besseren Weg zurückzukehren. Sadistischen Schwerverbrechern ist ihre Strafe völlig gleichgültig. Manchmal bringen sie sich aus lauter Langeweile auch um."
"Für den Kick", meinte Beatrice.
Sie erzählte mir, daß sie als Baby adoptiert wurde und ihre leiblichen Eltern nicht kennt. Ihre Adoptiveltern hatten ein Geschäft, und jeder in dem kleinen Ort westlich von H. kannte sie. Sie hatte ein gutes Verhältnis zu ihrem Adoptivvater. Sie mußte oft leise spielen, weil er herzkrank war und sich nicht aufregen durfte. Das störte sie aber nicht. Als sie fünf war, hatte der Vater seinen zweiten Herzinfarkt und kam ins Krankenhaus. Nur etwa zwei Wochen später rief das Krankenhaus an, und die Oma bat Beatrice, ihre Mutter sofort aus dem Geschäft zu holen. Die drei fuhren zum Krankenhaus. Der Vater hatte seinen dritten Herzinfarkt gehabt und lag im Sterben. Als seine Angehörigen hereinkamen, war es gerade vorbei. Alle weinten, und Beatrice rief:
"Komm' zurück!"
Nach dem Tod des Vaters entwickelte sich bei der Mutter eine Alkoholsucht. Sie trank heimlich und immer größere Mengen, bis zu einer Flasche Weinbrand am Tag. Weil sie Spiegeltrinkerin war, sah man es ihr kaum an. Sie verleugnete es fortwährend.
Die Mutter hatte einen Freund aus früheren Tagen, den sie zu Beatrices Patenonkel ernannt hatte. Diesen Freund heiratete sie, als Beatrice sieben war. Er brachte einen Sohn mit in die Ehe, der ein aggressives, unflätiges Verhalten zeigte und Beatrice Wörter wie "F..." beibrachte. An einem Samstag fuhr die Mutter mit dem Jungen zum Wochenendhaus. Beatrice blieb mit dem Stiefvater daheim. Sie hatte eine Erkältung, und am Sonntag war sie fieberfrei und spielte in einem Schuppen, wo der Wohnwagen gestanden hatte, als der Vater noch lebte. Der Stiefvater kam herein und fragte sie, ob er mitspielen dürfe. Das wollte sie aber nicht. Da fragte er, ob sie mit ihm Doktor spielen wollte. Das wollte sie auch nicht. Er behauptete, das sei wichtig, Doktor zu spielen, weil es ihr dann wieder richtig gut gehen würde. Sie solle doch ihre Hose ausziehen. Er vergewaltigte das Kind daraufhin und verlangte, daß sie es niemandem erzählen dürfe. Er schickte sie in die Dusche, damit niemand das Blut sah. Zur "Belohnung" für ihre Dienste schenkte er ihr ein Pferd und andere teure Sachen. Etwa drei Monate später näherte er sich Beatrice und einer ihrer Freundinnen und fragte, ob die beiden mit ihm Doktor spielen wollten.
"Lauf' weg!" rief Beatrice ihrer Freundin zu. "Lauf' weg, lauf' bloß weg, so schnell du kannst!"
Das Mädchen lief weg, und der Stiefvater vergewaltigte Beatrice erneut. Der ungezogene Sohn "erwischte" die beiden und machte dann auch noch mit. Drei Jahre lang ging das so weiter, bis der Nachbarsfrau auffiel, daß Beatrice sich verändert hatte. Sie bekam aus Beatrice heraus, was geschehen war. Anstatt zur Polizei zu gehen, ging die Nachbarsfrau zu Beatrices Mutter. Die Mutter beschimpfte Beatrice und warf ihr vor, ihre Beziehung zerstören zu wollen. Bald darauf hörte Beatrice in einer Nacht, wie die Mutter im Nebenzimmer den Stiefvater anschrie:
"Und wenn das wirklich wahr ist, dann nimm' deine Sachen und hau' ab!"
Der Stiefvater zog ins Wochenendhaus und erhängte sich dort. Er ließ seiner Frau einen fünfzehnseitigen Abschiedsbrief zukommen, in dem er mehrfach wiederholte, daß Beatrice, "dieses kleine Biest", es nun geschafft habe, seine Ehe und sein Leben zu zerstören. Beatrice wurde daraufhin von der Mutter hinausgeworfen und zog zu ihrer Freundin. Nach einem Jahr holte die Mutter sie zurück und trank sich langsam zu Tode. Sie kümmerte sich in diesen vier Jahren weder um Beatrice noch um das Haus. Beatrice war viel bei der Oma, die oben im Haus wohnte. Sie beneidete ihre Freundinnen, die abends um sechs zu Hause sein mußten. Nach ihr schaute keiner. Es gab keine Festtage, auch kein Weihnachten. Als die Mutter wieder einmal im Alkoholrausch Weihnachten vergessen hatte, wurde sie reuig und versprach, mit dem Trinken aufzuhören. Sie suchte sich andere Alkoholverstecke und trank weiter. Eines Tages im März fand Beatrice sie schwer betrunken auf dem Sofa, neben sich eine leere und eine halbleere Weinbrandflasche. Die Mutter kam ins Krankenhaus, wo fortgeschrittene Organschäden festgestellt wurden. Der Arzt sagte Beatrice auf deren Wunsch hin die Wahrheit. Es gab noch wenige lichte Tage, dann schlief die Mutter ein. Beatrice war bereits ins Heim gekommen, weil die Oma sie nicht mehr versorgen konnte. Die Oma litt an Morbus Alzheimer.
Die Mutter starb frühmorgens um fünf Uhr. Erst vormittags um elf bat der Heimleiter Beatrice zu sich.
"Du rauchst doch", sagte er zu Beatrice. "Dann zünde dir mal eine Zigarette an."
Rauchen war im Heim streng verboten.
"Ist schon gut, ich weiß bescheid", nahm Beatrice vorweg. "Ich bezahle auch gerne die zehn Mark, die es kostet, wenn jemand beim Rauchen erwischt wird."
Beatrice fühlte sich bevormundet, weil die Heimleitung festlegte, wann sie ihre verstorbene Mutter ein letztes Mal sehen durfte und wann sie ihre Oma besuchen durfte.
Als die Mutter beerdigt wurde, schickte Beatrice die Trauergäste weg.
"Ihr habt euch nicht mehr um meine Mutter gekümmert, als sie euch gebraucht hätte", warf Beatrice ihnen vor. "Ihr wart nur zum Feiern da und zum Saufen."
Weshalb ihre Oma in der Psychiatrie behandelt wurde, verstand Beatrice nicht. Sie glaubte, dort würde man die Oma für immer und ewig festhalten. Stattdessen aber kam die Oma schon bald in ein Altenheim, wo es ihr gut gefiel und sie im Garten spazieren gehen und an Ausflügen teilnehmen konnte.
Die Leitung des Kinderheims entschied, daß es nicht gut für Beatrice sei, wenn sie ihre Oma besuchte. Die inzwischen fünfzehnjährige Beatrice wurde dazu nicht gefragt.
"Meine Oma und ich, wir haben nur noch uns", sagte Beatrice. "Alle anderen sind tot. Und ihr könnt mich gar nicht daran hindern, meine Oma zu besuchen. Das Altenheim ist ganz in der Nähe von meiner Schule, und ich besuche sie einfach nach der Schule, und so viel Personal habt ihr gar nicht, daß ihr mich jeden Tag von der Schule abholen könnt."
Also besuchte Beatrice ihre Oma nach der Schule. Das Gedächtnis ihrer Oma verfiel rasch, und nach etwa einem Jahr erkannte sie Beatrice nicht mehr. Bald darauf starb sie.
Beatrice ließ ihre Oma anonym bestatten, weil sie sich mit weiteren Trauerfeierlichkeiten überfordert fühlte und Abstand suchte. Heute wäre es ihr lieber, einen Grabstein zur Erinnerung zu haben.
Im "Trash" lernte Beatrice Andras kennen. Sie war inzwischen sechzehn Jahre alt und lebte in einer Betreuten Jugendwohngruppe. Dort galt eine Art Uniformregelung. "Jugendtypische Extremkleidung" in jeder Form war verboten. Man sollte möglichst unauffällig und angepaßt wirken, Individualität war geächtet. Also rasierte Beatrice sich einen Irokesenschnitt und färbte sich die Haare lila. Die Heimleitung nahm das als Grund, Beatrice in ein geschlossenes Heim für schwererziehbare Jugendliche zu verlegen. Dazu kam es jedoch nicht mehr, weil Andras' Mutter die Vormundschaft übernahm und dafür sorgte, daß Andras und Beatrice zusammenziehen konnten.
Über die Vergewaltigungen in ihrer Kindheit sagt Beatrice im Nachhinein:
"Wenigstens habe ich nicht geglaubt, ich wäre selbst daran schuld. Aber ich bin oft aggressiv gewesen."
Wegen ihrer Aggressionen wurde Beatrice zu einer Psychologin geschickt. Damals war Beatrice etwa vierzehn Jahre alt.
"Die Psychologin wollte mir weismachen, daß ich selber wollte, daß mein Stiefvater mich vergewaltigt", erinnerte sich Beatrice. "Sie meinte, ich hätte ihn dazu genötigt. Da bin ich aufgestanden und habe ich ihr eine 'runtergehauen."
"Das hat die Psychologin auch nicht anders verdient", meinte ich. "Die hat ihren Beruf wirklich verfehlt. Naiv und unkritisch glaubt sie etwas, das sie in irgendwelchen antiquierten Lehrbüchern gelesen hat. Was Mißbrauch angeht, hat man sich immer wieder zu abstrusen Deutungen verstiegen. Früher wurde das tabuisiert, das durfte es nicht geben, und wenn es doch offensichtlich war, dann war immer das Opfer schuld."
Beatrice hatte schon mehrere Fehlgeburten. Immer wieder leidet sie unter Bauchbeschwerden. Sie wollte sich mit fünfundzwanzig Jahren sterilisieren lassen. Inzwischen vermutet sie, daß ihre unerfüllten Kinderwünsche oder ungewollten Kinder einen seelischen Hintergrund haben.
"Wenn ein Kind vergewaltigt wird, hat es immer auch körperliche Folgeschäden", meinte ich.
Während ihrer ersten Jahre mit Andras entwickelte Beatrice starke Verlustängste und klammerte sehr an Andras und seiner Mutter. Die Beziehung zu Andras litt darunter sehr. Ein vorläufiges Ende ergab sich durch Beatrices eilige Hochzeit mit Miles. Beatrice besuchte Andras weiterhin und wurde auch regelmäßig von Andras' Mutter eingeladen. Währenddessen lernte sie ihren Mann von einer unerwarteten Seite kennen. Miles begann sich selbst und den Haushalt zu vernachlässigen, hörte auf zu arbeiten und stahl Beatrice Geld und Wertsachen, wofür er sich Modellbausätze kaufte. Auch die hundert Mark, die Andras Beatrice zum Geburtstag schickte, wurden ihr noch am selben Tag von Miles gestohlen. Miles erzählte wirre, dramatische Geschichten, an die er selber fest zu glauben schien. Um seine Freunde und Bekannten kümmerte er sich immer weniger. Er saß in der Wohnung, ohne etwas zu tun, während Beatrice arbeiten ging. Beatrice befürchtete, daß er geisteskrank war. Er weigerte sich jedoch, zu einem Psychiater zu gehen. Beatrice zog nach zweieinhalb Jahren Ehe einen Schlußstrich und kehrte zurück zu Andras.
Ich erzählte Beatrice von der Geisteskrankheit des Sockenschuß. Ich erzählte ihr auch, wie der Sockenschuß mich fünf Jahre lang verfolgt hat und wie es Rafa gelungen ist, mich von dem Wahnsinnigen zu befreien.
Beatrice gehört zu den vielen Menschen, die mit Rafa nichts mehr zu tun haben wollen und die dafür auch gute Gründe angeben können. Anfang der Neunziger Jahre ist Beatrice mit Rafa, Dolf und Revco viel unterwegs gewesen. Etwa 1992 war Rafa vorübergehend von Luisa getrennt, um anschließend mit Beatrices engster Freundin Francesca und dann wieder mit Luisa zusammenzusein. Rafas Beziehung mit Francesca dauerte ungefähr eineinhalb Wochen. In dieser Zeit traf man sich zu mehreren nachts im Keller unter Francescas Elternhaus. Rafa fragte Beatrice, ob sie mit ihm ein Matratzenlager teilen wollte - obwohl er doch mit Francesca zusammen war. Rafa soll alle anwesenden Damen recht eindeutig umworben haben. Was davon zu halten war, wußte Beatrice aus einem früheren Telefonat mit Rafa, in dem er ihr stolz erzählte:
"Weiber zu kriegen ist so einfach. Du mußt ihnen nur ein paar schöne Worte sagen ..."
Beatrice gab sich entsprechend frostig.
Als die Truppe sich das nächste Mal im "Elizium" versammelte, bat Francesca Beatrice, Rafa auszurichten, es sei Schluß. Beatrice tat dies Francesca zuliebe, wenn auch ungern:
"Rafa, ich soll dir von Francesca ausrichten, es ist Schluß."
"Oh - nein", zeigte Rafa Fassungslosigkeit. "Oh - was soll ich nur machen? Francesca ist meine große Liebe. Es war so schön mir ihr. Was soll ich jetzt nur ohne sie machen?"
Er zog seine Spiegelbrille ein Stück herunter, damit Beatrice seine Tränen sehen konnte. Gut zwei Stunden lang soll er Beatrice in bewegten Worten sein Leid geklagt haben. Als er damit fertig war, setzte er seine Brille ab, schaute Beatrice tief in die Augen und gestand mit bebender Stimme:
"Beatrice, ich liebe dich."
"So, dann setz' deine Brille man gleich wieder auf", entgegnete Beatrice. "Ich hatte eigentlich vor, mich heute im 'Elizium' zu amüsieren, und stattdessen höre ich mir zwei Stunden diesen Unsinn an? Da hätte ich Besseres zu tun gehabt."
Von da an redete Beatrice kein Wort mehr mit Rafa. Er soll gelegentlich einen Blick zu ihr herübergeworfen haben, der jedoch unerwidert blieb.
Zwei Jahre später im "Nachtlicht" - früh am Abend - sah Beatrice Rafa mit einigen Leuten an einer Bar stehen, und die Musik war gerade so leise, daß sie hören konnte, wie Rafa zu Dolf sagte:
"Da ist wieder diese arrogante Zicke. Die grüßt auch niemanden mehr."
Beatrice vermutet, Rafa wollte, daß sie das hörte.
Was Revco betrifft, so hat Beatrice auch mit ihm unschöne Erfahrungen gemacht. Mit einigen Leuten besuchte sie ein Konzert von Rafa in OS. Besondere Attraktion bei diesem Konzert war die Sängerin Tessa, die sich ihrer Kleider entledigte, als Schatten hinter einer Leinwand. Revco fühlte sich davon wahrscheinlich angestachelt und griff Beatrice in den Schritt. Als Beatrice sich das verbat, zog er sich nur sehr schwerfällig zurück. Auch im "Elizium" wurde er zudringlich und schien zu glauben, daß er ein Recht darauf hatte. Als Beatrice ihr verwaistes Elternhaus zu Geld gemacht hatte, wollte Revco zunächst fünfzig Mark haben, die er ihr nur sehr zögerlich zurückgab. Schon bald wurde Revco direkter: ob sie ihm vielleicht mit fünfzigtausend Mark aushelfen könne? Er wolle eine Band gründen, und von dem Erlös der ersten CD's werde er ihr das Geld zurückzahlen.
Beatrice schickte ihn weg, gab einen Teil ihres Geldes aus und verlor den Rest an einen windigen Finanzberater, der schon andere um ihr Geld betrogen hatte und bis heute nicht gefunden wurde.
Beatrice wirkt auf mich erwachsener als früher, dabei aber auch weicher, filigraner, zierlicher. Sie schminkt sich nur noch sehr dezent, trägt ihre Haare lang und leicht rotgetönt und bindet sie zu schlichten Knoten oder Zöpfen. Ihre Ausstrahlung ist femininer, ihr Gesicht offener.
"Heute brauche ich nicht mehr aggressiv zu sein", meint sie. "Und ich muß auch nicht mehr klammern. Ich kann für mich selbst sorgen."
Seit diesem Herbst holt sie ihr Abitur nach. Andras hat bei der Post aufgehört, weil er sich gerne im Bereich Informatik weiterbilden möchte.
"Das ist es, was ich Rafa auch empfehlen würde", meinte ich. "Dann hat er wenigstens eine Ausbildung oder ein Studium in einem Fach, wo er sich zu Hause fühlt und nicht unterfordert ist. Aber er möchte lieber so tun, als wüßte er längst alles, was wissenswert ist. Er will sich nicht eingestehen, daß es Menschen gibt, von denen er etwas lernen kann."
Lessa soll nach ihrer vorübergehenden Beschäftigung in einem Domina-Studio nicht mehr gearbeitet haben. Sie soll mit einem Mann etwas angefangen haben, der ursprünglich in festen Händen war.
"Sie hat das genauso gemacht wie bei Andras und mir damals", erzählte Beatrice. "Sie hat sich bei der Frau angebiedert und sich dann den Kerl gegriffen. Das hat aber auch nicht gehalten."
Aus dieser Beziehung soll Lessa eine Tochter haben, die jetzt anderthalb Jahre alt ist.
An einem sehr kalten Tag war ich mit Beatrice am CITICEN im Café "Millennium". Beatrice erzählte, das Jugendamt sei bereit, ihr den Kontakt zu ihrer leiblichen Mutter zu vermitteln. Es gebe auch eine Schwester; deren Namen und Adresse wolle das Jugendamt ihr jedoch nicht mitteilen. Sie denke darüber nach, ob sie es wagen soll, ihre leibliche Mutter kennenzulernen. Sie sagt sich, daß sie nicht so viel zu verlieren hat, wie sie vielleicht glaubt. Diese fremde Frau könne nie wirklich ihre Mutter sein, weil Beatrice nicht bei ihr aufgewachsen ist, und wenn sie ihre Tochter ablehne, wisse Beatrice doch wenigstens, woher sie stamme.
Die Adoptivmutter hat es versäumt, Beatrice rechtzeitig zu sagen, daß sie adoptiert wurde, bevor Beatrice es von der Dorfjugend erfuhr. Beatrice war sehr wütend auf ihre Adoptivmutter, weil sie ihr etwas so Wesentliches verschwiegen hatte und Beatrice sogar belog, als sie sie nach ihrer Herkunft fragte.
Elaine wurde über ihre Herkunft nichts verschwiegen. Von Anfang an gab es den Vater, auch wenn sie ihn nie gesehen hat. Für Elaine wurde die Wahrheit nicht verfälscht oder "kindgerecht umgebaut". Ihr wurde gesagt, daß sie einen Vater hat, der in England lebt und daß ihre Mutter nicht mehr mit ihm zusammen ist.
"Ich bin Engländerin", sagte Elaine kürzlich.
"Zur Hälfte", berichtigte ich.
"Zur Hälfte", nickte sie. "Warum lebe ich dann nicht in England?"
"Weil deine Mama hier lebt."
Das war einleuchtend für sie.
Beatrice mußte hingegen um die Wahrheit kämpfen, und sie mußte darum kämpfen, ernstgenommen zu werden. Das ist etwas, das Beatrice und mich verbindet. Auch ich bin als Kind oft belogen und in für mich wesentliche Entscheidungen nicht einbezogen worden. Ich fühlte mich oft als "Sache" behandelt, nicht als Mensch. Das macht mich heute noch wütend.
Beatrice erzählte, daß sie flüchtigen Kontakt zu Ivo Fechtner hat, vor allem über Alienne. Ich erzählte ihr von Ivos Intrigen, die dazu geführt haben, daß ich vor achteinhalb Jahren den Kontakt zu ihm abbrach. Da konnte Beatrice auch einige Geschichten beisteuern. Als sie sich vor einigen Monaten mit mir im "Lost Sounds" unterhielt, wurde sie danach von Ivo Fechtner angesprochen:
"Wieso unterhältst du dich mit der? Ich denke, du stehst auf unserer Seite."
"Ich stehe auf überhaupt keiner Seite außer auf meiner eigenen", entgegnete Beatrice wütend, "und mit wem ich mich unterhalte, geht nur mich etwas an und sonst niemanden."
"Aber die ist doch links, die ist doch in der Antifa."
"Ich bin weder links noch rechts noch irgendwas sonst."
Ich erzählte Beatrice, wie Ivo Fechtner schon seit Jahren das Märchen von meiner angeblichen Verbindung zur Antifa unters Volk rührt. Ich erzählte ihr auch, daß Ivo Fechtner einst zu mir gesagt hat:
"Ich mag es nicht, wenn meine Leute mit Leuten reden, die ich nicht mag."
Darauf bin ich damals genauso wenig eingegangen wie Beatrice heutzutage.
Beatrice erzählte, wie Ivo Fechtner braun-heidnische Phantasiegespinste entwickelt, an die er sogar selbst zu glauben scheint.
"Die Arier sind Menschen, die sich mit Göttern gepaart haben und dann vom Himmel zurück auf die Erde geflogen sind und dort Herrenmenschen wurden", soll er allen Ernstes behaupten. "Die Untermenschen haben sich mit Tieren gepaart."
Beatrice hat ihn fassungslos angesehen und ihn gefragt, ob er noch ganz richtig im Kopf sei.
"Solange man über Ausländer hetzt, bewegt sich das zumindest noch in irgendeiner Weise im Bereich des wirklichen Lebens", meint Beatrice. "Aber das ... mit den Ariern, die vom Himmel fliegen ... das ist so absurd, das hat mit der Wirklichkeit doch nicht mehr das Geringste zu tun."
Über Alienne erzählte Beatrice, daß sie zur Zeit Aliennes einzige Freundin sei; Alienne habe sonst nur mit Männern zu tun, und die seien fast alle Nazis.
"Das hat Alienne sich so ausgesucht", vermutete ich.
"Sie ist auf alle Frauen eifersüchtig", meinte Beatrice.
Ich erzählte, daß ich Alienne für schwierig halte und bei ihr eine Persönlichkeitsstörung vermute.
"Alienne war gegen mich schon recht aggressiv", erzählte ich. "Sie hat das dann aber immer wieder zurückgenommen. Sie hat gesagt, daß sie nicht mehr aggressiv sein will."
Beatrices Freundschaft mit Laura ist auf dieselbe Art zerbrochen wie der Kontakt zwischen Laura und mir: Laura zerstörte die Bekanntschaft aus eigenem Antrieb und mit Absicht, ohne erkennbaren Grund. Ich erklärte Beatrice, daß Laura immer nach diesem Muster vorgeht. Beatrice hatte sich schon Gedanken gemacht, ob sie selbst daran schuld gewesen sei.
"Laura zerstört alle Beziehungen", meinte ich. "Das hat lebensgeschichtliche Ursachen, die ich aber nicht kenne."
Im "Lost Sounds" traf ich Celeste. Sie erzählte von einem Unfall, bei dem sie knapp mit dem Leben davongekommen ist. Sie hatte etwas im Auge und riß das Lenkrad herum, so daß der Wagen ins Schleudern kam. Sie schaffte es gerade noch, mit ihrer Beifahrerin Aimée aus dem Wagen zu springen und auf den Randstreifen zu flüchten, da krachte ein Vierzigtonner in das Auto, und ein weiterer Vierzigtonner rauschte um Haaresbreite an Aimée und Celeste vorbei.
Luc klagte sehr, weil er trotz seiner guten Arbeitsleistung im Innenausbau von den übergeordneten Chefs angefeindet wird. Sie stören sich an seinen blauen Haaren und seinen Tattoos.
"Nirgends kann man sein, wie man ist", sagte Luc. "Wenn ich nur in Ruhe arbeiten könnte und mit niemandem zu tun haben muß, das wäre mir am liebsten."
Ich konnte ihn gut verstehen, wurde ich doch auch schon häufig angegriffen, nur weil ich anders bin als der Durchschnitt.
Mitte Dezember fand bei Constri ein Damenkränzchen statt, ein "Adventskränzchen". Ich brachte "Katastrophen-Kekse" mit, Mürbeplätzchen, die ich erfunden habe, weil ich zu Weihnachten alles andere als in Weihnachtsstimmung bin. Mehr als sonst im Jahr muß ich daran denken, wie gerne ich eine Familie mit Rafa haben möchte. Das macht Weihnachten für mich zu einer Katastrophe, deshalb habe ich Kekse erfunden, die jeweils eine Katastrophe darstellen. Es gibt "Escheder Plätzchen", das sind zickzackförmige Kekse mit Zuckerguß und einem roten Streifen aus Zuckerschrift; Geschickte können mit dunkler Zuckerschrift vorne "ICE" daraufschreiben. Die Kekse sind einem Zugunglück gewidmet. Langgestreckte rechteckige Kekse werden mit Mandelstiften besetzt, man kann mit dunkler Zuckerschrift Flugzeuge daraufmalen, es sind "Hochhauskekse" oder "WTC-Kekse". Sie werden in gerader Anzahl hergestellt. Kekse in der Form eines Tunneleingangs erhalten dunkle Couverture, auf die mit gelber und roter Zuckerschrift Flammen gezeichnet werden, das sind die "Tunnelbrandkekse". Dann gibt es noch "Grabkreuzkekse", die unterschiedlich verziert werden und die Aufschrift "R.I.P." erhalten.
"Wenn ich einen von den Hochhauskeksen esse, denke ich immer, damit kann ich die Hochhäuser wieder ganz machen", sagte Merle. "So, jetzt muß ich noch einen zweiten essen, damit auch das zweite Hochhaus wieder ganz wird."
Am Morgen des 16.12. kam Maya zur Welt. Edaín und Kappa stellten Fotos von ihr ins Internet. Als sie die Geburt ihres Kindes bekannt machten, schrieb ich Glückwünsche in ihr Online-Gästebuch; zwei Tage später schrieb auch Rafa Glückwünsche hinein.
Auf Rafas Internet-Domain gibt es jetzt als Intro brennende Adventskerzen zu sehen, dazu hört man amerikanische Weihnachts-Schlagermusik.
"W.E wünscht Ihnen eine gesegnete Adventszeit, frohe Feiertage und ein gesundes neues Jahr!" steht darunter.
Wie festlich und freudig es bei Rafa zugeht, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß mir jede Weihnachtsstimmung fehlt, von mir aus kann das Fest ausfallen. Es gibt für mich keinen Grund zum Feiern und keinen Grund zur Freude.

In einem Traum saß ich mit vielen anderen an einem Tisch. Links neben mir saß Rafa. Er beugte sich über mich hinweg zu meinem rechten Nachbarn, da näherte sich Berenice und schimpfte laut und lange.

Wegen des schlechten Wetters wollte ich mich fürs "Fractal" bequem anziehen und wählte deshalb den langen, weiten Tüllrock mit der Spitzenkante, ein Oberteil mit Puffärmeln und Spitzenhandschuhe. Das paßte ganz und gar nicht zu der im "Fractal" vorherrschenden Garderobe. Die meisten Gäste im "Fractal" ordnen sich einem bestimmten Techno-Stil unter, der schlichte, sportliche Kleidung vorschreibt. Die wenigen "Highlights" sind hochgesprühte Stachelfrisuren, Glitzergel, leuchtfarbene Westen und wattierte Röcke. Sonst sieht man nur Einerlei aus schlichten Leibchen, offenen Haaren, Schlaghosen und Plateauschuhen.
"Gerade hab' ich mich verliebt", sagte der DJ durchs Mikrophon, als ich auf die Tanzfläche gekommen war.
Das war das Einzige, was er durchs Mikrophon sagte. Ich wollte das nicht auf mich beziehen, fühlte mich aber dennoch angestachelt. Da taten die besonders harten Rhythmen ein Übriges. Ich kam fast eine Stunde lang nicht von der Tanzfläche herunter. Erst als etwas Flacheres, Poplastigeres kam, ging ich an den Rand auf die Stufen, wo ich endlich Cyra begrüßen konnte. Sie war mit einem Mädchen namens Dina-Laura im "Fractal", das mich noch von Cyras Geburtstagsfeier kannte.
"Dieses Stück gefällt mir nicht", erklärte ich Cyra meine Tanzpause. "Stücke mit Jubel-Samples mag ich grundsätzlich nicht."
"Na, ist wohl eine Live-Aufnahme ..."
"Nein, diese Samples existieren schon von Anfang an auf diesen Singles. Die Stücke sind aus der Retorte, und die Jubel-Samples werden von vornherein draufgemischt, damit die Leute denken, alle würden der Band zujubeln."
Das hatte Cyra noch nicht gewußt. Mir war es auch erst klargeworden, als ich feststellte, das sich bereits bei Neuveröffentlichungen auf den Originalversionen diese Samplemischungen befinden.
"Dein Kleid ist schick", sagte ein großer, kräftiger blonder Junge im T-Shirt zu mir, "nur ist das hierfür nicht zu schade?"
"Ach, nein", entgegnete ich. "Ich weiß ja, wie ich mich in sowas bewegen muß, damit das nicht kaputtgeht."
Die Musik zog mich wieder auf die Tanzfläche. Cyra verwickelte sich mit dem schüchtern wirkenden Jungen in ein lebhaftes Gerspräch. Später entdeckte ich die beiden im angrenzenden Bistro an der Bar, wo sie sich Kaffee holten. Cyra, der Junge, Dina-Laura und ich setzten uns an einen Tisch. Nachdem der Junge seinen Kaffee ausgetrunken hatte, ging er wieder hinein zur Tanzfläche. Cyra seufzte:
"Er hat mich gefragt, ob ich einen Freund habe!"
"Das ist doch klar", meinte ich. "Du hast dich so liebevoll um ihn gekümmert, daß er sich in dich verknallt hat."
"Der ist nicht in mich verknallt. Der will nur mit mir ins Bett."
"Sage ich ja, daß er sich in dich verknallt hat."
"Aber ich bin doch nur so, wie ich immer bin."
"Eben!" riefen Dina-Laura und ich.
Ein sehr junges Mädchen in schlichter Kleidung fragte mich, warum ich "so ein Kleid" tragen würde.
"Weil es mir gefällt", antwortete ich.
Das konnte das Mädchen gar nicht so recht verstehen, wählte es doch seine Kleidung nicht nach seinem Geschmack, sondern nach gängigen Normen aus.
Dina-Laura und ich erzählten dem Mädchen von der Electro-EBM-Szene und daß der Techno eigentlich dort seinen Ursprung hat. Das Mädchen fragte, wie es in dieser Szene mit den Drogen ist, und wir erzählten, daß es dort fast keine gibt.
"Hier gibt es viel zu viele Drogen", sagte das Mädchen.
Als Cyra und Dina-Laura wieder zur Tanzfläche gingen, stellte sich mir die achtundzwanzigjährige Ginevra vor und setzte sich zu mir.
"Ich kenne dich aus der 'Halle'", erzählte sie, "aber bisher nur vom Sehen. Du bist immer noch so wie damals ... was verschlägt dich denn hierher?"
"Die Musik!"
Ginevra lebt in SHG. und hat eine inzwischen schulreife Tochter, die sie alleine erzieht. Ihre Mutter lebt im selben Haus und versorgt das Kind, wenn Ginevra ausgeht.
Seit etwa zwei Jahren hat Ginevra Rafa nicht mehr zu Gesicht bekommen, obwohl er in derselben Kleinstadt wohnt. Einmal hat sie ihn im "Maximum Volume" gesehen, sonst auch nicht mehr beim Ausgehen.
"Dann deckt sich das mit meinen Beobachtungen", meinte ich. "Rafa läßt sich kaum noch irgendwo sehen. Er zieht sich immer mehr zurück."
Ginevra kennt Luisa, aber Rafas gegenwärtige Freundin kennt sie nicht, nur vom Sehen.
"Ist er immer noch mit seiner Freundin zusammen?" fragte Ginevra. "So eine ganz Hübsche mit langen schwarzen Haaren."
"Hat die damals in der 'Halle' bedient?"
"Ja."
"Dann ist die das. Ja, mit der ist er seit 1997 zusammen. Sie sieht wirklich gut aus, und sie ist mega-aggressiv."
Ich schilderte, wie Berenice sich im "Exil" verhalten hat. Als Ginevra zwischendurch tanzen ging, fragte ein Mädchen, das mit zwei anderen sehr jungen Leuten gegenüber saß:
"Und weiter? Wie geht es weiter?"
Ich erzählte die Geschichte weiter und dann noch einmal für Ginevra.
"Was ist denn das für eine Psycho-Frau?" wunderte sich Ginevra über Berenice.
Ich erklärte ihr, daß Berenice eifersüchtig ist. Ich erzählte auch, daß sich in Rafas Leben nicht sehr viel bewegt und daß ich ihm raten würde, sich im Informatikbereich weiterzubilden, um seine Zukunft zu sichern:
"Das kann er, das macht ihm Freude, damit kann er Geld verdienen. Aber ich glaube, er will sich nichts mehr beibringen lassen. Er braucht immer die Vorstellung, daß er schon alles weiß, was wissenswert ist. Und damit blockiert er sich selber."
"Der scheint dir ziemlich viel zu bedeuten", vermutete Ginevra.
Das konnte ich bestätigen.
Ginevra meint, bei Rafa gehe es vor allem um die Frage, ob er es wagt, Liebe zu riskieren. Sich auf Liebe einzulassen sei immer mit dem Risiko der Zurückweisung verbunden.
Als ich Ginevra erzählte, daß Cyrus vor einem Jahr Deirdre geheiratet hat, berichtete sie von einer Bekannten names Cassie. Cyrus soll Cassie bei einem Date vergewaltigt haben und sich dann herausgeredet haben im Stile von:
"Wieso, die wollte das doch."
Bei "Stahlwerk" traf ich Mal und Dedis, die freuten sich wie die Schneekönige über ihre geheime Hochzeit. Sie wollen im Frühjahr auf Hochzeitsreise gehen.
"Wir haben dich so vermißt!" riefen sie.
"Ihr wart ja auch schon ewig nicht mehr bei 'Stahlwerk'", gab ich zu bedenken. "Ich bin fast jedesmal bei 'Stahlwerk'."
Mal hat wahrscheinlich bald eine Wette gewonnen. Innerhalb eines Jahres soll die Fünfhunderter-Auflage von seiner 7" "Haushalt und Technik" vergriffen sein, dann ist es geschafft. Er sei schon nahe dran.
Am zweiten Weihnachtstag war ich bei einer "Elizium"-Revival-Party in dem Veranstaltungszentrum "Plaste & Elaste", einer ehemaligen Fabrik. Seraf berichtete mir, daß er gemeinsam mit Morgan ein Musikprojekt ins Leben gerufen hat.
Bertine stand neben Brandon, von dem sie sich soeben getrennt hatte. Daß es mit ihnen nicht lange halten würde, hatten Constri und ich uns schon gedacht, als wir sie vor vier Wochen auf Onnos und Ray Party sahen. Wir fanden, daß sie einfach nicht füreinander geschaffen sind.
Über Kappa ist eine Anekdote im Umlauf, die zur Jahreszeit paßt. Man erzählt sich, in einer Winternacht habe jemand während einer Party nach draußen geschaut und festgestellt:
"Es schneit!"
Da soll Kappa gerufen haben:
"Was, ihr wollt ohne mich?"
Das hört sich schon mehr nach einem Witz an als nach einer wahren Begebenheit.
Silvester wurde in meinem Party-Gästebuch "aus dem Nähkästchen" geplaudert. Constri schrieb über Rikka:

Rikka kann nicht aus dem Nähkästchen plaudern. Wenn man die obere Etage abhebt, darunter ist
NICHTS!
Genauso ist das mit ihrem Gehirn. Wenn man die obere Etage abhebt, darunter ist
NICHTS!

Sie zeichnete Rikka und beschriftete sie:

1. Etage: Haare
2. Etage: Luftleerer Raum NICHTS DRIN!

Constri betrachtet Rufus nach wie vor als "virtuelles Brot". Über ihn schrieb sie:

Edel wie ein Brötchen kommt er daher.

Rikka sagte zu Carl:
"Mich brauchst du nicht anzugucken mit meinem luftleeren Raum."
Carl erwiderte:
"Ich find' das eher erotisch als geil."
Rikka versuchte, Folter zu wecken. Folter sagte:
"Ooch, nee!"
Auch diese Unterhaltungen wurden im Gästebuch dokumentiert.
Neujahr war ich im "Zone". Zwei Jungen begegneten mir dort, die ich flüchtig kenne. Wie sich herausstellte, machen die beiden gemeinsam Musik, unter dem Namen "Exilanation". Ihr romantisches, sehr tanzbares Future-Pop-Stück "1000 beats" ist im "Zone" zu einem Clubhit geworden. Les spielt es gerne hinter "Naked" von Assemblage 23, weil sich mit den beiden Stücken ein schöner Übergang bilden läßt.
Lysanne erzählte, sie habe mit Ace und dessen alten Kumpanen vom Radiosender Silvester gefeiert. Keiner von denen habe mit dem Radiosender noch etwas zu tun.
Zenza betrachtet die Beziehung von Lysanne und Ace nach wie vor mit Skepsis:
"Ein Abhängigkeitsverhältnis. Sie idealisiert ihn."
Anfang Januar schrieb jemand - vielleicht waren es auch mehrere - in Rafas Online-Gästebuch:

Sehr geehrte Fräuleins, sehr geehrte Herren, unter Beachtung der guten Etikette geben wir Ihnen ein paar Tipps für das hoffentlich gut gestartete neue Jahr!

1.
Klamottentechnisch müßten Sie, sehr geehrte Herren, sich bei Gelegenheit beraten lassen bzw. von selbst drauf kommen! Der Röhrenschnitt ist überholt. Männer in Leggins sind wahrlich kein schöner Anblick.

2.
Ihr schreibt, die Frauen stehen für Weiblichkeit; warum nehmen Sie, verehrte Herren, dann auch Lippenstift?

3.
Genug gemeckert.

4.
Da wir mittlerweile sogar schon mit unseren Fahrrädern Reklame fahren (Aufkleber "Super 8"); wo bleibt unsere Prämie?!

5.
Wenn Sie gestatten, eine doch hoffentlich nicht zu tief in Ihre Privatsphäre greifende Frage: Warum sieht man Sie, sehr geehrter Herr Dolf, nicht mehr im "Verlies"? Sind Sie von den Leuten genauso genervt wie wir?! Verschlossenes Pack (Bitte entschuldigen Sie - aber die Empörung sitzt zu tief)! Alle sind nur mit sich beschäftigt; scheinbar sozial tot.

Aber nun mal Spaß und Kritik beiseite - Ihre Musik ist echt hörbar. Mit den besten Wünschen für Ihre noch laufende Tour verbleiben wir mit freundlichen Grüßen.

Obwohl die Kritik nur vorsichtig anklang und mit Humor und reichlich Lob gemischt war, löschte Rafa den Eintrag.
"Also, der verträgt ja wohl gar nichts!" meinten Bertine und Chantal, als ich ihnen bei einem abendlichen Kaffeestündchen davon erzählte.
Chantal war bei Bertine zu Besuch. Außer Bertine hat sie fast keine Freunde, auch hier in H. nicht. In B. fühlt Chantal sich inzwischen heimisch. Sie lebt allein. Zu Nicolette hat sie keinen Kontakt mehr. Sie war zunächst mit Nicolette in B. in eine Wohnung gezogen. Nach kurzer Zeit fand Nicolette dort einen Freund und kümmerte sich nicht mehr um Chantal.
Chantal war früher mit Violet eng befreundet. Es kam zum Bruch, weil Violet sich in Chantal verliebte, Chantal ist jedoch nicht lesbisch.
Violet sind viele Leute nicht gut genug, um mit ihnen zu reden. Mit einigen Leuten redet sie auch nur zeitweise.
"Wenn die Leute, die sich arrogant verhalten, wenigsten Grund dazu hätten", seufzte Chantal, "aber die sind oft so armselig ..."
"Es gibt überhaupt keinen Grund, sich arrogant zu verhalten", setzte ich dagegen. "Niemand hat das Recht, sich über andere zu stellen und andere abzukanzeln. Die Position, die er in der Gesellschaft hat, ist hier völlig irrelevant."
Chantal war erstaunt, als ich meine Vorstellung von Arroganz beschrieb:
"Arroganz bedeutet, daß man Lust hat, andere zu demütigen, weiter nichts. Die Ursache ist häufig ein vermindertes Selbstwertgefühl, gepaart mit asozialen Tendenzen."
"Wenn das so ist, beginne ich manche Leute erst zu verstehen", meinte Chantal. "Ich hatte immer gedacht, arrogant ist man, wenn man stolz auf etwas sein kann."
"Nein, man kann auch stolz auf etwas sein, ohne arrogant zu werden."
"Stimmt ... die meisten, die arrogant wirken, sind hinter der Fassade einfach nur hohl und haben gar nichts, auf das sie sich etwas einbilden können."
Chantal seufzte, als sie daran dachte, wie gut Seraf immer noch aussieht. Ich sagte ihr, daß ich ihm oft begegne, aber nie mit einem Frauenzimmer an der Seite.
"Vor zwei Jahren beim Open Air Festival in HI. hatte er eine dabei", erinnerte sich Chantal. "Aber er hing nur dauernd bei uns 'rum."
"Berenice wollte Seraf ins Bett kriegen", erzählte ich, "aber er hat abgelehnt."
Als ich schilderte, daß Berenice zunehmend aggressiv gegen mich wird, meinte Bertine, das sei eigentlich nur damit zu erklären, daß Rafa noch Gefühle für mich hat, aber dem sei ja nicht so.
Chantal erinnerte sich, wie Dolf ihr 1994 den Hof machte. Auf dem Weg ins "Zone" saßen sie auf der Rückbank eines Autos, und Dolf sagte ihr unentwegt, sie sei ja so toll, so faszinierend. Das ging ihr sehr auf die Nerven.
Bertine und Chantal wollten spätabends ins "Nowhere", da wollte ich aber nicht hin.
Am Dreikönigstag war ich bei Odette und Quentin zum Abendessen. Odette erzählte Anekdoten von Brinkus. Einmal war sie auf einer seiner Parties.
"Das hätte ein JVA-Ausflug sein können", meinte sie, "was da so 'rumhing! Denen hätte ich auch nicht im Dunkeln begegnen wollen."
"Da waren viele Jahre Knast versammelt", ergänzte Quentin.
Meine Nachbarn empfangen jedes Jahr zum Dreikönigstag eine Haussegnung. Bislang wurde sie immer mit Kreide oben auf die Wohnungstür geschrieben. Inzwischen gibt es die Segnung als Computerausdruck; sie wird auf die Tür geklebt: "20 * C + M + B * 02". In meinen Augen verliert sie durch die "Digitalisierung" nicht an Frömmigkeit, sie paßt sich nur der Zeit an.

Ein Traum spielte in einem Veranstaltungsforum, das der Eingangshalle des Bahnhofs in H. glich. Dort begegnete mir Henk in der Menge. Er trug gebleichte, toupierte Haare. Rafa war einige Meter entfernt. Ich freute mich, wenigstens Henk umarmen zu können, und ich tat das auch sehr ausgiebig; wir küßten uns sogar - und das, obwohl ich keine Verliebtheit für Henk empfand, sondern nur Zuneigung. Ich fragte mich, ob Rafa die Szene mitbekam und was in ihm vorging.

SMS-Verehrer Ian hat einen neuen Versuch unternommen, sich mit mir zu treffen. Dieses Mal kam das Treffen wirklich zustande, in einem Café auf dem Klinikgelände von Kingston. Ian klagte über seine Schüchternheit und Feigheit. Ich meinte, das Überwinden von Schüchternheit sei vor allem eine Frage des Willens. Es gehe um die Entscheidung, ob man bereit sei, sich von seiner Schüchternheit regieren zu lassen. Das Verschieben und Nichteinhalten seiner bisherigen Verabredungen mit mir bewertete ich folgendermaßen:
"Du wolltest nicht. Ich gehe davon aus, daß jeder, der volljährig und normal ist, entscheiden kann, was er tut."
Ian wollte mich nun in Discotheken und auf Parties treffen, er sagte aber wieder ab oder erschien einfach nicht.
Tris Gardner berichtete per SMS von seinen Versuchen, seinen neunjährigen Sohn wiederzusehen. Er berichtete auch von einem Mädchen, mit dem er zusammenziehen wolle, doch er könne sich noch nicht entscheiden.
Mit Sarolyn war ich im Fractal. Wir tanzten zu "Soul on soul" von System F, das durch den Gesang von Marc Almond verzaubert wird. Sarolyn und ich unterhielten uns über Rafa und die Aufrichtigkeit.
"Rafa lügt viel", meinte Sarolyn. "Er hat auch früher schon viel gelogen."
Auch Ivco habe ihr berichtet, Rafa lüge viel und wolle sich auf niemanden verlassen.
"Ich frage mich, ob ein Mensch, der das Lügen zu seinem Lebensprinzip gemacht hat, jemals wieder zur Aufrichtigkeit zurückkehren kann", überlegte ich. "Rafa scheint Frustrationen nur ertragen zu können, indem er sie in Siege verdreht. Er biegt sich seine Wirklichkeit zurecht."
Ted hat mir am Telefon erzählt, daß er Mitte Dezember eine Auseinandersetzung mit seinem Bruder Dan hatte, nichts Ernstes, aber doch belastend. Als Ted bald darauf Besuch von Dan erhielt, wunderte er sich, denn sein Bruder besucht ihn nur selten. Ted dachte zuerst, Dan wollte ihm eine Predigt halten, weil Ted sich auch mit dem Vater gestritten hatte. Aber Dan erzählte, daß bei ihm der Verdacht auf Leukämie bestehe. Dieses tragische Ereignis kam zu einer Zeit, in der eigentlich gefeiert werden sollte, denn sowohl Ted als auch sein acht Jahre älterer Bruder und dessen sechzehnjähriger Sohn haben am 18.12. Geburtstag. Und Weihnachten und Silvester standen vor der Tür.
Dan ist geschieden, sein Sohn lebt bei seiner geschiedenen Frau, hält sich aber meistens bei Dans und Teds Eltern auf und wohnt dort in Teds ehemaligem Zimmer. Dan hat seit Jahren eine Freundin, mit der er nach der Verdachtsdiagnose erst einmal in den Urlaub gefahren ist. Danach - das liegt jetzt eine Woche zurück - bestätigte sich der Verdacht auf Leukämie. Dan ist fünfundvierzig Jahre alt und war bisher bei guter Gesundheit. Die Chemotherapie hat eben begonnen.
Ted vermutete, sein Verhältnis zu Dan werde sich ändern; man werde das Zusammensein bewußter erleben, weil man nicht wissen könne, wie lange man einander noch habe.
"Man muß erstmal damit rechnen, daß er überlebt", meinte Ted. "Man muß erstmal die Hoffnung haben, das ist wichtig."
Für ihn treten nun alle anderen Sorgen hinter der Sorge um Dan zurück. Er berichtete schließlich aber doch noch, wie die Sache mit seinem Führerschein weitergegangen ist:
Am Nikolaustag wartete er mit Gus - seinem Anwalt - vor dem Gerichtssaal. Die Verhandlung sollte um 11.10 beginnen. Als dann um 11.00 die vorherigen Parteien den Saal verließen, lockte Gus Ted hinein, weil er dachte, es sei nun keiner mehr darin, also könne man schon eintreten. Die Richterin - sie soll wie die Fernseh-Richterin Barbara Salesch in Blond ausgesehen haben - winkte mit dem Zaunpfahl:
"Die Verhandlung beginnt um 11.10."
"Mensch, Gus", raunte Ted, doch Gus hörte nicht und zog seine Robe an.
"Sollen wir nochmal 'rausgehen?" fragte Ted.
"Nein, jetzt geh' ich raus", erwiderte die Richterin. "Setzen Sie sich da rechts schon mal hin."
Um genau 11.10 kam sie wieder herein und sagte zu dem Gerichtsdiener, er könne jetzt die Parteien aufrufen. Der ging hinaus auf den leeren Flur und rief pflichtgemäß die längst eingetretenen Parteien auf - in diesem Fall waren das nur Ted und sein Anwalt.
"Mein Führerschein", stöhnte Ted leise. "Das kann ja was werden."
Die Richterin fragte Ted, ob er sich zu der verhandelten Sache äußern wollte. Das wollte er.
Ted schilderte, wie er auf die "dreispurige Autobahn" eingebogen sei und wegen des Schulterblicks das Schild "70" nicht gesehen habe, und beim nächsten Schild sei er schon ins Visier des Polizeiradars geraten.
"Ich höre immer nur 'Autobahn'", sagte die Richterin. "Das ist eine Kraftfahrstraße. Da sind Häuser rechts und links, da ist sogar ein Altenheim auf der Höhe, da können Menschen auf die Straße laufen. Also, wenn Sie den Unterschied zwischen einer Autobahn und einer Kraftfahrstraße nicht kennen, müssen Sie sich da noch etwas weiterbilden."
Ted wollte sich dagegen wehren, daß die Richterin "mal eben aus der Autobahn eine verkehrsberuhigte Zone machte" und gewisse Verhältnismäßigkeiten nicht berücksichtigte.
"Immerhin habe ich doch hundert als Richtschnur gehabt", gab er zu bedenken und baute eine Prahlerei ein:
"Ich hätte auf der Strecke auch hundertachtzig fahren können, mit meinem Auto kann ich das auf dreihundert Metern schaffen, aber ich bin davon ausgegangen, daß nur hundert erlaubt sind, weil auf der Strecke überall nur hundert erlaubt sind, und so habe ich mich schon begrenzt. Also - ich bin kein Raser."
"'Raser' haben Sie gesagt", entgegnete die Richterin. "Ich habe nicht von 'Rasen' geredet. Aber wenn jemand mit hundertzwei durch eine Ortschaft fährt - und weil es immer noch 3 km/h Toleranz gibt, waren das eigentlich sogar hundertfünf -, dann ist das für mich 'Rasen'. Eins will ich von Ihnen wissen - Sie geben zu, zu schnell gefahren zu sein; weshalb sind Sie denn dann eigentlich hier?"
Ted sah alle Felle wegschwimmen. Gus brachte ein Argument, das Ted sich erst für den Schluß aufheben wollte:
"Es geht darum, daß der Führerschein nicht verloren geht."
"Ach!" merkte die Richterin auf. "Der wichtigste Lappen, den ein Mensch besitzen kann! Na, das ist natürlich ein Grund, hierher zu kommen! Da muß man natürlich alle Hebel in Bewegung setzen, um den nicht zu verlieren!"
"Ich bin selbständig", gab Ted zu bedenken, "ich bin Jungunternehmer und habe eine Firma, deshalb ist der Führerschein so wichtig."
Die Richterin erkundigte sich nach Einzelheiten, auch der Anzahl der Beschäftigten, und fragte dann:
"Sie haben eine Firma und machen nie Urlaub? Unter solchen Gegebenheiten machen Sie nie Urlaub?"
"Nein", antwortete Ted ehrlich und zerknirscht. "Ich weiß, das gehört eigentlich nicht hierher, aber ich habe seit Jahren keinen Urlaub mehr gehabt. Das mit der Firma war von Anfang an ein Kampf. Ich kann immer nur am Wochenende weg, ich kann nie eine ganze Woche weg sein, nur um Weihnachten, da ist die einzige Zeit im Jahr, wo mal Ruhe einkehrt. Ich weiß, daß das nicht hierher gehört, aber ich habe immer wieder einen draufgekriegt, einen Kumpel verloren, dann hat das Büro gebrannt, mit all dem mußte ich fertigwerden, und jetzt, wegen so einer Sache, wo ich das erste Mal auffällig werde im Straßenverkehr, ist gleich der Führerschein weg, nur weil gerade einen Monat zuvor der Bußgeldkatalog geändert worden ist, das wird einem dann auch mal einfach zuviel."
"Genau das war es, was ich von Ihnen hören wollte", freute sich die Richterin. "Schlaue Argumente kriege ich hier jeden Tag zu hören, alles schon vorher zurechtgelegt, und die Anwälte lesen schöne Texte vor, die kenne ich aber alle schon. Mich interessiert das nicht. Mir geht es nur darum, den Menschen kennenzulernen, der dahintersteckt. Wenn Sie jetzt Ihren Führerschein behalten, dann nur, weil Sie ehrlich sind. Ich könnte das ansonsten durchaus vertreten, Ihnen den Führerschein abzunehmen; das würden Sie auch noch verkraften, bei all dem, was Sie schon geschafft haben. Was außerdem noch für Sie spricht, ist in der Tat, daß Sie bisher noch nicht erwischt wurden ... äh ... aufgefallen sind. Ich fälle so ein Urteil nicht oft, möchte ich dazu anmerken. Und natürlich können wir die Geldbuße nicht bei 200,- Mark lassen, das verdoppelt sich dann auf 400,- Mark. - Was würden Sie denn tun, wenn Sie Ihren Führerschein behalten?"
"Mich bedanken."
"He, die will doch hören ...", raunte Gus.
"Ach ja", fuhr Ted fort, "natürlich werde ich mich in Zukunft an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten. In DO. kenne ich mich ja nun auch aus und bin ortskundig ..."
"... genau, Sie wissen jetzt, wo die Radarfallen stehen ...", ergänzte die Richterin. "Ein Jahr lang fahren Sie jetzt auf Bewährung. Wenn Sie mit mehr als fünfundzwanzig zuviel erwischt werden - egal, wo -, dann ist die Fleppe weg, da gibt's kein Vertun."
Ted meint, diese Richterin sei das Beste, was ihm passieren konnte.
"Wenn die aber gesagt hätte, ich soll 800,- DM bezahlen, das wäre mir aber doch schon wieder zu heftig ..."
"Bist du verrückt?" fragte ich. "Du hättest der noch die Hand küssen müssen, wenn sie '1000' gesagt hätte."
Ted meint, er fährt jetzt "nach Tacho, nicht mehr nach Gefühl". Auch seinem Neffen sei das aufgefallen:
"Irgendwie fährst du langsamer."
Am 11.01. schrieb ich unter "11" in Rafas Online-Gästebuch:

Das umgekehrte Datum: Am 01.11. gibt es auf dem Friedhof die roten Ewigkeitslichter zu sehen. Jedes Jahr kann man dort entlanglaufen und sie anschauen. Rituale wie dieses sollen dazu beitragen, Unfaßbares faßbar zu machen.

Dieser Eintrag war mir wichtig, weil ich Rafa an seinem Geburtstag schon so lange nicht mehr besuchen und nicht beschenken kann.
Als ich von der Arbeit kam, hatte sich jemand die Ansage von meinem Anrufbeantworter angehört, ohne etwas daraufzusprechen. Das kommt sehr selten vor; ich kann mich nicht erinnern, ob es in den letzten fünf Jahren vorgekommen ist. Wenn jemand nichts auf den Anrufbeantworter sprechen will, legt er in der Regel gleich auf, wenn sich der Anrufbeantworter meldet, und wartet nicht erst bis zum Ende der Ansage.
In diesem Jahr hatte ich meinen Nervenzusammenbruch erst zwei Tage nach Rafas Geburtstag. Ich komme jedesmal aus dem Takt, wenn ich ihm nicht gratulieren kann.
Immerhin löschte Rafa meinen Eintrag in sein Gästebuch nicht.
In Rafas Domain habe ich ein neueres Interview gefunden. Darin wird Rafa von Interviewer Tizian Enders gefragt:

Wie kamt ihr darauf, gerade eine Single zum Thema "Super 8" zu machen? Hat das irgendeinen Bezug zu eurem Equipment, das Musik mit hoffnungslos veralteten Sounds entstehen lässt?

Rafa erwidert:

Unser "equipment", wie Sie es so schön bezeichnen, beinhaltet die größten Errungenschaften der Ära von elektronischen Instrumenten. Mit Bestürzung stellen wir fest, daß Sie auch zu denen gehören, die die Hoffnung schnell aufgeben und sich nur durch "neuen" 6-Monatsgarantie-Plastikplunder überzeugen lassen. Es geht doch nie um das Alter eines Produktes, sondern um seine Qualität!

Rafa fachsimpelt über Super 8-Kameras. Tizian fragt:

Interpretier doch bitte kurz den Text zu "Super 8" ...

Rafa antwortet:

Hups!? Wir "duzen" uns? Nun gut! W.E trinkt mit Ihnen ein kleines Glas Apfelsaft und nimmt Ihr "Du" dankend entgegen ...

In der Folge wird Rafa entwertend:

Ich gehe vorab auch mal davon aus, daß Du nicht konsequent und kompetent genug bist, meine komplette Stellungnahme in Deinem Magazin abzudrucken. Von daher sehe ich mich auch nicht gezwungen, mich kurz zu fassen.
Wie schon gesagt, bist Du jemand, der sich von der Unterhaltungsindustrie wie ein Sklave halten läßt. Alles was neu ist, ist gut, alles was viel durch Werbung gepriesen wird, welche natürlich nur von Dir bezahlt wird, wird gekauft ...
Es ist wie eine Religion. Eine Stimme in Dir ... Eine feindliche Stimme.
"...feindliche Stimmen in mir, sie sterben!"
Leider hast Du alles vergessen, wozu denn auch bei perfekten Dingen bleiben, die uns Spaß machen, mit denen wir umgehen können, wenn es "neue" Dinge gibt, die viel Geld kosten und von denen wir keine Ahnung haben?
Du warst hochmodern, doch was ist daraus geworden? Ein gequälter, unglücklicher Opportunist ... Ballast!
"...denn wir sind hochmodern, wir drehen auf SUPER 8!"
Mal ganz davon abgesehen, daß die ganze Welt in einem 8 mm-Format nicht nur schöner, sondern auch viel konzentrierter ist und nur auf unsere Phantasie, Motivation und Kreativatät wartet.
Auf was sollte sie auch sonst warten ? Auf hirnlosen Ballast, der nicht mal in der Lage ist, zwischen gut und schlecht, zwischen perfekt und nutzlos zu wählen, wartet sie bestimmt nicht.

Als Nächstes erkundigt sich Tizian:

Wo habt ihr den Werbetext/bilder zur Super 8-Kamera ausgegraben?

Rafa will eigentlich nur antworten, daß dieses Material aus einer alten Bedienungsanleitung stammt. Er verpackt es folgendermaßen:

Die "Werbetext/bilder"? Was soll das sein? Vielleicht beziehst Du Deine Frage auf die illustrierte Plattenhülle unserer Sendung!?
Hierzu können wir Dir nur sagen, daß wir zu diesem Zweck nichts ausgegraben haben. Wir drehen auf SUPER 8, wir projizieren auch hier im Funkhaus mit SUPER 8 auf Leinwände und schauen uns eine wundervolle Welt an ... So brauchen wir z. B. nur die Anleitungen unserer Kameras und Projektoren aufzuschlagen oder selbst einige Photos zu belichten.

Tizian nimmt Bezug darauf, daß Rafa in seinen Texten über technische Errungenschaften häufig ein anonymes "Du" vorkommen läßt wie in "Viel lieber wär ich jetzt bei dir!" und Ähnlichem:

Ein Faible von Euch scheint es zu sein, ganz banale Dinge mit Sex oder Liebe zu verbinden. Woher kommt das denn?

Rafa erwidert:

Leider wissen wir auch nicht, was Du in diesem Zusammenhang mit "banalen Dingen" bezeichnest!?! Aber wir raten Dir vielleicht mal, Deine "banalen Dinge" mit Sex oder Liebe zu paaren, damit dieses schöne Thema nicht gänzlich zu kurz in Deinem Leben kommt.

Mir fällt dazu ein, wie Rafa im "Elizium" seine Liebschaften gewechselt und gegeneinander ausgespielt hat.
Tizian erkundigt sich:

Wie steht ihr denn zu den neueren Exemplaren der Videokameras? HandyCam und so Zeuchs?

Rafa erwidert:

Die letzte Bezeichnung geht wohl konform mit unserer Meinung ("Zeug"). Doch darf man hier nicht verallgemeinern. Suche Dir immer das perfekte Medium zur Verwirklichung Deiner Wünsche, Träume und Visionen, und auf der Basis von Film wirst Du bei einer SUPER 8-Kamera landen.

Das Video, das Sten zu dem Stück "Super 8" gedreht hat, enthält Material, das auf Super 8 gedreht wurde, besteht aber zu einem erheblichen Teil aus digitalen Videoaufnahmen. Rafa scheint die aktuelle Technik nicht so sehr abzulehnen, wie er in dem Interview vorgibt.
Tizian nimmt Bezug auf die Renaissance der Achtziger Jahre:

In letzter Zeit kommt einem immer mehr der einfache Sound der Achtziger zu Gehör. Rechnet ihr Euch Chancen aus, irgendwann während eines Achtziger-Revivals in die Top Ten der regulären Charts zu kommen?

Rafa wird erneut entwertend:

Wir wissen zwar nicht, was Du in den 80ern getan oder gehört hast, aber wenn Du "Milli Vanilli" oder "Rick Astley" gehört hast, da Dir ja auch gleich die "top ten" so wichtig sind, können wir nichts dazu. Vielleicht hättest Du Dich mal auf die wirkliche Musik und deren Klänge konzentrieren sollen und hättest spätestens in der "New Wave", in der "Neuen Deutschen Welle" oder bei Klängen von Kraftwerk Dein Adjektiv "einfach" gegen "perfekt" oder "akkurat" getauscht. Und wieso sollten wir auf einer Welle mitreiten? Wir sind die Welle! Als wir vor 8 Jahren deutsche Texte mit elektronischen Klängen symbionisierten, haben uns die Leute ausgelacht ... Wir brauchen kein "retro", kein "revival" oder eine Renaissance, um uns in uns bestätigt zu fühlen. Wir machen unser Ding, und das Geschmeiß interessiert uns herzlich wenig.

Das Wort "symbionisieren" gibt es nicht.
Mir fällt ein, wie sicher Xentrix ist, daß Rafa nie an die Spitze der offiziellen Charts gelangen wird. Und ich denke daran, wie gut ein Musiker im Geschäft sein muß, um von seiner Musik wirklich leben zu können. Tizian, dem dies wohl auch bewußt ist, stellt Rafa die schwierige Frage nach seiner Berufstätigkeit:

Was treibt eigentlich ein W.E-Mensch, wenn er nicht gerade Musik macht?

Rafa antwortet ausweichend:

Er denkt nach, arbeitet, produziert und ist kreativ tätig.

In einem anderen Interview, das ich im Internet gefunden habe, wird Rafa darauf angesprochen, daß es zwischenzeitlich eher ruhig um seine Band gewesen sei. Rafa füllt diese Zeitspanne auf:

Nachdem wir uns erst um eine ausreichende Präsenz im Internetz gekümmert und viele Konzerte im Ausland bestritten haben, haben wir natürlich wie wahnsinnig an unserer kommenden Sendung und seiner Vorabteilsendung "Super 8" gearbeitet, welche seit Mitte November 2001 in allen guten Schallplattenläden steht. All das könnte man mit den Worten: "Es ist uns gut ergangen." zusammenfassen.

Die Interviewerin nimmt Bezug auf die "Herz-Schmerz"-Lyrik in "1000 Tage":

Könnt Ihr ein wenig vom Hintergrund zu "1000 Tage" erzählen? Einige "Kritiker" hatten diesem Lied vorgeworfen, es höre sich nach kitschigem Schlager an. Ist das Eurer Meinung nach ein passender Vergleich?

Rafa entgegnet:

Das Wort "Schlager" ist auf jeden Fall nicht unangebracht. Damit beziehen wir uns dann aber lieber auf die Schlager der 50er und 60er Jahre. Was man neuerdings als Schlager bezeichnet, ist ja mehr von Technorhythmen belastet als manche Ravestücke selbst. Von dem Wort "kitschig" entfernen wir uns dann aber doch lieber, denn wir sprechen hier ja von einem Liebeslied. Und da sollten dann doch eher Adjektive wie "gefühlvoll" oder "leidenschaftlich" benutzt werden.

Seltsam wirkt auf mich die Logik, daß ein Schlager schon allein deshalb nicht kitschig sein kann, weil er von Liebe handelt.
Befragt nach der Auswahl der Gegenstände, die er besingt, meint Rafa:

Wir sagen immer "perfekte Produkte" dazu ... Dinge, die der Mensch halt nicht unbedingt besser zu machen versuchen sollte. Sie haben das gewisse Etwas, weil vielleicht ein Stück Herz und Seele in ihnen stecken.

Das Wort "perfekt" scheint für Rafa eine andere Bedeutung zu haben als die allgemein gültige. "Perfekt" scheinen in Rafas Augen vor allem Gegenstände zu sein, die emotional besetzt sind. Die emotionale Beziehung, die Rafa zu Gegenständen hat, kann ich nachempfinden, gibt es doch auch Gegenstände, die mir viel bedeuten. Dennoch, wenn ich den Text des Interviews herunterlese, wirkt es auf mich seltsam formelhaft. So geht es mir mit den meisten Interviews von Rafa. Es hört sich beinahe so an, als würde er Textbausteine aneinanderfügen.
"Das ist ein Rollenspiel", meinte Constri. "Das hat nichts mit ihm zu tun. Rafa spielt eine Rolle, und das, was er in den Interviews sagt, gehört auch zu dieser Rolle und nicht zu ihm."
Ted sagte über Rafas Interviews, die er auch kennt:
"Da hatte ich den Eindruck, Rafa hat voll den Boden unter den Füßen verloren. Der ist gar nicht mehr in der Realität."
Mit Sarolyn, Victor und Sarolyns Freundin Magenta war ich im "Radiostern". Magentas Beziehung ist vor Kurzem zuendegegangen, und Sarolyn äußerte die Hoffnung, daß man im "Radiostern" "was Neues" für Magenta besorgen könne.
Trevor und Denny waren beide im "Radiostern". Denny sagte zu mir, er sei noch nicht sicher, ob die Beziehung von Trevor und Cyra von Dauer sei. Cyra sei schwierig, und das merke man erst sehr spät.
Cyra sagte mir, sie freue sich so, daß dieses Mal Hal auch im "Radiostern" sei. Wegen Hal habe sie schon Ärger mit Trevor gehabt. Sie wolle aber auf keinen Fall die Freundschaft mit Hal aufgeben.
"Freundschaft und Liebe sind nicht das Gleiche", meinte ich, "und beides ist wichtig."
Cyra bestätigte das.
"Er ist mein Goldstern", sagte sie über Hal.
Hal stand mit einigen Jungen vor einer Box. Er hatte sehr kurze Haare und war in schlichtes Schwarz gekleidet, er trug ein Hemd mit Stehkragen. In seinem Verhalten wirkte er auf mich offen und unaufdringlich, seine Bewegungen wirkten elegant und gleichzeitig tapsig-vorsichtig.
Hal sagte mir, daß es ihm im "Radiostern" von Anfang an gefallen habe. Sein Deutsch ist schon recht gut. Seit er, der aus Irland stammt, nach HH. gezogen ist, lernt er die Sprache sehr schnell, was ich auch als Zeichen seiner Offenheit werte.
Während Cyra sich mit Hal unterhielt, drückte er sie an sich, streichelte unentwegt auf eine schüchterne Art ihre Schultern und küßte sie auf die Wange. Sie schien das zu genießen wie eine heiße Dusche.
"Und ich sage, der ist in dich verknallt", meinte ich später zu Cyra.
"Die Freundschaft mit Hal soll immer so bleiben, wie sie ist", wünschte sie sich.
Ich kann Trevors Eifersucht verstehen. Cyra schwärmt so sehr von Hal. Über Trevor redet sie hingegen selten und nie schwärmerisch. Sie stellt nicht in Frage, daß Trevor ihr Freund ist, und Treue ist ihr sehr wichtig. Doch leidenschaftliche Verliebtheit in Trevor habe ich bei Cyra noch nicht bemerkt.
Beatrice und ich gingen Kaffeetrinken in der Altstadt. Sie erzählte, daß sie damals, als Rafa noch mit Luisa zusammen war, im "Elizium" von hinten ein Nonnenkostüm gesehen hat.
"Hallo, Luisa!" rief sie freudig.
Da drehte sich die Gestalt um, und Beatrice erkannte Rafa, der sich Luisas Nonnenkostüm angezogen hatte.
"Das hat geil ausgesehen", fand Beatrice.
"Ja, ihm stehen diese schrillen Kostüme so gut", meinte ich. "Es ist so schade, daß er immer steifer und verklemmter auftritt. Er zeigt seine Stärken gar nicht."
Mit dem Nonnenkostüm verfolgte Rafa einen bestimmten Zweck. Revco belagerte Luisa damals heftig, und das störte sowohl sie als auch Rafa. Als Rafa nun anstelle von Luisa das Nonnenkostüm trug, kam Revco von hinten auf die vermeintliche Luisa zu und umarmte die Gestalt. Da drehte die "Nonne" sich um, und es war Rafa, von dem Revco nun ordentlich eine gewischt bekam. Von da an soll Revco Luisa nicht mehr belagert haben.
"Rafa ist ein sehr guter Schauspieler", wußte Beatrice. "Als er mir zwei Stunden lang wegen Francesca was vorgeheult hat, habe ich zuerst wirklich gemeint, daß das echt ist. Aber die ganze Show, alles, was er so präsentiert hat - das war nicht Rafa.
Ich wußte damals schon, daß Rafa ein tierisches Selbstwertproblem hat. Andras und Rafa haben das beide, die waren fast gleich, auch daß beide immer möglichst viele Frauen im Bett haben mußten. Bei Andras lag das ganz klar an seiner Nase und seinen Lippen. Den Rafa habe ich mal gefragt:
'Hast du einen Stummelschwanz, oder was ist dein Problem?'
Da hat er gemeint:
'Kannst ja mal nachgucken.'
Da habe ich gemeint:
'Also, das muß jetzt nicht unbedingt sein.'
Immer wenn ich ihn auf solche Themen angesprochen habe, hat er abgeblockt oder irgendeinen Spruch gemacht. Mit dem konnte man darüber nicht reden."
Auch von dem frühen Tod seines Vaters erfuhr Beatrice nichts, obwohl sie etwa ein Jahr lang mit Rafa befreundet war. Rafa erzählte fast nichts über sich selbst und seine Lebensgeschichte.
Beatrice hat vor etwa zwei Jahren ihre Lebensgeschichte aufgeschrieben, unterteilt in verschiedene Stationen. Am Ende jedes Kapitels hat sie in andersfarbigem Text die Erkenntnisse und Folgerungen zusammengefaßt, die sich aus dem jeweiligen Zeitabschnitt ergaben.
Ich erkundigte mich, wie sie sich bei Intimitäten mit ihren jeweiligen Freunden gefühlt hat, angesichts des Mißbrauchs in ihrer Kindheit.
"Das habe ich regelrecht gesucht", erzählte Beatrice. "Als ich meinen ersten Freund hatte, war ich dreizehn, er war dreiundzwanzig. Er wollte eigentlich noch warten, aber ich habe ihn dann einfach ausgezogen und mich draufgesetzt. Er hat auch nicht verstanden, warum ich dauernd wollte. Das lag aber daran, daß ich das Gefühl hatte, ich kann damit die Vergewaltigungen ungeschehen machen."
Mitte Januar war ich mit Deon im "Restricted Area", nur kurz, weil er sich nicht recht wohl fühlte. Deon betrachtete mich und sagte zu mir, er wisse gar nicht, ob er homo oder hetero sei. Es ärgere ihn, daß er gar kein "richtiger Kerl" sei und immer nur krank.
"Eigentlich leistest du mehr als viele Gesunde", meinte ich. "Du mußt mit viel mehr fertigwerden als andere."
Deon hat mir schon vor fünfzehn Jahren Komplimente gemacht. Er meinte, auch wenn man schwul sei, dürfe man Frauen doch schön finden.
Quintus erzählte, daß er kaum zum Studieren kommt, weil er sich sein Studium selbst verdient und viel arbeiten muß. Quintus kennt mich aus der Zeit um 1990, als wir häufig in BS. ins "Puzzle" gingen. Er studiert Sozialpädagogik.
Im "Lost Sounds" erzählten mir Derek und Ray, Rafa sei am 05.01. im "Nowhere" gewesen, als auch Chantal und Bertine dorthin gingen und ich nicht mitwollte, weil mir das "Nowhere" zu schmutzig ist und sich in einer nicht ungefährlichen Gegend befindet. Rafa soll ohne Berenice im "Nowhere" gewesen sein.
Janice hat Rafa auch am 05.01. im "Nowhere" gesehen.
"Du hast so viele Bilder von ihm, daß ich ihn erkannt habe", erzählte sie mir. "Ich habe ihn nicht herumlaufen sehen, er stand nur so da, mit Sonnenbrille, obwohl es im 'Nowhere' ganz schön dunkel war."
Auch Reesli ist Rafa im "Nowhere" begegnet. Rafa sprach ihn an mit den Worten:
"Na, kennst mich noch?"
"Ja, ich kenn' dich noch."
Rafa soll sich nur kurz mit Reesli unterhalten haben.
"Ich glaube, er war genervt von mir", erzählte Reesli, "ich war nämlich ganz schön betrunken."
Dann fragte er mich:
"Kann das sein, daß die Leute in H. mit Rafa nichts zu tun haben wollen?"
"Das stimmt", bestätigte ich. "Rafa hat früher viele Freunde und Bekannte vor den Kopf gestoßen und viele Mädchen gegeneinander ausgespielt und wechselseitig betrogen."
"Dann hat er sich das ja selbst zuzuschreiben."
"Das hat er."
"Dann ist er ja selber schuld dran."
"Ja, er hat einiges dafür getan, daß ihn viele Leute in H. nicht leiden mögen."
Auch Onno hat Rafa im "Nowhere" gesehen. Als Onno ihn fragte, wie es ihm ginge, antwortete Rafa:
"Ach, ganz gut."
"Wenn es ihm nicht gut gegangen wäre, hätte er es nicht erzählt", meinte Onno im Nachhinein. "Es hatte keinen Sinn, noch weiter nachzufragen."
Silvester hat Onno in einem Schloß nahe L. verbracht. Eine "glanzvoll-erfüllte Feier auf zwei Etagen in neun Räumen und Prunksälen" war angekündigt, zum "Feiern, wie es sich geziemt", mit Barockfeuerwerk, bengalischer Parkführung mit Fackelzug, altwienerischem Ball, Orgelkonzert, Gauklern, Sektbuffet, Vernissage, Lesungen im Wappensaal und vielem mehr. Das hörte sich luxuriös und verschwenderisch an.
Für das Spektakel verlangten Toro und Bruno etwa achtzig Mark Eintritt, obwohl sie letztlich noch nicht einmal die Hälfte von dem boten, was sie versprochen hatten. Die Toiletten im Schloß waren zugesperrt. Stattdessen gab es Dixiklos auf dem Hof. Was letzten Endes stattfand, waren Lesungen, ein kleines Festival mit kaum bekannten Bands und anschließend Disco. Es gab weder ein Sektbuffet noch ein Barockfeuerwerk, weder Orgelkonzert noch Wiener Walzer, auch Gaukler suchte man vergebens.
"Dafür hätte man wirklich nicht bis zu diesem Schloß fahren müssen", meinte Onno.
Sándor erzählte, wie er sich vor Jahren in Ungarn gemeinsam mit Freunden in einem großen Aprikosengarten bedient hat. Da kam ein schrottreifer Wartburg durch den Garten gefahren, und die Leute, die darin saßen, riefen:
"Schnell einsteigen, weg hier!"
Als Sándor die Tür öffnete, hatte er sie schon in der Hand, so kaputt war das Auto.
"Das wurde nur noch durch die Farbe zusammengehalten", meinte Sándor.
Im Auto hatten sie kaum Platz, weil alles zugestellt war mit Eimern, randvoll mit Aprikosen. Da dämmerte es Sándor, daß er bei Aprikosendieben im Auto saß.
Im "Lost Sounds" liefen immerhin "Disco Buddha" von Monolith, "Leitbild" von Feindflug, "Lost Highway 45" von Imminent Starvation, "Timekiller" von Project Pitchfork und "Alle gegen alle" von DAF. Sándor hat viel Musik von Laibach, auch deren Version von "Alle gegen alle"; das Original von DAF kannte er bisher jedoch nicht.
Sándor ist von meiner Domain sehr angetan. Er meinte, er sei stolz, jemanden zu kennen, der so etwas zustande bringt.
Sándor hat in Ungarn eine Freundin, mit der ist er seit über sechs Jahren zusammen, und er befürchtet, daß diese Beziehung durch seinen langen Auslandsaufenthalt in die Brüche geht. Wahrscheinlich kehrt er im Herbst nach Ungarn zurück.
Ein betrunkenes Mädchen sagte zu mir, ich würde doch so schön tanzen, aber meine Kleidung sei für diese Veranstaltung zu hell.
"Ich ziehe an, was mir paßt", erwiderte ich, "und da ist es mir völlig egal, was für eine Veranstaltung läuft."
Sie kündigte an, mich beim nächsten Mal mit schwarzer Farbe zu besprühen. Ich fragte sie, ob sie genug Geld hätte, um Schadenersatz zu leisten. Da trollte sie sich.
Auf Kappas Domain befindet sich eine Rezension für Rafas MCD "Super 8".
"Wenn der Projektor anfängt zu laufen und alles um uns herum in Dunkelheit getaucht wird, dann versinken wir in eine Welt, in der noch alles in Ordnung war", heißt es darin.
Das läßt mich an Rafas Neigung denken, eine konstruierte "Vergangenheit", die er so nicht oder nur zum Teil erlebt hat, zu idealisieren.

In einem Traum prahlte Rafa, mit Berenice habe er im Bett so tolle Sachen gemacht, das sei "heiß" gewesen.
Eines Nachts war ich in SHG. In dem Haus von Rafas Familie hatte ich mit Rafas Mutter etwas zu besprechen. Worum es ging, weiß ich nicht mehr. Durch eine offene Tür sah ich Rafa in der Dunkelheit in seinem Bett liegen und schlafen. Ich fragte mich, ob er mich wohl im Schlaf unbewußt hatte reden hören.
Ich ging wieder, ohne ihn zu wecken, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, daß ich ihm hinterherlaufe.

Ende Januar wollte Henk mich besuchen, erschien aber nicht. Ich rief ihn an, da war er betrunken und den Tränen nahe.
"Ich kann keine Menschen sehen", sagte er stockend. "Ich bin nicht immer so hundertprozentig."
"Das bin ich auch nicht."
"Ach, was willst du mir denn erzählen? Du hast doch immer alles im Griff!"
"Ich habe nicht alles im Griff. Und ich bin nicht hundertprozentig, und du mußt das auch nicht sein."
Henk konnte sich nicht beruhigen. Er hörte Musik von 2Raumwohnung, die Inga Humpe für ihn aufgenommen hatte, nachdem er sie in B. auf einer Party kennengelernt hatte. Ein Stück, das ich besonders mag - "Wir trafen uns in einem Garten" - hielt er mir an den Telefonhörer.
Immer wieder klagte Henk, in H. sei es so schrecklich, da könne man nicht leben, er bleibe nur aus Pflichtgefühl seinen Eltern gegenüber, und er habe niemanden hier. Meinen Einwand, ich sei doch da, ließ er nicht gelten.
"Du hast schon so lange Depressionen, in B., in BS., hier, überall", meinte ich. "Es liegt nicht daran, daß du mit der Stadt nicht zurechtkommst. Es liegt daran, daß du mit dir nicht zurechtkommst. Du fliehst immer nur vor dir selber, nicht vor der Stadt."
Auf eine solche Deutung wollte er sich nicht einlassen.
"Ich kann im Moment nicht auf Konfrontation", wehrte er ab.
"Das ist ein Wort", meinte ich. "Du willst keine Konfrontation, also gibt es erstmal keine. Aber ich mache mir schon Sorgen um dich. Du hast mehrere Selbstmordversuche hinter dir."
"Ja, also wenn ich jetzt im fünfzehnten Stock wohnen würde, dann würde ich jetzt 'rausspringen."
"Das will ich aber nicht, daß du springst."
"Ach, mit mir kommt doch sowieso keiner zurecht. Ich bin eben ein besonders extremes Exemplar."
"Du bist ein besonders liebenswertes Exemplar", versicherte ich. "Du bist ein besonderes Exemplar. Es geht nur darum, daß du dich auch annehmen kannst und dich liebhaben kannst. Es geht um dein Selbstwertgefühl, das ist dein Problem."
Henk machte sich Vorwürfe, weil er sich nicht traut, Einladungen zu Parties anzunehmen.
"Hast du denn Angst vor Menschen?" erkundigte ich mich.
"Ja."
"Hast du Angst davor, daß die dich nicht mögen?"
"Ja."
"Die mögen dich aber. Und ich mag dich auch. Du mußt nur auch dich selber mögen können."
Henk wollte wissen, wie es mir denn eigentlich ginge.
"Mir geht es gut, wenn es dir gut geht", antwortete ich. "Das beschäftigt mich schon sehr."
Henk meinte, er wisse noch nicht, ob er morgen zur Arbeit gehen würde. Ich empfahl ihm, zu einem Psychiater zu gehen. Das wollte er aber nicht. Er wollte nur zum Hausarzt gehen. Ich verabredete mit ihm, ihn morgen noch einmal anzurufen, zunächst bei seiner Arbeitsstelle.
Henk scheint zu verstehen, daß es hier um sein Selbstwertgefühl geht; allerdings scheint er der Wahrheit nicht ins Auge sehen zu wollen. Sich einzugestehen, daß er vor sich selber davonläuft, würde bedeuten, daß er sich nicht mehr an die Hoffnung klammern kann, in einer anderen Stadt sei alles besser.
In diesem Gespräch erschienen mir die Parallelen zwischen Henk und Rafa wieder sehr deutlich. Auch bei Rafa sehe ich eine Selbstwertstörung im Vordergrund, auf die er mit verschiedenen Formen der Selbstflucht reagiert: Suchtverhalten, ein fassadenhaftes Bühnenimage, austauschbare Beziehungsmuster, Rückzug von den Menschen und die Vorstellung, in einer anderen Welt sei alles besser. Auch bei Rafa nehme ich Angst vor Menschen wahr und die Angst vor Enttäuschung und Ablehnung.
Am nächsten Tag kam ich auf dem Weg nach Hause bei Henk auf der Arbeit im Frisiersalon vorbei. Er bot mir einen Kaffee an, setzte sich neben mich und rauchte. Er hatte gleich Feierabend.
Henk wirkte wieder ganz aufgeräumt; die Alltagsroutine und die Zuwendung, die er von den Kollegen und den Kunden bekommt, scheinen ihm Halt zu geben.
"Henk, immer mit der Ruhe!" rief ihm eine junge Kollegin zu, als er wieder einmal in Hektik verfallen wollte.
"Du siehst süß aus", sagte ich zu Henk, als er sich seine schwarze Wattejacke übergezogen und seine schwarze wollene Schirmmütze aufgesetzt hatte.
Ich fand dieses Kuscheloutfit niedlich, weil es so gut zu seiner teddybärähnlichen Figur und seinen tapseligen Bewegungen paßt.
"Aber das Rot kommt weg", meinte er mit Bezug auf seine Haarfärbung.
"Du siehst immer süß aus."
"Aber gestern ging es mir echt nicht so gut", lenkte er um.
"Das weiß ich."
Er nahm mein Angebot an, ihn nach Hause zu fahren.
Ich erzählte Henk, daß Deon sich zur Zeit in Kingston behandeln läßt. Eigentlich wollte Deon auf der Station behandelt werden, wo ich arbeite, doch weil sich andere Patienten zurückgesetzt fühlen können, wenn ein alter Freund unter meinen Patienten ist, haben wir die benachbarte Station ausgewählt; dort gehe ich ihn besuchen. Deon ist zur Medikamentenumstellung da, weil er sich in letzter Zeit sehr reizempfindlich und leicht erschöpfbar fühlt.
"Vielleicht sollte ich auch mal sowas nehmen", meinte Henk.
"Dir hilft das nicht", entgegnete ich. "Du hast etwas ganz anderes. Deon hat eine Psychose, dagegen helfen nur die richtigen Neuroleptika, sonst nichts. Du hast eine traumabedingte Störung mit Selbstwertstörung und Depressionen. Dagegen kannst du höchstens Antidepressiva einnehmen, die sind aber nicht das Wichtigste. Das Wichtigste ist eine Psychotherapie oder etwas in deinem Alltag, das so ähnlich wirkt wie Psychotherapie, eine korrigierende Lebenserfahrung."
Später am Abend war ich mit Constri und Ray im "Zone", um dort ein wenig zu feiern, weil ich um 0.00 Geburtstag hatte. Les warnte Constri:
"Wenn du wieder erst nach einem halben Jahr ins 'Zone' kommst, kriegst du zur Strafe eine Dauerwelle!"
Rixa hat am Telefon erzählt, das vergangene Jahr sei sehr anstrengend gewesen. Ehe sie am 08.01. ihre neugeborene Celina in den Armen halten konnte, mußte sie einige kräftezehrende Erfahrungen machen. Als feststand, daß sie ein Kind erwartete, war sie zuerst mutlos; zum einen glaubte sie, dieser Aufgabe nicht gewachsen zu sein, zum anderen glaubte sie, daß es sowieso nicht der richtige Zeitpunkt sei. Sie hatte einen Lehrgang für Führungskräfte vor sich, der mit einer Prüfung abschloß. Die berufliche Zukunft von Philipp war nicht ausreichend gesichert, da er inzwischen nur noch eine halbe Stelle hatte. Rixa wollte das Kind abtreiben lassen. Als ihr der Termin genannt wurde, stellte sie fest, daß er mitten in ihrer Prüfungszeit lag. Sie begann zu fühlen, daß sie das Kind eigentlich haben wollte. Nachdem sie sich für das Kind entschieden hatte, gelang ihr die Prüfung, obwohl sie sich wegen ihrer Sorgen kaum darauf hatte vorbereiten können. Es folgte der Umzug nach H. in eine recht beengte Wohnung. Rixa und Philipp planen, sich bald eine größere zu suchen, damit genug Platz für alle da ist.
Rixa fühlte sich durch die Schwangerschaft sehr ausgelaugt. Celina kam über zwei Wochen zu früh. Sie entwickelt sich jedoch gut. Rixa meint, sie könne sich ein Leben ohne Celina nicht mehr vorstellen.
Durch Philipp fühlt Rixa sich unterstützt; er hat jede ihrer Entscheidungen mitgetragen. Sie hat den Eindruck, daß er die Tochter sehr liebhat.
Roman erzählte, daß Nina ihn verlassen hat. Sie gab ihm ein Buch, das von Beziehungen zwischen Schizoiden und Depressiven handelt.
"In ihrem Leben herrscht Ordnung, und in deinem herrscht Chaos", meinte ich dazu. "Das geht dann wohl auf Dauer nicht gut."
Roman hatte zunächst gemeint, daß Nina ihn als Rettungsanker und sich selbst als schizoid betrachtete.
"Es ist umgekehrt", entgegnete ich. "Sie hat versucht, in dein Leben etwas Ordnung zu bringen. Und das war wohl nicht ausreichend möglich."
Auf meiner Geburtstagsfeier schrieb Rikka in mein Party-Gästebuch über ihr alter ego, den Tintenfisch:

Da das Nähkästchen des Kraken bekanntlich einen luftleeren Raum hat (und sonst nichts), kann er auch nicht aus diesem plaudern.

Constri dokumentierte eine Diskussion über Computer, die sich um sie herum abspielte:

"PC ist sch...!!!"
"Mac ist sch...!!!"
"Mac sieht gut aus."
"Mac ist viel zu teuer!"
"Das laß' ich nicht auf mir sitzen, daß man mit PC's nur Spiele spielen und Briefe schreiben kann!"
"Aldi-PC's sind gut!"
"Nein, sch...!"
"Du Idiot!!!"
"Bernina ist eine gute Nähmaschine."
"Ich find das doof, Strumpfhosen gehen viel zu schnell kaputt."
"Du Sch...-Mac-User!"

Giulietta malte verschiedene Monitore und Rechner, "der alte Fernseher", "der Schrott-PC", "der noch ältere Fernseher", "noch ein PC", "der i-Mac", "der Flossi-C (Fisch-Mac)".
Malda hat am Telefon von ihrer Freundin Babette erzählt. Babette nennt sich "Alte Gummisau" und will immer "Gummisau-Spiele" machen. Malda hat auch schon mit Babette und Ivo Fechtner "Dreier-Gummisau-Spiele" gemacht. Es dürfte sich dabei um abstruse Sexualpraktiken handeln.
Mit Ted und Cyan war ich im "Radiostern". Ted trug einen schwarzen Body von Beate Uhse, mit durchsichtigen Längsstreifen.
"Scharf", sagte ich zu ihm. "So müßte dich Marvin mal sehen."
Cyan erkundigte sich später bei Ted:
"Was sollte das bedeuten, daß Marvin dich mal so sehen soll?"
"Hetty ist eben sicher, daß Marvin vom anderen Ufer ist", entgegnete Ted. "Dich hält sie ja auch für schwul."
Cyan nahm das schweigend zu Kenntnis, ohne zu protestieren.
In der Ehe von Cyan und Catherine soll es kriseln. Ihre Streitereien sollen sich um alltägliche Kleinigkeiten drehen, und sie sollen zermürbend sein. Cyan soll seiner Frau gegenüber noch immer nicht eingestanden haben, daß er mit Ted über Jahre ein Verhältnis hatte. Das Unausgesprochene bleibt als Nährboden für Konflikte bestehen. Inzwischen haben Cyan und Catherine zwei Kinder und ein Haus, Cyan ist als Vermittler von Wohnraum selbständig, nach außen ist die Welt heile ... und innen bröckelt die Substanz.
Im "Radiostern" traf ich auch Clarice und Leander. Die weißen Spitzenborten und der weiße Pannesamt an Clarices Kleid leuchteten effektvoll im Schwarzlicht. Clarice hatte mir zur Überraschung ein Spielzeug namens "Glühli" mitgebracht, das mir noch in meiner Sammlung fehlte. Es ist ein kleines Quietschtier, eine aufrecht stehende Maus, die im Dunkeln leuchtet. Vor fünfzehn Jahren habe ich bereits die anderen drei Glühlis gekauft, die Katze, den Elefanten und das Häschen.
Clarice und Cyra unterhielten sich angeregt mit Sándor, den sie von meiner Geburtstagsfeier kennen. Sándor macht sich schnell Freunde.
Timon erzählte mir, daß er wieder ein paar neue Stücke für sein Projekt "Decibel" gemacht hat. Cyra erfüllte meinen Wunsch und spielte das Stück, das Timon ihr im Dezember gegeben hat.
Auf der Heimfahrt erzählte mir Sándor, daß er Lehrer ist, für Ungarisch und Deutsch als Fremdsprache. Deswegen hatte er wohl auch den Job im Ungarischen Pavillon auf der Expo bekommen, wo er Führungen machte.
Sándor wohnt in einem der schlimmsten Ghettos von H., dem "Uferpark". Er findet es da aber gar nicht so schrecklich.
"Sicher, Urbanismus, Siebziger Jahre, schön ist das wirklich nicht", meinte er. "An der Fußgängerbrücke da oben habe ich ein ungarisches Graffiti gesehen; wenn du daran vorbeikommst - ich war das nicht!"
Mitte Februar waren Cyra, Trevor, Dina-Laura und ich im "Fractal", an einem Freitag, also am Wochenende. Die Gäste, die man während der Woche im "Fractal" antrifft, sind überwiegend höflich und friedlich und scheinen vor allem wegen der Musik herzukommen. Am Wochenende ist das Publikum nicht nur jünger, es besteht auch zu einem großen Teil aus Leuten, denen es vor allem um Drogenkonsum und Lästereien geht. Ich fühlte mich an meine früheren Klassenkameraden erinnert, weil das "Fractal" angefüllt war mit Teenagern, die "cool" sein wollten. Was "cool" ist, wird bei solchen Teenagern durch eng gesteckte Regeln innerhalb der Cliquen definiert. Mich widert dieses abhängige Verhalten an, vor allem deshalb, weil es immer mit Angriffen gegen all diejenigen verbunden ist, die sich nicht an solche Vorgaben halten. Das wird mit dem Neid der abhängigen Teenager zu tun haben, die es nicht ertragen können, daß andere Menschen auf Cliquenregeln und Gruppenzwänge nicht angewiesen sind.
Cliquenstrukturen bei Teenagern halten nur, weil alle Abhängigen sich gegenseitig kontrollieren. Es gibt keine "Religionspolizei" für Cliquen; die Musik- und Modeindustrie reicht aus, um feste Vorgaben zu liefern, die dann von den Cliquen sklavisch umgesetzt werden. Je erfahrener und selbstsicherer ein Teenager wird, desto mehr zieht er sich aus den Cliquen zurück und legt dieses uniformierte Verhalten ab. Jenseits des zwanzigsten Lebensjahres scheint sich kaum einer noch daran erinnern zu können, wie sehr er sich früher den Regeln seiner Clique untergeordnet hat. Das hat wohl auch etwas damit zu tun, daß viele ihre Unterwürfigkeit nicht bewußt wahrnehmen.
In der Wave-, Electro- und Gothic-Szene gibt es auch uniforme Cliquen, doch bilden sie eine Minderheit. Die meisten Leute in der Szene gehören zu denen, die sich in ihrer Schulzeit von den Jahrgangscliquen abgegrenzt haben oder ausgegrenzt wurden. Sie mußten ihren eigenen Weg finden und kamen in die Szene, um sie selbst sein zu können.
Ein Junge fragte mich, ob ich zur Wave- und Gothic-Szene gehöre. Das konnte ich bejahen. Der Junge heißt Nicolas und ist zweiundzwanzig. Er geht auch gern in die Szene, vor allem ins "Zone".
"Da kann man wenigstens so tanzen, wie man will", meinte er. "Hier wird man nur dumm angemacht, wenn man nicht so tanzt wie alle anderen."
Ich schlug ihm vor, ihn ins "Zone" mitzunehmen, und er wollte auch gern mitkommen. Allerdings hat er Geldsorgen, weil er cannabisabhängig ist und viel raucht und trinkt. Er möchte sein Suchtverhalten ändern, weiß aber noch nicht so recht, wie.
Nicolas erzählte von einem Autounfall, bei dem er fast sein Leben verloren hätte. Der Unfall ereignete sich kurz vor einem Ortseingang. Nicolas war beinahe verblutet, als er gefunden wurde. Er sah schon ein weißes Licht vor sich und glaubte, nun dort hineinzugehen.
Im OS. waren Constri und ich bei Clarices Geburtstagsfeier. Constri hat für Clarice ein Videospiel gemacht, "mausgemalt" mit wenigen groben Strichen. Es ist die Geschichte einer Geburtstagstorte, die Leander für Clarice backt, während sie am Computer sitzt. Die Ratten sind ausgebrochen und wollen über die Torte herfallen. Per Mausklick muß man die Ratten einfangen und zurück in den Käfig befördern, damit der Weg frei wird zur Kaffeetafel.
Leander hatte auch dieses Mal etwas Nostalgisches für uns, ein Musikvideo im Stil der klassischen Videospiele aus den Achtzigern, mit entsprechenden Sounds. Wir erkannten in diesem liebevollen Potpourri die Figuren, die uns in der Jugend begleitet haben - Pacman, das Rennauto, die Flugabwehr ... Weil das Video nach dem 11.09.2001 gemacht wurde, mußten in den Baller-Szenen auch die Türme des World Trade Center dran glauben.
"Wenn Rafa das so machen würde, auf diese lockere, humorvolle Art, dann würden mir seine nostalgischen Ausflüge in vergangene Zeiten auch gefallen", seufzte ich. "Aber das kriegt er nicht hin. Er wirkt so furchtbar verklemmt und ichbezogen."
Die Achtziger-Jahre-Nostalgie liegt mir sehr, auch der C64 hat mich damals begeistert, aber ich kann in Rafas Hymnen auf diese Zeit und ihre Kultur nicht einstimmen. Das liegt nicht daran, daß mir die Achtziger Jahre nichts bedeuten. Es liegt vielmehr daran, daß Rafa diese Zeit nur aus einem - seinem eigenen - Blickwinkel betrachtet und keine andere Sichtweise zuzulassen scheint. Ich habe den Eindruck, daß Rafa nicht nur den Blick aller anderen auf die Achtziger lenken will, sondern daß er auch bestimmen will, wie sie dieses Jahrzehnt wahrzunehmen haben. Er scheint seine Nostalgiewelt alleine beherrschen zu wollen und die anderen mit ihren eigenen Erinnerungen und Erlebnissen nicht einzubeziehen.
Constri und ich fuhren in der Nacht weiter nach HH. zu "Stahlwerk". Dort begegnete mir Darien, mit einer verschorften Schnittwunde an der linken Wange.
"Wie hast du das denn gemacht?" fragte ich ihn.
"Mit dem Skalpell."
"Ach, und du hast dich selber geschnitten?"
"Ja, 'türlich."
"Warum hast du das denn gemacht?"
"Weil ich mit einer Sache abgeschlossen habe."
"Du brauchst eine Therapie."
"Nö", widersprach Darien entschieden. "Was glaubst du, was die Leute damals schon immer bei den Naturvölkern gemacht haben - da war das gang und gäbe."
"Ja, da gab es auch noch keine soziale Verantwortung. Da gab es den Brutpflegetrieb, und das war's, da hat sich sonst keiner um den anderen gekümmert. Soziale Verantwortung hat sich doch überhaupt erst in den letzten Jahrhunderten entwickelt."
"Jedenfalls habe ich auf diese Art mit der Sache abgeschlossen, und das Thema ist für mich erledigt. Ich ziehe wieder nach HH., und morgen kündige ich meinen Job."
"Hast du das gemerkt, als du dich geschnitten hast?"
"Ja, wie man das eben merkt, wenn man sich mit einem Skalpell schneidet."
"Das heißt, du hast nicht dissoziiert ... du hast dich deshalb geschnitten, weil der seelische Schmerz so groß war, daß du ihn nur aushalten konntest, wenn du einen körperlichen dagegen setzt?"
"Ja. Ich bin doch nur deshalb nach HST. gezogen, weil eine Kollegin dort arbeitet, in die ich mich verliebt habe. Der Haken ist - sie ist verheiratet und hat ein Kind. Und wenn man dann feststellen muß, daß die Liebe nicht erwidert wird ..."
"Warst du dir ganz sicher, daß sie es ist und nur sie?"
"Ich hatte Sehnsucht, mich zu verlieben. Und ich wollte mich auf diese Sache einlassen."
"Ich habe auch lange Sehnsucht gehabt, mich zu verlieben", erzählte ich. "Ich habe vierzehn Jahre lang nach Rafa gesucht, ehe ich ihn kennengelernt habe. Und dann habe ich auch noch feststellen müssen, daß er mich nicht will. Für die Liebe braucht man Kraft und Durchhaltevermögen. Man braucht Frustrationstoleranz."
"Ich hätte auch durchhalten sollen. Ich hätte sie anrufen sollen und einfach nur sagen, komm' her."
"Wäre sie dann gekommen?"
"Ja, wäre sie."
"Sie kommt also, nur weil du sie rufst?"
"Sie sitzt draußen auf dem Land und wartet den ganzen Tag auf einen Märchenprinzen, der sie entführt."
"Also sollte sie erstmal zusehen, wie sie ohne Märchenprinz ihren Weg geht. Das ist doch nichts für dich."
"Aber ich hätte für sie ein Vehikel sein können, um von da wegzukommen."
"Darien, es geht jetzt um dich, und nur um dich. Es geht jetzt nur darum, daß du dich um dich kümmerst. Du mußt lernen, für dich selbst zu sorgen. Daß du nach HH. zurückgehst, ist gut begründet, aber dann würde ich auch wirklich dableiben und nicht immer vor irgendwas weglaufen. Du hast dich doch zeitweise schon so abgeschottet, daß ich mich schon gefragt habe, ob du deinen Selbstmord vorbereitest."
"Na, manchmal muß man auch was mit sich selber abmachen."
"Ja, wir sehen ja, wohin das führt", meinte ich. "Es wäre besser, wenn du dich anderen zuwenden könntest, um mit ihnen über deine Sorgen zu sprechen. Du bist hier nicht allein, du bist nicht das einzige Opfer. Die Leute sind nicht umsonst in dieser Szene. Nur in dieser Szene stehen die Leute dazu, daß die Opfer sind."
"Das stimmt!"
"In anderen Szenen verdrängen sie es, hier aber zeigen sie es, 'seht her, auch ich bin Opfer'. Sie tragen rasierte Haare - das ist einerseits ästhetisch, andererseits aber auch ein Zeichen dafür, daß sie Opfer sind -, und sie piercen sich oder lassen sich tätowieren und tragen schwarze Sachen. Hier brauchst du dich nicht zu verstellen."
"Das ist richtig."
"Ich glaube, keiner von denen hier hatte eine heile Kindheit."
"Ach, mein Weg führt schon weiter", meinte Darien, "nämlich immer weiter in die Sch..."
"Das Problem ist dein Pessimismus. Wenn du schwarz siehst, siehst du nur schwarz. Du kannst dir nicht vorstellen, daß es einen Ausweg gibt. Es geht darum, daß du auch in scheinbar ausweglosen Situationen noch darauf vertrauen kannst, daß es schon noch irgendwo einen Ausweg geben wird."
"Ich wollte mich ja auch nicht umbringen. Ich habe mich schon öfter geschnitten, das ist nichts Besonderes. Früher hatte schon mal sowas mit einer Frau erlebt, da wollte ich Tabletten nehmen, aber dann habe ich mich entschieden, das so zu machen."
"Du hast eine Selbstwertstörung. Du bist in der Kindheit sehr entwertet worden. Du kannst dich vielleicht nicht mehr bewußt daran erinnern, aber das Gefühl merkt man sich. Und wenn du solche Verlusterlebnisse hast und dich zurückgewiesen fühlst, wird dieses Gefühl wieder aufgeweckt, und dann empfindet man dieselbe Ohnmacht und Hilflosigkeit wie in der Kindheit und sieht keinen anderen Ausweg mehr. Man kann dir für das Schneiden keine Schuld zuweisen. Man kann dich deswegen nicht verurteilen. Du hast dich für das Schneiden und gegen den Selbstmord entschieden, und das zeigt, das etwas in dir leben will."
"Ja."
"Das Schneiden hat für dich auch eine Schutzfunktion; es bewahrt dich vor dem Selbstmord."
"Ja."
"Für diesen Augenblick ist es also sinnvoll und hilfreich."
"Ja."
"Es geht aber jetzt darum, das Schneiden durch etwas Konstruktives zu ersetzen. Und das ist ein langer Weg, der kann Jahre dauern."
"Wie macht man denn das?"
"Therapie, Therapie, Therapie. Das kann auch heißen, daß man lange und ausführlich mit anderen Leuten redet über seine Sorgen und Ängste. Das ist auch Therapie. Das kann auch heißen, daß man als Mönch nach Nepal geht und meditiert. Das ist auch eine Art Therapie. Es kann auch heißen, daß man seine Sorgen und Erlebnisse kreativ umsetzt und in Kunstwerken auslebt. Es gibt viele Arten von Therapie."
"Ich will mich jetzt mehr um meine Freunde kümmern", erzählte Darien. "Und die Kreativität ist für mich sehr wichtig. Ich mache jetzt wieder sehr viel. Man kann sein Inneres darin finden und zulassen."
"Das ist es - zulassen. Es geht darum, Gefühle zuzulassen und leben zu können. Es geht darum, einen Zugang zu sich selber zu finden - und zu anderen - und so, daß man das auch verträgt. Bis man endlich mit dem Menschen zusammenkommt, den man liebt, kann es sehr lange dauern. Deshalb soll man auch seine innere Stabilität nicht davon abhängig machen. Man soll die Stabilität in sich selber finden. Wenn man auf so etwas Wichtiges verzichten muß wie die Liebe, kommt es ganz besonders darauf an, daß wenigstens der Rest stimmt. Dann geht es darum, daß man seinen Freundeskreis pflegt und offen auf die Menschen zugeht und Zuwendung annehmen kann."
"Wenn ich mich mit anderen Leuten unterhalte, bin ich oft frustriert, weil die Gespräche so an der Oberfläche bleiben. Aber ich sage mir dann, vielleicht können die auch nichts dafür, vielleicht haben die selber Streß und sind nicht so gut drauf."
Ein Bekannter von Darien, Jake, kam hinzu, und Darien stellte ihn mir vor. Jake gehört zu den Autoren einer Satiresendung.
"Mit unserem Innensenator hatte ich deshalb schon ziemlichen Ärger", erzählte Jake.
"Der ist gestört", meinte ich. "Die haben den gewählt, aber der wird sich nicht halten. Zu viele Leute haben in ihrer Kindheit gelernt, selbständig zu denken. Früher, als den Leuten noch von allen Seiten Kadavergehorsam eingeprügelt wurde, hatten solche Egomanen wie dieser Schill ein viel leichteres Spiel. Heutzutage und hierzulande kann sich zum Beispiel ein Naziregime nicht etablieren. Probleme haben wir nur mit den Randalierern, aber die sind kein eigentlicher Machtfaktor."
Darien verschwieg den anderen, daß er sich selber geschnitten hatte. Er ließ sie glauben, es sei ein Unfall gewesen. Rega war betroffen, als ich ihm von Dariens Selbstverletzungen erzählte. Er berichtete, Casyle habe bei Darien schon eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vermutet. Ich meinte, daß bei Darien eine Selbstwertstörung im Vordergrund stehe. Um eine Persönlichkeitsstörung handle es sich wohl nicht.
Darien wirkt für eine emotional-instabile Persönlichkeitsstörung zu reif. Er spielt keine Menschen gegeneinander aus, er hält Ordnung in seinem Leben - zumindest vordergründig -, und er ist in der Lage, Grenzen zu setzen und Grenzen wahrzunehmen.
"Er hat eine Traumastörung", sagte ich. "Er ist entwertet worden als Kind, niemand hat auf ihn gewartet, niemand hat ihn gewollt."
Darien hat zu seiner Herkunftsfamilie wieder Kontakt aufgenommen. Ich betrachte das mit abwartender Skepsis. Vielleicht hofft Darien immer wieder aufs Neue, in seiner Familie doch noch die Liebe zu finden, die ihm versagt wurde, als er auf die Welt kam.
"Wird schon alles gut", sagte Darien, als ich mich verabschiedete.
Wenn er sich nur deshalb nicht umbringt, um seinen Freunden einen Gefallen zu tun, betrachte ich das immerhin schon als eine Art Rettungsanker.
"Mir ist wieder einmal aufgefallen, was für ein hübsches Gesicht der hat", sagte Constri über Darien. "Und das macht der kaputt ... wenn man sich das so vorstellt ..."
Erst nach fünf Uhr morgens brachen Constri und ich auf. Unterwegs gab es Frühstück in einem Autobahnrasthaus. Nachdem Constri ihren Tee ausgetrunken hatte, lag sie über der Tischplatte und schlief.
"Bist du aber unterhaltsam", meinte ich.
"Mm", antwortete sie.
Auf der Moorautobahn kurz vor H. kamen wir an einem senkrechten orangefarbenen rhombenförmigen Hinweispfeil vorbei. Im Halbschlaf hielt ich ihn für das schemenhafte Bild eines Kindes mit der Warnung "Achtung Schulkinder". Als mir einfiel, daß ein solches Schild auf einer Autobahn wenig Sinn macht, deutete ich den Pfeil um als Albrecht Dürers "Betende Hände". Ich erzählte Constri von diesen Fehldeutungen und empfahl ihr, einen Film über eine "Verrückte Autobahn" zu machen mit lauter Absonderlichkeiten dieser Art.
Nachtfahrten auf der Autobahn haben trotz ihrer Gefährlichkeit einen eigenen Reiz. Im Zustand der Übermüdung habe ich im Nebel schon einmal einen Mann gesehen, der mit seinem Hund über die Fahrbahn lief, und einmal habe ich statt der weißen Linien, die die Fahrstreifen begrenzen, lauter hintereinandergestellte Plastikbecher gesehen. Auch tagsüber hatte ich schon Fehlwahrnehmungen im übermüdeten Zustand. So habe ich einmal eine Situation kurios umgedeutet: Etwa hundert Meter vor mir fuhr ein Lieferwagen mit Hecktüren, unmittelbar dahinter ein Pkw. Ich glaubte nun, daß der Pkw in dem Lieferwagen wohnte und eben durch die Tür herausgekommen war.
Wenn solche Fehldeutungen und Halluzinationen auftreten, ist es für mich höchste Zeit, auf der nächsten Raststätte eine Pause zu machen.
Am Sonntagnachmittag sind Constri und ich zum ehemaligen Grenzübergang Mn. gefahren, wo eine Dämmerungs-Führung stattfand. Wir besichtigten die weitverzweigten Katakomben und den kuriosen Inhalt der Passkontrollhäuschen, wo die Pässe über viele quietschende Fließbänderchen laufen mußten. Der Ablauf der Paßkontrolle soll künstlich ausgedehnt worden sein, um von dem Besuch der DDR abzuschrecken. Überall sollen Kameras gewesen sein, die die baufälligen Gebäude absicherten. Constri und ich rannten im letzten Sonnenlicht über das Gelände und machten Fotos. Als es dunkelte, wurde der ehemalige Grenzübergang mit den noch nicht abmontierten Lichtmasten illuminiert. Wir durften in den Grenzturm hinaufsteigen. Dort oben blickten wir durch ringsum laufende Fenster auf die A2. Im Keller des Grenzturms gibt es zwei Türen, eine führt in die Katakomben - die sogar unter der A2 hindurchgehen - und eine zur Toilette. In der Toilette hängt ein Fernsprecher, damit die Grenzposten stets erreichbar waren. Wie übrigens das "Örtchen" nach zwölf Jahren ohne Putzfrau aussah, kann der Phantasie überlassen werden.
Rafas DDR-Nostalgie, die ebenso wie die Fünfziger- und Achtziger-Nostalgie und die Heldenverehrung einen festen Platz in seinem Weltsystem haben, erinnert mich an den Bericht einer Patientin. Sie schilderte ihre Lebensgeschichte folgendermaßen: Sie wuchs in der früheren DDR auf und wurde von ihrer Mutter mißhandelt und von ihrem Vater mißbraucht. Der Vater war Mitglied der Stasi und sorgte dafür, daß sie aufgrund politischer Aktivitäten vom sechzehnten bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr inhaftiert wurde. In der Haft wurde sie erneut mißbraucht und mißhandelt. Einige Jahre nach ihrer Freilassung wurde sie nachts überfallen und vergewaltigt. Bei der Polizei sagte man ihr, da sie aufgrund ihrer Stasi-Haft keine Persönlichkeitsrechte mehr habe, werde man den Täter nicht strafrechtlich belangen. Durch die Vergewaltigung wurde sie schwanger, die Tochter ist zwölf Jahre alt. Der etwas ältere Sohn stammt aus einer geschiedenen Ehe. Inzwischen ist der Vater der Patientin verstorben, und die sehr vermögende Mutter muß der Patientin jährlich etwa 17.000,- DM Schmerzensgeld zahlen. Die Mutter soll eine höhere Position bei der PDS haben und die Patientin sowie deren Kinder häufiger nachts anrufen und bedrohen:
"Und wir kriegen euch doch noch!"
Nebenbei erzählte die Patientin etwas über Stasi-Praktiken, das sie von ihrem Vater gehört hatte:
1986 soll in B. die letzte DDR-Hinrichtung stattgefunden haben. Man fesselte den Verurteilten in einem sogenannten "X-Auto", einer Art Grüne Minna, hinten auf einem Sitz. Hinter ihm befand sich eine Genickschußanlage, von der der Verurteilte nichts wußte. Nun kurvte man mit dem Verurteilten in B. herum, und irgendwann ging der Schuß los.
Daß dieser Stil keiner Fantasterei entspricht, belegt unter anderem eine Fernsehdokumentation über die Katakomben in B., wo sich auch Anteile von Stasi-Gefängnissen befinden. Ein ehemaliger Häftling berichtete, man habe die Gefangenen völlig von der Außenwelt abgeriegelt und mit Folterungen sowie Einzel- und Dunkelhaft gequält. Sogar im Schlaf mußten sie eine vorgeschriebene Haltung einnehmen und wurden in Abständen von wenigen Minuten dabei kontrolliert.
Ich bezweifle, daß Rafa solche Geschehnisse bewußt sind, wenn er das Verschwinden der DDR wehmütig betrachtet. Dabei sind die Menschenrechtsverletzungen in der DDR umfangreich dokumentiert und in den Medien geschildert worden. Ist das an ihm vorbeigegangen, oder will er es nur nicht wahrhaben?
Ende Februar war ich in HB. in meiner Lieblingsboutique. Der Schneider, dem sie gehört, setzt mehr und mehr auf Kundschaft mit viel Geld. Dennoch gibt es einige Stücke, die bezahlbar sind. Ungeachtetdessen sagte der Schneider zu mir, mir würden doch seine eigenen Schöpfungen besonders gefallen, da habe er auch schon etwas für mich, einen halben Rock für 500 Euro.
"Da würde ich aber doch einen ganzen bevorzugen", meinte ich und war skeptisch; anprobieren wolle ich ihn aber schon.
Der Schneider brachte das Stück, es war aus schwarzem Chintz, und an ihm saß es wie eine Küchenschürze. Ich konnte jedoch erfreut feststellen, daß der Rock bei mir kein halber, sondern wirklich ein ganzer war, weil er genau um meine Taille herumreichte. Die Bänder überkreuzte ich vorne und schloß den Rock hinten mit einer Schleife. Er saß wie angegossen. Die Einlegefalten sprangen weit auf in eine mit Tüll unterlegte Tournüre, die nach hinten in eine Schleppe auslief. Vorn war der Rock kürzer, so daß die Schleppe auch kürzer blieb und den Boden nicht berührte. Am Saum endete der Rock plusterig, wie ein Ballonrock. Es war ein raschelnder schwarzer Wasserfall. Mir fiel ein, daß mein starrer langer schwarzer Tüllrock mit der Spitzenkante darunter paßt. Der Tournürenrock ist gut kombinierbar, weil er - abgesehen von dem aufregenden Schnitt - doch schlicht gehalten ist. Ich fand auf der Glastheke ein schwarzes Plüschhalsband, das hatte vorne ein von grauen Perlenreihen begrenztes helles Stoffschild mit dem feinen, wie handgeschriebenen Aufdruck:
"Amor vincit omnia"
Das paßte auch zu dem Tournürenrock. Dann fand ich noch Ärmelhalter im Industrie-Look, gemacht aus Fahrradketten, für etwas schwerere Kleidung. Ich fragte den Schneider, ob ich Stammkundenrabatt haben könnte. Er gab mir auf alles 50 Euro Rabatt.
Als ich zu Folter kam, war auch Erdnußkopf da. Ich erzählte den beiden, daß ich wieder in meiner Lieblingsboutique "gesündigt" hatte, weil ich es einfach nicht lassen kann, mir ausgefallene und teure Kleider zu kaufen.
Folter wußte eine Neuigkeit, die auch Rafa in seiner Domain aufgeregt moniert hatte. Es ging um die Erfindung von Einweg-DVD's, die sich beim ersten Abspielen selbst zersetzen. Folter hat einen "Kopierschutz-Killer", und ich schlug ihm vor, solche Einweg-DVD's auf "richtige" DVD's zu kopieren. Dadurch könnte man sie haltbar machen; den Ärger mit immer größeren Müllbergen hätte man allerdings nach wie vor.
Folter meinte, Splatterfilme habe er sich inzwischen übergesehen, da es nichts Ekliges gebe, was er sich nicht schon angeschaut habe. Reizvoll seien für ihn nur noch C-Movies, die so schlecht gemacht sind, daß sie schon wieder Kultstatus erreichen. Ein solches Beispiel stellte er mir vor. Auf minimalistische Weise wurde mit Schülerfilm-Equipment anschaulich und leicht verständlich das Lebenswerk eines Triebtäters dargestellt. Mit gierigem Grinsen und theaterblutbespritzter Ölhaut marschierte der Triebtäter durch einen Baumarkt. Er tastete begeistert nach Motorsägen, Bohrmaschinen und anderem Mordgerät und befriedigte sich dabei mit der Hand. Sein Geld reichte schließlich nur für einen Hammer, den er artig an der Kasse bezahlte. Die Kassiererin schien sich nicht weiter über die seltsame Gestalt zu wundern. Mit dem Hammer brachte der Triebtäter mehrere Menschen um, auch seinen Psychologen.
Nach einem Abendessen bei Rufus und Geneviève fuhr ich nach Hause und hörte auf der Fahrt einen Sender, der sich als "schlimmster Radiosender von HB." bezeichnet. Die Moderatoren waren damit beschäftigt, Anrufer zu ärgern. Sie spielten außerdem einen "Uriella-Mix", schwungvoll aneinandergeschnittene Zitate der geschäftstüchtigen schizophrenen Sektenführerin Uriella, dem "einzigen lebenden Sprachrohr Gottes". Uriella gelingt es, ohne psychiatrische Behandlung mit ihrem Wahnsystem im Lebensalltag zurechtzukommen, indem sie Menschen um sich versammelt hat, die sie von ihrem Wahn überzeugen konnte und die sie voll Ergebenheit versorgen.
Im "Mute" traf ich Sazar. Er berichtete, er verdiene Geld mit einem Online-Gothic-Magazin, weil er Anzeigenkunden hat. Er scheint inzwischen doch nicht mehr von Ämtern leben zu wollen.
Tricky war auch im "Mute". Er sagte zu mir, ich wisse und könne einfach alles.
"Das stimmt nicht", entgegnete ich, "ich habe auch meine Lücken."
"Aber was das Zwischenmenschliche angeht, bist du überragend", meinte er, "einfach genial. Und das ist es, worauf es ankommt."
Es könnte sein, daß manche Menschen das Bedürfnis haben, andere Menschen zu idealisieren. Vielleicht ist ihnen die Vorstellung wichtig, daß es etwas Unfehlbares gibt, das sie anbeten können. Vielleicht wird Rafa von seinen Fans auch deshalb verehrt, weil sie sich wünschen, jemanden verehren zu können, und Rafa bietet sich für diese Rolle an.
In Kingston nehme ich an einem Kurs über das Erstellen von Strafrechtsgutachten teil. Da bekommt man viele schauerliche Geschichten zu hören, die immer und überall und nebenan stattfinden, oft hinter gutbürgerlicher Fassade. Da gibt es den Sexualtherapeuten, der die Mißbrauchsopfer mißbraucht, die als Kunden zu ihm kommen; da gibt es den Stiefvater aus besten Kreisen, der viermal seine Stieftochter schwängert, und seine Ehefrau ist suchtkrank und unterhält ein Wohnheim für suchtkranke Kinder ...
Mein Kollege Gaspard hat mir von einem Dozenten namens Vernel erzählt, gegen den ich schon vor mehr als einem Jahr eine ausgeprägte Abscheu entwickelt habe. Vernel strahlt etwas aus, was ich als das "absolute Böse" bezeichne. Das "absolute Böse" bedeutet in meinen Augen, daß Menschen vorgeben, andere Menschen zu achten und wertzuschätzen, in Wahrheit ist aber das Gegenteil der Fall. Eine Mischung aus Perfidie, Sadismus und Heuchelei kennzeichnet das Verhalten solcher Menschen. Gaspard hat vor längerer Zeit in einem psychiatrischen Krankenhaus gearbeitet, wo Vernel eine Psychotherapiestation leitet, auf der nur Frauen behandelt werden. Vernel soll auf dieser Station nur weibliche Mitarbeiter einsetzen. Er selbst hingegen soll sich als Ausnahme betrachten, und für sich soll er Patientinnen aussuchen, die er von besonders schwerwiegenden Mißbrauchserlebnissen erzählen läßt.
Vernel soll von seinen Mitarbeiterinnen erwarten, daß sie ihm Verehrung und Unterwürfigkeit entgegenbringen; ist dies nicht der Fall, soll er sie vergraulen. Etwa soll er ohne erkennbaren Anlaß einen reichlich ausfallenden Ton anschlagen.
Vernel scheint besonderen Wert darauf zu legen, daß Menschen sich ihm anbieten, sei es durch Detailschilderungen, sei es durch devotes Verhalten. Die Auswahl seines Tätigkeitsfeldes kann vor diesem Hintergrund zustandegekommen sein.
Mißbrauch durch Therapeuten kann so unterschwellig stattfinden, daß eine strafrechtliche Verfolgung unmöglich ist.
Es kommt gelegentlich vor, daß Patienten mir erzählen, wie sie oder ihre Bekannten in Kinderheimen mißbraucht wurden. Vor allem in der DDR sollen Pädophile bevorzugt den Beruf des Erziehers gewählt haben, um in Kinderheimen ungehindert ihrer Neigung folgen zu können. Die Kinder hatten keine Möglichkeit, sich zu wehren, da in der DDR Kindesmißbrauch offiziell verleugnet wurde, ebenso wie andere Verbrechen.
An dem Kurs über Strafrechtsgutachten nahm auch mein Kollege Alain teil. Über Kapitalverbrechen wußte er einen Spruch:
"Was sagt die Metzgersfrau zum Metzger über die Bulletten? - 'Wenn das 'rauskommt, was da 'reinkommt, kommst du da 'rein, wo man nie mehr 'rauskommt!'"
Alain wurde während des Kurses von einem "Headhunter" abgeworben, um in einer Klinik zu arbeiten, wo ausschließlich psychisch kranke Straftäter behandelt werden. Die Stelle soll unbefristet sein, und sie soll besser bezahlt werden als seine jetzige.
Alains Berufsleben ist überschattet worden durch eine Krise, in die er fiel, als er vor eineinhalb Jahren mit einem anderen Kollegen eine Praxis gründen wollte. Alain wurde von Selbstzweifeln und Existenzängsten gequält, bis er schließlich in einem Hotelzimmer Tabletten schluckte. Eine Putzfrau fand ihn, wodurch er gerettet werden konnte.
Alain erzählte, er habe sich inzwischen von seiner Furcht verabschiedet, ohne Arbeit dazustehen. Wie ich leidet er heute vor allem darunter, wenn mehrere Leute ihn wollen und er sich für einen Arbeitsplatz entscheiden muß. Uns eint das Bedürfnis, niemanden zu enttäuschen und auch von niemandem enttäuscht zu werden, ein Harmonie- und Sicherheitsbedürfnis.
Anfang März war ich im "Read Only Memory". Sándor erzählte mir, daß er gerade seine Internetseite aufbaut. Er zeigt darin seine Fotos, alles Bilder von Wolken. Er möchte am liebsten immer seinen Fotoapparat mitnehmen, um kein Motiv zu verpassen.
Kappa hatte seine Digitalkamera dabei und machte Erinnerungsfotos. Mit einem Bierglas in der Hand kreuzte er schließlich meinen Weg und fotografierte mich auch noch. Er will die Bilder ins Netz stellen. Den Namen seiner Domain hat er sich aufs Hemd sticken lassen.
Am frühen Abend waren sogar Edaín und die kleine Maya im "Read Only Memory" gewesen. Kappa zeigte mir auf dem Display der Kamera die Fotos, die er von ihnen gemacht hatte. Ich war erst gegen Mitternacht da, so daß ich ihnen nicht mehr begegnete.
"Maya ist meine ganz, ganz große Liebe", sagte Kappa.
"Das glaube ich dir", meinte ich. "Es muß so schön sein, ein eigenes Kind zu haben."
"Es ist die Erfüllung", bestätigte Kappa lebhaft.
Er bat mich, ihm zu mailen, wenn ich genau wissen möchte, ob und wann Edaín und Maya wieder im "Read Only Memory" sind, damit ich Maya auch kennenlernen kann.
Anläßlich der Veröffentlichung der MCD "Super 8" gibt es in den Szenezeitschriften neue Interviews von Rafa zu lesen. Den Interviews sind Bandfotos beigefügt, auf denen Rafa und Dolf mit Sonnenbrille und Sakko zu sehen sind, die Damen in Rosa. Eines der Bilder ist den Bandfotos von Kraftwerk nachempfunden. Die vier Bandmitglieder stehen hintereinander und gucken in dieselbe Richtung. Bei allen Bildern fällt mir auf, daß Rafa seine dominierende Rolle nicht zeigt, sondern sich mit den anderen in ein Muster einfügt, als wenn jedes Mitglied gleichberechtigt wäre. Ich kann mir diesen Widerspruch zu den tatsächlichen Verhältnissen so erklären, daß Rafa auf diese Weise seinen Wunsch umsetzt, "viele" zu sein, "Verstärkung" für sein Ich zu haben. Es gelingt ihm nicht, sich in eine Gruppenstruktur einzufügen, da er dann seine dominierende Rolle aufgeben müßte. Er bleibt immer der Führer. Diese Rolle macht ihn jedoch einsam und verletzbar. Wenn er als "vier" auftritt, kann er sich sicherer und mächtiger fühlen; die Mauer ist widerstandsfähiger.
Wie gewohnt idealisiert Rafa in den Interviews die Vergangenheit:
"War nicht früher alles besser, auch wenn es vielleicht nur daran lag, daß wir besser waren?"
Unter "11" schrieb ich in Rafas Online-Gästebuch:

"War nicht früher alles besser, auch wenn es vielleicht nur daran lag, daß wir besser waren?" (Rafa) - Was heißt "früher", wer soll "besser" gewesen sein, und wer legt fest, was mit "besser" gemeint ist, und warum? - Es gilt zu hinterfragen, wodurch die Sehnsucht nach einer "Heilen Welt" entsteht, in der alles "besser" ist, und unter welchen Bedingungen sie in das Konstrukt einer "Scheinwelt" mündet, bzw. in die Idealisierung vergangener Epochen. In den Fünfziger Jahren scheint der Aufbau einer "Heile Welt"-Fassade besonders wichtig gewesen zu sein, wohl angesichts der schauerlichen Vergangenheit, der immer noch bestehenden wirtschaftlichen Not und der überall herumliegenden Trümmerhaufen - was dieser Epoche letztlich den Namen "Jahrzehnt der Verdrängung" eingetragen hat.

Es wundert mich, daß Rafa diesen Eintrag nicht gelöscht hat.
In einem Interview schwärmte Rafa von anachronistischer Technik. Er wurde dabei nur ansatzweise beleidigend, etwa als er den Interviewer fragte, ob er eine Gehirnzelle habe.
Rafa legt großen Wert auf das, was er unter "Intelligenz" versteht.
"Indikatieren Sie den I.Q. Ihrer Mitmenschen nach den Teilsendungen, welche sie sich anschauen!" rät er.
Daß es "Indikatieren" als Wort nicht gibt, scheint Rafa entweder nicht zu wissen, oder es scheint ihn nicht zu stören. Ich habe auch nicht den Eindruck, daß es ihm wirklich um den I.Q. oder den richtigen Gebrauch der deutschen Sprache geht. Es scheint ihm vielmehr darum zu gehen, selbst zu bestimmen, was ein I.Q. ist oder wie die deutsche Sprache zu gebrauchen ist ... oder welche Menschen Gehirnzellen haben und bei welchen es sich um "Geschmeiß" handelt.
Im Internet habe ich ein Interview mit Rafa gefunden, in dem er gefragt wird:

Macht ihr die Band jetzt hauptberuflich; falls nicht: wo malocht ihr? (Arbeit adelt ...)

Rafa antwortet:

Trotz dem wir in einer Berufung 28 Stunden am Tag für W.E arbeiten, müssen wir auch Geld verdienen. Alles andere ist unwichtig ... Wen interessiert das schon ? Aber wir sind auch über W.E hinaus kreativ tätig. Arbeit adelt!

Rafa wird über sein früheres Projekt befragt:

Wie stehen W.E zu ihren ersten Songs unter dem Namen "Feindsender"? Warum gibt es sie nirgends zu erstehen, und warum werden sie nie bei Konzerten gespielt?

Rafa scheint von seinen älteren Stücken nicht viel zu halten:

Bis auf wenige Ausnahmen sind die Feindsenderlieder nicht unbedingt ein gutes und anspruchvolles Aushängeschild für W.E, oder anders gesagt, sie sind wirklich Schrott. Und nach weit über 100 W.E-Stücken muß man sich vielleicht etwas den Proportionen hingeben. Andererseits sind die aktuellen Sendungen viel hauptsächlicher ... Denn wer nicht mit der Zeit geht, - muß mit der Zeit gehen!

Befragt, wieviele Commodore-Computer Rafa zu Hause hat, antwortet er, es seien mehr als fünfundzwanzig, die meisten dienten allerdings als Ersatzteillager.
Befragt, wann W.E in Übersee auftreten werden, antwortet Rafa:

Sobald man sich mit einem COMMODORE C=64 teleportieren kann. Denn unser Vertrauen in Mensch und Technik ist auf der Basis eines Atlantikfluges schon zu gering ... Jeder andere würde es als "Flugangst" bezeichnen.

Aber eben nicht Rafa ... der umschreibt es kompliziert.
Rafa hat eine Ankündigungsseite für sein neues Album ins Internet gestellt, das am 18.03. erscheinen soll. In einem abgedruckten Liedtext geht es zu wie eh und je, Rafa fliegt "durch Zeit und Raum", wahlweise auch "durchs All" und "mit dir", wer das auch immer sein mag.
In einem anderen Text gibt es - wie schon im "Nachtrag" zu "Die Computer verlassen die Welt" - einen Hinweis auf Rafas Gefühl einer inneren Leere:

Wir wollen schaffen, doch die Gehirne sind leer. Wir wollen kämpfen, doch keine Gegenwehr. Wir wollen fühlen, nur unsere Herzen sind kalt. Wir wollen lieben, doch niemand ist da.

Deshalb möchte er "nochmal von vorne" anfangen.
"Wir können nichts ändern, denn es ist schon perfekt ... Aber nicht akkurat!" bemängelt Rafa in seinem Text.
"Akkurat" scheint für Rafa eine Steigerung von "perfekt" darzustellen, wenngleich das sinngemäß gar nicht möglich ist, denn "perfekt" heißt schon "vollkommen", "unabänderlich", "endgültig".
Auch auf der Ankündigungsseite zu dem Album "Wunderwelt der Technik" gibt es wieder Haßtiraden gegen Rafas Feindbild, das "Geschmeiß". Dieses Mal scheint mit "Geschmeiß" die Internet-Industrie gemeint zu sein:
"Nur weil das Geschmeiß hier mit seinen Drecksgriffeln seit ein paar Jahren rumfummelt, ändert das nichts an der Aktualität dieses Netzes."
Für Rafa scheint das "Geschmeiß" sehr wichtig zu sein; es taucht immer häufiger in seinen Interviews und Ankündigungen auf. Seine Beziehung zu Berenice bleibt hingegen ein weißes Feld, wenn man einmal von den schablonenhaften "Liebesliedern" absieht, die er in dieser Form auch schon geschrieben hat, bevor er sie kannte.
Rafa scheint sich über den C64 und sein Image als Radiosender zu definieren, während Kappa sich über die Gothic-Szene und seine Familie definiert. In Rafas Titel "Computer-Rendezvous" könnte man einen Hinweis darauf sehen, daß Rafas Beziehung zum C64 sehr innig ist, vielleicht inniger als die zu seiner Freundin. Auch im "Nachtrag" zu "Die Computer verlassen die Welt" ist erwähnt, daß er - von den Menschen enttäuscht, die nur sein Geld wollen - sich in einen Computer verliebt, der ihm schließlich auch Beihilfe zum Selbstmord leisten soll. Rafa scheint sich mehr in seiner Computerwelt zu Hause zu fühlen als in der Wirklichkeit.
Am Ende der Seite ehrt Rafa mehrere tote Helden "im stillen Gedenken":
"Joachim von Hassel, Nikola Tesla, Wernher von Braun, Manfred von Brauchitsch, Albert Einstein, Ferdinand Porsche, Konrad Adenauer, Karl Koch ..."
Daß er in Wirklichkeit um seinen verstorbenen Vater trauert, kommt auch dieses Mal nicht zum Ausdruck, und ich bezweifle sogar, daß ihm das bewußt ist.
Mir sind im Alltag kleine Begebenheiten aufgefallen, die die besonderen Beziehungen zwischen Männern illustrieren. Als unweit von meiner Wohnung die neue stählernde Brücke über den Kanal gebaut wurde, standen lauter Männer verschiedenen Alters in einer langen Reihe am Geländer und bestaunten die Baustelle. Die Erwachsenen hielten die Kinder die Höhe, damit sie besser sehen konnten. Sie hatten sich zufällig dort versammelt und staunten allesamt einträchtig und redeten leise über technische Details.
In der Innenstadt habe ich einmal ein Taxi parken sehen, das war eine liebevoll restaurierte Isetta. Um die Isetta herum standen lauter Männer in Anzügen und staunten und schienen sich gar nicht losreißen zu können von dem Anblick.
Ich denke, das ist es, was Väter für ihre Söhne unersetzbar macht - eine gemeinsame Faszination, die Frauen nicht in dieser Form zugänglich ist. Ich bleibe im Kaufhaus immer wieder vor dem Regal mit den Barbiepuppen stehen, auch wenn ich gar keine kaufen will. Ich gehe "Barbies gucken", wie Männer "Autos gucken" gehen.
Anfang März war ich im "Zone" und traf dort Claire und Cal. Seraf kam auf mich zu, als ich gerade mit Cal vor der Bar saß, und begrüßte mich. Ich stellte fest, daß er Berenice dabei hatte; sie hielt allerdings geduldig Abstand. Berenice trug ein ausgeschnittenes, langes schmales Kleid in Dunkelrot, mit breiten silbernen Längsstreifen darauf.
"Du bist auch ubiquitär", sagte Seraf zu mir. "In welche Stadt man auch kommt, überall sieht man dich."
Ich gab ihm meine Visitenkarte, auf der die Adresse meiner Domain steht, weil er die gern haben wollte. Dann zog er mit Berenice weiter und kümmerte sich um sie. Sie blieben nur wenige Meter entfernt mit zwei Bekannten an einem Tisch stehen und rührten sich kaum noch von der Stelle; einmal sah ich Seraf und Berenice eine Runde durch den Saal machen. Ich war viel auf der Tanzfläche.
Der Lichtmischer, der im "Zone" bei Les hinterm DJ-Pult steht, hat ein musikalisches Projekt namens "In Coma". Es ist ein Ableger des Industrialprojekts MS Gentur. Als Les "Your eyes" von In Coma spielte, war ich begeistert. Die Musik ähnelt dem Industrial-Stil von MS Gentur.
Als ich Les erzählte, daß ich Berenice mit Seraf gesehen hatte, stöhnte der:
"Die kam gleich an und wollte W.E hören. Da habe ich gesagt, ich habe alle Platten vergessen. War Scherz!"
Er spielte "23" von Rafa. Berenice ging auf die Tanzfläche, Seraf stellte sich ans Geländer und sah ihr zu. Er tanzte erst später, zu "Disco Buddha" von Monolith, und fragte mich anschließend nach dem Titel, weil er es wiedererkannte, es nur nicht zuzuordnen wußte. Wir hatten es beide in AC. live gehört.
Seraf redete nur kurz mit mir; vielleicht wollte er Berenice nicht brüskieren.
"Sie wirkt nicht wie jemand aus der Szene", sagte ich zu Claire über Berenice. "Sie gehört eigentlich gar nicht dazu."
"Die ist nicht schwarz."
"Sie hat damals nur in der 'Halle' gejobbt, das war alles. Sie ist nur wegen ihrer Beziehung zu Rafa dabei. Seinetwegen hat sie die Möglichkeit, auf der Bühne zu stehen, was sie sonst nicht hätte, weil ihr die kreative Begabung fehlt."
"Die wäre mir so gar nicht aufgefallen, wenn du mir die nicht gezeigt hättest."
"Sie fällt auch nicht auf. Sie ist völlig durchschnittlich."
Das Kleid mit den silbernen Streifen fand Claire "furchtbar". Les hingegen fand es "ganz nett", nur trage Berenice die falschen Schuhe dazu und habe sich auch die Haare nicht richtig gestylt.
"Ohh, die nervt voll!" seufzte Les über Berenice. "Jetzt wollte sie 'Send me an angel' von Real Life hören. Und ich zu ihr:
'Wenn hier einer zuletzt kommt, dann du!'
- war Scherz. Und die:
'Aber ich -'
Und ich:
'Ja!'
Die hat mit diesem Typen was, ich hab's gesehen! Ich hab' nämlich Augen! Und sie nervt mich, weil ihr Typ da 'Send me an angel' von Real Life hören will ..."
"'Send me an angel' ist doch ihr Lieblingslied!" wußte ich. "Das wünscht sie sich doch immer."
"Oh, fein, daß ich das weiß - dann spiel' ich's nich'."
Er spielte aber noch "Monoton & minimal" von Rafa, und Berenice tanzte ein zweites Mal. Währenddessen verabschiedete ich mich von Seraf und Les und ging.
Claire hat mir im "Zone" von ihren drei jüngeren Schwestern erzählt. Die jüngste - die sechzehnjährige, die vor einiger Zeit mit im "Zone" war - lebt in einer Jugendwohngruppe, die anderen leben eigenständig. Zu der Mutter hat keine der vier Töchter mehr Kontakt, das Sorgerecht hat sie schon lange verloren. Der Vater lebt mit seiner zweiten Frau und den gemeinsamen Kindern. Er kümmert sich darum, daß seine Töchter aus erster Ehe dort eingebunden werden und daß die Patchwork-Familie zusammenhält. Das empfinden Claire und ihre Schwestern als sehr beruhigend.
Im "Read Only Memory" stellte sich mir der baumlange Jas vor und erinnerte mich:
"Wir waren doch am Mittwoch auch in 'Zone', mit Berenice und dem Schlimmen da ..."
"Ach, mit Seraf."
"Ja!"
Jas hatte seine Arbeitskollegin Jenny mitgebracht, die ebenfalls mit im "Zone" gewesen ist. Beide sind Wärter im "Hotel zur Kugel", der JVA, die so genannt wird, weil sich in ihrer Nachbarschaft ein kugelförmiger Gasbehälter der Stadtwerke befindet.
Ich verzichtete darauf, Jas näher auszufragen über das Verhältnis von Berenice zu Seraf. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, nur zu lästern und zu tratschen. Überdies bin ich mir sicher, daß Berenice sich nicht wegen Seraf von Rafa trennen würde. Zu wichtig wird ihr die Bühne sein, auf die Rafa sie stellt.
Im "Megamarkt" gab es ein Konzert von Hocico.
"Übrigens - ich habe einen Pfad gefunden!" berichtete mir Darien freudig, als wir uns dort begegneten. "Das heißt - ich habe einen Weg gefunden, auf dem ich weitergehen kann."
In einem Buch über I Ging sei ein Münzorakel erklärt worden, welches dabei helfe, Entscheidungen zu treffen. Es sei eine Herausforderung, mit den Ergebnissen zu leben. Das Mystische daran sei, daß die Entscheidungen, die das Münzorakel treffe, meistens auch eine Art "Schicksalsentscheidungen" seien.
"Also, erstmal - ich stelle fest, du hast einen Weg gefunden, der dich weiterführt", bemerkte ich. "Du siehst einen Weg. Und das ist sehr gut. Die Münzen können dir eine wertvolle Hilfe sein, wenn es darum geht, überhaupt erstmal entscheidungsfähig zu werden. Wenn es zwei Möglichkeiten gibt, von denen keine wirklich schlecht ist, und du stehst davor wie vor einer Wand und kommst nicht weiter, können die Münzen dir wirklich helfen. Das ist der erste Schritt. Und der zweite Schritt ist dann, auch ohne die Münzen Entscheidungen treffen zu können."
Darien hatte wieder viel nachgedacht.
"Auf der Zugfahrt hierher habe ich geschrieben:
'Die Unglücklichen sind es, die die Welt verändern.'"
"Sie haben Problemdruck", meinte ich. "Das führt zu Veränderungen."
Darien lernt, sein eigenes Leid auch als Chance wahrzunehmen.
"Es gibt so etwas wie ein Schicksal", vermutete er. "Etwas Mystisches."
"Man hat nicht alles in der Hand", bestätigte ich. "Man sollte von sich nicht mehr verlangen als das, was man wirklich tun kann. Dadurch entlastet man sich."
"Das ist es - man entlastet sich."
"Und man macht sich nicht ewig Vorwürfe."
"In diesem Leben hat man nicht viel zu verlieren", meinte Darien. "Das Wichtigste, was man verlieren kann, ist man selbst. Und es geht darum, daß man zu sich steht und sich sagt, so, wie du bist, bist du eigentlich ganz o.k. Es geht darum, nicht an sich selber zu zweifeln, sondern auf sich selbst zu vertrauen."
"Genau."
"Es geht darum, ehrlich zu sein und zu sich zu stehen."
"Das ist richtig, dann kann man nicht mehr viel falsch machen, weil man das Wichtigste richtig macht - man ist sich selbst treu."
"Es geht darum, daß man offen ist."
"... und Gefühle zuläßt."
"... und Gefühle zuläßt."
Darien meinte, Beziehungen baut man nicht nur zu lebenden Wesen auf.
"Gegenstände sind auch sehr wichtig", bestätigte ich, "weil sie mit einer wichtigen Bedeutung belegt werden können. Deshalb kann man auch an Gegenstände eine Bindung haben."
Gegenstände können "lebendige" Beziehungen repräsentieren, deshalb werden sie für Menschen wichtig.
"Wenn ein Mensch viel zu geben hat, ist es für ihn besonders schwer, einen Platz zu finden, an dem er wirklich richtig aufgehoben ist", nahm ich Bezug auf Darien.
Er bejahte mit einem Seufzen.
"Man sollte dann auch nicht bescheiden sein", setzte ich hinzu, "das hat keinen Sinn."
"Es geht darum, Resonanz zu finden."
"Genau! Resonanz!"
Verstanden und gehört werden, das ist es wohl, was Darien in seiner Kindheit vermißt hat. Und so ist es wohl auch Henk, Telgart und Rafa ergangen - und mir auch, das eint uns.
Dane kam des Wegs. Ich stellte ihn Darien vor und sprach über Janices Geburtstagsüberraschung für Talis. Janice hatte ohne Talis' Wissen alle von ihm eingeladenen Gäste wieder ausgeladen und ein Wochenende zu zweit in M. gebucht. Ich hatte Janice am Telefon bereits meine Skepsis mitgeteilt. Die hatte jedoch abgewunken. Dane fand Janices Vorgehen auch nicht in Ordnung; Talis habe sich doch sicher auf seine Geburtstagsfeier gefreut, und er habe auch gerne zu dem Konzert von Hocico fahren wollen.
"Da ist doch die Frage, wen sie eigentlich beschenkt hat", meinte Darien.
Nach einem Becher Tee und einem frischen Brötchen in einer Autobahnraststätte kam ich spätnachts in den "Radiostern". Cyra meinte, gerade habe man sich gefragt, ob ich denn heute gar nicht mehr käme?
"Ich war doch eben bei Hocico", erzählte ich. "Und das Wetter war so stürmisch und regnerisch, da konnte man nicht schnell fahren."
Solvar lobte meine Garderobe:
"Heute richtig dunkel! Das steht dir!"
Ich hatte ein dunkelgraues durchsichtiges Oberteil an mit einem grauen Body darunter. Dazu trug ich den starren weiten Tüllrock mit der Spitzenkante, Spitzenhandschuhe, ein dunkelgraues durchsichtiges Halsband mit Glitzerranken und im Haar Glitzerspray.
"Das Schöne ist, daß du immer hierher kommst", meinte er. "Ohne dich fehlt hier was. Das ist die allgemeine Meinung. Du gehörst dazu. Du bist hier das Maskottchen."
"Aber ich bin doch einfach nur anwesend."
"Das reicht doch schon."
Quintus fragte mich, welche Medikamente "am meisten 'reinhauen". Ich erklärte ihm die Wirkung der wichtigsten Substanzgruppen in der Psychiatrie.
"Früher habe ich mal Rohypnol probiert", gestand Quintus.
"Das Zeug ist zu fast nichts gut", meinte ich. "Nur auf der Intensivstation macht es Sinn, ansonsten dient es ausschließlich als Suchtmittel. Das nehmen die Junkies, wenn sie kein Heroin kriegen."
"Auf Cannabis hatte ich mal einen Horrortrip", erzählte Quintus. "Ich habe geglaubt, ich muß draufgehen!"
"Und, was lernen wir daraus?"
"Das nehme ich nie wieder!"
"Es wird ja oft verharmlost."
"Das stimmt."
Reesli gehört seit Oktober zu den DJ's im "Radiostern". Er ist an die Stelle von Sasch getreten, der sich aus der Szene um H. und BS. zurückgezogen hat. Reesli legt gemeinsam mit Osiris in dem Saal auf, wo romantischer Gothic und Gitarren-Wave gespielt werden. Osiris ist mit Reesli sehr zufrieden.
Gegen Morgen, als die letzten Gäste den "Radiostern" verließen, wurde Türsteher Solvar von Osiris herbeigerufen:
"Da drüben ist noch eine Leiche, kannst du die mal eben wegräumen?"
Solvar ging in den Gothic-Raum und kam gleich wieder:
"Von wegen Leiche! Den hab' ich nur angesprochen:
'Hallo! Wir machen Feierabend!'
- da ist der sofort aufgesprungen!"
"Bei mir nicht."
"Vielleicht hattest du ihn angeweckt, und Solvar hat ihn vollends aufgeweckt", vermutete ich.
Darien stellt immer mehr eigene Gedichte auf seine Internet-Domain. In mein Online-Gästebuch schrieb er:

Wieviel Teil ist Etwas ??? Wieviel von Etwas ist Etwas, ist was, ist Teil ???
Was macht die Dinge so wertvoll ??? - Erinnerungen - Anreicherung - Weitergabe (Austausch, Forpflanzung, ...) - Resonanz (Halt, Kraft, Selbstbestätigung)

Darien scheint sich selbst immer näher zu kommen, und das Nachdenken über sich und die Menschheit und das Zulassen von Gefühlen scheinen ihm mehr und mehr inneren Halt und Sicherheit zu geben.
Im "Zone" traf ich Osiris und auch Haymo, der die Parties im "Radiostern" mitorganisiert. Osiris winkte ab, als ich ihm Haymos Mitteilung weitergab, daß Ace gerne im "Radiostern" auflegen möchte. Osiris meint, daß Ace nicht spielt, was das Publikum hören will, sondern vor allem von sich selbst ausgeht. Musikalisch sei Ace rückständig, "irgendwo stehengeblieben", auch schon zum Ende seiner Zeit beim Radiosender. Bisher sei Ace bei keinem anderen Radiosender mehr untergekommen. Daß Ace vorhat, seine Memoiren zu schreiben, wußte Osiris auch, und er hatte gehört, daß es damit ebenfalls nicht richtig vorwärtsgeht.
"Ace hat viele gute Ideen", meinte Osiris, "nur kann er das letztlich nicht umsetzen."
"Wie will der seine Zukunft planen?" fragte ich. "Der ist immerhin einundvierzig, und so sieht er auch aus."
"Nein", widersprach Osiris. "Der sieht älter aus."
Osiris studiert Luft- und Raumfahrttechnik, arbeitet nebenher und bewegt sich allmählich aufs Diplom zu. Am Rande merkte er an, er sei in Beziehungen häufig ausgenutzt worden und sei gegenwärtig froh, alleine zu sein. Er suche nach einer Freundin, die ihm etwas entgegenzusetzen hat und ihm neue Impulse vermittelt und neue Sichtweisen.
"Ich kenne viele Leute, wenn die eine Freundin gefunden haben, lassen die sich fallen und denken, jetzt brauche ich mich um nichts mehr zu kümmern", erzählte Osiris. "Die übernehmen keine Verantwortung für die Beziehung. Dabei fängt die Arbeit dann erst richtig an. Daran wächst man doch, daran wächst die Beziehung, und dadurch entwickelt sich auch ein Gefühl der Geborgenheit. Ich weiß aber nicht, ob es das wirklich gibt, daß man sich mit jemanden auch ohne Worte versteht."
"Doch", erzählte ich. "Meine große Liebe ist ja Rafa. Er hat die gesamte Beziehung mit mir abgelehnt, weil er - wie er gesagt hat - Angst vor mir hat. Zwischen uns ist es aber wirklich so, daß wir uns ohne Worte verstehen."
Auf der Rückfahrt hatte ich im Halbschlaf eine schräge "Autobahn-Halluzination". Die Schatten, die eine Brücke in der Nacht über die Fahrbahn warf, deutete ich als entsorgten Christbaum, der auf der mittleren Fahrspur lag, ein Haufen Gestrüpp. Ich fuhr ohne Zögern durch den Schatten hindurch, weil es mir zu unwahrscheinlich vorkam, daß jemand kurz vor Ostern einen verdorrten Tannenbaum auf die Autobahn warf.
Mitte März nahm Elaine an einer Ballettaufführung teil. Sie geht schon mit den "Fortgeschrittenen" allein auf die Bühne, ohne Kursleiterin. Die Kinder waren mit glitzernden "Fühlern" verziert, hübsch geschminkt und hatten flattrig-weite "Schmetterlingskostüme" an, alles in Blau- und Grüntönen. Constri fotografierte Elaine, und nach ihrem Auftritt warf sie sich nochmals für die Kamera in Pose.
"Zum Geburtstag will ich Locken", wünschte sie sich, "aber nicht den Pony."
"Sie will eine Dauerwelle", kicherten Constri und ich.
"Nicht lachen!" rügte Elaine.
"Nein, wir lachen nicht, du kriegst deine Dauerwelle."
"Das ist mein Körper", wußte Elaine. "Ich kann entscheiden."
"Ganz Frau", bemerkte Constri anerkennend.
Wir mußten aber immer noch lachen. Es wirkte zu putzig.
Merle und Elaine wirken auf mich wie ein eingespieltes Team. Jede sagt ihre Meinung, und keine ist der anderen deswegen böse. Als Merle ihre Tochter zurechtwies, weil sie ihr ein wenig zu frech war, entgegnete Elaine:
"Mama, wenn du erstmal Kind bist, dann verstehst du das auch!"
Als Merle klagte, ihr Neffe Silas sei so ungezogen, nahm Elaine ihn in Schutz:
"Mama, er ist ein Teenager, jetzt laß' ihn doch mal."
Durch das entspannte Klima daheim konnte Elaine viel Selbstbewußtsein entwickeln.
"Ich bin laut, klug, intelligent und schön", sagt sie über sich.
Talis gab eine Woche nach seinem Geburtstag doch noch seine Party, die wurde kurzfristig anberaumt, und viele Freunde und Bekannte traf ich dort.
In Kappas Online-Gästebuch fand ich einen Eintrag vom 16. März:

Wir trauern um unsere Freundin Malda und ihre Katze Mimi. Viele Ältere in der Schwarzen Szene von H. werden sie noch kennen. Geboren mit einer tiefgründigen Seele und der Gabe der Sensibilität in eine kalte, oberflächliche Welt, befand sie sich zeitlebens auf der Suche nach dem Sinn des Lebens. Doch konnte sie den Sinn nicht finden. Nun hat sie ihre Suche beendet und sich aus diesem Leben verabschiedet - mit der getreuen Mimi an ihrer Seite. Wir hoffen, das Universum gibt ihr die Chance für einen Neubeginn in einem anderen, besseren Leben.
Ivo Fechtner und Ghislaine von Byzanz

Ich schrieb:

Was, echt? Das ist ja furchtbar. Kann man gar nicht richtig glauben. Sie hatte doch noch gesagt, daß sie nicht schon wieder versuchen wird, sich umzubringen; der Suizidversuch im Sommer habe ihr schon gereicht. Ich werde sie sehr vermissen. Man hat sich im Laufe der Jahre so an einen Menschen gewöhnt, und dann ist er auf einmal nicht mehr da. Wo wird sie denn beerdigt? Weiß das jemand?

Ein weiterer Eintrag bezog sich auf einen Bericht der Boulevardpresse:

Es ist erschütternd, wie die Presse mit unserer durch Freitod umgekommenen Freundin Malda umgeht. Hier zeigt sich einmal wieder: wer in dieser oberflächlichen Spaßgesellschaft nicht konform ist, wird nur durch seine schwarze Kleidung noch nachträglich als Satanist verunglimpft! Das zeigt, daß tiefgründige und sensible Menschen nicht auf Verständnis stoßen.
Ivo Fechtner und Ghislaine

Auf Revils Geburtstagsfeier traf ich ein Mädchen namens Laetitia, das ich von verschiedenen Parties kenne. Meistens treffe ich Laetitia im "Read Only Memory".
Als wir auf Malda zu sprechen kamen, stellte sich heraus, daß Laetitia sie ebenfalls kannte.
"Fünf Monate lang hatte ich mit ihr zu tun", erzählte Laetitia, "und zuletzt ist sie mir sehr auf die Nerven gegangen. Immerzu sollte ich bei ihr sein, sie hat mich kaum weggelassen, und wenn ich mal keine Zeit für sie hatte, war sie gleich sauer."
Von Maldas Selbstmord hatte Laetitia noch nicht erfahren. Sie nahm die Nachricht zur Kenntnis, ging jedoch kaum darauf ein und leitete gleich wieder zu ihren Erlebnissen mit Malda über. Maldas Wohnung soll erheblich verwahrlost sein. Der Selbstmordversuch im vergangenen Jahr soll nicht die erste suizidale Handlung von Malda gewesen sein.
Siddra berichtete, daß Ivo Fechtner am Morgen nach Maldas Selbstmord durchs Fernsehen davon erfahren habe. Malda soll gemeinsam mit einer Bekannten aus dem 23. Stock eines Hochhauses in B. gesprungen sein, nachts, von einem Treppenhausbalkon. Siddra konnte den Äußerungen von Ivo Fechtner entnehmen, daß er recht gut über Maldas letzte Selbstmordpläne bescheid gewußt, aber nichts dagegen unternommen hatte. Als Siddra ihn am Telefon befragte, soll er auf einmal ganz schnell und ganz viel geredet haben, als hätte er ein schlechtes Gewissen. Er berichtete, daß Malda ihm sowohl vor ihrem Selbstmordversuch im vergangenen Sommer als auch vor ihrem Sprung aus dem Hochhaus ein Testament gegeben hat, in dem sie ihn bat, auf ihre Sachen achtzugeben. Als Ivo Fechtner sie fragte, ob sie ihm denn schon einige wertvolle CD's überlassen wollte, gab sie ihm die bereitwillig und dazu auch andere persönliche Gegenstände. Er bekam ihren Wohnungsschlüssel. Nach ihrem Tod ging er in ihre Wohnung und holte sich noch mehr CD's. Er fand zwei leere Teller und zwei leere Gläser sowie eine leere Sektflasche. Daraus kann geschlossen werden, daß Malda ihre Suizidpartnerin in ihrer Wohnung empfangen hat und daß sie anschließend gemeinsam nach B. gefahren sind. Malda soll die Co-Suizidantin über eine Suizidbörse im Internet kennengelernt haben. Giulietta kennt solche Seiten auch, obwohl sie verboten sind. Dort soll es nur so wimmeln von Anzeigen, in denen nach jemandem gesucht wird, mit dem man sich gemeinsam umbringen kann. Es gibt auch Tips für Selbstmörder.
Malda soll sich schon länger mit dem Thema "Selbstmord" beschäftigen. Seit zehn Jahren soll sie ein Buch besitzen mit dem Titel "Wie bringe ich mich am besten um?".
Mit Cyra und mehreren anderen Leuten war ich in MD. im "XXL", wo eine Electro-Nacht in drei Sälen stattfand. Im Hauptsaal legten unter anderem die beiden Herren von VNV Nation auf, Hal und sein Bandkollege. Cyra meinte, sie sei ganz froh, daß Trevor nicht mitgekommen war; er besuchte Verwandte.
"Immer ist er auf Hal eifersüchtig", seufzte Cyra. "Dabei ist das wirklich nur eine gute Freundschaft. Und ich werde nie auch nur ein Stück weit auf diese Freundschaft verzichten."
Sie fühlt sich enttäuscht von Trevor.
"Kürzlich habe ich ihn nachts angerufen, weil es mir nicht gut ging", erzählte sie, "und er wollte mir nicht zuhören."
"Dabei wirst du kaum nachts anrufen, wenn nicht wirklich was los ist", vermutete ich.
"Ja, da ist dann auch was, wenn ich das mache", bestätigte sie. "Einmal habe ich auch zu ihm gesagt, es geht mir nicht so gut, ich will mit ihm darüber sprechen. Da hat er gemeint:
'Oh, laß' mich jetzt mit deinen Problemen in Ruhe, kann das nicht bis morgen warten?'"
Ich meinte, daß ihre Beziehung mit Trevor wohl nicht die Innigkeit erreicht wie ihre Freundschaft mit Hal. Das konnte Cyra bestätigen.
Neben der Tanzfläche unterhielt sich Haymo mit Hal.
"Hast du abgenommen?" fragte ihn Haymo.
"Danke schön", erwiderte Hal.
Er berichtete mir, daß er im Studio immer viel futtert und sich dann auch häufig wiegt. Hal ist ein wenig untersetzt, was ihm jedoch durchaus steht - finde ich. Er hatte schlichte und dennoch trendige Sachen an, mit Streifen aus glänzendem Plastik an den Hosenbeinen.
Gegen halb vier sagte ich zu Cyra:
"So, jetzt warten wir noch drei Stücke ab, und wenn das dritte blöd ist, könnten wir fahren."
"He, du sollst nicht meine Gedanken denken", sagte Cyra verwundert. "Genau das habe ich eben gedacht."
"Das liegt an unserer ähnlichen Denkstruktur", vermutete ich.
Cyra und ich verabschiedeten uns von den Bekannten, die nicht mit uns wegfuhren.
"Nice to meet you", sagte Hal und zog mich an sich.
"Nice to meet you", sagte ich auch zu ihm.
Hals Bandkollege umhalste ebenfalls alle. Wie Hal scheint er Geselligkeit sehr zu genießen.
In der Domain von Ace habe ich ein Interview mit Rafa gefunden zu seinem neuen Album.
"Das Album ist ein Schlusspunkt", kommentiert Ace. "Das weiß auch die Band und deutet mit dem mit Gitarren ausgemalten 'Zeit zu gehen' in eine neue, viel versprechende Zukunft, ohne dabei das bisher Erreichte zu verleugnen."
Hier stellt sich die Frage, ob Rafa wirklich zu neuen Ufern aufbrechen möchte oder ob dieser Text seine Fluchtwünsche beschreibt, den Wunsch, diese Welt ganz zu verlassen.
In Aces Domain gibt es ein Essay vom vergangenen Herbst, das Ace zum Thema "Future Pop" geschrieben hat, der hier als "Weiberelektro" bezeichnet wird. Dieses unernste Essay über "die Weiber" ist geschmückt mit Aufnahmen, die Lysanne und Berenice in heiterer Damenrunde zeigen. Glaubt man den Fotos, verstehen die beiden sich blendend.
Zum Scherz werden Lysanne und Berenice in dem Essay als "Weiberelektroband " dargestellt. Valerien von Rafas Fanclub empört sich deswegen in einem Kommentar:

Ich finde es UNHALTBAR, daß bekannte und gleichermaßen beliebte Schlagzeugspielerinnen / Sängerinnen / usw ... als Foto für eine 'WEIBERELECTROBAND' herhalten müssen!
Unterlassen Sie das!
Im Endeffekt kommen im nächsten Jahr die Leute nicht mehr wegen W.E ins schöne Thüringen, sondern '...weil ich dich von dieser Band her kenne ...'
Sehr geehrter Herr Ace! Wir bitten Sie, uns nicht auch noch unseres letzten kulturellen Highlights zu berauben - anderenfalls werden wir Ihnen im nächsten Jahr (11.05.) keinerlei alkoholische Getränke zugänglich machen!
Mit freundlichen Grüßen
Valerien

Es gibt noch zahlreiche weitere Kommentare; das Thema scheint viel Diskussionsstoff zu liefern. Auch Rafa äußert sich über das Essay und über die Frauen im Allgemeinen und Besonderen. Er möchte "analysieren, wie viele der 10 Punkte, die wir für ein vollkommenes Machwerk vergeben könnten, hier angebracht sind". Er beginnt seine Abhandlung mit einer Bemerkung über den Titel des Essays ("Frauen können nix"):

Wir lesen die Überschrift des 'essay', und es rinnt wie Honig die Kehle herunter ... süß und klebrig ... und überzeugt den Leser in solcher Intensität, daß er die unendliche Wahrheit, allein dieses Satzes, fast schon vergißt.
SOMIT DER 1. PUNKT!
Daß dieser Bericht dann natürlich mit Photos von wunderschönen Damen illustriert wird, fußt wohl nur auf der Tatsache, daß man Abbildungen der wirklich Betroffenen aus Pietäts- oder moralischen Gründen auch besser gar nicht im Internetz veröffentlichen sollte.
SOMIT DER 2. PUNKT!

Und in dieser Manier geht es weiter. Rafa lästert über VNV Nation in einem Atemzug mit Fips Asmussen und verwendet mehrere Fremdwörter falsch. Seine Punkteliste scheint ihm Spaß gemacht zu haben. Nachdem er Ace für sein Essay "volle zehn Punkte" gegeben hat, schließt er mit dem

Fazit:
Wer unterscheiden kann zwischen Mann und Gentleman, der die Differenz sieht zwischen Weib und Dame (Frau), der sich folglich zum Gentleman oder zur Dame zählt, der sein Gehirn benutzt und damit nachdenkt ...
wird auch gegen alle Gefahren wie Weiberelektro, der Pest, Atomkriegen, Rassenhass ... dem Menschen und der Verbreitung von Schwachsinn im Internetz gewappnet sein.
Hochachtungsvoll
W.E / Funkhaus

Wieder findet man den Hinweis, daß es vor allem darauf ankommt, "sein Gehirn zu benutzen". Rafa scheint daran zu glauben, daß der analytische Verstand allein genügt, um die Probleme der Welt zu lösen. Welche Rolle die Gefühle dabei spielen, scheint ihm entweder nicht bewußt zu sein, oder er blendet es aus. Solange er davon überzeugt ist, mit Hilfe seines analytischen Verstandes sein Schicksal beherrschen zu können, braucht er sich nicht davor zu fürchten, daß seine Gefühle die Macht seines Verstandes brechen könnten.
Rafas verehrende "Gentleman-Haltung" gegenüber den Frauen könnte ein Teil seines eigenen Rollenverständnisses sein. Die tradierte Rolle der Frau ist passiv; sie dient dem Mann, als Objekt der Verehrung ebenso wie als Objekt der Verachtung und Ausbeutung. Durch ein zur Schau getragenes "Kavaliersgehabe" hat ein Mann die Gelegenheit, dieses Rollenbild zu bestätigen und damit auch seine Herrscherrolle. Hinzu kommt, daß Rafa in seinem Kommentar die eigene Freundin als "wunderschön" preist, also seinen eigenen "Besitz". Sinngemäß könnte das auch heißen:
"Seht her, wie schön sie ist, und die gehört mir! Seht, was ich Schönes habe!"
Es kann also bedeuten, daß er mit dieser Äußerung vor allem sich selbst herausstreichen will. Berenice dürfte sich jedoch geschmeichelt und erhoben fühlen. Ich halte es für unwahrscheinlich, daß sie sich mit solchen Zusammenhängen befaßt.
"Ein neues Bewußtsein für eine neue, geistesgegenwärtige Generation" verspricht Rafa auf dem Cover seines neuen Albums; mit "synthetische Tanzmusik für eine neue Generation" beschreibt er auf dem Booklet in altertümlich-gestelzten Worten das Produkt.
Dem neuen Album liegt auf DVD ein Video zu "Super 8" bei, das von Sten gedreht wurde. In "Super 8" stellt Rafa das Filmmedium Super 8 als "hochmodern" und "perfekt" dar. In dem Video mischen sich digitale Aufnahmen mit wackligen, verkratzten Super 8-Aufnahmen. Man sieht Rafa und Dolf beim Filmen mit einer Super 8-Kamera und die Damen, wie sie in Abendrobe und Kopftüchern auf einer Picknickdecke beim Umblättern von fünfzig Jahre alten Werbeprospekten gefilmt werden. Man sieht auch Rafa, wie er die Strophen singt. Die Frauen hört man nur im Hintergrund beim Refrain. Wenn sie beim Singen gefilmt werden, singt Rafa gleichzeitig und wesentlich lauter. Viel scheint er von ihren Stimmen nicht zu halten.
In dem Video breitet Rafa seine Scheinwelt aus, die mich immer wieder aufs Neue wütend macht. In seinem maskenhaften Aufzug läuft er durchs Bild, und ich sehe seine Haltung und seine Bewegungen und nehme wahr, was sich hinter seiner Inszenierung verbirgt. Und daß ich ihn nicht erreichen kann, obwohl er mir innerlich so nahe steht, macht mich besonders wütend, unendlich wütend.
Rafa klammert sich an seine Maske, die "Schutzbrille", das Sakko und sein überhebliches und steifes Gehabe. Schwächen werden höchstens im Hinblick auf vergangene Zeiten angedeutet und dann auch nur im Bezug auf technische Mängel oder fehlendes Equipment. Der "Mensch Rafa" darf nie zu sehen sein, nur die Figur, die sein Image verkörpert, sein "Hologramm".
Daß ein solches Korsett zu erheblichen kreativen Einschränkungen führt und daß ein kreativer Prozeß auch bedeutet, sich Gefühlen hinzugeben, und nicht allein vom Verstand getragen werden kann, wird Rafa gleichwohl ahnen.
Daß Rafas Themenkreis begrenzt ist, äußerte er bereits im letzten Interview mit Tizian, wenngleich er dies nicht als Schwäche, sondern als Stärke darstellte. Rafa nennt jedoch nie alle Themen, um die es sich in seiner Musik dreht, sind ihm doch wahrscheinlich gar nicht alle bewußt und ist ihm wahrscheinlich auch die häufige Wiederholung der Motive nicht bewußt. Auf jedem Tonträger geht es vordergründig um das, was Rafa selbst als Hauptinhalt seiner Arbeit angibt - den C64, Verehrung antiquierter Technik, Kritik an Technik und "Liebeslieder" für wechselnde weibliche Objekte. Im Hintergrund - und für Rafa wohl unbewußt - regieren vor allem Fluchtwünsche, Klagen über "Leere" und "Einsamkeit" und die Verehrung toter Helden. In einem Vers von "Starfighter F-104 G" läßt er Joachim von Hassel sagen:
"Mein Vater wird stolz auf mich sein."
Rafa huldigt in seiner Hommage nicht nur stellvertretend "seinem" toten Helden - seinem Vater -, er thematisiert auch seine Rolle als Sohn. Den Stolz seines Vaters hat Rafa als Heranwachsender nicht mehr erfahren dürfen, weil der Vater bereits verstorben war.
Auch in den rein "technikbezogenen" Titeln ist immer wieder von einem austauschbaren, unbestimmten "Du" die Rede, und nie erfährt man, wer gemeint ist. Berenice dürfte es kaum sein, denn dieses "Du" gehörte schon vor ihrer Zeit als festes Element in Rafas Texte.
Für den C64 singt Rafa nicht nur ein Hohelied, sondern ein Liebeslied, erstmalig sehr direkt für ein technisches Produkt:

Nur mit Dir werd' ich verrückt, wenn ich Deine Tasten drück'.
So schließ' ich mein Herz an Dich an, verschmelze mit Dir, irgendwann.
Ich fühl' mit Dir und schalt' dich ein, denn wir werden elektrisch sein.
Und mehr als 8 Bit brauch' ich nicht. Doch genau darum liebe ich Dich.
Und Deine Stimme klingt zu mir. So spiele ich ein Spiel mit Dir.
Du erweiterst meinen Horizont, von dem ein schnelles Flugzeug kommt.
Komm', bring' mich ganz weit weg von hier und zeug' einen neuen Mensch mit mir.
Du und ich, wir funktionieren für alle Zeit. Komm', schalt' mich an, und dann programmieren WIR unsere Welt!

Rafa äußert gegenüber der Maschine Verschmelzungswünsche, er gibt sich ihr vertrauensvoll hin. Er hofft, daß die Maschine ihm zu einer Flucht vor seiner Wirklichkeit verhilft und ihm ermöglicht, eine Welt zu schaffen, in der ausschließlich seine eigenen Vorstellungen regieren. Er sieht sich im Dialog mit der Maschine und nimmt in dem Kasten ein lebendiges Gegenüber wahr. Daß es sich um eine Maschine handelt, scheint für Rafas Vertrauen eine wesentliche Voraussetzung zu sein. Die Maschine kann ihn weder enttäuschen noch ängstigen. Sie ist immer anwesend und berechenbar. Sie widerspricht ihm nicht und kritisiert ihn nicht. Daß die Bindung an einen toten Kasten illusorisch bleibt, scheint für Rafa weniger bedeutsam zu sein.
Zu Rafas Liebeslied für den C64 fällt mir noch ein, daß sowohl Rafa als auch Telgart von der Vorstellung begeistert sind, Menschen mit Computern zu verschmelzen. Vielleicht fühlt sich auch Telgart mehr mit Maschinen als mit Menschen verbunden.
Der C64 könnte in Rafas Leben auch deshalb eine so wichtige Rolle spielen, weil Rafa darin teilweise sein eigenes Schicksal wiederfindet:
"Fast nie erhört, fast umgebracht, längst totgesagt und ausgelacht ..."
Ähnliche Erfahrungen tauchen in "Die Wunderwelt der Technik" auf:
"Willkommen in der Welt der Narren, denn wir hören, wie sie uns auslachen."
Rafas Wunsch nach einer Flucht vor der Wirklichkeit - der Welt, in der er sich verlacht fühlt - findet sich wie gewohnt gleich in mehreren Titeln. Fliehen "in das weite All" möchte Rafa auch in "Volksempfänger VE-301", in "Apollo XI / V1 / V2 / Aggregat 4" gar "bis hin zum Mond", abwechselnd "mit Dir" und "zu Dir", dem gesichtslosen "Du". Er will weit weg, aber nicht allein sein; andererseits darf das "Du" nicht die Eigenschaften eines lebenden Menschen haben, mit dem er sich auseinandersetzen müßte.
"Komm', bring' mich weit weg von hier!" bittet er in "Computer Rendezvous" eine anonyme Internet-Bekanntschaft. "Ich fühl' mich mit dir allein ... in dieser Welt!"
In "Telespiele" möchte Rafa in eine digitale Welt fliehen, in der er alle Gegner besiegen kann:
"Es war perfekt, Gefühl total ... Die Gegner noch immer zu viel. Wir töten sie ... im Telespiel! ... Wir wollen zurück ins Telespiel!"
In "Super 8" wird die Hymne auf das anachronistische Filmmedium seltsam durchbrochen von Versen, die - wie es schon in dem älteren "Ich bin nicht von dieser Welt" der Fall ist - aus dem Abschiedsbrief eines Selbstmörders stammen könnten:
"Alle Weichen sind gestellt, mein Körper bereit. Feindliche Stimmen in mir, sie sterben."
Auch in "Zeit zu gehen" klingt eine solche Stimmung an, gerade wie bei einem Selbstmord zu zweit:
"Auf Wiedersehen in einer Neuen Welt, dort, wo es nur mir gefällt. Es ist Zeit, denn Hand in Hand ziehen wir ins Wunderland. Nur wir allein und nur für uns ... wird sie endlich wirklich sein."
Er scheint in seiner Flucht eine - wohl sogar die einzige - Hoffnung auf Wandlung und Erneuerung zu sehen:
"Nur wir allein und irgendwann ... fangen wir von vorne an."
Rafa möchte, daß es in dem "Wunderland" nur ihm gefällt; was das anonyme "Du" betrifft, so berücksichtigt er dessen mögliche Wünsche nicht. Dieses paßt zu seinem Anspruch, daß sein Gegenüber mit ihm synchron läuft und ihn nicht in Frage stellt.
Daß er "nochmal von vorne" anfangen möchte, äußert Rafa auch in "Zurück zum Start", dessen Text ich bereits in seiner Domain gefunden habe. Einerseits lese ich in diesen Worten eine gewisse Überlebenskraft, andererseits aber auch wieder Fluchtwünsche. Menschen, die andauernd "noch einmal ganz von vorne" anfangen wollen, laufen meistens nur vor sich und ihren Ängsten davon, anstatt stehenzubleiben und sich zu stellen. Henk erzählt mir immer wieder, er wolle woanders hin, etwa nach B., weil da alles anders und besser sei und er dort "ganz von vorne anfangen" könne. Ich habe dem entgegengehalten, daß er in B. mehrere Suizidversuche unternommen hat, daß ihn also die andere Umgebung und der Neubeginn vor seinen Depressionen nicht geschützt haben.
Seinen Wunsch, von vorne anzufangen, begründet Rafa mit dem Gefühl innerer Leere, einer fehlenden Erfüllung. Rafa vermißt jedoch nicht nur Lebendigkeit und Bewegung - "Wir wollen leben, doch wir atmen nur. Wir wollen sprechen, doch es ist alles gesagt. Alles ist getan, alles ist passiert, in unseren Herzen programmiert." -, er vermißt auch den Tod:
"Wir wollen sterben, doch wir werden nur alt."
Wenn Rafa sich ausmalt, daß er im Tod einen Neustart, einen Neubeginn finden könnte, dann steht er an demselben Abgrund wie Malda. Und am Ende sucht er sich auch noch den 23. Stock aus, mystifiziert er doch die "23".
In seiner Interpretation des Schlagers "Davon geht die Welt nicht unter" nähert Rafa sich der Bühnenkunst von Henk an, der auch leidenschaftlich gerne klassische Schlager vorträgt. Doch so hoffnungsvoll und zumeist auch verdrängend die Schlager daherkommen, so sehr sie eine "Heile Welt" beschwören, in der alles gut wird - sie haben Henk vor seinen Selbstmordversuchen nicht bewahrt.
Die Verdrängung und die Suche nach einer "Heilen Welt" ist auch zu ahnen in einem Vers in "Super 8":
"... und konservier' die Welt, dann schneid' ich alles raus, was mir nicht ganz gefällt."
Die Verknüpfung von darstellender Kunst und Selbstmord - Fassade und Verzweiflung - erinnert mich an einen Traum, den ich Ende 1986 hatte, als ich Henk erst wenige Monate kannte. In gewisser Weise habe ich in dem Traum bereits Henks Gesangsauftritte und seine Selbstmordversuche vorausgesehen:

Marc Almond, Solokünstler und Sänger der Band Soft Cell, sollte in einer Komödie mitwirken. Im Theatersaal stiegen die Sitzreihen erst flach an, dann fast senkrecht. Die Klappsessel hatten überhohe Lehnen und waren mit kratzigem grünblauem Stoff überzogen. Wenn man in die äußerst schmalen Gänge zwischen den Reihen gelangen wollte, mußte man sich über ein Geländer schwingen. Die Sitzreihen türmten sich vor mir auf wie eine Felswand. Als ich sie erklettert hatte, fragte ich mich, wie ich nach dem Stück von meinem Platz wieder hinunterkommen sollte.
An dem Theaterstück beeindruckten mich vor allem die Gesangssoli von Marc Almond. Er sang mit gewaltiger Stimme, einem entfesselten Tenor. Die Stimme füllte den Saal aus, stürzte von den Höhen herab wie in freiem Fall, eine Koloratur a capella, wo es außer der Stimme nichts gab.
Mitten im Theaterstück verschwand Marc Almond, und nach dem Stück fand man ihn hinter der Bühne: erhängt, mit einer schwarzen Plastiktüte über dem Kopf.

Damals machte ich mir bereits Sorgen um Henk, der offensichtlich an Depressionen litt. Deon teilte meine Befürchtung, Henk könnte sich etwas antun. Einige Jahre später, als Henk in B. lebte und keinen Kontakt zu Deon und mir hatte, versuchte er mehrfach, sich das Leben zu nehmen. Wie durch ein Wunder überlebte Henk jeden seiner Selbstmordversuche.
Henk hat im Frühsommer 1986 jeden Abend zum Einschlafen die zweite Seite des Albums "Non-stop erotic cabaret" von Soft Cell gehört. Deshalb wohl habe ich Henk in dem Traum mit Marc Almond verknüpft und so meine Sorge um Henk verarbeitet.
Henk kenne ich seit 1985. Ich habe vor, die Geschichte meiner Freundschaft mit ihm und seinem verstorbenen Bruder Marek aus den vorhandenen Aufzeichnungen zu einer in sich geschlossenen Dokumentation zu ordnen.
Marc Almond hat eine Stimme, die keiner anderen gleicht, nicht einmal annähernd. So ist es auch mit der Stimme von Henk und dem gesamten Menschen Henk.
Ebenso wie Henk ist Rafa dabei, sich und seine Einmaligkeit durch eine Art schleichenden Selbstmord zu zerstören, nämlich durch übermäßiges Rauchen.
Rafa bringt mehrere Stücke auf seinem neuen Album, die schon auf seinen letzten MCD's veröffentlicht wurden. Darunter ist auch "Ich bin nicht von dieser Welt", in dem mir erstmals Formulierungen aufgefallen sind, die an Abschiedsbriefe erinnern. Eigentlich kann man den gesamten Text als Abschiedsbrief werten. Unter anderem heißt es darin:

Ich bin gefangen in mir. Mein Geist sehnt sich davon.
Doch mein Körper ist gebunden im System.
Dies ist hier nicht mein Leben, dies ist nicht mein Planet ...
Doch ich warte nicht erst auf ein Morgen.
Die Flut kommt längst nicht mehr,
und so ziehe ich die Konsequenzen ...
denn es gibt nichts, was mich hier hält.

Rafa hat solche Gedanken hoffentlich noch nie in gezielte Absichten verwandelt. Seine Bühnenidentität und die Mission, die er damit verbindet, könnten Grund genug für ihn sein, so etwas nicht in Erwägung zu ziehen. Dennoch bleibt eine Unbekannte, und ich komme nicht näher heran und kann nichts genauer betrachten.
In Rafas Gästebuch schrieb ich unter "virtual-structure.de":

Malda (du kanntest sie; 1996 war sie mit Ivo Fechtner verlobt) hat sich in der Nacht zum 16.03.02 aus dem 23. Stock eines Hochhauses gestürzt, Hand in Hand mit einer Bekannten. Sie sah im Tod eine Möglichkeit, "in eine andere Sphäre zu gelangen, wo ich das finde, was ich hier nicht finde". Sicher wird man nie voraussagen können, ob und wann jemand es "wahrmacht" und nicht nur davon redet oder es andeutet. Doch Verse wie "Ich bin gefangen in mir. Mein Geist sehnt sich davon. Doch mein Körper ist gebunden im System. Dies ist hier nicht mein Leben, dies ist nicht mein Planet." oder "Ich warte nicht erst auf ein Morgen. Die Flut kommt längst nicht mehr, und so ziehe ich die Konsequenzen ... es gibt nichts, was mich hier hält." oder "Ich stehe an der Schwelle zu einer neuen Welt." oder "Jetzt stehe ich über allen Dingen ... und so schaue ich zurück ..." oder "Auf Wiedersehen in einer Neuen Welt, dort, wo es nur mir gefällt. Es ist Zeit, denn Hand in Hand, so ziehen wir ins Wunderland." oder "Alle Weichen sind gestellt, mein Körper bereit." oder "Dies ist mein letzter Flug in meine Ewigkeit." ... geben reichlich zu denken. Bei dieser Betrachtung handelt es sich keineswegs um Kritik an dir oder an den Texten.

Einerseits bin ich unbegrenzt wütend auf Rafa, der selbstverständlich seinen Alltag lebt mit Berenice, als wäre zwischen ihm und mir nie etwas abgelaufen. Ich finde, Berenice paßt nicht zu ihm, aber sie paßt wunderbar in seine Fassade, und darauf kommt es ihm an.
Auf der anderen Seite steht meine ebenso unbegrenzte Liebe zu Rafa und die unbegrenzte Sehnsucht nach ihm. Ich finde meinen Lebtag keine Ruhe, wenn ich keine Verbindung zu ihm habe. Ich fühle mich wie abgeschnitten von mir selbst, weil ich erleben konnte, wie ich durch die Beziehung zwischen Rafa und mir auch Zugang zu einem unbekannten Teil meiner selbst gefunden habe.
Rafa kann durch mich ebenfalls eine Verbindung zu einem unbekannten Teil seiner selbst herstellen. Und das will er anscheinend auf keinen Fall; es ist ihm unerträglich. Er entwickelt Haß ... auf diesen Teil von ihm und auf mich.
Rafa hat meinen Eintrag wider Erwarten nicht gelöscht. Stattdessen meldete sich Valerien vom Fanclub und war recht ungehalten:

Wenn das auch schon so losgeht, dann einige Sätze MEINER Lieblingsbands: "Kill a Raver" (leben alle noch), "Tötet Onkel Mario!" (lebt auch noch), "... fight back ..." (aus 'nem Frontline Assembly-Song - so viele kann ich gar nicht verprügeln), und Falco höre ich auch - deswegen bin ich weder Psycho noch Drogenkonsument (außer thüringisches Bier). Bitte, Bitte NICHT SO und NICHT HIER!!! Wendet euch am besten an Stern, Spiegel und RTL - wenn die was anderes zulassen als :wumpscut: ... Mir gibt's übrigens auch zu denken, daß immer noch soviel "Unwissenheit" auf Gottes Erde wandelt! "Beweg dein Gehirn - JETZT!" Einer, der demnächst sowieso nach Schweden auswandert!

Unter "virtual-structure.de" antwortete ich:

So war das auch nicht gemeint. Schade, wenn es so verstanden wurde. Es geht mir nicht darum, irgendwen abzustempeln, anzugreifen oder schlechtzumachen oder in die falsche Ecke zu stellen. Es geht nur um etwas, das mich nachdenklich gemacht hat. Und das beruht nicht auf Unwissenheit, im Gegenteil. Ganz nebenbei - am Rande - was Falco betrifft (gehört eigentlich nicht hierher): kurz vor Falcos Tod war wirklich etwas in seinen Texten, was auf seinen frühen Tod hingedeutet hat. Sicher, man soll nicht überall Gespenster sehen, aber trotzdem.

Rafa löschte auch diesen Eintrag nicht.
Constri hat von einem Alptraum erzählt, den Derek hatte. In Dereks Traum war Constri gestorben, und Derek hielt sie in den Armen und war verzweifelt. Nun quält ihn die Angst, der Traum könnte eine Vorhersehung sein und wahr werden. Er machte ein Lied, in dem es heißt:
"Ich bin so allein. Ich will bei dir sein."
Mich erinnerte das an eine CD von Dorsetshire, die auf Constris Couchtisch lag. Im Booklet befindet sich der Text des Dorsetshire-Clubhits "Why me". Dieser handelt von dem Unfalltod eines geliebten Mädchens und schließt mit den Worten:
"Du bist mir so nah - ein Grab vor mir."
Ich vermutete, daß Derek diesen Text gelesen oder sich an ihn erinnert hat, weil das Stück häufig im "Elizium" gelaufen ist.
"Der Traum könnte eine Mahnung sein", vermutete ich. "Derek mußte dadurch erfahren, was du ihm bedeutest."
Am Karfreitag sind Constri und ich im strahlenden Sonnenschein durch die Innenstadt gelaufen und haben in der CITICEN-Passage unterm Glasdach im Café "Rondell" Osterkarten geschrieben und feinen italienischen Milchkaffee getrunken. Abends waren Siddra und Constri zum Damenkränzchen bei mir. Siddra erzählte, daß sie zu Sator noch immer lockeren Kontakt hat. Er soll - wie so oft - mit einem Mädchen zusammen sein, daß er nicht liebt - was er auch selbst zugesteht.
Siddra war in den letzten drei Jahren mit einem Alkoholiker liiert, und sie klagte, daß es ihr schwerfalle, sich gegen ihn abzugrenzen. Auch ihre Mutter ist alkoholkrank.
Sator arbeitet seit Längerem in einem modernen Schaltwerk in der Innenstadt; da ist mehr zu tun als in der verschlafenen Ortschaft, wo er früher eingesetzt war und wo inzwischen nur noch automatisch geschaltet wird.
Mit Ramin soll Sator nichts mehr zu tun haben. Siddra berichtete, daß sie Ramin nie begegnet ist, obwohl Sator ihn so sehr hofierte und ihn auch zu sich einlud.
"Ramin sieht extrem gut aus", erzählte ich. "Der hat so schöne Augen; ich habe noch niemanden gesehen, der so schöne Augen hat. Aber das ist nur eine Hülle. Drinnen ist nichts, überhaupt nichts; das ist vollständig leer."
Siddra erzählte, daß Sator mehrere Fotos, die ich gemacht habe und auf denen Siddra zu sehen ist, unter Verschluß hält:
"Die brauche ich."
Ich suchte diese Aufnahmen hervor. Sie sind 1997 entstanden, als Siddra, Malda und ich uns abends vor dem Weggehen bei mir trafen, schön geschmückt, und uns gegenseitig fotografierten.
Siddra hatte auch ein Foto mitgebracht, auf dem sie mit Malda Arm in Arm zu sehen ist. Und sie gab uns Zeitungsberichte über Maldas Selbstmord. Auf Fotos sah man die zugedeckten Leichen von Malda und ihrer Suizid-Partnerin. Auch die Katze lag dabei, die mir am meisten leidtat, weil sie nicht freiwillig in den Tod gesprungen war. Malda hatte geglaubt, ihrer Katze einen Gefallen zu tun, ohne sich vorstellen zu können, daß das Tier gar nicht sterben wollte.
In den Berichten gab es ein Foto von Malda, wie sie zu Lebzeiten aussah, angekleidet mit einem Kostüm, das mittelalterlicher Garderobe nachempfunden war. Maldas Neigung, sich zu kostümieren und sich verschiedenen Religionen anzuschließen, schien bei den Journalisten Vorurteile zu wecken. Sie glaubten, Maldas Selbstmord könnte mit Satanismus zu tun haben, und das ist es wohl, worüber sich Ivo Fechtner und Ghislaine in Kappas Gästebuch aufgeregt haben ... und worüber auch Constri, Siddra und ich uns aufregten.
Wie ich durch Telefonate mit Behörden und dem Bestattungsunternehmer herausgefunden hatte, war Malda nach ihrem Tode rechtsmedizinisch untersucht und dann zur Bestattung freigegeben worden. Sie sollte auf Kosten des Sozialamts beerdigt werden, das keine Überführung bezahlt. Sie sollte in B. ohne Feierlichkeiten bestattet werden, auf einem anonymen Urnengräberfeld.
Constri meinte, wir sollten Malda auf ihrem letzten Weg begleiten, weil sich sonst wohl niemand an ihrem Grab einfinden würde. Das sei nicht recht, jemanden allein dahingehen zu lassen.
In Kappas Online-Gästebuch schrieb ich, daß ich herausgefunden hatte, wann und wo Malda beerdigt werden sollte, und ich gab die Daten bekannt. Kappa und Edaín schrieben am nächsten Tag eine Beileidsbekundung ins Gästebuch:

Hallo zusammen, an dieser Stelle auch unser Beileid an Maldas Angehörige und Freunde.
Kappa und Angel

Rafa brachte in seinem Online-Gästebuch einen Nachruf für den früh und unerwartet verstorbenen Musiker Fad Gadget. Darin schrieb er:

Wir können unsere Trauer nur mit dem Fakt etwas stillen, daß nun endlich auch im Himmel vernünftige Musik gespielt wird.

Giulietta hat Constri erzählt, daß sie sich verliebt hat. Das wäre an sich nichts Neues, wenn es sich nicht ausnahmsweise um das handeln würde, was gemeinhin als "solide Partie" gilt. Auf der Geburtstagsfeier von Rufus im vergangenen November hat Giulietta ihren Schwarm kennengelernt, sechsundzwanzig Jahre jung, mit Arbeit und Auto, und er soll sich sofort heftig in Giulietta verliebt haben. Sie traf ihn mehrmals in HB., und auch ihren Geburtstag verbrachte sie mit ihm.
Beatrice und ich unterhielten uns in einem griechischen Restaurant über Beatrices Bekanntschaft mit Rafa.
"Rafa ist von Grund auf schlecht", meinte Beatrice.
"Kannst du das genauer beschreiben?"
"Er ist ein Lügner und Heuchler, er sieht nur sich, die Bedürfnisse anderer Leute zählen nicht das Geringste."
"Stimmt alles", bestätigte ich. "Aber - und hier wird das Schema durchbrochen - er ist fähig, zu lieben."
"Davon habe ich nichts gemerkt. Wenn ich daran denke, wie er sich aufgeführt hat ... Luisa hat er auch wie den letzten Dreck behandelt."
"Stimmt."
"Ich habe mit ihm damals viel geredet, auch über sein Verhalten."
"Und was hat er dazu gesagt?"
"Er hat erzählt, daß er Luisa nicht liebt."
"Das stimmt, er hat sie nie geliebt."
"Ich habe ihm geraten, mit offenen Karten zu spielen", erzählte Beatrice. "Er hat gemeint, er habe in der Szene ein bestimmtes Image, und wenn dieses Image durchbrochen würde, dann sei er ein ganz anderer Rafa, nicht mehr der Rafa, den alle kennen.
'Aber vielleicht ist das dann ein ganz liebenswerter Rafa', habe ich gemeint.
Da hat er gesagt:
'Zuviel Gefühl macht verletzlich.'"
"Die Fassade ... das ist eine Mauer aus Angst, Angst vor Verletzung und Enttäuschung", meinte ich. "Und ich habe seine Fassade immer ignoriert und immer hindurch bis auf den Grund gesehen."
"Das kann ihm schon Angst gemacht haben."
"Auf jeden Fall."
"Jetzt wird mir klar, weshalb Rafa sich wohl damals im 'Elizium' so daneben benommen hat, als er begonnen hat, mich anzugraben", meinte Beatrice. "Er wußte, wie ich darauf reagieren würde. Er wußte, daß ich mich dann von ihm abwenden würde. Zwischen uns war so etwas wie Freundschaft entstanden, Vertrauen hatte sich entwickelt, und da hat er wohl gedacht, daß er sich mir schon zu sehr offenbart hat. Und er hat die Freundschaft zerstört. Mir fällt ein, daß Rafa sich schon kurz vorher wieder ein Stück weit von mir entfernt hatte.
Am Anfang waren die Grenzen klar abgesteckt. Rafa hat gar nicht versucht, mich anzugraben, weil er wohl gemerkt hat, daß er bei mir damit nicht landen kann. Da kamen nur so Sprüche wie 'Beatrice, Schatz, du Liebe meines Lebens' ..."
Solche Sprüche kennzeichnen bei Rafa eine unverbindliche Freundschaft. Die Freundschaft zwischen Rafa und Beatrice zerbrach, als er einen ernsthaften Annäherungsversuch unternahm und ihr zugleich vorführte, auf welche Art er echte Liebe heuchelte.
In Kingston hat mir ein Pförtner erzählt, kürzlich sei spätabends an der Pforte geklingelt worden. Er habe draußen niemanden gesehen und die Schiebetür geöffnet, um nachzuschauen. Da habe sich aus dem Dunkel eine am Boden liegende Gestalt erhoben, sei torkelnd in die Eingangshalle geschossen und am Informationsfenster gleich wieder zusammengesackt.
"Bis hierher schaffen sie es komischerweise immer", meinte der Pförtner zu diesem Vorfall. "Nur wenn sie angekommen sind, können sie auf einmal nicht mehr laufen. Nachts sammeln die sich immer hier an, wenn die Kneipen zu haben."
Kürzlich ist einer von seinem Kumpel hergeführt worden.
"Sie kenne ich doch auch schon", sagte die diensthabende Kollegin zu dem Kumpel, der gleichfalls sehr tief ins Glas geguckt hatte.
"Oh nein, ich nicht!" rief der Kumpel da. "Der hier, aber ich nicht, ich habe ihn nur begleitet!"
Ein Kollege erzählte von einem Betrunkenen, den er nachts aufgenommen hatte:
"Der lag vor der Pforte, hatte aber alles dabei: Chipkarte, Einweisung, Ausweise, einen Flachmann ... Und als ihm der Flachmann abgenommen werden sollte, hat der gesagt:
'Da wollt ich doch nur noch einen trinken!'
Er hatte über 4 Promille."
Einmal soll der Chefarzt durch den Haupteingang gekommen und sorgsam über einen quer in der Tür liegenden, im Haus bekannten Obdachlosen gestiegen sein.
"Bloß nicht aufwecken", soll der Chefarzt gesagt haben, "sonst labert der uns eine Kante ans Bein."
Kollege Gerwyn berichtete über einen Patienten, den er im Nachtdienst aufnahm:
"Der hat sich in WF. auf der Straße 'rumgekugelt. Und mehrere Autofahrer haben es gerade noch so geschafft, ihn nicht zu überfahren. War wohl schlecht zu sehen, obwohl die Straße eigentlich beleuchtet gewesen sein muß ... ich denke, sogar in WF. Und die Polizei hat ihn auch beinahe erwischt. Die kamen da mit Sirene ... und dann - huch. Der hat beteuert, er wollte eigentlich gar nicht überfahren werden, er wäre den Autos auch immer ausgewichen, nur wohnt seine Freundin da drüben, und die soll das sehen."
In einem Nachtdienst nahm eine Kollegin einen Patienten auf, der bei der Untersuchung die Arme von sich gestreckt hielt und sie nicht herunternehmen wollte, mit der Begründung, er habe gerade Kontakt mit einem Schamanen.
In einem Nachtdienst kam ich auf eine geschlossene Station, da bot sich mir folgendes Bild:
Eine Patientin hatte ihre Bettdecke vorm Stationszimmer auf den Fußboden gelegt und stand darauf und trat von einem Bein aufs andere. Eine saß in einem Stuhl, aus dem sie wegen eines Stecktisches nicht aufstehen konnte, und spielte mit ihrem Teddy, der zugleich ein Lachsack war; er gab auf Druck ein lautes Gelächter von sich. Eine dritte Patientin stand begeistert davor und staunte:
"Oh, ist der aber süß!"
Eine vierte Patientin wanderte ziellos über den Flur. In der Glastür des Stationszimmers standen die beiden Nachtschwestern und sagten mit sanftem Lächeln:
"Wir wissen eben, wo wir sind. Das ist eben ein richtiges Irrenhaus."
Einen Betrunkenen nahm ich auf, der war so aggressiv, daß er mit einem Bauchgurt ans Bett gebunden wurde.
"Kein Streß, o.k.?" lallte er. "Ich möchte mich in aller Form entschuldigen. He ... Sch... ... A... ... F... ... äh ..."
Dann begann er zu singen. Um die Ecke diktierte ich im Arztzimmer den Aufnahmebericht:
"Der Patient gab bei Aufnahme an: ..."
Dann hielt ich das Mikrophon in die Richtung, wo der Patient sang - was dieser freilich nicht sehen konnte. Die Nachtschwester stand neben ihm und meinte:
"He, das war aber noch nicht schön."
Da versuchte er, noch schöner zu singen.
Im einem Nachtdienst wurde ein Patient zur Aufnahme gebracht, der Alkoholiker war und sich einen Galgen gebaut hatte. Solche Tragödien spielen sich manchmal als grosteskes Szenario ab.
In einem anderen Nachtdienst erzählte eine Patientin dem diensthabenden Kollegen, sie sei ein Bügeleisen, sie habe Brennstäbe in den Ohren, und sie werde von der Tür aufgesaugt.
Viele Mitarbeiter in Kingston habe ich schon sagen hören, daß sie über ihre Erlebnisse in der Psychiatrie eigentlich ein Buch schreiben müßten, doch kaum einer tut es.
"Dieses wirre Zeug kann ich mir nie merken", heißt es.
Und tatsächlich ist das Absurde, was uns täglich begegnet, so flüchtig, daß es meistens schon nach wenigen Minuten vergessen ist.
In einer E-Mail an Shara erzählte ich von Maldas Selbstmord. Shara mailte:

Zu dem Thema könnte ich auch viel lamentieren, bin nicht ganz "unerfahren", damals, in den wilden 80ern ;-)

Ich mailte:

Wolltest du dich denn auch mal umbringen?

Shara mailte:

Ja, 1988 war mal eine heftige Krise. Und so um 1992 herum war eine mittelschwere, die letzte dann 1998, glaub ich. Allerdings "reift" (?!) man mit der Zeit und bekommt immer mehr Perspektiven.

Ich mailte:

Ich wollte mich nie umbringen, außer mal in einem Traum, da herrscht aber eine eingeengte Sichtweise, und man sollte sich im Traum nie ganz für voll nehmen. In dem Traum wollte ich auch nicht wirklich sterben, sondern jemanden wiedersehen, der tot war.

Shara mailte:

Das ist natürlich was völlig anderes. Eher was Konstruktives denn destruktiv.

Zu Maldas Selbstmord fragte Shara:

Warum sah sie nun eigentlich keinen anderen Ausweg?

Ich mailte:

Malda war schon immer sehr naiv und suggestibel. Sie hat zu allen möglichen Gottheiten aufgeblickt, ohne Verständnis für die Hintergründe der verschiedenen Religionen zu entwickeln. In der Kindheit hatte sie keinen Halt, keine verläßliche Bezugsperson. Ich vermute, daß Malda diesen Halt, nachdem sie ihn nicht nur in sich selbst vergeblich gesucht, sondern auch in mehreren Religionen nicht gefunden hat, im Jenseits suchen wollte. Der Suizid scheint für sie ebenso ein "Trip" gewesen zu sein wie Hexenkunst, Esoterik, Katholizismus, Hare Krishna, Sadomasochismus, Mittelalterkult und wohl noch einiges mehr. Sie soll schon vor Jahren ein Buch gehabt haben, das davon handelte, wie man sich am besten umbringt. Sie scheint innerlich unausgefüllt gewesen zu sein. Sie war auf sich selbst bezogen und dadurch innerlich stets einsam. Solche Leere und Unausgefülltheit, verbunden mit Phantasie, Kreativität, Naivität und sehr wenig analytischem Verstand, kann schon zu absurden Einfällen führen, die später zu derartig destruktiven Entscheidungen aushärten. Sie hat ihren Suizid zelebriert wie ein religiöses Ritual, mit Sekt und Abschiedsessen. Sie hat von "höheren Sphären" geredet, die sie erreichen wollte. Ich bezweifle sehr, daß Malda bewußt war, was sie tat.

Shara erzählte von einem Referat über den Tod und die Prozesse an der Leiche, das er im Rahmen seines Anthropologie-Studiums halten mußte.
Zu Ostern waren Constri und ich bei Merle und Elaine. Elaine führte uns allerlei vor; sie sang in ihr Kindermikrophon, imitierte Britney Spears und mischte Teile aus ihrer Ballettchoreografie darunter.
"Das muß ich jeden Tag erleben ... live! Wißt ihr, was das bedeutet?" seufzte Merle.
Elaine strahlte und machte ihrer Mutter eine Haube aus Geschenkpapier und Kräuselband.
"Jetzt nimm' mal diesen Bandsalat da weg", sagte Merle, nachdem Elaine sie mit dieser Verzierung bewundert hatte.
Auch die "Und dann"-CD wollte Elaine unbedingt noch einlegen. Elaine hat kürzlich mit Derek in dessen Zimmer Aufnahmen gemacht. Elaine erzählte das Märchen vom Frau Holle und baute Griseldis als Pechmarie und sich selbst als Goldmarie ein. Derek untermalte ihre Stimme durch Hintergrundsounds. Weil Elaine nach jedem Textabsatz "Und dann ..." sagte, heißt die CD "Und dann". Elaine legte sich vor dem CD-Player auf den Boden und lauschte verzückt dem Gemeinschaftswerk von Derek und ihr. Als das Märchen zuende war, seufzte Merle:
"Gott sei Dank!"
Elaine scheint ihrer Mutter diese Seufzer keineswegs übelzunehmen, weiß sie doch, daß Merle es eigentlich sehr schön findet, daß Elaine kreativ ist.
Im "Restricted Area" gratulierte ich Cielle zum Geburtstag. Cyra und ich hatten jede ein Geschenk für sie mitgebracht. Cielle erzählte, ihre neue Eroberung verhalte sich nett und rücksichtsvoll. In ihrem Studium der Sozialpädagogik hat Cielle schon mehrere Scheine geschafft. Mit ihrem Kommilitonen Quintus versteht sie sich gut.
Cielle hat von einer Sekte namens "Radikale Therapie" gehört. Die Mitglieder wollen sich aller "negativen Energie" entledigen und nur "positive" Gedanken haben. Wenn sie doch einmal beginnen, an Probleme zu denken oder gar darüber nachzudenken, rufen sie andere Mitglieder an und bitten um Beistand. Gemeinsam inszenieren sie dann ein Spektakel, bei dem sie schreien und sich auf dem Boden wälzen, bis sie glauben, die "negative Energie" abgestreift zu haben. Die Männer sollen sich jeden Morgen zu einer "Lachgruppe" treffen, wo sie sich in einen Kreis stellen und ohne Grund lachen. Sie steigern sich in Ekstase, wälzen sich auf den Boden und so weiter, alles, um "negative Energie" abzuwehren.
Cyra erzählte mir aufgebracht, daß Trevor von ihr verlangt habe, ihn sichtbar für die Öffentlichkeit zu umarmen. Sie fühlte sich genötigt und eingeengt.
"Das machen hier wahrscheinlich die meisten Paare so", vermutete ich. "Ich kann mir gut vorstellen, daß es vielen vor allem darum geht, Zweisamkeit zur Schau zu stellen, und daß die echte innere Verbindung nachrangig oder gar unwichtig ist."



In der Samstagnacht war ich im "Read Only Memory". Ich hatte ein starres dunkelgraues Tutu an, das mit glitzernden Spinnweben bestickt ist und im Schwarzlicht graulila leuchtet. Dazu trug ich ein ausgeschnittenes glitzerndes Oberteil, glitzernde Ärmlinge, ein breites Drahthäkelhalsband mit Straßsteinen und im Haar Glitzerspray und Straßpunkte. Um die Taille hatte ich eine breite Schärpe geknotet, aus demselben bestickten dunkelgrauen Taft wie der Rock. Mit Sándor setzte ich mich auf das Bühnenpodest, wenige Schritte von dem provisorisch abgegrenzten DJ-Pult entfernt. Tischchen und zierliche Stühlchen standen da, und auf ihnen ließen wir uns nieder. Sándor erzählte, daß er im Herbst in Ungarn zum Wehrdienst muß.
"Wir werden dich vermissen", sagte ich zu ihm. "Sowas wie dich können wir in unserem Freundeskreis brauchen."
Als ich Sándor erzählte, wie Berenice mich im letzten Sommer angegriffen hat, meinte er:
"Das kann heißen, daß du bei Rafa ganz schöne Chancen hast."
Rafa stand am DJ-Pult und blieb dort auch die meiste Zeit. Er trug seine graue Jacke mit den Schnörkeln. Kurz nachdem ich erschienen war, setzte er sich eine Brille mit blauen Gläsern auf, und er setzte sie erst wieder ab, kurz bevor er ging. Wie gewohnt rauchte er eine Zigarette nach der anderen. Was er spielte, bewegte sich zwischen Depeche Mode, Kim Wilde und "Eisbär" von Grauzone. Tanzen konnte ich nur zu "Love never dies" von Apoptygma Berzerk, einem Remix von "Hellraiser" von Suicide Commando und "Herzlos" von Stratis.
Berenice trug ein enges, langes, schmales Trägerkleid in Silber. Sie hielt sich zunächst an der Theke auf; später kam sie zu Rafa ans DJ-Pult, saß oder stand hinter ihm, redete mit ihm und turtelte mit ihm.
Ivco war mit Carole im "Read Only Memory". Er kam zu mir auf die Treppe zum Bühnenpodest und führte seine Neuerwerbung vor, eine blaugelbe Uniformjacke aus der Kaiserzeit mit der Zahl "11" auf jeder Schulterklappe. Er sammelt historische Uniformjacken und ersteigert sie für teures Geld im Internet.
"Ich finde es schön, daß du so einen individuellen Stil hast", meinte ich. "Diese Jacken stehen dir hervorragend."
Als ich Ivco erzählte, wie gerne ich an meiner Internet-Domain arbeite, bat er mich um die Adresse der Domain. Ich gab ihm meine Visitenkarte. Ivco las meinen Namen und fragte, ob ich schon immer so geheißen hätte oder ob ich geheiratet hätte.
"Das war immer mein Nachname", gab ich Auskunft. "Heiraten kann ich ja nicht, weil Rafa mich nicht will."
"Meinst du nicht, es wäre mal an der Zeit, Rafa abzuhaken und dich nach was anderem umzusehen?"
"Ich bin lieber allein als mit dem Falschen zusammen."
"Das ist doch an sich eine gesunde Einstellung."
"Ich habe ihn gefunden, den Mann, den ich gesucht habe", erklärte ich. "Er will mich nicht, das ist seine Entscheidung, daran kann ich nichts ändern. Also bleibe ich alleine."
"Wie? Aber das geht doch nicht."
"Doch, das geht. Ich kann gut auf eigenen Füßen stehen."
"Und damit bist du glücklich."
"Nein, ich bin nicht glücklich. Ich bin sehr traurig. Ich bin jeden Tag traurig und habe Sehnsucht nach Rafa."
"Aber du kriegst ihn doch nicht."
"Nein, ich kriege ihn nicht."
"Aber dann bist du doch dein Leben lang unglücklich."
"Ja."
"Also willst du für immer unglücklich sein."
"Nein, Rafa ist es doch, der sich gegen unsere Beziehung entschieden hat. Dafür kann ich nichts."
"Eigentlich ist das doch ganz einfach ..."
"Nein, das ist nicht einfach."
"Ist es doch."
"Ist es nicht."
"Weißt du, damals als Teenager habe ich in Brasilien gedacht, diese Frau, die ist es, die ist meine große Liebe", erzählte Ivco. "Aber sie wollte mich nicht. Da habe ich schließlich die Sache für mich abgehakt. Und Carole kannte ich vorher schon, und an sie habe ich mich wieder angenähert. So ist es gekommen."
Ivco schätzt die Verläßlichkeit in seinen heutigen Lebensverhältnissen.
"Was willst du denn im Leben?" fragte er mich.
"Ich will Rafa heiraten und Kinder mit ihm haben", antwortete ich.
"Ich meine jetzt nicht auf Rafa bezogen, sondern einfach nur: Was wünschst du dir im Leben?"
"Ich will mit Rafa zusammen sein. Das sind keine allgemeinen Bedürfnisse, sondern nur Bedürfnisse, die sich auf eine Person beziehen."
"Sag' mal - darf ich offen sein?"
"Ja, bitte. Gerne."
"Hast du mit Rafa wirklich mal was gehabt - ich meine - wart ihr mal irgendwie zusammen?"
"Ja. Das war 1993 bis 1997. Da hatten wir Kontakt. Er ist mit mir mitgegangen und auch mal von sich aus zu mir gekommen, er hat mich nachts angerufen, und wir haben uns in der Disco unterhalten. Aber jedesmal, wenn es zwischen uns richtig eng und innig wurde, hat er erstmal Abstand gehalten. Er hat sich nie zu mir bekannt und immer darauf geachtet, daß nach außen nicht sichtbar war, was zwischen uns wirklich abgelaufen ist. Seit 1997 meidet er mich dauerhaft."
"Aber das ist doch alles schon so lange her."
"Ja, aber meine Liebe zu ihm ist immer noch genauso wie damals."
"Aber von ihm kommt doch nichts."
"Als wir Kontakt hatten, ist jede Begegnung von ihm ausgegangen, jeder Besuch, jedes Telefonat."
"Aber seitdem sind doch Jahre vergangen."
"Das hat an meiner Liebe nichts geändert."
"Liebe ist temporär."
"Liebe ist ewig, sonst ist es keine."
"Hast du denn gar keine Wünsche?"
"Doch, ich will Rafa umarmen, ihn an mich ziehen, ihn küssen ... ich habe große Sehnsucht nach ihm."
"Weißt du, wenn ich jemanden toll finde und denke, die ist es, und die will mich nicht, dann gehe ich doch und hake das ab und suche nach jemand anderem."
"Ich finde Rafa nicht toll. Ich habe ihn nie toll gefunden. Ich habe ihn nie verehrt und nie bewundert und nie zu ihm aufgeblickt. Ich war nie ein Fan von ihm."
"Aber du liebst ihn."
"Ja."
"Jetzt verstehe ich gar nichts mehr."
"Meine Liebe existiert unabhängig von Verehrung oder Bewunderung."
"Aber das ist doch gerade, was Liebe ausmacht - daß man jemanden toll findet, verehrt und bewundert."
"Nein, bei mir hat das eine mit dem anderen nichts zu tun. 1993, als ich in einem Traum gemerkt habe, daß ich Rafa liebe, da lag ich neben ihm auf der Gästematratze, da kannte ich ihn erst kurz -, da habe ich gedacht:
'Oh nein, warum muß es dieser narzißtische Casanova sein?'
Ich wußte damals noch gar nicht, daß er ein Casanova ist; ich habe es gefühlt. Rafa ist voller Fehler und Schwächen. Er hat eine schwere Selbstwertstörung. Er sieht nur sich, nur seine eigenen Bedürfnisse zählen für ihn."
Dem stimmte Ivco zu.
"Ich liebe ihn unabhängig davon", fuhr ich fort. "Meine Liebe ist bedingungslos."
Ivco erkundigte sich, ob ein anderer Mann für mich infrage käme.
"Ich habe ihn doch gefunden, den ich gesucht habe", erklärte ich. "Ich habe ihn schon geliebt, bevor ich ihn kannte."
"Wie soll denn das gehen?"
"1979 hatte ich einen Traum, da wußte ich auf einmal, wie Liebe sich anfühlt. Und von da an habe ich genau nach diesem Gefühl gesucht. Und bei Rafa habe ich es gefunden."
"Also, dieses Gefühl steht mit Rafa in Verbindung."
"Es steht untrennbar mit ihm in Verbindung."
"Aber kann es denn nicht sein, daß ein anderer vielleicht zu neunzig Prozent an Rafa herankommt, als Alternative?"
"Nein, es geht mir nur um genau diese eine Person. Und diese Person ist nicht ersetzbar."
"Hast du es denn überhaupt je mit anderen probiert?"
"Nein, natürlich nicht!"
"Aber dann kannst du doch nicht wissen, ob es nicht doch ein anderer wäre."
"Das merke ich schon, ob ich jemanden liebe. Das merke ich sehr gut. Und ich kenne sehr viele Leute und möchte die auch richtig gut kennenlernen."
Das konnte Ivco bestätigen.
"Und was wird dann daraus?" fragte er.
"Lauter innige, enge, lange haltende Freundschaften", gab ich zur Antwort.
"Und sonst nichts."
"Nein, natürlich nicht."
"Aber wenn zwei Menschen eine Partnerschaft haben, dann müssen das doch beide wollen. Wenn einer nicht will - wie Rafa -, dann wird es nichts."
"Das stimmt."
"Von Rafa kommt doch nichts. Das ist doch so."
"Er empfindet was für mich, aber er würde sich lieber aufhängen, als das einzugestehen. Du wirst nie von ihm hören, daß er für mich irgendetwas empfindet."
"Aber man kann doch nicht einfach jemandem unterstellen: 'Der liebt mich und weiß es nur nicht.'"
"Das will ich auch nicht. Aber ich kenne Rafa einfach viel zu gut. Ich kann darüber etwas sagen, weil ich ihn zu gut kenne. Und er hat gesagt, daß er Angst vor mir hat ..."
"Das wäre für mich das Schlimmste, was eine Frau zu mir sagen könnte - daß sie Angst vor mir hat."
"Ich habe mich gefreut."
"Was?"
"Weil Rafa so ehrlich war. Er hat es von sich aus gesagt, ich hatte das nicht angesprochen. Ich hatte es schon gewußt, aber ihm nicht gesagt, weil ich es aus seinem Munde hören wollte."
"Hetty, Hetty, Hetty ..."
Ivco legte einen Arm um mich und zog mich an sich heran.
"... weißt du, ich sehe einfach, du bist so ein liebes, nettes Mädchen", meinte Ivco, "und es muß doch möglich sein, daß so ein liebes, nettes Mädchen glücklich wird."
"Nun, in meinem Fall ist es aber nicht möglich."
"Aber das kann doch nicht sein."
"Doch, das kann sein."
"Das geht doch nicht, daß du nur deshalb für immer unglücklich bleibst, weil du dich auf den einen Menschen fixierst."
"Ich liebe ihn, das ist etwas anderes. Liebe ist nichts Krankhaftes."
"Aber du bist dadurch doch unglücklich."
"Liebe ist ein gutes Gefühl. Es ist schön, dieses Gefühl haben zu können. Früher hatte ich schon gedacht, ich würde nie jemanden finden, für den ich dieses Gefühl habe, und dann habe ich Rafa gefunden, nachdem ich ihn fast vierzehn Jahre lang gesucht habe."
"Fühlst du dich denn nicht irgendwo ganz wohl in deiner Märtyrer-Rolle?"
"Nein, ich fühle mich nicht wohl. Und ich erlebe das auch nicht als Märtyrer-Rolle. Ich opfere ja nichts."
"Doch, du opferst dein ganzes Leben."
"Mein Leben wäre nur mit Rafa glücklich. Und der will mich nicht. Ich liebe ihn aber und stehe auch dazu. Ich verleugne meine Liebe nicht und tue auch nicht so, als würde ich einen anderen lieben. Das würde ich meinen Freunden nie antun, daß ich ihnen vorlüge, ich würde was von ihnen wollen."
Jas lief mit einem rot leuchtenden Stab in der Hand durchs "Read Only Memory". Solche selbstleuchtenden Stäbe lagen überall, in Blau und in Rot; ein Schankmädchen trug zwei davon als Knotennadeln.
Einmal ging ich in den Keller, wo Jas anläßlich seines Geburtstags Getränke bereitgestellt hatte. Als ich wieder nach oben kam, stand eine Gruppe von Menschen dichtgedrängt neben der Theke, ein Engpaß. Rafa huschte mit brennender Zigarette in der Hand an mir vorbei.
Gegen Morgen kam Rafa noch einmal vom DJ-Pult herunter, mit Berenice im Schlepptau. Er nahm einen rot leuchtenden Stab von einem Tischchen und stupste ihn Berenice an die Nase, um sie zu necken. Dann umrundete Rafa mit Berenice die Tanzfläche und verabschiedete sich von mehreren Leuten, ohne in die Nähe meines Platzes zu kommen. Dann ging er mit Berenice fort und überließ Gavin das Pult.
"Rafa hat mir seinen DJ-Auftritt zum Geburtstag geschenkt", erzählte mir Jas an der Theke.
"Das ist aber nett von ihm", meinte ich.
Beatrice und ich waren in dem griechischen Restaurant in der Innenstadt, wo wir schon in der vergangenen Woche eingekehrt sind. Ich erzählte Beatrice von den Zeilen in Rafas Texten, in denen ich Selbstmordandeutungen vermute.
"Ist seine Freundin wirklich so blöd, daß die das nicht merkt?" fragte Beatrice. "Bevor ich mit Miles zusammengekommen bin, habe ich einmal ein Gedicht von Andras gefunden, das ausgereicht hat, um ihm auf den Kopf zuzusagen, daß er mit einer anderen Frau etwas laufen hat."
In dem Gedicht soll die Rede gewesen sein von etwas Gewohntem, Vertrautem - und von einem "schönen Stern in der Ferne", der zu ihm herüberstrahlt.
"Solche Andeutungen kommen nie von ungefähr", meinte Beatrice.
"Die Fans merken wahrscheinlich gar nicht, wie depressiv Rafa ist", vermutete ich. "Er macht die depressive Stimmung an Äußerlichkeiten fest - der schlechten Welt -, und niemand kommt darauf, daß in Wirklichkeit Rafa als Mensch depressiv sein könnte. Die Fans nehmen die Musik als harmlose Partymusik wahr."
"Die Musik sagt nichts aus", meinte Beatrice. "Auf die Texte kommt es an. Und die Texte von wirklicher Partymusik - das ist einfach nur 'humba humba täterää' ... Nein, was Rafa macht, ist keine Partymusik."
Beatrice erinnerte sich an einen Traum, den sie vor vielen Jahren von Rafa hatte:

Beatrice war mit Andras im "Elizium", und Andras war der einzige Mann dort. Er war fortwährend damit beschäftigt, andere Frauen zu umwerben. Schließlich wurde die Flügeltür zum Tanzraum auseinandergeworfen, ein Lichtstrahl fiel herein, und in dem Lichtstrahl stand Rafa wie eine himmlische Erscheinung. Andras ging auf Rafa zu, und die beiden fingen an, Zärtlichkeiten auszutauschen.

Beatrice erzählte mir, daß ihr kürzlich aufgefallen ist, wie wenig sie sich an ihre Kindheit und Jugend erinnern kann. Überall seien Lücken, die sie nicht füllen könne. Es sei gerade, als wenn ihr ihre Vergangenheit zum großen Teil fehlt und sie gar nicht so recht weiß, wer sie eigentlich ist.
"Es kann sein, daß du die Erinnerungen von dir selber abgespalten hast und irgendwo aufbewahrst, wo du sie nicht erreichst", vermutete ich. "Das kommt vor allem bei Menschen vor, die in der frühen Kindheit schwere Belastungen und Traumata erlebt haben, wie du auch. Die müssen einen Teil ihrer Erinnerungen abspalten, weil sie sie sonst nicht ertragen könnten."
Im "Restricted Area" traten Noisex und Re.work auf. Es waren nicht viele Leute da, aber es wurde getanzt, und es gab dafür auch genügend Platz. Als Noisex spielten, kam bei dem Stück "Kavau Drummer" der Bandkollege von Raoul herunter vor die Bühne und trommelte auf einem der Ölfässer, die das "Restricted Area" als Tische verwendet. Ein dritter Herr schlug auf eine Holzkiste ein. Raoul hämmerte mit seinen beiden Stöcken gegen das Geländer am Rand der Bühne. Diese verspielte Percussion mochte ich sehr.
Raoul erzählte mir nach dem Konzert, daß er sich in der nächsten Zeit um sein Kind kümmern will und deshalb für etwa zwei Jahre nicht auftreten wird.
Gerson hat das Booking gemacht. Zu Beryl hat Gerson keinen Kontakt mehr, was er vor allem wegen Beryls Sohn Boris bedauert. An Boris hängt er sehr.
Im "Restricted Area" traf ich auch Cyra und Trevor. Sie haben sich getrennt.
Siddra hat erzählt, kürzlich sei sie mit einem Bekannten im Zoo gewesen und an dem Bundeskanzler und seiner Frau vorbeigelaufen, die in unmittelbarer Nähe wohnen.
"Hallo Gerhard Schröder!" soll der Bekannte gerufen haben, und Siddra war das furchtbar peinlich.
"Gerhard Schröder hat irgendwie genickt, also zurückgegrüßt", erzählte Siddra. "Leibwächter oder so habe ich da übrigens gar nicht gesehen."
"Wenn diese Leute trotz ihrer öffentlichen Position ein normales Privatleben führen, sind sie eine Zielscheibe für verrückte Attentäter", meinte ich. "Das finde ich schlimm und auch besorgniserregend. Das muß schrecklich sein, immer nur in gepanzerten Limousinen durch die Gegend fahren zu dürfen."
Am 12. April fuhren Constri, Siddra und ich um sechs Uhr los nach B. Vor den Toren von B. frühstückten wir auf einer Raststätte. In der Nähe des Friedhofs kauften wir frische Blumen. Wir waren sehr zeitig auf dem Friedhof und wagten uns in die leere Kapelle. Das Türchen zu einem Nebenraum stand offen. Darin entdeckte ich auf einem schlichten Tischchen die Urne. Ich machte Fotos. Malda ist laut Etikett am 15.03.2002 ums Leben gekommen und wurde am 04.04.2002 eingeäschert. Am Tag vor ihrem Selbstmord wurde Malda zweiunddreißig Jahre alt.
Wir gingen über den Friedhof, dann kamen wir wieder zur Kapelle und trafen davor Cassandra, ihren Freund Andor und ein Mädchen namens Layana, das Malda durch ihre Mitgliedschaft im Tierschutzverein kennengelernt hat. Alle hatten Blumen mitgebracht. Cassandra weinte.
Maldas Tante soll sich laut Cassandra seit mehreren Wochen in Spanien aufhalten. Zur Beerdigung wollte sie nicht kommen; stattdessen soll es in MI., wo sich das Familiengrab befindet, einen Gedenkstein oder eine Gedenkinschrift für Malda geben.
Siddra erinnerte sich daran, wie die Tante geweint hat, als Malda sich im letzten Herbst die schönen dunklen Haare abschnitt. Davon hatte ich nichts gewußt; Malda hat danach eine Perücke getragen.
Das Abschneiden der Haare hat für mich in diesem Fall auch schon den Charakter der Vorbereitung auf den Selbstmord.
Die Urne war in der Kapelle auf einen schwarzen Sockel gestellt worden. Der Bestatter trug die Urne in ein schwarzes Tuch gehüllt hinaus, und wir gingen hinterher. Auch Siddra weinte. Am offenen Grab sagte der Bestatter:
"Ruhe in Frieden."
Wir warfen Erde auf die Urne und legten die Blumen um das Grab herum. Dann stellten wir uns in einen Halbkreis. Der Bestatter schüttete das Grab zu und dekorierte die Blumen darauf. Dann fuhr er seinen Karren weg. Cassandra und ich machten Bilder von dem Grab; wir wollten nicht vergessen, wo es sich befindet. Wenige Schritt entfernt steht ein großer Wacholder, und am Rand des Rasenfeldes gibt es einem flachen Steinsockel, auf dem Angehörige von anonym Beerdigten Kränze und Blumensträuße niedergelegt und Ewigkeitslichtchen aufgestellt hatten.
Ich erinnerte mich an den "Friedhof der Namenlosen" und an das darauf bezogene Gedicht von Gustav Falke:

Heimatlos! Wie weh das klingt,
Namenlos ins Grab gesenkt,
Das kein Mutterarm umschlingt,
Dem kein Bruder Blumen schenkt.
Ach, im Wind, der diesen Stein,
Diesen Hügelsand umweht,
Wird manch banges Klagen sein
Das euch weinend suchen geht.

Nach der Beerdigung versammelten wir Trauergäste uns in einem Bistro zum Milchkaffee. Cassandra und Andor erzählten, daß Andor an seinem Arbeitsplatz in der Zeitung von Maldas Selbstmord gelesen hat. Er nahm sich frei und fuhr zu Cassandra, um es ihr mitzuteilen.
Siddra hat Malda am Nachmittag vor Maldas Selbstmord vom Bus aus gesehen, wie sie mit vollen Einkaufstüten auf dem Weg zu ihrer Wohnung war; vielleicht hatte Malda gerade den Sekt und die Suppe gekauft, um ihre Co-Suizidantin zu bewirten.
Cassandra war mit Malda einen Tag vor Maldas Selbstmord bei einem Fest in Maldas Kirchengemeinde. Malda hatte Geburtstag. Sie soll in sehr guter Stimmung gewesen sein.
Bevor Maldas Wohnung versiegelt wurde, war Ivo Fechtner dort, um sich CD's zu holen, und Cassandra war dort, um persönliche Erinnerungsstücke zu holen, darunter Fotos und Kleider. Inzwischen ist Maldas übrige Habe wahrscheinlich vernichtet worden. Maldas Tante soll das Erbe ausgeschlagen haben. Eine Haushaltsauflösung durch einen bestellten Nachlaßverwalter hat meistens zur Folge, daß keine persönlichen Erinnerungen an den Verstorbenen erhalten bleiben. Nur Gegenstände, die einen bestimmten angenommenen Verkaufswert besitzen - wie Fernsehgeräte oder Computer - werden aufgehoben und zu Geld gemacht.
Layana war allein nach B. zu Maldas Beerdigung gefahren. Sie studiert Landschaftsgestaltung in H. Sie stottert, und das hat mich an meinen Kollegen Dero erinnert. Vielleicht ist Layana in ihrer Kindheit auch etwas Schlimmes zugestoßen.
Am frühen Nachmittag brachte ich Constri zu Kyra, die zu ihrem Freund Kim nach B. gezogen ist, und fuhr mit Siddra zum Fernsehturm. Fernsehtürme haben auf mich eine besondere Anziehungskraft. Als Kleinkind habe ich schon den Fernsehturm von S. bestaunt, wenn meine Mutter und ich in dessen Nähe im Wald spazierengegangen sind. Damals habe ich geglaubt, oben am Turm sei ein Sandeimerchen befestigt, und ich war verwundert, als meine Mutter mir sagte, daß da oben Leute drin seien.
Siddra und ich fuhren im Fernsehturm von B. mit dem Fahrstuhl hinauf zum Panorama-Rundgang mit den großen Glasscheiben und betrachteten die Stadt. Siddra entdeckte das Hochhaus, von dem Malda in den Tod gesprungen ist, ganz in der Nähe des Turms, neben der Bahnlinie. Wir setzten uns ins Turmcafé, dessen Tische sich auf einem ringförmigen Streifen des Fußbodens an der Fensterwand entlangdrehen, so daß man den gesamten Rundblick hat, ohne aufzustehen.
In der Zeitung hieß es, das Hochhaus werde wegen seines Grundrisses "Windmühle" genannt, und man konnte das aus der Sicht von oben gut nachvollziehen. Die Balkone waren an einer Seite des Gebäudes schmucklos, und das ließ vermuten, daß sich hier die frei zugänglichen Treppenhausbalkone befanden. Malda und ihre Suizid-Partnerin sollen - so stand es in der Zeitung - auf dem Treppenhausbalkon im 23. Stock unmittelbar vor ihrem Selbstmord Sekt getrunken haben, und mit Hilfe eines Klapphockers sollen sie auf die Balkonbrüstung gestiegen sein.
Wir haben uns das Hochhaus auch noch aus der Nähe angeschaut und konnten es anhand der Zeitungsfotos sicher zuordnen. Dort, wo Malda hingefallen ist, hatten sie den Betonboden so geschrubbt, daß man nicht mehr ahnen konnte, was sich hier abgespielt hatte.
Das Hochhaus liegt in unmittelbarer Nähe eines Bahnhofs, der auch von den Fernzügen aus H. angefahren wird; es bot sich also auch wegen seiner guten Erreichbarkeit für den Selbstmord an.
Kurz vor der Heimfahrt trafen wir uns zum Abendbrot bei Kyra und Kim. Constri war mit Kyra in einem Café gewesen, und sie hatte sich ein tiefrotes, ausgeschnittenes Oberteil gekauft, "damit man merkt, daß ich in B. war".
Mit Siddra unterhielt ich mich über die depressiven Zeilen in Rafas Liedtexten.
"Das sprüht ja geradezu vor Lebensfreude", bemerkte Siddra ironisch. "Wieso sollte der solche Texte schreiben, wenn alles toll und alles gut ist?"
Am Samstag war ich im "Radiostern". Zoë erzählte mir, daß einer ihrer Bekannten - ein Bademeister, den ich vor Jahren auf einer Party bei Onno getroffen habe - vor etwa zwei Wochen gestorben sei. Nach einer durchfeierten Nacht soll er tot in seiner Wohnung gelegen haben. Ermittlungen seien nicht eingeleitet worden, obwohl die Todesursache alles andere als klar sei.
Julienne berichtete, daß sie sich kürzlich von Dorgath getrennt hat; man habe sich auseinandergelebt. Sie wohnen aber noch zusammen und verstehen sich gut. Julienne hat einige Jahre ihrer Jugend im Harz verbracht und dort Luca kennengelernt. Gemeinsam sind sie schließlich nach H. gezogen. Etwa fünf Jahre lang war Julienne mit Luca zusammen, danach etwa drei Jahre mit Sazar und dann fünf Jahre mit Dorgath. Jetzt ist sie nach dreizehn Jahren erstmalig ohne Freund.
Ein Mädchen namens Sadie, das Goldschmiedin ist, erklärte mir, wie Gold verarbeitet wird. Man sollte es nicht bei der Degussa kaufen, sondern bei der Sparkasse, wo es steuerfrei ist. Die Goldschmiede legieren es selbst, mit Hilfe einer digitalen Waage und eines Schmelzofens. Bei Schmuck gibt es die Goldanteile 333, 585, 750 und 900. Das Gold wird mit Silber und Kupfer zu gleichen Teilen legiert. Sadie verriet mir den Trick, wie man Kettenglieder herstellt, wenn man die Kette nicht fertig kaufen will: man umwickelt einen Stock mit Golddraht ...
"... und schneidet dann einmal längs am Stock entlang, dann hat man die Kettenglieder, muß sie nur noch zusammenbiegen", ging mir ein Licht auf.
Gold soll viel teurer als Silber, sehr schwer und butterweich sein. Sadie verarbeitet es besonders gern, lieber als andere Metalle. Allerdings hat sie auch schon Silber mit Edelstahl kombiniert; das soll eine aufregende Farbmischung ergeben, das helle, rotstichige Silber und der dunklere, bläuliche Edelstahl. Das könnte mir auch gefallen.
Platin und Titan sollen sehr hart und schwer zu verarbeiten sein. Gold soll seine Farbe verlieren, indem man es mit Palladium oder Nickel zu Weißgold legiert.
Als Goldschmied darf man sich nur selbständig machen, wenn man Meister ist. Um Meister zu werden, muß man mehrere Jahre Berufserfahrung nachweisen. Es ist aber sehr schwer, eine Stelle zu bekommen. Mit diesem Dilemma hat Sadie zu kämpfen.
Cyra erzählte, sie sei froh, nicht mehr mit Trevor zusammen zu sein. Man sei nicht verfeindet, aber für eine echte Freundschaft reiche es nicht, man habe zu wenig gemeinsam.
"Und, was sagt Hal dazu, daß ihr euch getrennt habt?" erkundigte ich mich.
"Der findet's gut", antwortete Cyra. "Er hat mir ja dazu geraten."
"Ach, da kann ich mir schon denken, weshalb ...", setzte ich an und erntete strafende Blicke von Cyra.
"Er hat mir in Freundschaft geraten", betonte sie.
Hal ist auf Tournee in Amerika. Er hat Cyra eine SMS geschickt, zwei Tage nach seiner Abreise.
"Das will ich auch wohl erwartet haben", meinte sie.
Ein Junge von der Thekencrew fragte mich:
"Bist du die Elfe?"
"Meinst du?"
"Ja, du bist die Elfe."
Auf der Rückfahrt nahm ich Jas mit. Er erzählte von seinem beruflichen Werdegang. Nach seiner Ausbildung zum Werkzeugmacher sei er sechs Jahre lang bei der Bundeswehr gewesen und sei dann Gefängniswärter geworden. In die Gothic-Szene sei er gekommen, nachdem er in einer "anderen" Szene gewesen sei.
"Die rechte Szene", vermutete ich.
"Habe ich das gesagt?" fragte Jas verwirrt.
"Nein", entgegnete ich. "Aber es gibt nur eine Szene, die man nicht beim Namen nennt, und das ist nun mal die rechte Szene."
Jas schämt sich heute dafür, dort mitgemacht zu haben. Ein wenig verteidigte er jedoch seinen früheren "Haufen"; nicht alle seien Verbrecher gewesen, und auf rechtsradikalen Demonstrationen finde man ohnehin fast ausschließlich V-Leute.
"Manche werden nur deshalb V-Leute, um auch mal ungestraft das Horst-Wessel-Lied singen zu dürfen", glaubte Jas.
Ich erzählte Henk am Telefon von Maldas Selbstmord. Er meinte, er wolle sich auf keinen Fall umbringen. Vielmehr sei es ihm ein Anliegen, sich um selbstmordgefährdete Leute zu kümmern.
"Auch mit Malda hätte ich gerne geredet", sagte er. "Ich kannte sie zwar nicht - doch vielleicht hätte ich ihr helfen können ... es halt wenigstens versucht."
Sándor hat mir am Telefon erzählt, daß eine seiner Nachbarinnen im "Uferpark" sich vor wenigen Tagen umgebracht hat, nicht jedoch durch Sturz aus dem Hochhaus, sondern mit Zyankali. Sie soll geglaubt haben, allen nur zur Last zu fallen.
Andor hat am Telefon erzählt, daß Malda an ihrem letzten Tag - jenem Freitag im März - noch mit Cassandra telefoniert hat. Cassandra lag in der Badewanne und hatte das schnurlose Telefon am Ohr. Das Gespräch soll entspannt und lustig gewesen sein; Cassandra lachte viel.
"Nachher hole ich meine Freundin vom Zug ab", soll Malda beiläufig erzählt haben.
Malda soll berichtet haben, in der kommenden Woche beginne eine Maßnahme des Sozialamts zur Arbeitsanbahnung für psychisch Kranke, an der sie teilnehmen müsse. Cassandra vermutet im Nachhinein, daß Malda auch das zum Anlaß genommen hat, gerade für diesen Zeitpunkt ihren Selbstmord zu planen.
Giulietta besuchte mich zum Kaffee. Ihr Verehrer will nichts mehr von ihr wissen. Zuerst hatte er sie mit Blumen und üppigen Versprechen beschenkt ("Ich laß' dich nicht mehr los!"), dann ließ er sie fallen mit der Begründung, so sei er nun einmal. Er könne eben keine "richtigen" Beziehungen eingehen.
Giulietta erzählte, ihr passiere das immer wieder mit den Männern, und immer wieder falle sie in ein tiefes Loch und komme kaum mehr heraus. Ich schlug ihr vor, ein "Jammer-Tagebuch" zu führen, in dem sie jammern kann, soviel sie mag, damit es ihr gelingt, in der übrigen Zeit weniger zu jammern.
Giulietta macht ihr Selbstwertgefühl davon abhängig, ob sie einen Freund hat. Sie hat an sich selbst viel auszusetzen. Ich hielt dagegen, ihr sei von der Natur viel geschenkt worden, ein gutes Aussehen, Charme und eine außergewöhnliche künstlerische Begabung. Und abgesehen davon sei ein Mensch immer um seiner selbst willen etwas wert, ob er in seiner Gesellschaft erfolgreich ist oder nicht.
Giulietta meinte, ich sei jemand, den könne man lieben oder hassen, aber eines würde niemand über mich sagen können:
"Uninteressant, langweilig."
Ende April waren Constri und ich bei Viridiana zu Besuch. Sie ist seit einigen Wochen von Janssen getrennt und lebt jetzt mit ihren Kindern und ihrer Schwester in einer Wohnung. Unterm Strich betrachtet Viridiana ihre Trennung von Janssen als Erleichterung. Er habe sie oft betrogen, sei aber ihretwegen immer eifersüchtig gewesen. Wenn sie in einem aufregenden Kleid mit ihm tanzen ging, war er stolz auf ihr gutes Aussehen und wollte, daß jeder sie ansah. Wenn sie dann von den Herren Komplimente und bewundernde Blicke bekam, verlangte Janssen von ihr, sie solle ihren Mantel überziehen, damit ihre Reize verhüllt wurden.
Auf Delans Internetpräsenz findet sich ein Nachruf auf den neunzehnjährigen Ben, der bei Delans Parties im "Megamarkt" Stammgast war. Er wurde ermordet.
Als Constri und ich zu "Stahlwerk" fuhren, trafen wir uns unterwegs zur Kaffeestunde mit Cyra und ihren Begleitern in einem Rasthaus. Auch Trevor war dabei. Cyra erzählte, daß Hal etwas später als geplant aus Amerika zurückkehren wird, weil er noch etwas Urlaub machen möchte.
"Das braucht der auch dringend", meinte Cyra. "Tag und Nacht nur gearbeitet ... der sah schon richtig schlecht aus."
Hal kann gegenwärtig von seiner Musik leben. VNV Nation kommt auch in Amerika sehr gut an. Nach der Amerika-Tour soll Hal gesagt haben:
"Jetzt kann ich mir einen TT kaufen."
Er will aber keinen TT kaufen, sondern das Geld zusammenhalten.
"Der hat sich abgesichert", erzählte Cyra. "Dem ist klar, daß man in der Branche nicht jeden Tag gleichviel verdient. Und wenn das mit der Musik jemals nicht mehr läuft, geht Hal wieder zurück in die Computerbranche, wo er vorher schon war."
"Das ist genau das, was ich Rafa so dringend raten würde", sagte ich dazu. "Er sollte sich beruflich im Computerbereich orientieren. Da hat er eine besondere Begabung. Aber er hat es bisher versäumt, eine entsprechende Ausbildung zu machen. Er lebt in seiner Scheinwelt und sorgt nicht für seine Zukunft."
Hal hat sich vor Kurzem Cyber als Manager genommen.
"Cyber ist eigentlich ein netter Kerl", meinte ich, "aber ..."
"Cyber ist ein Geschäftsmann, durch und durch", erzählte Cyra. "Die Gage, die er für Hal ausgehandelt hat ... also, andere hätten das nicht geschafft."
"Er ist ein Geschäftsmann, allerdings", bestätigte ich. "Da muß man schon aufpassen."
"Der wird darauf achten, daß er selbst von dem Kuchen ein möglichst großes Stück bekommt", vermutete Constri.
"Genau", nickte ich. "Da muß man aufpassen, daß er einen nicht übers Ohr haut. Aber Hal läßt sich nicht übers Ohr hauen."
"Nein, der nicht", war Cyra sicher. "Der paßt gut auf."
Delan erzählte mir bei "Stahlwerk", daß Ben von seinen eigenen "Freunden" ermordet wurde:
"Sie haben ihn in die Falle gelockt."
"Wie kommen die dazu, ein solches Verbrechen zu begehen?"
"Eifersucht."
In der Toilette hatte ich ein Mädchen zu einem anderen sagen hören:
"Er kam halt gut an bei den Frauen - und tja ..."
"Was waren das für Leute?" fragte ich Delan.
"Zwanzig ... und wollten ein bißchen Satanist spielen ..."
"Ach, die haben sich dieses Verbrecherpärchen zum Vorbild genommen. Und damit ziehen sie jetzt wieder die ganze Szene in den Schmutz. Haben die die wenigstens inhaftiert?"
"Ja, alle."
Der Fall eines Pärchens, das im Rahmen angeblich ritueller Handlungen einen Mann ermordete, hat erst vor Kurzem die Gemüter erhitzt. Weil dieses Pärchen sich äußerer Attribute der Wave- und Gothic-Szene bediente, nahmen Journalisten, die wahrscheinlich ohnehin schon Vorurteile gegenüber der Gothic-Szene hatten, dies zum Anlaß, die Gothic-Szene für den Mord verantwortlich zu machen. Die Szene wehrte sich, indem auf der Titelseite eines Szene-Magazins die Gesichter von Menschen aus der Gothic-Szene abgebildet wurden, mit dem Titel:
"Wir sind keine Mörder!"
Die Gothic-Szene ist für das weitgehende Fehlen von Gewalt und Kriminalität bekannt geworden. Was den angeblichen Satanismus der Menschen in der Szene betrifft, so kann ich nur aus meiner Erfahrung sagen, daß die meisten von ihnen Christen sind, einige sind sogar ziemlich religiös.
Die schillernden Gestalten der Gothic-Szene reizen augenscheinlich zum Erfinden skandalträchtiger Stories. Journalisten, die mit einer Story gut ankommen wollen, können dort die Figuren dafür finden und Vorurteile schüren, getreu dem Motto:
"Wir schreiben, was die Leute glauben wollen."
Zum Tanz in den Mai gab es in der verschlafenen Kleinstadt Bm., wo Les wohnt, ein Konzert von Asche und Morgenstern. Das "Palace", wo sie auftraten, ist ein recht neuer, schicker und geräumiger Laden in einem Gewerbegebiet in Bm. Im Eingangsbereich grüßte mich Les am Verkaufsstand des Labels "Ant-Zen" und griff sich meine Sachen, damit ich schneller zur Tanzfläche kam. Die Tanzfläche ist ein großzügiges Rund aus hellem, griffigem Beton, umrahmt von einem anthrazitfarbenen Steinboden. Hinter der Tanzfläche geht es über Stufen hinauf zur Bühne. Dort oben drehten Asche und Morgenstern an den Reglern. Maschinengeräusche dröhnten, unterlegt von mitreißenden Rhythmen, die ins Technoide übergingen. Ich tanzte mit Zenza und Vittorio. Rasch gesellten sich noch mehr Rhythmusbegeisterte hinzu. Schließlich war die Tanzfläche voll, und alles bewegte sich, als wären die Musiker nur DJ's, die das Publikum mit Rhythmus versorgten. Hier wurde niemand angebetet und verehrt, hier wurde man nur eins mit dem Rhythmus, auf der Bühne und vor der Bühne. Asche ließ sich anstecken und dehnte im zweiten Teil des Konzerts seinen Solo-Auftritt immer mehr aus; es kamen etliche Zugaben. Die Atmosphäre war so wie bei vielen Industrial-Konzerten - einträchtig, gemessen, eine Art musikalischer Meditation. Die Begeisterung erstreckt sich über einen weiten Teppich aus Sounds; sie wird nicht in Worten und Blicken geäußert, sondern nur in gleichförmiger, unaufhörlicher Bewegung.
"Das ist eine Art, in den Mai zu tanzen", dachte ich. "Da kann Traurigkeit gar nicht aufkommen."
Im "Megamarkt" gab es zur gleichen Zeit eine Party mit einem Auftritt von Rafa.
"Hier im 'Palace' müßte Rafa dabei sein", dachte ich. "Hier müßte er einmal mitmachen."
Zenza erzählte:
"Als Rafa vor ewigen Zeiten mal wieder im 'Zone' war, hat er mich immer nur genervt und mich gefragt, ob ich mit ihm kickern will. Aber ich gehe nicht in die Disco, um zu kickern."
"Früher hat er noch viel getanzt, auch zu 'Gottes Tod'", erinnerte ich mich. "Wir haben oft miteinander zu 'Gottes Tod' getanzt, als wir uns noch gar nicht kannten. Heute tanzt er fast gar nicht mehr."
"Na ja, wenn er genug getrunken hat, dann schon mal, wenn Achtziger-Jahre-Musik läuft."
Ich erzählte Zenza, daß Berenice kürzlich mit Seraf, Jas und Jenny im "Zone" war. Zenza kann mit Berenice nicht viel anfangen:
"Wenn ich mit Rafa und seinen Leuten unterwegs war, dann waren die alle nett, nur seine Freundin war abweisend und trug die Nase hoch und kam sich als was Besseres vor."
Auch Lysanne soll zu Berenice ein angespanntes Verhältnis haben.
"Einmal war Lysanne bei denen im Studio und hat aus Versehen einen Lichtschalter ausgemacht", erzählte Zenza. "Da ist Berenice gleich abgegangen wie eine Rakete! - Nein, Lysanne versteht sich nicht besonders gut mit der. Sie näht halt die Kostüme für W.E, und das war's. Bei den Anproben ist Berenice manchmal ganz freundlich, manchmal aber auch voll abweisend und arrogant."
So sehr täuschen also die Fotos in Aces Essay, wo man Lysanne lächelnd mit Berenice sieht. Und so sehr täuscht wahrscheinlich auch die zur Schau gestellte Harmonie zwischen Rafa und Berenice.
"Sie ist wohl auch deshalb mit Rafa zusammen, weil er die Band hat und sie mit ihm auftreten kann", glaubt Zenza. "Da kann sie wichtig sein, was sie sonst nicht wäre. Die würde doch sonst keiner beachten."
Nach dem Konzert legte Les auf. Unter anderem spielte er "Tepalock" von Mono no aware, "Snuff machinery" von [:SITD:] und "Timekiller" von Project Pitchfork. Es wurde halb zwei, ehe ich mich vom "Palace" trennen konnte. Ich fuhr zu Danes Geburtstagparty. Um halb vier war ich dort. Dane hatte in seinem Computer ein Programm laufen, das die Sounds der Anlage in bewegte Bilder umsetzte. Solche Programme werden wahrscheinlich so hergestellt, daß mehrere Bildmotive entwickelt und eingespeichert werden, ebenso ihre möglichen Bewegungen und Veränderungen, und daß nun ein Zufallsgenerator die Bilder mit den Rhythmen und den Tonhöhen und -farben verknüpfen muß.
Morgens, als es hell wurde, pflückte ich auf dem Heimweg Flieder ab. Jedes Jahr im Mai pflücke ich Flieder ab, der über Gartenzäune ragt.
Am nächsten Tag sah ich in HB. ein Konzert von Soft Cell. Im Zuge der "Reunion-Welle" hatten auch Marc Almond und Dave Ball ihren Fans den Gefallen getan, alte Zeiten wiederaufleben zu lassen. Sie spielten viele von meinen Lieblingsstücken, darunter "Memorabilia" und "Heat". Ich sah Marc Almond nun auf derselben Bühne, wo ich ihn schon dreizehn Jahre zuvor gesehen hatte, und ich fand ihn so lebendig und charmant wie damals. Er trug ein Hemd aus rotem Pannesamt, und passend dazu überreichte ihm ein weiblicher Fan eine rote Rose.
Daß ich heute überhaupt hier sein konnte, verdankte ich meiner Kollegin Daisy. Als ich die Konzertkarte besorgte, hatte ich völlig vergessen, daß ich für genau diesen Tag mit einem Nachtdienst auf dem Plan stand. Nach mehreren frustrierenden Telefonaten mit Kollegen, die ihre Dienste hätten tauschen können, aber nicht wollten, rief ich schließlich Daisy an und machte mir wenig Hoffnungen, weil sie schon zwei Tage später Nachtdienst hatte und ich ihr diesen Dienst nicht abnehmen konnte, weil er mit meinen eigenen Diensten kollidierte. Daisy jedoch meinte sogleich, das sei überhaupt kein Problem, sie nehme mir den Nachtdienst gerne ab und wolle auch keine Gegenleistung. Ich meinte, wir müßten unbedingt miteinander Kaffee trinken.
Bei dem Konzert von Soft Cell traf ich Robin; er wurde begleitet von einem blonden Mädchen, das mich seltsam anstarrte, aber nichts zu mir sagte. Ich vermutete, daß Robin sich von Sanina getrennt hatte und nun mit dem blonden Mädchen zusammen war. Der starre Blick des Mädchens konnte auf Eifersucht hindeuten. Sie ertrug es anscheinend nicht, wenn Robin mit einem anderen weiblichen Wesen sprach, wie unverfänglich auch immer.
Gart und Ismene haben sich getrennt. Gart berichtete, nachdem sie zusammengezogen seien, hätten die Streitereien angefangen und nicht mehr aufgehört. Gart ist jetzt mit einem Mädchen namens Chiara zusammen.
Im "Restricted Area" traf ich Cielle, die erzählte, sie vertraue ihrem Freund nicht. Sie habe das Gefühl, er meine es nicht ernst mir ihr.
Robin bestätigte, daß er sich von Sanina getrennt hatte, erzählte jedoch fast nichts über das Ende seiner Beziehung mit ihr.
Denny erzählte, er habe von Cyra gelernt, zu flirten. Nach seiner Trennung von Cyra habe er "mal hier, mal da". Inzwischen hat er eine Freundin in HI. Auf meine Frage, ob er sie liebt, antwortete er:
"Naajaa ... ich mag sie, ich hab' sie lieb, aber ich liebe sie nicht."
"Für mich ist es undenkbar, mit einem anderen Menschen zusammenzusein als dem, den ich liebe", sagte ich. "Aber ich bin kein Maßstab. Ich falle aus jeder Statistik."
Haymo erinnerte sich an Rafas Auftritt im "Restricted Area" vor einem Jahr. Damals sollen viele Autos mit Ost-Kennzeichen vor dem "Restricted Area" geparkt haben, und die Fans aus der ehemaligen DDR sollen sich vor der Bühne gedrängt und gejubelt haben. Rafa soll durchs Mikrophon dieses Verhalten gelobt haben, und gleichzeitig soll er sinngemäß angemerkt haben, die Fans im Westen würden so etwas ja nicht bringen, die könnten keine Stimmung machen.
Haymo hält von Rafas Musik nicht übermäßig viel. Er fragte nach Rafas Alter, und als ich ihm sagte, daß er einunddreißig ist, war Haymo sehr erstaunt:
"Was, der ist jünger als ich? Der sieht aber älter aus!"
Constri war in derselben Nacht mit Derek im "Zone" und konnte Les mitteilen, daß er ihr nun keine Dauerwelle zu machen brauchte.
Im Internet habe ich eine Domain von Till entdeckt. Wir mailten uns, und ich erzählte ihm, daß ich eine verlorengeglaubte Kassette wiedergefunden habe, ein Demo-Band von Till aus dem Jahr 1993. Till hat ein Musiklabel gegründet, macht auch selbst noch Musik und arbeitet als DJ. Er hat sich außerdem zum Informatikspezialisten weitergebildet.
Rikka hat sich mit Seth verabredet, weil er bei ihr Sachen abholen möchte, die er dort noch aufbewahren läßt. Rikka freut sich nicht auf das Wiedersehen mit Seth. Sie erzählte, er halte seine E-Mails an sie in einem geschäftsmäßigen, kurz angebundenen Stil.
Umso mehr freut sich Rikka auf ihr Auto, einen gebrauchten, gut erhaltenen Calibra. Sie hat schon immer von einem Calibra geträumt.
Cyra erzählte im "Radiostern", daß sie bald wieder nach HH. fährt und sich dort ein Konzert von VNV Nation anschaut.
"Das war doch klar", sagte ich.
"Wegwegweg!" rief Cyra. "Du sollst mich nicht immer aufziehen."
"Ich kann die Schnauze nicht halten. Ich sage immer, was ich denke. Ich trage mein Herz auf der Zunge."
"Ja, genau deshalb sollst du ja weggehen."
Mitte Mai habe ich Folgendes geträumt:

Im grünenden Forst kreuzten sich Autobahnzubringer und Landstraßen. Es war etwas neblig, aber nicht kalt. Ich parkte ein Stück weit unterhalb eines Autobahnzubringers. Um mich herum waren noch mehr Autos geparkt. Ich ging zu einem älteren Gebäude, das allein hier draußen zwischen den Bäumen stand. Es war Tag, dennoch gab es in dem Haus eine Tanzveranstaltung. Ich traf dort viele Bekannte, auch Onno und Revil waren darunter. Auf meinem Weg durch die Flure des Hauses kam ich an Rafa vorbei. Er stand zwischen den Menschen, mit offenem Blick und offenen Armen. Berenice war nicht zu sehen. Ich wollte an Rafa vorbeistreichen und überlegte, ob ich nach ihm greifen sollte. Da hielt er mich auf und begann ein Gespräch mit mir. Im Reden kamen wir sehr dicht aneinander heran; Rafa drängte sich an mich, und wir umarmten uns, mitten unter all den Leuten. Ich fühlte das Knistern zwischen uns; unverändert war die Vertrautheit, als wären wir nie voneinander getrennt gewesen. Rafa sprach in dem gewohnten frechen, trotzigen, überheblichen Tonfall und erklärte, er wolle mich besuchen. Wir einigten uns auf den nächsten Sonntag. Rafa setzte sich vor einer Wand zu anderen Leuten auf den Fußboden.
"Wie ist deine E-Mail-Adresse?" fragte ich ihn.
"Sag' ich nicht", erwiderte er.
Onno, Revil und andere Bekannte wollten mich ärgern.
"Am Sonntag kommen wir alle zu dir", kündigte Revil an.
"Das wäre nicht so günstig", meinte ich. "Dann rennt Rafa weg."

Saara rief an, und ich konnte ihr den Traum gleich erzählen. Saara berichtete, sie habe kürzlich ihre Freundin Tonia wiedergetroffen. Tonia soll ihre schlanke Figur verloren haben. Danielle ist jetzt mit Gwyneth und Mike in eine größere Wohnung in Saaras Nachbarschaft gezogen.
Am Morgen nach dem Telefongespräch mit Saara hatte ich folgenden Traum:

Rafa und ich hatten eben geheiratet, ganz ohne Feier, in Alltagsgarderobe. Wir gingen in ein Zimmer, das war nicht sehr groß und wurde fast von einem etwa vier mal drei Meter großen Bett ausgefüllt, das vor der Fensterwand aufgestellt war. Die Fenster lagen hoch oben in einer Reihe unter der Decke. Das Bett war schlicht und hatte einen billigen Plüschüberwurf. Kissen lagen darauf, die sahen aus, als hätte man sie vom Dachboden geholt. Insgesamt wirkte das Zimmer schäbig, kahl und trostlos. Ich war in aufgeräumter Stimmung, auch Rafa wirkte recht ausgeglichen.
"Mir fällt ein, wir haben doch jetzt eine andere Steuerklasse", sagte ich. "Wir sind doch jetzt beide in vier."
Wir waren in dem Zimmer nicht allein; ein etwa vierundzwanzigjähriges Mädchen war da noch, eine entfernte Verwandte von Rafa. Sie lebte in einem Behindertenheim und war nur zu Besuch da. In ihrer frühen Kindheit war sie fortgesetzt vergewaltigt worden und hatte dadurch schwere Entwicklungsschäden erlitten. Sie hatte eine Persönlichkeitsstörung und rutschte häufig und unvorhersehbar in das Erleben und Verhalten eines etwa dreijährigen Kindes ab. In diesem Alter hatte wahrscheinlich der Mißbrauch begonnen. Auch jetzt verhielt sie sich wie eine Dreijährige, ein schwer auffälliges Kind, das täglich Mißhandlungen erlebt und diesen Zustand wegen fehlender Vergleichsmöglichkeiten für Normalität hält. Sie wirkte distanzlos und enthemmt. Rafa übernahm die Rolle einer Pflegekraft und versuchte, Fehlhandlungen zu verhindern. Das Mädchen neigte zu selbstschädigendem Verhalten und mußte dauernd beaufsichtigt werden. Ein geordnetes Gespräch war mit dem Mädchen nicht zu führen. Es gab nur unwillige Laute von sich.
Rafa schien das behinderte Mädchen ausschließlich als hilfsbedürftiges Geschöpf wahrzunehmen, nie als mögliche Bettgespielin. Das Mädchen beanspruchte ihn so sehr, daß kein Raum mehr blieb für unsere Zweisamkeit. Ich war erleichtert, daß es nur zu Besuch da war. Rafa hätte sich sonst durch seine pflegerischen Aufgaben von mir fernhalten lassen können.
Mir war bewußt, daß vor Rafa und mir ein langer Weg lag. Was andere Menschen ungefragt voraussetzen konnten, mußte von uns erst erkämpft werden. Ich nahm an, daß Rafa eine Scheu vor diesem Weg hatte und sich nur zu gern ablenken ließ.

Das verhaltensauffällige Mädchen in dem Traum gibt es in Wirklichkeit nicht. Es könnte sinnbildlich für das stehen, was Rafa und ich bewältigen müssen, ehe uns zuteil wird, was andere geschenkt bekommen.
Vor sechs Jahren hatte ich einen Traum, der diesem ähnelte, jedoch mit umgekehrtem Vorzeichen:

Mein neuvermählter Ehemann war so hübsch und blond wie Sareth. Ich heiratete ihn nach festen Ritualen, die wenig Raum ließen für eine Beziehung nach unseren eigenen Vorstellungen. Auf die Gestaltung und den Ablauf der Hochzeit hatte ich keinen Einfluß; alles wurde über meinen Kopf hinweg arrangiert. Am Ende der Feierlichkeiten gingen mein Gatte und ich ins Brautgemach. Da stand ein prächtiges Bett, umringt von Reklame für Aussteuer. "Virgins like ..." stand da, gefolgt von dem Namen einer Bettwäschefirma. Es war üblich, daß die Frau vor der Eheschließung keine körperlichen Beziehungen hatte. Bislang war ich also nicht aus der Rolle gefallen. Doch als mein Gatte und ich versuchten, die vorgeschriebenen Paarungsrituale umzusetzen, merkte ich, daß ich mich diesen nicht unterordnen konnte. Ich sagte das meinem Angetrauten. Er wirkte ratlos. Die Tatsache, daß ich mich nicht erwartungsgemäß verhielt, überforderte ihn. Er meinte, unter solchen Umständen könne man nicht heiraten, und es hätte mit uns beiden wohl keinen Sinn.

Auch in dem Traum vor sechs Jahren zogen mein Gatte und ich uns in ein nicht sehr großes Zimmer zurück, dessen Fenster in einer Reihe hoch oben unter der Decke lagen und das fast ganz von einem Bett ausgefüllt war. Dieses Zimmer jedoch war mit verschwenderischer Pracht ausgestattet. Auf dem Bett lagen fein gemusterte Decken aus schwerer Seide. Die Kissen waren gefüllt mit weichen Daunen. Es gab auch einen Betthimmel aus gemusterter Seide, gerafft mit seidenen Kordeln. Nichts fehlte an der Atmosphäre einer stilvollen Hochzeitsnacht ... außer der Liebe.
Die Ehe mit Rafa hingegen empfand ich als Verbindung aus Liebe und fühlte mich froh und erleichtert, obwohl sie in einem schäbigen Zimmer begann und wir nicht einmal allein waren. Für mich war am Wichtigsten, daß wir endlich geheiratet hatten, weil Rafa sich dadurch zu mir bekannte. Ein romantisches Wolkenschloß erwartete ich nicht, und ich vermißte es auch nicht.
Am Tag nach dem Traum von meiner Hochzeit mit Rafa schickte Constri mir eine SMS:

Rosen sind rot, Veilchen sind blau, in 1 Woche sind wir Mann und Frau.
Do, 23.05. 9 Uhr Altes Rathaus. Darfst kommen. Aber niemandem verraten!!!!!
Niemandem!

Eigentlich hatten Constri und Derek heimlich heiraten wollen. Dann hatte Derek aber doch seiner Familie in Wn. davon erzählt, und Constri und Derek entschieden, daß die engsten Angehörigen zur Trauung kommen durften.
Bei Henk war ich zum Geburtstagsessen. Im Gespräch fand sich, daß ich von ihm den seltsamen Spruch über Kingston gehört hatte, an den ich mich seit zwei Jahren vergebens zu erinnern suchte. Henk wußte ihn aus seinen Kindertagen:
"Henk, Telefon! Kingston wartet schon! Der Arzt hat verschrieben: Gummizelle sieben!"
Vor einiger Zeit hat mir ein älterer Herr einen Spruch gesagt, in den alle Vornamen und Psychiatrien eingefügt werden können:
"Kingston, mach' die Tore auf! Der Heinrich kommt im Dauerlauf!"
Henk zeigte mir künstliche Wimpern, die er vom Flohmarkt hatte. Darunter waren verschiedenfarbig gemischte; am Seltsamsten war aber ein Paar Wimpern, das waren gar keine Wimpern, sondern es war schwarze Spitze. Ich war so begeistert davon, daß das Geburtstagskind Henk sie mir schenkte. Er selbst wünschte sich zum Geburtstag "gar nichts", und ich beschrieb ihm mein Geschenk deshalb als "Mitbringsel". Es war ein schwarzer eiserner Kerzenleuchter mit Anleihen an das Design der Fünfziger Jahre. Dazu schenkte ich ihm graue Kerzen.
Constri rief mich in den kommenden Tagen häufig an, um ihre Hochzeit zu besprechen.
"Jetzt habe ich doch einen Brautstoff gekauft", gestand sie über ihr Handy.
Sie hatte sich ein lila Kleidchen nähen wollen, dann war sie aber mit meiner Mutter in der Stadt und überlegte es sich anders.
Am Pfingstwochenende war ich in S. bei Lisa und ihrer Familie. Mit Lisa und Ida machte ich einen Waldspaziergang. In dem Bachtal unweit von Lisas Wohnung gibt es ein Kneipp-Becken zum Wassertreten. Es ist blaugrün gestrichen. Ich kenne es schon seit der Kindheit, und es war wohl das Vorbild für jenes Schwimmbecken, das ich in einem Traum unten am Hang aus dem dunklen Wald habe hervorleuchten sehen. Diesen Traum hatte ich wahrscheinlich 1971, als ich fünf war, und ich nenne ihn:

Als ich meinen Anorak verloren habe
Constri und ich waren mit unseren Eltern auf einem Ausflug. Wir gingen einen breiten Kiesweg hinunter, an einem Berghang. Lange Reihen von Pfählen waren in die Erde gesteckt, mit Drähten verbunden. Sie trugen Weinreben. Auf den Grundstücken standen Geräteschuppen. Die Kiesel schimmerten grauweiß. Uns kamen ab und zu Spaziergänger entgegen. Ein Mädchen war dabei, das war ein wenig älter als ich, ungefähr acht. Es hatte eine Tüte mit blauen Anoraks und gab jedem von uns einen, den Eltern, Constri und mir.
Der Kiesweg führte in eine Gegend, die noch verlassener war. Wir sahen dort keinen Menschen mehr. Nach rechts ging es steil abwärts in einen hochstämmigen Kiefernwald. In der Ferne zogen sich Hügelketten am Horizont entlang. Die Berge hatten eine bläuliche, regennasse Farbe. Das Tageslicht war fahl und gedämpft, ein Licht, das eigentlich Dunkelheit war. Unten sah ich zwischen den Baumstämmen ein blaugrünes Schwimmbecken aus dem Tiefschwarz des Waldes hervorleuchten.
"Mama, kann man da baden?" fragte ich.
"Nein, das ist zu gefährlich."
Ein Stück weiter stand ein großer Brunnen am Weg, aus dem kein Wasser kam. Er war in einem etwas helleren Blaugrün gestrichen als das Schwimmbecken. Eiserne Rohre ragten aus dem Becken, gebogen wie der Wasserstrahl eines Springbrunnens.
"Geht nicht zu langsam unter den Rohren hindurch", warnte meine Mutter. "Manchmal wird der Brunnen angestellt, und dann wird man naß."
Aus dem Brunnen kam ein Geräusch wie von einer Pumpe, die leer pumpt, ein dumpfes, saugendes Kratzen. Wir waren eben unter den Rohren hindurchgelaufen, da ergoß sich ein Wasserschwall aus dem Brunnen und durchnäßte alles um das Becken herum. Das dauerte aber nur wenige Augenblicke.
Constri wurde müde. Sie griff meine Eltern bei den Händen und ließ sich ziehen. Ich entdeckte, daß ich meinen Anorak verloren hatte. Ich kehrte um und suchte ihn. Nach einem Stück Wegs traf ich das Mädchen wieder, von dem wir die Anoraks bekommen hatten. Es konnte mir aber keinen anderen geben, denn es hatte keine mehr.
Meine Eltern waren mit Constri schon weit vorausgegangen. Ich suchte lange nach ihnen. In dem Brunnen saugte und kratzte es immer noch. Außer diesem Pumpgeräusch war in der Stille nichts zu hören.
Der Weg endete auf einer unübersehbar großen Schrotthalde. Altmetall lag lose herum, Gestelle von Gartenstühlen, Autoteile und Fahrradrahmen, alles bedeckt mit rostbraunem Staub. Ich kam zu einer löchrigen Hütte aus Eisenplatten, die vielleicht als Unterstand für Arbeiter dienen sollte. In der Hütte stand mein Vater. Er hielt Constri auf dem Arm und steckte ihr Aprikosen aus einer Büchse in den Mund.
"Wo ist Mama?" wollte ich wissen.
"Die ist da drüben 'runtergegangen", antwortete mein Vater.
Sie alle hatten ihren Anorak noch, aber ich hatte meinen verloren und würde keinen mehr bekommen.

Lisa fand das Wasser im Kneipp-Becken sehr kalt, konnte aber darin herumlaufen. Ich schaffte es nur einmal kurz, darin zu stehen. Ich malte mir aus, wie es für die Schiffbrüchigen der "Titanic" gewesen sein muß, im Meer zu erfrieren. Das Wasser muß damals ebenso kalt gewesen sein wie in dem Becken, etwa vier Grad. Ein Mensch hält es nur zwanzig Minuten lang darin aus, dann ist er tot.
Am Samstagnachmittag war ich bei meiner Tante Britta und ihrem Mann Wilko zum Kaffee. Sie suchten Kassetten hervor, die vor über zwanzig Jahren aufgenommen wurden. Damals war Constri vierzehn, und Vivien war zehn. Die beiden spielten vierhändig und hatten eine Reformhaus-Reklamezeitschrift auf dem Notenständer. Vivien übernahm mit ihrer Kinderstimme das Rezitativ und trug die Werbetexte vor, sehr sauber abgesetzt und mit ungewöhnlichen Silbenbetonungen:
"... damit Sie nicht hungern müssen ...!"
Constri schmetterte am Ende jedes Abschnitts ihren aufbrandenden Belcanto-Sopran. Die Untermalung am Klavier war experimentell und dramatisch.
Als die beiden die letzte Seite der Reklamezeitschrift umgewendet hatten, erkannten sie erst, daß Wilko die Performance mitgeschnitten hatte.
Constri hat mir vor Jahren von einer sehr vermögenden Dame erzählt, die Opernarien vortrug, ohne einen Hauch von Musikalität zu besitzen. Wie sich herausstellte, weiß Wilko nicht nur, um wen es sich bei dieser Dame handelte, er besitzt sogar eine Live-Aufnahme von ihr auf Vinyl. Sie hieß Florence Foster Jenkins und konnte sowohl auf das Vermögen ihres Vaters als auch auf das ihres Ehegatten zurückgreifen. Regelmäßig trat sie in feinen Salons auf und schließlich sogar in einer berühmten Konzerthalle in London. Weshalb ihre Auftritte so schnell restlos ausverkauft waren, schien ihr nicht klar zu sein. Auf dem Coverfoto sieht man sie in einem selbstentworfenen Kostüm, als Engel mit großen Flügeln, und dazu hat sie ein kesses Hütchen auf. Ihr Lächeln ist von einer naiven Unschuld, die ein schlichtes Gemüt annehmen läßt.
Britta erzählte von der Brautschau meines Vaters vor vierzig Jahren. Er habe damals eine Liste angefertigt, auf der alle in Frage kommenden Mädchen mit ihren Eigenschaften nach Punkten bewertet wurden. Meine Mutter lag knapp vorn. Das gab für meinen Vater den Ausschlag, um ihre Hand anzuhalten.
Ich erinnerte mich daran, daß ich diese Liste kenne; ich habe sie vor etwa fünfundzwanzig Jahren auf dem Dachboden gefunden.
Am Sonntag fuhr ich mit Lisa und Ida ins Hunsrück. Auf dem Weg dorthin fielen mir in der Pfalz der rote Sandstein und die rote Erde ins Auge. Viele Häuser und eine Burg sah ich, die aus rotem Sandstein gemauert waren.
Im Hunsrück wohnt Lisas Schulfreundin Sandy mit ihrer Familie in einem Dorf. Sandy und ihr Mann Justus gehören zum Freundeskreis der Krishna-Sekte und leben dort draußen, weil der Krishna-Tempel sich in diesem Dorf befindet. Wir fuhren zu dem Tempel, wo gerade eine Krishna-Hochzeit stattfand. Das Paar hatte standesamtlich geheiratet und ließ sich nun im Andachtsraum von den Tempelmönchen Krishna weihen. Es war indisch gekleidet, die Braut mit rotem Sari und Blumenschmuck im Haar, der Bräutigam mit weitem Hemd und Pluderhosen. Beide wurden mit Blüten beworfen. Ein Mönch predigte einen monotonen Singsang, ein anderer untermalte das mit Schellen und dumpfem Schlagwerk.
Justus erzählte von der Hochzeit einer Bekannten der Familie. Ganz traditionell sei das zugegangen. Das habe ihn nicht weiter gestört, doch:
"Dann gab es Musik. Und das war 'humtata', die ganze Zeit. Das konnte ich einfach nicht ertragen, das war zuviel. Zwei Stunden habe ich durchgehalten, dann konnte ich nicht mehr."
"Ich kann es dir nachfühlen", meinte ich.
Am Nachmittag gingen wir im Sonnenschein spazieren. Weil die Kinder häufig stehenblieben, ging ich ein Stück voraus und kam auf dem Feldweg zwischen Wiesen voller Butterblumen hindurch. Von einem Hügelkamm aus konnte man in ein weites Tal blicken.
Abends legte ich mich für drei Stunden in dem Zimmer schlafen, das Sandy für ihre Gäste hergerichtet hatte. Sandys kleiner Sohn staunte, als ich ihm erzählte, daß ich nachts wieder aufstehen und nach H. fahren wollte:
"Aber das geht doch gar nicht."
"Doch, sicher geht das."
"Aber man kann doch nicht die ganze Nacht wachbleiben."
"Oh doch, das kann man."
Als Lisa und Justus schlafen gingen, stand ich wieder auf, gegen Mitternacht. Lisa hatte mir Kaffee gekocht, und ich setzte mich für ein Weilchen mit Sandy in die Küche.
Sandy ist Malerin und hat sich auf Heiligenbilder spezialisiert. Ihre großflächigen Bilder sind ausgelassen und farbenfroh gepinselt und stellen sowohl indische Gottheiten als auch christliche Figuren dar. Sandy belebt auch klassische Heiligenbilder, indem sie sie bunt ummalt und mit Ornamenten verziert. Ihre Religiosität mischt sich mit Esoterik. In einem Buch über das Chinesische Horoskop zeigte sie mir, daß ich ein "Feuer-Pferd" sei, ein doppeltes Feuerzeichen. Da stand, ich würde alle in meinen Bann ziehen und am besten arbeiten, wenn ich nicht von meinen Vorgesetzten gestört werde. Außerdem würde ich viel reisen und immer nach Veränderungen suchen.
"Das mit den Veränderungen stimmt nicht ganz", meinte ich. "Ich will da wohnen bleiben und da weiterarbeiten, wo ich bin, und daran soll sich nichts ändern."
Sandy suchte den Aszendenten heraus, und da stand, daß es auch mäßigende Einflüsse gebe.
Rafa soll ein "Hund" sein. Die Verbindung zwischen unseren Sternzeichen soll denkbar glücklich sein und denkbar gut passen. Rafa wird als "vernünftig" beschrieben. Das Letztere kann ich nicht so ganz bestätigen.
Um zwanzig vor zwei in der Frühe fuhr ich zurück nach H. Ich hatte diese Uhrzeit gewählt, um vor Staus sicher zu sein, und diese Rechnung ging auf. Die Autobahn war meistens leer, und ich konnte in den Steilkurven je nach Fliehkraft zwischen der rechten und der Innenspur wechseln und schneller fahren, als es sonst möglich gewesen wäre. Im Halbschlaf glaubte ich einen Riesen zu sehen, der grüne Bäume und Büsche hinter die Leitplanke neben der Fahrbahn stopfte.
"Da kommt die Begrünung also her", dachte ich. "Der Riese bringt die Pflanzen."
Das Alte Rathaus in H. ist ein gotischer Backsteinbau und wurde erst vor Kurzem elegant und modern renoviert. Der Teppichboden im Trauzimmer ist mit roten Rosen gemustert. Während der Trauung lag der Hund Flex neben Dereks Geschwistern in der Sitzreihe. Er trug ein weißes Tüllband um den Hals. Constri hatte ein Seidenkleidchen in Offwhite an, dazu ein hellgraues Bolero mit Ausbrenner-Muster und eine weiße Strumpfhose aus Strickspitze. Giulietta hat ihr das Kleid und das Bolero am letzten Sonntag genäht, weil sie meinte, wenn Constri ihr Brautkleid selber nähen würde, brächte das Unglück. Der elastische Seidenstoff war sehr teuer, hundert Mark der Meter.
Derek hatte Constri einen Brautstrauß in Lila und Rot geschenkt. Er selber kam schlicht gekleidet im schwarzen Pullover. Constri lächelte ihr sanftes "Schneckenlächeln", das so genannt wird, weil auch die von ihr so geliebten Plüsch-Schnecken so lächeln.
Derek nahm Constris Familiennamen an. Das Ja-Wort schien für keinen der beiden eine Hürde darzustellen.
Es wurde viel fotografiert. Von Constris Seite waren außer mir auch unsere Eltern und Wilf da, von Dereks Seite waren die Mutter, der Stiefvater und die drei jüngeren Geschwister gekommen. Der Bruder, der auf die schiefe Bahn geraten ist und Derek vor sieben Jahren durch eine Bürgschaft in Schulden gestürzt hat, war nicht zugegen. Die Oma von Derek konnte wegen ihrer Gebrechlichkeit nicht kommen.
"Ich habe dich schon lange 'mein Schwager' genannt, jetzt bist du wirklich mein Schwager", sagte ich nach der Trauung zu Derek.
"Schlimm genug", meinte er.
Im Foyer machten wir Gruppenbilder und Fotos von dem Brautpaar. Das Foyer trägt ein Glasdach, das den Nieselregen abhielt und viel Tageslicht hereinließ. Man konnte dort auch Kaffee trinken, und die Tische standen so offen und frei zugänglich, daß nicht zu hinterfragen war, ob der Hund an dem Beisammensein teilnehmen durfte. Er legte sich brav unter eine Bank. Es gab Café au lait und heiße Schokolade. Dereks Mutter gab eine Runde Sekt aus. Weil am Vormittag im Foyer noch kein Kuchen zu bekommen war, holte ich nebenan vom Bäcker Butterkuchen und Streuselkuchen und für Constri ein Stück Erdbeerkuchen. Im Foyer schnitt ich den Kuchen auf, und es blieb fast nichts übrig.
Dereks Mutter erzählte, daß sie vier Söhne hat, weil sie immer auf ein Mädchen hoffte. Sie zeigte dabei auf ihre Jüngste, die fünfzehnjährige Delia.
Es gab noch mehr Familiengeschichten zu hören. Dereks Mutter mag die Musik von Billy Idol, aber sein Aussehen mag sie gar nicht. Das Poster von Billy Idol hatte Derek in der Schranktür hängen, damit die Mutter es nicht abriß. Wenn er auf seine Mutter wütend war, hängte er das Poster draußen an seine Zimmertür.
Derek und seine Geschwister hatten früher weiße Mäuse. Einmal hatte sich eine weiße Maus besonders gut versteckt. Sie wurde in einer Tüte mit weißen Schaumzuckermäusen wiedergefunden.
Für Constri und Derek hatte ich als Geschenk ein Barbie-Hochzeitspaar mit einem grauen Strick aneinandergefesselt. Barbie trug ein Brautkleid mit durchsichtiger Schulterpartie und langem Schleier. Ihre Haare hatte ich mit einem weißen Satinband zusammengebunden. Für Ken hatte ich aus schwarzem Tüll ein durchsichtiges Oberteil gebastelt, das mit schwarzen Satinschleifchen zusammengehalten wird. Dazu bekam er einen langen schmalen Rock aus schwarzem Kreppapier, um die Taille geknotet mit kunststoffbeschichteten Drahtschlingen aus der Barbie-Verpackung. Schwarze Schuhe brachte Ken schon mit. Sein Pony war bereits in der Fabrik mit Klebstoff hochgestellt worden, so daß er nicht mehr gestylt werden mußte. Das Paar hatte ich eingewickelt in ein Barbie-Journal, in dem sich eine Fotogeschichte über Barbies Hochzeitsservice befindet. Auch einen Fürstenroman legte ich bei, "Geständnis beim Hochzeitsball", mit adeligem Brautpaar auf dem Deckblatt, und dann noch zwei Pixi-Bücher, "Die Schnecke Schneck", die am Ende eine Familie gründet, und "Dornröschen". Als Hochzeitskarte hatte ich eine textfreie Klappkarte ausgesucht, die zwei Irisblüten zeigt. Das paßt zur Jahreszeit. In die Karte hatte ich eine Kette mit Straßkreuz und einen Fünfzig-Euro-Schein geklebt.
"Da steht nichts drin", sagte ich zu Derek.
"Ist auch besser so", meinte er.
"Ist richtig", bestätigte ich. "Ich rede sowieso die ganze Zeit, und da ..."
"Genau!"
Der herzliche Tonfall zwischen Derek und mir fand allgemeine Bewunderung.
"Was sich mag, das tritt sich", erklärte ich.
"Dann werde ich dich noch ordentlich treten", kam es von Derek.
Die Eltern gaben alle Geld, damit Constri und Derek ihre Hochzeitsreise bezahlen konnten. Sie konnten nur kurz wegfahren, dafür sollte es aber auch besonders schön werden.
Unweit vom Standesamt hatten Constri und Derek den Golf geparkt, den Derek kürzlich einem Kollegen abgekauft hat. Am späten Vormittag machten sie sich auf den Weg zu einer Nordseeinsel.
Abends rief Constri mich an. Ich hatte Bereitschaftsdienst. Constri ging gerade mit Derek und Flex auf der Strandpromenade spazieren. Bei ihrer Ankunft auf der Insel hatte es zu regnen aufgehört, die Sonne kam durch. Als sie das Appartmenthotel betraten und man Constris Brautkleid und ihren Brautstrauß sah, wurde vom Hotel zur Begrüßung Sekt spendiert.
Im Dienst nahm ich eine verwirrte alte Dame auf, die an Unruhezuständen litt. Auf der Einweisung stand nur:
"Batterieerschöpfung. Aggregatwechsel."
Eigentlich ging es darum, daß die alte Dame Schrittmacherträgerin war und daß aufgrund ihrer Unruhezustände bisher das Aggregat nicht gewechselt werden konnte. In der Psychiatrie sollte sie mit Medikamenten so eingestellt werden, daß sie ein wenig ruhiger wurde.
Am nächsten Tag meldete Constri sich wieder; sie war damit beschäftigt, ihre Hochzeit durch Karten und Anrufe bekanntzugeben und ihre Feier am ersten Juniwochenende zu planen. Der Vormittag brachte viel Sonne, und diese Zeit nutzen Derek und Constri für einen ausgedehnten Strandspaziergang.
Abends war ich mit Beatrice in "unserem" griechischen Restaurant. Beatrice erzählte, daß sie sich ihrem Andras eher geschwisterlich verbunden fühlt und daß er mehr Lust auf sie hat als sie auf ihn. Was das Körperliche angeht, fühlt sie sich in der Beziehung nicht ausgefüllt. Sie sucht Abenteuer mit verschiedenen Männern, die sie Andras meistens verschweigt.
"Es bleibt alles oberflächlich", meinte sie.
"Wenn du Andras gegenüber nicht ehrlich bist, geht eure Beziehung irgendwann auf jeden Fall kaputt", vermutete ich.
Andras hat Beatrice früher häufig betrogen. Aus Wut darüber wendete sie sich vor sechs Jahren Miles zu. Sie hatte eigentlich nicht vorgehabt, Miles zu heiraten. Im Scherz fiel sie vor ihm auf die Knie und machte ihm mit einer Blüte in der Hand einen Heiratsantrag. Er nahm das ernst und bestellte das Aufgebot. Um ihn nicht zu enttäuschen, spielte sie mit. Im Dezember 1996 wurde geheiratet, Anfang 1999 verließ sie Miles, nach vielen zermürbenden Streitereien. Seitdem ist sie wieder mit Andras zusammen; die Scheidung von Miles läuft noch.
Nachts waren Beatrice und ich in einem Festzelt auf dem Opernplatz. Dort fand ein Gourmet-Wochenende statt, mit vielen Buden und Zelten. Alkoholfreien Caipirinha hatte ich bisher noch nicht gekannt und war begeistert. Man kann ihn herstellen, indem man Limetten auspreßt und dern Saft mit Bitter Lemon, Eis und Limettenstückchen mischt.
Beatrice kannte die Angestellten im Festzelt, weil sie selbst zur Messezeit für den Partyservice arbeitet, dem das Festzelt gehört. Mit einem der Angestellten hatte Beatrice schon etwas.
An unserem Tisch saß ein Paar, das seit dreizehn Jahren verheiratet ist und eine dreizehnjährige Tochter hat. Die Ehefrau - Sally - sagte in unbekümmertem Tonfall zu ihrem Mann, sie werde ein wenig mit dem gemeinsamen Bekannten Riley flirten, mit dem habe sie etwas.
"Sie hat wirklich etwas mit Riley", wisperte Beatrice mir zu, "aber sie erzählt das so scherzhaft, daß ihr Mann das nicht glaubt."
Sally ist mit ihrem Mann seit sechzehn Jahren zusammen. Sie erzählte, vor fünf Jahren habe sie sich von ihm getrennt, weil sie einen Freund hatte. In den folgenden eineinhalb Jahren habe sie so viel mit ihrem Mann geredet wie nie zuvor, und das habe die beiden wieder zusammengebracht.
"Ich glaube nicht, daß Menschen monogam sind", sagte Beatrice.
"Aber vielleicht wünschen sie sich es", überlegte ich. "Weshalb sollte es in Kitschromanen und Popsongs sonst unentwegt heißen 'nur du allein' oder 'stay with me forever'?"
Daß ich Rafa für immer treu bin, glaubt Beatrice mir nicht.
"Er glaubt es mir auch nicht", seufzte ich. "Da kann ich reden, so viel ich will."
"Vielleicht geht er zu sehr von sich aus."
Beatrice meint, es sei gefährlich, daß ich mich endgültig an Rafa gebunden habe.
"Ich wäre nur gefährdet, wenn ich mir selbst nicht treu wäre", entgegnete ich. "Solange ich mich auf mich selbst verlassen kann, gibt es für mich Verläßlichkeit und Halt. Da kann Rafa mich von sich stoßen und verleugnen, wie er will; die Hauptsache ist für mich, daß ich zu mir stehe und daß ich mich auf mich selbst verlassen kann. Und dazu gehört für mich, daß ich mich nur an einen Menschen binde, an den ich mich auch wirklich binden will."
"Eigentlich ist Rafa dich gar nicht wert. Du bist ein herzensguter Mensch ... Rafa ist im Grunde auch herzensgut, aber er betreibt einen großen Aufwand, um das zu verstecken."
"Das stimmt."
"Meinst du denn, daß er wirklich sensibel genug ist für dich?"
"Oh ja, das ist er."
"Ich meine, eigentlich - ist er sehr sensibel."
"Das ist er."
"Eigentlich hat Rafa schon so viel Schuld auf sich geladen, daß er dich gar nicht verdient."
"Das ist richtig, aber meine Liebe zu ihm besteht unabhängig von seinen Schandtaten."
Constri hat erzählt, wie Derek ihr seinen Heiratsantrag gemacht hat. Das Thema soll schon länger in der Luft geschwebt haben. Ende April war es, da schälte Constri in der Küche Kartoffeln, und Derek ging vom Flur in sein Zimmer und sagte beiläufig:
"Wir müssen unbedingt bald heiraten."
Contri sagte:
"Ja."
- und schälte weiter ihre Kartoffeln. Derek lief nun immerzu zwischen seinem Zimmer und der Küche hin und her und erklärte, aus welchen finanziellen Erwägungen er sich zum Heiraten entschlossen habe. Er meinte, man müsse das Aufgebot bestellen; also wurde es bestellt. Derek wünschte einen sehr raschen Termin für die Hochzeit. Constri vermutet, er befürchtete, daß sie es sich noch einmal anders überlegte.



Am Mittwoch fuhr ich ins "Zone" und nahm Jas mit. Jas hatte CD's dabei, die er für Rafa gebrannt hatte, darunter einen Sampler namens "Verschwende deine Jugend". Rafa soll für Jas auch schon viel gebrannt haben.
In seiner Domain hatte Rafa für diesen Abend einen Auftritt im "Zone" angekündigt. Viele Fans waren da, die schwarze T-Shirts mit Rafas Bandlogo trugen. Ich sah wieder jene Ausführung, wo auf dem Rücken unterhalb des Bandlogos in weißer Computer-Blockschrift geschrieben steht:
"Ich rette dich!"
Ich hatte die Glitzersachen an, die ich schon Anfang April im "Read Only Memory" getragen habe, nur trug ich dieses Mal statt des Haarbands einen Haarreif mit Straßsteinchen.
Cyra schleckte an einem grünen Lolly und zeigte ein fröhliches, entspanntes Lächeln. Auf dem Pfingstfestival in L. hatte sie den Sonntagabend und den Montagabend mit Dirk I. verbracht; man hatte etwas getrunken und viel geredet. Am Montag war auch Eric van Wonterghem dabei, der das musikalische Projekt Monolith macht. Es soll lustig gewesen sein.
Cyra ließ Constri und Derek alles Gute wünschen. Ivco war über Constris Heirat erstaunt:
"Ich habe Constri immer nur allein unterwegs gesehen."
Es scheint wirklich selten vorzukommen, daß zwei glücklich Verliebte getrennt ausgehen. Bei Robin und Sanina war das getrennte Ausgehen auch der Anfang vom Ende. Bevor Robin sich von Sanina trennte, hatte ich ihn über ein Jahr lang fast regelmäßig mittwochs im "Zone" gesehen, immer ohne Sanina. Er hatte das damit begründet, daß es Sanina im "Zone" nicht gefalle und daß sie mittwochs lieber ins "Maximum Volume" gehe.
Als ich Lysanne von Kappas geplantem Sommerfestival im "Read Only Memory" erzählte, wehrte sie ab:
"Mit denen haben wir nichts mehr zu tun."
"Habt ihr euch verkracht?"
"Ja."
"Wie ist das denn passiert?"
"Will ich nicht drüber sprechen."
Sie wollte niemandem die Schuld zuweisen; es sei eben einfach passiert.
Jas hatte Rafa mittlerweile die CD's gegeben und berichtete, Rafa habe sie gelobt:
"Eine gute Auswahl."
Rafa und Dolf traten bebrillt und in den gewohnten Sakkos auf. Die beiden Damen hatten lange, schmale, ausgeschnittene Abendkleider an, hochgeschlitzt und aus schwarzem Samt. Dazu trugen sie Perlenketten und schwarze Satinhandschuhe. Die Haare waren aufgesteckt. Rafa beschäftigte sie auf der Bühne, indem er sie hinter Leinwänden Tanzfiguren ausführen ließ, sie auf beide Seiten der Bühne stellte, wo sie die Arme heben und senken mußten, oder sie zu einem Volksempfänger und zwei Sektgläsern an ein Tischchen setzte. Ab und zu durften sie auch das Schlagzeug mitspielen oder einige Takte singen, mit verfremdeten Stimmen.
"Nein, bei diesem Marionettentheater würde ich nicht mitmachen wollen", dachte ich.
Rechts auf der Bühne hingen Stoffbahnen, und links daneben hatte ich eine gute Sicht auf Rafa, ohne zugleich die beiden Damen betrachten zu müssen.
Bei "Starfighter F-104 G " warf Rafa dreiundzwanzig mit dem Bandlogo bedruckte Papierflieger ins Publikum.
Bei Stücken wie "VW Käfer" und "Deine Augen" fand ich Rafas Gestik und Mimik besonders kasperig und aufgesetzt.
Es gab von Rafa nur wenige Ansagen; in einer bat er um Unterschriften gegen Tiertransporte.
Gegen Ende des Konzerts wurden runde weiße Luftballons mit dem aufgedruckten Bandlogo ins Publikum geworfen, wahrscheinlich auch dreiundzwanzig.
Das Publikum applaudierte mehrere Zugaben herbei. Rafa wirkte darüber sichtlich erfreut. Von mir bekam er nie Beifall; er wird mich freilich während des Konzerts nicht bemerkt haben.
Das Backstage befindet sich auf der anderen Seite der Bühne, und dahin verschwanden alle nach der letzten Zugabe. Ein Roadie begann mit dem Aufräumen.
Hinter mir, neben dem Saaleingang, standen die Merchandize-Tische. Dort lagen auch die Unterschriftenlisten aus. Ich fand die Idee sinnvoll, konnte mich aber nicht durchringen, zu unterschreiben, weil ich das Gefühl hatte, dann in Rafas Marionettenzirkus mitzumarschieren.
"Nächstes Mal vielleicht", nahm ich mir vor.
Cyra fand Rafas Auftritt gelungen, "wenn man davon absieht, daß es nicht mein Fall ist."
Mit Dolf hatte Cyra vor dem Konzert Einzelheiten für Rafas Auftritt am 02.10. im "Restricted Area" besprochen.
Nachdem ich ein wenig mit Ivco geredet hatte, ging ich neben die Bühne und sah Rafa mit mehreren Roadies herumlaufen und fleißig beim Abbauen helfen. Letztes Jahr im "Restricted Area" hatte er die Arbeit den anderen Bandmitgliedern überlassen.
Rafa hatte das Sakko ausgezogen und trug ein schwarzes ärmelloses T-Shirt mit dem aufgedruckten Logo einer Underground-Modemarke. Ich war überrascht, hatte ich doch bislang nur einmal vor acht Jahren in der "Halle" beobachten können, daß Rafa seine bloßen Arme zeigte. Seine Brille mit den blauen Gläsern trug er freilich immer noch. Er setzte sie nur kurz zwischendurch ab und dann schnell wieder auf. Jetzt, im helleren, klaren Licht mußte er eigentlich erkennen können, daß ich neben der Bühne stand und ihn aufmerksam beobachtete, doch sicher war ich mir nicht, daß er mich bemerkte.
Rafa beim Abbauen im ärmellosen T-Shirt war für mich weit spannender als sein Auftritt.
Schließlich kam Berenice herzu, mit offenen Haaren. Sie sind noch länger geworden und waren ausgefärbt, in einer Art Braunrot. Berenice half nicht beim Abbauen; sie ging kurz zum Merchandize-Tisch und verschwand mit Rafa wenig später im Backstage.
Als die Bühne leergeräumt und das Licht wieder gedimmt war, sah ich von Rafas Leuten niemanden mehr. Ich war sicher, daß keiner von ihnen mehr da war. Ich tanzte zu "Tepalock" von Mono no aware und sagte meinen Bekannten, daß ich bald gehen wollte. Eine von Cyras Freundinnen - Georgiana - erzählte mir, daß es in MD. Fabrikhallen gebe, von denen man schöne Fotos machen könne und daß sich ein Ausflug dorthin sicher lohnen würde.
In der hinteren Ecke links führt eine kleine Treppe seitlich zur Bühne hinauf, in einem Winkel verborgen. Ich ging dort hoch und entdeckte dahinter das Türlein zum Backstage.
"Hier sind sie immer verschwunden", dachte ich. "Und jetzt kann ich hier entlanggehen, ohne daß Rafa mich beobachtet."
Am oberen Ende des Treppchens gibt es ein eisernes Geländer. Ich ging daran vorbei und hielt inne, weil ich bemerkt hatte, daß jemand an dem Geländer lehnte. Ich drehte mich um und sah eine Handbreit entfernt von mir Rafa stehen, neben ihm ein fremder Junge, mit dem er sich im Gespräch befand. Die Brille mit den blauen Gläsern trug Rafa immer noch.
"Meensch ...", seufzte ich, "endlich!"
Mit der rechten Hand streichelte ich über Rafas bloßen Arm von der Schulter bis zum Handgelenk, mit der linken griff ich nach seiner Taille und beugte mich, als wenn ich mich an ihn schmiegen wollte. Dann ging ich wieder die Treppe hinunter, ehe er Zeit fand, etwas zu entgegnen.
"Eben konnte ich Rafa wenigstens flüchtig umarmen", erzählte ich Ivco. "Das ist besser als nichts. Reden kann er ja nicht mir mir, also ging nur das."
Ivco lächelte. Ich schaute Rafa aus der Ferne weiter zu, wie er mit dem fremden Jungen redete und lebhaft gestikulierte.
Les spielte "Snuff machinery" von [:SITD:] und "Structure" von VNV Nation. Als ich von der Tanzfläche kam, stand Rafa immer noch mit dem Jungen vor dem Geländer. Von unten her konnte ich Berenice entdecken, die sich gemeinsam mit einer Gruppe von Leuten zu Rafa gesellte. Die anderen gingen weg, Rafa blieb mit Berenice allein vor dem Geländer stehen. Sie redete auf ihn ein, mit vorwurfsvoller Miene und teils abwehrenden, teils beschwörenden, teils wütenden Gesten. Er gab ebenso aufgeregt heraus, mit beteuernden Gesten; er strich mit gekrümmten Fingern seine Ponyhaare zurück und hielt ihr seine Hände mit bittender Geste hin. Sie ging schließlich mit ihm über die Bühne davon, und ich sah beide nicht mehr.

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